Leandra Bias demonstriert auf dem Bundesplatz gegen den Krieg.
Leandra Bias demonstriert auf dem Bundesplatz gegen den Krieg. (Bild: Jonathan Liechti)

«Männer können nicht wählen, ob sie kämpfen wollen»

Die Politologin Leandra Bias forscht zu Geschlecht und Frieden in Osteuropa. Im Interview spricht sie über die Folgen von starren Rollenbildern und sagt, was der Kanton Bern von der feministischen Friedenspolitik lernen kann.

Leandra Bias, was macht eine Friedensforscherin, wenn Krieg herrscht?

Informieren und einordnen, mehr liegt nicht drin. Denn meine Arbeitgeberin, das Friedensforschungsinstitut Swisspeace, ist nicht im humanitären Bereich tätig, leistet also keine Nothilfe vor Ort.

Mit Russland und der Ukraine sind Länder betroffen, für die Sie Expertin sind. Entsprechend häufig äussern Sie sich in den Medien und zuweilen bis spät in die Nacht auf Ihren privaten Instagram- und Twitter-Profilen.

Ich forsche seit über neun Jahren zu Osteuropa und werde daher im Moment überhäuft mit Medienanfragen. Entsprechend hektisch ist mein Alltag. Ich bin aber froh, mein Wissen teilen zu können. Sonst hätte ich das Gefühl, gar nichts gegen den Krieg unternehmen zu können – neben dem Demonstrieren auf der Strasse.

Zur Person

Leandra Bias hat in Genf und Oxford Internationale Beziehungen und Osteuropastudien studiert, anschliessend in Oxford eine politologische Dissertation über Anti-Feminismus in Russland und Serbien geschrieben. Sie arbeitet als Forscherin und Gender-Expertin bei der Schweizerischen Friedensstiftung Swisspeace in Bern.

Aus welchen Quellen informieren Sie sich über den Krieg?

Auf Twitter folge ich Journalist*innen und Wissenschaftler*innen mit Expertise zu Russland und der Ukraine. Dazu lese ich «Dekoder», das unabhängige russische Medien auf Deutsch übersetzt. Wichtig sind auch die Publikationen des Zentrums für Osteuropa- und internationale Studien in Berlin, eines der letzten Forschungszentren, das im Donbass Daten erheben kann. Punktuell verfolge ich die Berichterstattung der «New York Times», des «Guardians» und von russischen Kanälen wie «TV Rain» und «Meduza». Auch mit russischen Feminist*innen stehe ich in Kontakt.

Was erzählen sie über die Lage in Russland?

Sie sind alle schockiert, viele auch voller Scham und Schuldgefühle. Das finde ich schwer erträglich, denn es ist von aussen klar, dass sie nichts dafür können. Die Verantwortung liegt immer beim Aggressor. Trotzdem haben einige das Gefühl, zu wenig Widerstand geleistet zu haben in den letzten Jahren. Ein paar wenige protestieren noch und riskieren dabei viel. Ich habe nicht nur von Verhaftungen gehört, sondern auch von Folter während den Verhören. Einige solidarisieren sich auf den sozialen Medien und andere erklären, dass ihre Existenz zu fragil ist, als dass sie sich eine Freiheitsberaubung leisten könnten. Und wieder andere sind so schnell wie möglich geflohen, die meisten nach Armenien und Georgien.

Leandra Bias erklärt die feministische Friedenspolitik.
Leandra Bias erklärt die feministische Friedenspolitik. (Bild: Jonathan Liechti)

Auf Ihrem Instagram-Kanal kritisieren Sie, dass in der Berichterstattung über den Krieg hauptsächlich Männer zu Wort kommen – Politiker und Experten. Warum ist das so?

Seit ihrer Entstehung ist die Politik männlich dominiert. Die männliche Perspektive wird als legitimer erachtet, andere Sichtweisen werden weniger gehört und ernst genommen. Äussert sich eine Frau, wirkt das nach wie vor unnatürlich.

Ihr Forschungsgebiet ist die feministische Friedenspolitik. Was steckt dahinter?

Die feministische Friedenspolitik will Gewalt verhindern. Und zwar auf verschiedenen Ebenen: Wir setzen uns ein gegen sexualisierte Gewalt, Gewalt gegen Kinder, staatliche Gewalt, wie sie etwa in Racial Profiling auftritt, aber auch gegen Gewalt zwischen Staaten.

Wie lässt sich dieses Ziel erreichen?

Es muss möglichst wenig Mittel geben, um die Gewalt durchzusetzen, also möglichst wenige Waffen. Bei Unstimmigkeiten sollen die Parteien miteinander reden und erkennen, dass Kompromisse keine Schwäche sind. Kinder lehrt man auch, nicht aufeinander einzuprügeln, sondern den Dialog zu suchen.

