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Aus für Migrant*innen-Treffpunkt

Mit dem «Zentrum 5» im Breitenrain verschwindet Ende Jahr ein historischer Ort der kirchlichen Migrationsarbeit in der Stadt Bern. Die Trägerorganisation will sich aber weiter für Migrant*innen engagieren.

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(Bild: Silja Elsener)

Eine Flüchtlingsfamilie schiebt den Kinderwagen in den kleinen Empfangsraum des «Zentrums 5» an der Flurstrasse im Breitenrainquartier, sie braucht eine Informationen wegen einer allfälligen medizinischen Behandlung. Obschon die Verständigung nicht einfach ist, erhält sie im Büro des Zentrums Auskunft. Unangemeldet, hindernisfrei, bedingungslos.

Eine Alltagsszene, die seit fast 40 Jahren typisch ist für den legendären Treffpunkt für Migrant*innen. Trotzdem sitzt Andri Kober, Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen der Region Bern (AKiB), im Untergeschoss des Zentrums und bestätigt, was Vorstand und Delegierte beschlossen haben: Das «Zentrum 5» schliesst per Ende Jahr, wie die Zeitschrift reformiert berichtet hat.

  

«Wir bauen unsere Arbeit für die Migrant*innen nicht ab.»

Andri Kober, Geschäftsführer AKiB

Wegen der anstehenden Nachfolgeregelung der Leitung habe man das Angebot des Zentrums mit zwei externen Gutachten – je eines mit und ohne kirchlichen Hintergrund – kritisch durchleuchtet und setze die Empfehlungen der beiden Expertisen nun um: Das Zentrum am bisherigen Ort zu schliessen, gleichzeitig aber die freiwerdenden Mittel «für eine bessere Bündelung und Koordination» der migrationsspezifischen Aktivitäten einzusetzen. 

«Wir bauen unsere Arbeit für die Migrant*innen nicht ab», sagt Kober, «wir versuchen aber, sie den realen Bedürfnissen und Angebotslücken besser anzupassen.» Vereinfacht ausgedrückt: Das «Zentrum 5», einst eine pionierhafte Institution, ist längst kopiert worden und hat im stark gewachsenen Angebotsmarkt für Migrant*innen das Alleinstellungsmerkmal verloren.

Einst eine visionäre Initiative

Als das «Zentrum 5», damals noch im Fischermätteli-Quartier, 1985 gegründet wurde, war kein Vorbild weit und breit: Die privaten Initiant*innen riefen einen Ort ins Leben, der Migrant*innen und Migranten und ihre Selbstbestimmung ins Zentrum stellt. Die Zahl 5 stand für die fünf Kontinente. Etwas Vergleichbares gab es in der Schweiz damals nicht.

Es war die Zeit, als die grosse und bis heute andauernde Debatte in der Schweiz über Asylpolitik gerade erst einsetzte. Die Kriege in Ex-Jugoslawien standen noch bevor. 1983 begann der Bürgerkrieg in Sri Lanka, in den folgenden Jahren flüchteten Zehntausende, vor allem Tamil*innen, in die Schweiz – und stiessen oft auf offene Ablehnung. Unter anderem, weil ihnen von einem Hilfswerk Lederjacken mit Produktionsfehlern abgegeben wurden, worauf sich mit Hilfe der Boulevardmedien das Bild festsetzte, in schicke Jacken gekleidete Tamil*innen seien ja gar nicht so bedürftig. (Höre zum Thema «Gute Flüchtlinge – schlechte Flüchtlinge» diesen Podcast von Curdin Vincenz, SRF).

In der ausländerkritischen Stimmung der 1980er-Jahre ein Begegnungszentrum mit Integration als Hauptzweck aufzubauen, war visionär.  Verschiedene Gruppen von Geflüchteten – etwa Tamil*innen, Lateinamerikaner*innen, Vietnames*innen, Afghan*innen oder Türk*innen – sollten eigenverantwortlich kulturelle, gesellschaftliche, aber auch kulinarische Veranstaltungen realisieren.

Mit dem Integrationspreis ausgezeichnet

Das «Zentrum 5» hatte den Anspruch, auch ein Begegnungsort für Schweizer*innen und Ausländer*innen zu sein, zwecks «Abbau von Vorurteilen». Die Initiant*innen wollten «der tristen und unmenschlichen Situation der Betroffenen etwas Konkretes entgegensetzen», schrieb die Nachrichtenagentur sda bei der Eröffnung im Herbst 1985. Die Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen der Region Bern übernahm Trägerschaft und Finanzierung des Betriebs. 

Zu den innovativen Angeboten gehörte die «Schreibstube», die es bis heute gibt und die professionelle Hilfe beim Verfassen von Gesuchen an Behörden, Organisationen und Stiftungen bietet. Das «Zentrum 5» nahm den Aufbau einer heute reichhaltigen interkulturellen Bibliothek an die Hand und bot Sprach-, Computer- oder Tanzkurse an. Bis zu 200 Personen gingen pro Tag ein und aus, im Jahr 2007, als dem «Zentrum 5» der Integrationspreis der Stadt Bern verliehen wurde.

«Der Geist des ‹Zentrum 5› soll weiterleben.»

Andri Kober, Geschäftsführer AKiB

Von solchen Betriebszahlen ist das «Zentrum 5» heute weit entfernt. Zwar sei die Institution unter Migrant*innen als Anlaufstelle gut bekannt, Publikumsanlässe haben aber, erst recht seit der Zeit der Covid-Massnahmen, oft kaum noch Resonanz. 2021 erschien bei einem Anlass mit einem kurdischen Künstler kein*e Besucher*in.

Tatsache ist, dass es heute zahlreiche Angebote gibt, die dem des «Zentrums 5» ähneln. In allen Quartieren betreibt etwa die Vereinigung Berner Gemeinwesenarbeit (VBG) im Leistungsauftrag der Stadt Quartierzentren, die je nach Standort hauptsächlich Integrationsarbeit leisten und Services wie die «Schreibstube» oft ebenfalls anbieten. Nicht unwesentlich ist auch, dass neue Tools wie Online-Übersetzungsdienste auf dem Smartphone die Bedürfnisse der Migrant*innen verändern.

Wie genau die AKiB ihr migrationsspezifisches Engagment ausrichten will, sei noch nicht abschliessend festgelegt. Andri Kober schwebt eine Unterstützung für Migrant*innen in juristischen Fragen vor, jedoch ohne dass man zur Rechtsberatung werde.

«Der Geist des ‹Zentrum 5› soll weiterleben», sagt er. Am Herzen liegen Kober, wie er betont, Angebote wie das «Hiphop Center», ein «subkulturorientiertes Jugendzentrum» im Wylerquartier, an dem die reformierte Kirche Bern-Jura-Solothurn beteiligt ist. Migrationsfragen und Integration seien da selbstredend ein wichtiges Thema. Der Geist des «Zentrum 5» bleibt seiner Ansicht nach auch dem Haus an der Flurstrasse bis zu einem gewissen Grad erhalten: Die Räume übernimmt das Quartierzentrum Wylerhuus, das sein Domizil an der Wylerringstrasse wegen Umbaus vorübergehend verlassen muss.

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