«Ich konnte nicht auch noch für andere stark sein»

Béatrice Wertli war Mitte-Kandidatin für die Berner Stadtregierung. Dann erkrankte sie an Brustkrebs. Ein Interview über Ängste, politische Ambitionen und den Umgang mit Krebs.

Beatric Wertli
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Während der Therapie trug Béatrice Wertli eine Perücke oder ein Haarband – heute wachsen ihre eigenen Haare wieder. (Bild: Danielle Liniger)

Im Sommer 2024 erkrankt Béatrice Wertli an Brustkrebs – mitten im Wahlkampf für die Berner Stadtregierung. Sie ist damit eine von rund 6‘300 Frauen und 50 Männern, die in der Schweiz jährlich die Diagnose Brustkrebs erhalten. Ihren Wahlkampf führte Wertli trotzdem weiter, wurde aber im November nicht in den Gemeindrat gewählt. Seit wenigen Wochen ist sie krebsfrei.

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Frau Wertli, wie geht es Ihnen heute?

Béatrice Wertli: Mir geht es gut. Ich bin zufrieden und dankbar. Auch weil ich mich während der ganzen Krebstherapie fit gefühlt habe. Ich habe viel Sport gemacht und konnte für die Bestrahlungen jeweils sogar zum Spital hin und zurück joggen.

Das tönt, als wäre die Therapie kein Problem für Sie gewesen.

Nein, diesen Eindruck möchte ich nicht vermitteln. Zusätzlich zu den Bestrahlungen hatte ich eine Operation und musste Weihnachten im Spital verbringen. Das war mental nicht einfach. Zudem war mir von den Chemotherapien während Wochen übel. Und das Kortison lässt mich heute noch schlecht schlafen. Aber der Tumor ist weg und das ist die Hauptsache.

Wie wurde der Tumor entdeckt?

Im Juni 2024 war ich am Frauenlauf, der von der Brustkrebs-Stiftung Dear Mama gesponsert wurde. Entlang der ganzen Laufstrecke war immer wieder dieselbe Aufforderung zu lesen: Check your Breasts. Das löste in mir eine Art Vorahnung aus. Und tatsächlich habe ich beim Abtasten zuhause einen Knoten gespürt. Die Gynäkologin hat mir dann den Befund bestätigt.

Was waren Ihre drängendsten Gedanken in dem Moment?

Die Ungewissheit hinsichtlich der Chemotherapie und wie es mir dabei ergehen würde. Ich hatte nur Halbwissen aus Dokus oder Filmen. Zum Beispiel «Bucket List» mit Jack Nicholson, in dem zwei Krebspatienten gemeinsam ihre letzten Monate verbringen. Die beiden müssen sich immer wieder übergeben. Das musste ich aber zum Glück nie. Und auch sonst ist vieles positiv verlaufen.

Wie meinen Sie das?

Die Diagnose hat mich angestachelt. Ich wollte, dass ich die Chemotherapie gut vertrage und alles Mögliche dafür tun. Auch half mir, dass sämtliche Infos nach der Diagnose bestmöglich waren: Der Tumor war nicht aggressiv und mit etablierten Therapien behandelbar. Das gab mir Zuversicht.

Zur Person

Béatrice Wertli (49, Mitte) ist seit 2024 Mitglied des Berner Stadtrats. Zuvor war sie bereits von 2009 bis 2013 Teil des Stadtparlamentes. In der Zwischenzeit war sie unter anderem die Generalsekretärin der CVP Schweiz sowie Direktorin des Schweizerischen Turnverbands (STV). Seit Juli 2024 ist Wertli Präsidentin der Mitte-Fraktion im Stadtrat. Bei den Wahlen 2024 war sie Kandidatin der Mitte-Partei für den Gemeinderat.

Wie haben Sie Ihre Familie informiert?

Meinem Mann habe ich es sofort gesagt. Er hatte im ersten Moment grosse Angst um mich, anschliessend war er die allergrösste Unterstützung. Er war bei jeder Besprechung im Spital dabei – und je mehr er über die Krankheit und ihre Behandlung wusste, desto zuversichtlicher wurde auch er. Unsere Kinder haben wir erst informiert, als der Therapieweg klar war und die Aussicht auf Heilung bestand.

Wie haben sie reagiert?

Sie waren erschüttert. Es gab Tränen und Umarmungen. Dann kam die Frage: Daran stirbst du nicht, Mama? Wobei es mehr eine Feststellung als eine Frage war.

Gab es in Ihrem Umfeld auch überraschende Reaktionen?

Generell erhielt ich viel Zuspruch. Auch dafür, dass ich das Thema so offen ansprach. Am schönsten fand ich aber die Reaktion meines kleinen Neffen. Der sah mich an und meinte nur: Da hat sich der Krebs die Falsche ausgesucht.

Die eigene Gesundheit ist für viele etwas Persönliches. Weshalb gingen Sie mit Ihrer Brustkrebsdiagnose so aktiv an die Öffentlichkeit?

