«Wie wichtig es ist, sich zu erinnern»

Genau jetzt, da Antisemitismus das grosse Thema ist, bringt Christiane Wagner, Leiterin des Theaters an der Effingerstrasse, das Stück «Der vergessene Prozess» auf die Bühne. Dass sie das will, weiss sie seit über zehn Jahren.

Christiane Wagner, vom Theater an der Effingerstrasse fotografiert am Dienstag, 19. Maerz 2024 in Bern. (VOLLTOLL / Manuel Lopez)
Geprägt von der Begegnung mit Odette Brunschvig: Christiane Wagner (Bild: Manuel Lopez)

Am Anfang war die Tür des Appartments 007 in einer Berner Senior*innenresidenz, die «energisch geöffnet wurde», wie sich Christiane Wagner (53) erinnert.

Die Geschäftsleiterin, künstlerische Leiterin und Dramaturgin sitzt in der Bar des Theaters an der Effingerstrasse am langen Tisch. Stapel von Leporellos reihen sich aneinander, sie kündigen «Der vergessene Prozess» und weitere Stücke auf der Theateragenda an. Sie warten darauf, verpackt und verschickt zu werden.

Hier erzählt Christiane Wagner von einer Begegnung, die ungefähr 14 Jahre zurückliegt.

Wagner war damals freischaffende Schauspielerin und Autorin, sie lebte und arbeitete in Berlin und Bern. Mit dem Fotografen Michael Meier gab sie das Buch «Gesichter einer Stadt» heraus. Darin porträtierte sie 75 Menschen aus Bern, unter ihnen auch Vertreter*innen aller religiösen Gemeinschaften. Peter Abelin, einst Journalist bei der «Berner Zeitung» und aktiv in der jüdischen Gemeinde Bern, war es, der Christiane Wagner zur Tür von Appartement 007 schickte.

Die Vehemenz an dieser Tür überraschte Wagner: Weil sie von einer zierlichen, über 90-jährigen Frau ausgeübt wurde. Odette Brunschvig, Witwe des Berner Anwalts und Menschenrechtlers Georges Brunschvig. «Sie war eloquent, informiert, differenziert und kritisch», sagt Christiane Wagner, «diese Begegnung mit ihr hat mich geprägt.» Dass Odette Brunschvig fast nichts mehr sah, habe man kaum bemerkt.

Brunschvigs grosser Auftritt

Was Christiane Wagner beeindruckte: Wie schnell Odette auf ihren Mann Georges zu reden kam, obschon er schon seit 1973 tot war. «Er war ihre grosse Liebe, sie sagte, dass ihre Ehe im Himmel geschlossen wurde», erzählt Christiane Wagner. Aber es ging nicht nur darum: Sie habe bis zu ihrem Tod 2017 noch viele Gespräche mit Odette Brunschvig geführt, «aber letztlich habe ich bei dieser ersten Begegnung verstanden, wie wichtig es ist, sich zu erinnern».

 

Christiane Wagner, vom Theater an der Effingerstrasse fotografiert am Dienstag, 19. Maerz 2024 in Bern. (VOLLTOLL / Manuel Lopez)
Leporello-Stapel in der Bar des Theaters an der Effingerstrasse. (Bild: Manuel Lopez)

Christiane Wagner war damals Georges Brunschvigs Rolle in einem Jahrhundertereignis der jüdischen Geschichte nicht bekannt. Zwischen 1933 und 1935 fand vor dem Berner Regionalgericht ein spektakulärer Prozess statt. Juden hatten gegen rechtsnationale Kreise Klage eingereicht wegen der Verbreitung der «Protokolle der Weisen von Zion». Diese «Protokolle» unterstellen den Juden, sie strebten nach Weltherrschaft. Handelt es sich um ein antisemitisches Pamphlet oder sind es Papiere, die Geheimpläne dokumentieren? Das Berner Gericht kam zu einem klaren Schluss: Die «Protokolle der Weisen von Zion» sind antisemitische Schundliteratur.

Odette Wyler hatte, schwer verliebt, den Prozess aufmerksam verfolgt. Es war ein grosser Sieg des brillant argumentierenden Klägeranwalts Georges Brunschvig, der sich später auch als Menschenrechtler und Wegbereiter der schweizerischen Antirassismus-Strafnorm einen Namen machte. 

Trotzdem ging der «Berner Prozess» rasch vergessen. Obschon Berner Historiker*innen das Ereignis aufarbeiteten: Urs Lüthi, einst Journalist bei der «Berner Zeitung», schrieb 1992 ein Buch über den Prozess, Hannah Einhaus, auch sie ehemalige BZ-Journalistin, veröffentlichte 2017 eine Biografie über Georges Brunschvig, die nun in einer Neuauflage erschienen ist.