Leandra Bias forscht seit rund zehn Jahren zur Politik in Osteuropa.
Leandra Bias forscht seit rund zehn Jahren zur Politik in Osteuropa. (Bild: Jonathan Liechti)

Ein häufiges Missverständnis ist, dass feministische Bewegungen nur die Interessen von Frauen vertreten.

Feminismus ist eben eine Machtanalyse, die nicht nur Frauen betrifft: Es geht darum, die Bedürfnisse aller Menschen zu berücksichtigen und nicht nur jene der Starken und Mächtigen. Das Patriarchat ist ein starkes System, welches mit Kapitalismus, Militarismus und Rassismus zusammenhängt. Diese Verbindungen wollen wir aufdecken. Wir machen aber keine Rangliste, wer am meisten benachteiligt ist, sondern wollen aufzeigen, wer auf welche Art benachteiligt ist.

Ein Beispiel?

Wo werden Nuklearwaffen getestet? Meist an Orten, wo indigene Völker leben. Oder nehmen wir den Krieg in der Ukraine: Männer werden dort zwangsrekrutiert, ihre individuelle Freiheit wird ihnen komplett abgesprochen auf Kosten ihres Lebens. Sie können nicht wählen, ob sie kämpfen wollen. Ein Mann, der den Wehrdienst verweigert, erfüllt das Geschlechterbild ebenso wenig, wie eine Frau, die ihre Rolle als Fürsorgerin zurückweist. Zudem geht oft unter, dass auch Männer in Konflikten Opfer von sexualisierter Gewalt sein können. Das ist ein Tabuthema, weil Männer nicht als Opfer wahrgenommen werden. Man spricht ihnen ab, dass sie verletzlich sein können.

Worin sehen Sie den Mehrwert einer feministischen Analyse eines Konflikts?

Sie schafft ein realistischeres Bild des Problems, weil sie zusätzliche Perspektiven berücksichtigt. Das macht die Sache komplexer und wird deswegen von Kritiker*innen unseres Forschungsansatzes zurückgewiesen. Den grössten Mehrwert sehe ich in der Prävention. Wenn die Stimmen aller von einem Konflikt Betroffenen gehört und berücksichtigt werden, ist das die beste Gewaltprävention. Aber so weit sind wir leider noch nicht.

Zwischen Putin und der Ukraine hat die Prävention nicht gefruchtet.

Das Frustrierende ist, dass wir feministischen Friedensforscher*innen den Konflikt präzise vorausgesehen haben. Als in den letzten Jahren zentrale Abrüstungsabkommen für nukleare Waffen, die zwischen der Sowjetunion und den USA beschlossen worden waren, ausliefen und nicht oder erst in letzter Minute verlängert wurden, haben wir das stark angeprangert. Jetzt zeigt sich, dass unsere Befürchtungen, dass Konflikte und Bedrohungen zunehmen, umso weniger die Staaten in Abrüstung und gegenseitige Kontrolle investieren, korrekt waren.

«Die Diskussionen über den Krieg sind entmenschlicht: Es geht um die Zahl der Toten, Truppenstellungen und Waffentypen.»

Leandra Bias

Welche Interventionen schlägt die feministische Friedenspolitik vor, um den laufenden Krieg zu beenden?

Ich würde lügen, wenn ich behaupte, ich hätte die Lösung. Wir müssen erklären, dass der Krieg nicht wegen mangelnder Aufrüstung ausgebrochen ist und dass die Idee des Nationalstaates, der angeblich zwingend mit Gewalt verteidigt werden muss, falsch ist. Die Diskussionen über den Krieg sind abstrakt und entmenschlicht: Es geht um die Zahl der Toten, Truppenstellungen und Waffentypen. Medien zeigen Soldaten und bombardierte Gebäude. Vielmehr sollten die Menschen aus der Zivilgesellschaft im Fokus stehen, jedes einzelne Schicksal verlangt unser Mitgefühl und unsere Aufmerksamkeit. Ganz zu schweigen von der Umweltzerstörung durch die eingesetzten Waffen, die geht total unter.

Davon dürften sich die Kriegsparteien unbeeindruckt zeigen.

Was es braucht, ist Gesprächsbereitschaft von beiden Parteien. Und eine klare Analyse, wo sich ihre Interessen überschneiden. Sie müssen Vertrauen aufbauen und Konzessionen machen. Etwa die Neutralität der Ukraine festlegen und somit eine zumindest vorübergehend zusichern, dass sie nicht der Nato beitreten wird. Oder aber – darauf wird es ziemlich sicher hinauslaufen – der Krim und den selbsternannten Volksrepubliken einen speziellen Status verleihen. Das wird allein schon nötig sein, um tausende von Menschenleben zu retten. Nach dem Krieg geht es um die Abrüstung, und zwar nicht nur auf der Seite von Russland, sondern auch vonseiten der Nato. Nötig sind neue Abkommen, welche die gegenseitige Inspektion vorsehen. So können sich die Staaten versichern, dass niemand die Waffen aktiviert.