Wer mit meinem Mann, Stefan Meierhans, zweimal wöchentlich in ein Spital geht, wird bald einmal erkannt. Und ich wollte nicht, dass ich herausgefunden werde. Zumal ich damals als Gemeinderats-Kandidatin im Wahlkampf aktiv war.

Ihre offene Kommunikation war der Angst vor negativen Reaktionen geschuldet?

Nicht nur. Ich hatte auch Vorbilder wie meine Parteikollegin Vanja Kohli, die 2016 ebenfalls im Gemeinderats-Wahlkampf an Brustkrebs erkrankt war. Ich wollte wie sie ein Vorbild für andere sein.

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Aufgrund der Diagnose musste Béatrice Wertli ihren Wahlkampf umplanen – aufgeben kam aber nicht infrage. (Bild: Danielle Liniger)

Hatten alle Verständnis dafür, dass Sie Ihre Kandidatur trotz Krebsdiagnose fortführen?

Die allermeisten, ja. Ich erhielt sehr viel Unterstützung. Andere waren erstaunt. Ihnen habe ich entgegnet, dass das Amt als Gemeinderätin ja in der Zukunft liege und ich mit dem Leben rechne. Weshalb also alles über den Haufen werfen? Diese Sichtweise war für Aussenstehende nicht immer nachvollziehbar.

Fühlten Sie sich in Ihrem Entscheid zu wenig respektiert?

Mir war es wichtig, dass ich ernst genommen werde. Das habe ich auch den anderen Kandidierenden gesagt. Wenn wir eine politische Debatte führen, sollen sie mich angreifen dürfen. Wenn ich da war, war ich da – als Gemeinderats-Kandidatin und nicht als kranke Person. Gleichzeitig war mit ihnen abgesprochen, dass es in Ordnung ist, wenn ich mal an einem Anlass fehle.

Inwiefern hat der Brustkrebs Ihre Wahlkampagne verändert?

Ohne die Krankheit hätte ich viel mehr machen können. Auf die Strasse gehen, mit den Menschen sprechen – all die kleinen, aber wichtigen Kampagnenelemente waren nur eingeschränkt möglich. Zumal ich die Kandidatin einer kleinen Partei mit wenig Ressourcen war und vieles hätte selbst machen müssen. Also habe ich mich auf das fokussiert, was möglich war. Zum Beispiel habe ich 15‘000 Postkarten von Hand geschrieben. Teilweise aus dem Spital-Ambulatorium hinaus, während ich eine Chemotherapie verabreicht erhielt.

Dazu hatten Sie die Kraft?

Postkarten schreiben ging nahezu immer. Zudem hatte ich grosse Unterstützung. Von meinem Vater etwa, der während der Krankheit unbedingt für mich da sein wollte. Die Krankheit konnte er mir nicht abnehmen, aber er ist zweimal pro Woche nach Bern gekommen und hat für mich Adressen aus dem Telefonbuch abgeschrieben.

«Weil ich privat einen Kampf führte, fehlte mir für den politischen Fight manchmal die Kraft.»

Hatte die Krankheit Einfluss auf Ihre politischen Inhalte?

Nicht direkt. Um als Mitte-Politikerin gegen die rot-grüne Dominanz in Bern anzukommen, braucht es aber markige Worte. Weil ich privat schon einen Kampf führte, fehlte mir im Wahlkampf für den politischen Fight manchmal die Kraft. Zumal ich von den anderen Kandidierenden – meinen eigentlichen Konkurrentinnen und Konkurrenten – eine grosse Unterstützung erlebt habe.

Wie sah die aus?

Nur ein kleines Beispiel: Als wir einen Auftritt bei Telebärn hatten, reichte ein Blick zu Marieke Kruit und sie hat mir bestätigt, dass meine Perücke richtig sitzt. Ohne Worte. Das gab mir Sicherheit. Wir funktionierten als Team.

Sie sind schon lange in der Politik und haben sich den Ruf als energiegeladene Macherin erarbeitet. Verspürten Sie einen Druck, diesem öffentlichen Bild entsprechen zu müssen?

Ja. Wobei dieser Druck hauptsächlich von mir selbst kam und mir auch Kraft gab. Ich wusste, dass ich das Ganze trotz Krebstherapie bewältigen kann. Ich brauchte dazu einfach hilfreiche Strategien. So bin ich bei längeren Anlässen oft erst später erschienen. Oder halt früher wieder gegangen.

Hatten Sie Momente, in denen Ihnen das Ganze trotzdem zu viel wurde?

Am schlimmsten waren die Stadtratsitzungen. Weil das Amt als Stadträtin schwer mit Beruf, Familie und Freizeit zu vereinbaren ist, treten schon unter normalen Umständen viele während der Legislatur zurück. Bei mir kam die Krankheit hinzu. Die Sitzungen dauerten lange, ich war müde und im Sommer war es enorm heiss. Trotzdem sah ich mich als Fraktionspräsidentin verpflichtet, durchzuhalten.

