Einlaufkinder – Askforce-Selection #75
Kurz vor dem Start der Fussball-EM der Frauen befasst sich die Askforce tiefschürfend mit den Kindern, die Fussballer*innen beim Einlauf ins Stadion begleiten.
Es ist oft unklar, warum Menschen an uns gelangen, statt ein Konversationslexikon zu konsultieren. Vielleicht weil sie unter «Brockhaus» inzwischen an ein Brockenhaus mit fehlender Mittelsilbe denken? Aber wir wollen milde bleiben und Stefan B. aus Bern keine Bildungsferne unterstellen, wenn er von uns Genaueres zum Wesen der sogenannten Einlaufkinder erfahren will; also jener Kinder, die bei Fussballspielen die einlaufenden Kicker eskortieren und beim Absingen der Nationalhymnen leicht verstört in TV-Kameras grinsen. Aus uns nicht bekannten Gründen löst das bei Herrn B. die Zusatzfrage aus, ob Fussball katholisch sei.
Wir versuchen Ordnung ins Weltbild von Stefan B. zu bringen. Und wir erinnern ihn als Erstes daran, dass Gegensätze die Welt prägen: In der Ordnung spiegelt sich die Unordnung; im Guten das Schlechte; im Billigen das Teure. Bei Einlaufkindern ist das nicht gänzlich anders. Das belegt der folgende lexikalische Eintrag:
Einlaufkind, das [Ein/lauf/kind, Mz. Einlaufkinder]; das Einlaufkind ist ein radikaler Gegenentwurf zu dem im Zuge der antiautoritären Erziehung ab zirka 1970 propagierten Auslaufkind. Während dem Auslaufkind zwecks Förderung der individuellen Entwicklung kaum Grenzen gesetzt wurden («Auslauf gewähren»), erstarkte ab zirka 1990 zunächst in Deutschland eine Bewegung, die fürs Ausleben des kindlichen Bewegungsdrangs ein sicheres, regelbasiertes Umfeld empfahl, z.B. Sportstadien. Zur Finanzierung der Bewegung wird das heute als Einlaufkind bekannte juvenile Individuum von maximal 150 cm Körpergrösse beim sogenannten Einlauf zum Werbeträger. (...) Kein Zusammenhang besteht zwischen Einlaufkind und dem Einlauf beim Kind [Einlauf, medizinisch]. (...)
Angemessen belehrt, wie er nun ist, wird Herr B. erkennen, dass das Einlaufkind nur deshalb als Selbstverständlichkeit gilt, weil gleichzeitig das Auslaufkind zum Auslaufmodell geworden ist. Wir kennen heute die positive Konnotation von «Auslauf» bloss noch aus der Tierhaltung, wo beispielsweise für Fleisch von Rindern «mit Auslaufhaltung» höhere Marktpreise erzielt werden. Dabei wird «Auslauf» primär als kommerzieller Faktor verstanden.
Die Askforce nennt sich selber «Berns bewährte Fachinstanz für alles, die Antworten auf Fragen liefert, die viele nicht zu stellen wagen». Mit anderen Worten: Keine Frage ist zu abwegig. Das ist eine Aufforderung an alle Hauptstädter*innen: Deckt die Askforce mit euren lebenswichtigen Fragen ein – an diese Adresse: [email protected].
Über 20 Jahre lang erschien die Askforce wöchentlich im Bund und erarbeitete sich den Ruf, die schrägste Kolumne der Schweiz zu sein. Als Bund und BZ im Herbst 2021 fusionierten, verschwand die Askforce aus dem Traditionsblatt, verewigte sich in einem Buch und tauchte als Startup Anfang 2022 wieder auf.
Heute dominieren auch beim Einlauf die Marktüberlegungen, und das organisierte Einlaufen von Kindern ist als Form der Kinderarbeit zu begreifen, deren Zweck es ist, dem stark kommerziell getriebenen Fussballgeschäft ein menschlicheres Antlitz zu verleihen. Dies wird durch eine Mischrechnung erreicht. Einlaufkinder erhalten für ihren Einsatz ein Werbe-T-Shirt und eine mittelpreisige Eintrittskarte. Fussballer streichen dagegen – hier der Bundesliga-Durchschnittswert – an die 45’000 Franken pro Spiel ein. Im Mittel erscheinen die «auf Platz» erzielten Saläre dank den Einlaufkindern aber vertretbar. Je mehr Einlaufkinder, desto besser.
Warum Ihnen, Herr B., das Ganze etwas katholisch vorkommt, ist übrigens erklärbar: Einlaufkinder sind de facto die Messdienerinnen und Messdiener in den Kathedralen des grossen Klerikers Infantino dem Ersten.
Askforce-Selection #75, 20. Juni 2025