Studien zeigen, dass Friedensabkommen länger halten, wenn sich Frauen daran beteiligt haben. Russland dürfte kaum Frauen zu allfälligen Verhandlungen schicken.

Dieser Eindruck stimmt. Allerdings ist wichtig zu erkennen, dass Frauen auf verschiedenen Ebenen einbezogen werden können. Kriegsverbrechen müssen erst von Wahrheitsfindungskommissionen aufgearbeitet werden. Leider ist es noch nicht selbstverständlich, dass diese Frauen anhören und für sie einen Rahmen schaffen, in dem die Frauen sensible Erfahrungen wie sexualisierte Gewalt teilen können. Natürlich müssen auch am Verhandlungstisch Frauen sitzen.

Leandra Bias fordert, dass auch Frauen am Verhandlungstisch sitzen.
Leandra Bias fordert, dass auch Frauen am Verhandlungstisch sitzen. (Bild: Jonathan Liechti) (Bild: Jonathan Liechti)

Was verstehen Sie eigentlich unter Frieden?

Die meisten Staaten definieren Frieden als Zustand, in dem die Grenzen, also ihre territoriale Integrität, respektiert werden. Der feministische Frieden geht weiter, er fordert die Einhaltung der Menschenrechte und fragt, wann sich Menschen sicher fühlen. Aus dieser Perspektive herrscht nirgends kompletter Friede, auch nicht in der Schweiz.

Das müssen Sie erklären.

Viele Menschen in der Schweiz würden andere Kriterien für ihr Sicherheitsgefühl nennen als zum Beispiel den Schutz des Luftraums. Gerade junge Frauen fühlen sich in ihrem Alltag unsicher, weil sie sexualisierte Gewalt erleben. Das müssen wir beachten, wenn wir über Investitionen in die Armee diskutieren. Das Geld fehlt an anderer Stelle, etwa im Gesundheitssystem, bei den Sozialversicherungen und den Schulen.

Lässt sich die Armee, welche zum Beispiel für die Verteidigung der Landesgrenzen zuständig ist, mit dem Schutz vor sexualisierter Gewalt vergleichen? Sind das nicht zwei Kategorien, im Sinne eines objektiven und subjektiven Sicherheitsempfindens?

Diese Frage zeigt bereits das Problem. Wir haben patriarchale Sicherheitsdefinitionen so verinnerlicht und normalisiert, dass wir sie als objektiv empfinden. Wenn hingegen Frauen oder Minderheiten diese Deutungshoheit infrage stellen und andere Sicherheitsansprüche anstellen, wird das als subjektiv dargestellt. Solange wir nur die staatlich definierte Sicherheit gewichten und nur darin investieren, werden sich viele Menschen weiterhin in ihrem Alltag auf unterschiedliche Weise unsicher fühlen.

«Eine Frau, die im Kanton Bern vergewaltigt wird, leidet nicht weniger, nur weil in der Ukraine Menschen sterben.»

Leandra Bias

Sie kandidieren für die SP für einen Sitz im Grossen Rat. Die Probleme, mit denen sich die Kantonspolitik beschäftigt, erscheinen vernachlässigbar im Vergleich zu jenen in der Ukraine.

Ja, aber eine Frau, die im Kanton Bern vergewaltigt wird, leidet nicht weniger, nur weil in der Ukraine Menschen sterben. Diese Schicksale dürfen nicht untergehen.

Welche Werkzeuge kann sich die Kantonspolitik von der feministischen Friedenspolitik abgucken?

Zentral ist die Frage, wer sich sicher fühlt im Kanton. Menschen mit dunkler Hautfarbe wohl nicht, solange es Racial Profiling gibt. Ein Bericht der Nationalen Antifolterkommission zeigt, dass Mädchen und Frauen in Berner Rückkehrzentren Angst haben, in der Nacht die Toilette zu benutzen. Diese Probleme werden umso dringender, da wir wissen, dass bald noch mehr Geflüchtete kommen.

Wie haben Sie zu Ihrem Forschungsgebiet gefunden?

Seit ich denken kann, nenne ich mich Feministin. Als Mädchen habe ich einschneidende Belästigungserfahrungen gemacht, die mein Sicherheitsempfinden bis heute beeinträchtigen.

Und warum der Fokus auf Osteuropa?

Nach meinem Studium der Internationalen Beziehungen wollte ich mich auf eine Region spezialisieren. Um die Zukunft Europas zu verstehen, erschien es mir notwendig, die Staaten des ehemaligen Ostblocks zu kennen. Die internationale Politik besteht aus mehr als dem Gegensatz zwischen globalem Norden und Süden. Europa ist geprägt von imperialen Verhältnissen, die völlig durch die Analysemaschen der Politikwissenschaftler*innen fallen. Ein Fehler, wie sich aktuell zeigt.

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