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Um fit zu bleiben hat Béatrice Wertli während der ganzen Therapie täglich Sport betrieben. (Bild: Danielle Liniger)

Wie sind Sie damit umgegangen, dass die Therapien auch Ihr äusserliches Erscheinungsbild verändert haben?

Es mag oberflächlich tönen, aber mein Aussehen ist mir wichtig. Zuhause habe ich mich jeden Morgen für die Familie gestylt. Ich habe mich geschminkt und Sportkleider angezogen, erst dann bin ich runter in die Küche. Ich wollte nicht aufgedunsen und käsig wirken. Zumal ich aufgrund der Chemotherapie nicht an die Sonne durfte. Also haben meine Töchter und ich auch mal mit Selbstbräuner experimentiert.

Wie sind Sie damit umgegangen, dass während der Chemotherapie die Haare ausfallen?

Auf Empfehlung habe ich mir rasch nach der Diagnose bei Keep Your Hair in Belp ein Haarband anfertigen lassen. Damit konnte ich unter einem Hut oder einer Kappe weiterhin meine eigenen Haare tragen. Das trug ich so auch zuhause. Später wechselte ich auf eine Perücke. Ohne war ich nie unterwegs. Nur einmal habe ich ein Bild von mir mit Glatze gemacht. Wenn ich das heute anschaue, fühlt sich das surreal an. Zumal heute wieder meine eigenen Haare wachsen.

Haben Sie durch die Krankheit eine Form der Stigmatisierung erlebt?

Ich hatte immer mal wieder das Gefühl, dass Menschen mich besonders beäugen. Gerade auch wegen der Perücke. Ich war in dieser Hinsicht aber wohl übersensibel und habe Dinge gesehen, die gar nicht so waren. Mehr beschäftigt hat mich in dieser Hinsicht etwas anderes.

Was denn?

Ein Politologe hat mir gegenüber die Vermutung geäussert, dass mich Wählerinnen und Wähler aufgrund der Erkrankung von der Liste gestrichen haben. Und das möglicherweise nicht mal in böser Absicht, sondern weil sie mich schützen wollten und dachten, dass ich doch zunächst einmal wieder gesund werden sollte, ehe ich so ein Amt antrete.

«Ich bin krebsfrei und leistungsfähig. Diese Feststellung ist mir wichtig.»

Dass sie heute krebsfrei sind, haben Sie unter anderem in einem Podcast kommuniziert. Auch um dieses Stigma als Kranke wieder loszuwerden?

Ja. Ohne diese Infos sehen Menschen in mir möglicherweise immer noch die kranke Person. Zwar habe ich heute noch viele Kontrolltermine im Zusammenhang mit der Krankheit und die sind nie nach Feierabend. Es braucht deshalb unverändert das Verständnis des Arbeitgebers. Aber ich bin krebsfrei und leistungsfähig. Diese Feststellung ist mir wichtig.

Eine Krebsdiagnose kann auch psychisch belastend sein. Wie ging es Ihnen mental während der Zeit?

Am schwierigsten für mich war, wenn andere Menschen Angst um mich hatten. Meinem Mann habe ich rasch mal gesagt, dass er sich einen anderen Ort suchen muss, um seine Angst um mich zu äussern. Ich habe meine ganze Kraft gebraucht, um selbst positiv zu denken. Ich konnte nicht auch noch für andere stark sein. Dabei half mir, dass ich in einem Gespräch mit meiner Ärztin an meiner Patientenkompetenz gearbeitet habe.

Was kann man sich darunter vorstellen?

Für mich war es ein mentales Training. Es ging darum, dass ich mir eine Art Autopilot antrainiert habe. Immer wenn jemand kam und mir gegenüber Mitleid äusserte, wiederholte ich für mich im Kopf mein Motto: Ich bewege mich kräftig und gesund im Leben. Dazu habe ich mir bildlich vorgestellt, wie ich bei Sonnenschein krebsfrei über eine Ziellinie laufe.

Und tatsächlich sind Sie krebsfrei über eine Ziellinie gelaufen. Vor wenigen Wochen haben Sie den Grand Prix Bern absolviert.

Sport war mir immer schon wichtig. Nach der Diagnose habe ich erfahren, wie hilfreich Krafttraining in der Therapie von Krebs ist. Also habe ich einen Sportcoach engagiert, der mir ein Trainingsprogramm erstellt hat. So habe ich auch während der Therapie jeden Tag Sport betrieben und hatte die Kraft, im Oktober unter Therapie die Gurten Classics und jetzt im Mai den GP zu laufen. Darauf bin ich stolz.

Nun sind Sie krebsfrei. Wie sehen Ihre Zukunftspläne aus?

Mein Plan war ja, dass ich heute als Gemeinderätin in einem Büro an der Nägeligasse sitze. Daraus ist vorerst nichts geworden. Aber ich bleibe beruflich engagiert und habe meine sportlichen Ziele. Auf politischer Ebene werde ich 2027 voraussichtlich Stadtrats-Präsidentin. Das kann ein Vorteil hinsichtlich der nächsten Gemeinderatswahl 2028 sein. An meinen politischen Ambitionen hat die Krankheit nichts verändert.

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