Besuch aus Hollywood

Schauspielerin und Autorin Wagner sah schon bei ihren Besuchen in Appartement 007 den Stoff für ein Theaterstück. Sie wusste von Odette Brunschvig, dass Hollywood-Produzenten bei ihr vorgesprochen hatten, doch nie etwas daraus entstanden war. Christiane Wagner zog fix nach Bern, wurde zuerst Dramaturgin und danach künstlerische Leiterin am Theater an der Effingerstrasse. Endlich konnte sie entscheiden, dass der «Berner Prozess» auf die Bühne gebracht wird.

Sie suchte eine Autorin, die aus dem Material ein Theaterstück schreibt. Die Berner Historikerin und Dramatikerin Gabriela Leuenberger, die als Künstlerin Gornaya heisst, «kam mir sofort in den Sinn, und meine Erfahrung zeigt, dass ich dieser Intuition vertrauen kann», sagt Christiane Wagner. Gornaya habe sich extrem in die Arbeit gekniet, in die grossen Themen, die das Stück berührt: Antisemitismus, Neutralität der Schweiz, Liebe. Ebenso nach dem Prinzip Intuition ging Wagner beim Münchner  Regisseur Jochen Strodthoff vor.

«Ich bin echt jemand, die vertraut. Vertrauen ist immer gut. Es ist der Nährboden fürs Leben und für die Entwicklung von Künstlerinnen und Künstlern», sagt Christiane Wagner. Natürlich habe es Stürme gegeben bei der Produktion des Stücks, aber das Team habe alles überstanden: «Es ist alles gut und richtig, wie es herausgekommen ist. Ich bin dankbar dafür.»

Christiane Wagner, vom Theater an der Effingerstrasse fotografiert am Dienstag, 19. Maerz 2024 in Bern. (VOLLTOLL / Manuel Lopez)
«Ich kann meiner Intuition vertrauen», sagt Christiane Wagner. (Bild: Manuel Lopez)

Was bedeutet es, dass die Attacke der Hamas auf Israel und der Krieg in Gaza das Theaterstück über einen Prozess aus den 1930er-Jahren so heftig in die Aktualität katapultiert? «Wir sind bei der Arbeit konzentriert am historischen Stoff geblieben», sagt Christiane Wagner. Aber natürlich könne man sich nicht davor verschliessen, was in der Welt passiere. Das Team, das am Stück arbeite, sei divers, eine wichtige Mitarbeiterin zum Beispiel habe Familienangehörige in Libanon, die vom Krieg unmittelbar betroffen seien. Es sei wichtig, unterschiedliche Blickwinkel zu haben.

«Odette hätte Freude»

Sie selber nehme Georges Brunschvig sehr als Menschenfreund und Menschenrechtler wahr, als geradezu unheimlich modern und differenziert, sagt Christiane Wagner. «Es muss einmal Allgemeingut werden, dass der Antisemitismus keine jüdische, sondern eine Menschheitsfrage ist und nicht nur Juden, sondern unsere Kultur gefährdet»: Das sind Brunschvigs Worte, die Christiane Wagner besonders wichtig sind. Und ja, Brunschvig habe immer an eine friedliche Lösung im Nahen Osten geglaubt.

Am Schluss des Theaterstücks holt Georges Brunschvig zu einer grossen, engagierten Rede aus, die er einst wirklich hielt und mit dem hebräischen Wort Shalom beendete. Das Theaterteam erwägt nun, ob man ihn auch noch das arabische Pendant Salaam sagen lassen könne. Als hoffnungsvolle Öffnung zum Frieden.

Sie spreche auch heute noch ab und zu in Gedanken mit Odette Brunschvig, sagt Christiane Wagner: «Und ich glaube, Odette hätte Freude an dem, was wir jetzt machen.»

«Der vergessene Prozess», Theater an der Effingerstrasse. Uraufführung. Premiere: 23. März. Buch: Gornaya. Regie: Jochen Strodthoff. Ausstattung: Angela Loewen. Musik: Robert Aeberhard. Licht: Marek Streit. Mit Heidi Maria Glössner, Jeroen Engelsman, Wowo Habdank, Tobias Krüger, Kornelia Lüdorff. Vorstellungsplan und Reservationen.

Mutgeschichten: Stationentheater zum Prinzip Brunschvig. Bis 24. März. Nur noch einzelne Plätze verfügbar.

«Für Recht und Würde»: Neuauflage der Georges-Brunschvig-Biografie von Hannah Einhaus. Vernissage, 7. April, 19 Uhr.

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