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Bern eine Wohlfühloase? Das ist doch gut, findet sie

Jelena Filipovic wurde durch den Klimastreik und das gewonnene Referendum zum Autobahnausbau bekannt. Wer ist die grüne Wahlbernerin, die 2026 den Berner Stadtrat präsidiert?

Jelena Filipovic vor ihrem Jahr als Stadtratspraesidentin von Bern fotografiert am Montag, 22. Dezember 2025 in Bern. (VOLLTOLL / Manuel Lopez)
Gerade kann sich Jelena Filipovic nicht weg aus Bern und weg aus dem Tscharnergut denken. (Bild: Manuel Lopez)

Jelena Filipovic stellt ein riesiges Glas Ajvar auf den Tisch im Quartiertreff Tscharni im Tscharnergut. «Selbst gemacht», sagt sie.

Zu Weihnachten hat die 33-Jährige all ihren «Friends» Ajvar verschenkt. Ajvar ist eine Paste aus Peperoni, die aus dem Balkan stammt. Die Herstellung ist laut Filipovic eine «alte Familientradition». Im südlichen Serbien, wo sie die ersten sechs Lebensjahre verbracht hat und wo ihre Verwandtschaft heute noch auf Höfen lebt, baut die Grossmutter Peperoni an. Und falls irgendwie möglich, reist Jelena Filipovic jeweils im Spätsommer zurück nach Vrnjacka Banja, um bei der Ernte und der Verarbeitung zu helfen. «Es ist ein riesiges Zusammentreffen, von morgens bis abends schälen die Frauen Paprika und erzählen sich das Neueste», sagt sie. Das Netzwerk in Serbien, es sei immer noch da.

Dieses Jahr wird Jelena Filipovic den Berner Stadtrat präsidieren. In dieser Funktion ist die Politikerin des Grünen Bündnisses höchste Stadtbernerin. Dass sie dorthin gelangt ist, ist ganz und gar nicht selbstverständlich: «Ich bin froh, dass meine Eltern damals entschieden haben, mich in die Schweiz zu holen», sagt sie. Mutter und Vater hatten seit Anfang der 1990er Jahre in Basel gearbeitet, er auf dem Bau, sie in der Pflege. Jelena Filipovic lebte zu dieser Zeit bei der Grossmutter im Bergdorf Leskovica. Als Sechsjährige reiste sie 1998 gemeinsam mit der jüngeren Schwester den Eltern nach.

Zufällig im Tscharnergut gelandet

Filipovic, so könnte man sagen, hat es hier geschafft. Sie hat als Kind eines serbischen Arbeiterpaars das Wirtschaftsgymnasium absolviert. «Ich weiss, ich hatte eine schlechte Ausgangslage, aber mich hat Lernen immer interessiert», erklärt sie diesen Weg. Mit 18 Jahren liess sie sich als erste der Familie einbürgern. Die Eltern zogen schnell nach. «Sie hatten Respekt vor dem Test, aber als sie sahen, dass ich es geschafft hatte, wagten sie sich auch.» Später hat Filipovic in Zürich Politologie und Anthropologie studiert.

Ein Zufall führte sie 2018 nach Bern. Für ihre Bachelorarbeit im Bereich Schweizer Politik wollte sie auf noch unpublizierte Daten zurückgreifen und schrieb dem Berner Politologie-Professor Adrian Vatter. Dieser gab ihr die Daten und meinte, wenn sie Schweizer Politik weiterstudieren wolle, solle sie nach Bern kommen.

Jelena Filipovic lacht ein bisschen über sich selbst, als sie das erzählt. Auf diese Ermunterung hin zog sie für ihren Master wirklich nach Bern, wo sie seither in der Hochhaussiedlung Tscharnergut lebt. Ein Arbeiterquartier und das Pendant zu Schwamendingen, ihrem Wohnort in Zürich und Kleinbasel, dem Ort, wo sie gross geworden ist. Aus dem Tscharni möchte sie nicht mehr weg. Auch wenn sie den Zürcher «Friends» beim Wegzug beteuert hatte, spätestens nach zwei Jahren wieder zurück zu sein.

Jelena Filipovic vor ihrem Jahr als Stadtratspraesidentin von Bern fotografiert am Montag, 22. Dezember 2025 in Bern. (VOLLTOLL / Manuel Lopez)
Zu Weihnachten verschenkt die 33-Jährige selbst gemachtes Ajvar an all ihre «Friends». (Bild: Manuel Lopez)

Das war im Herbst 2018 – und es war der Beginn ihres politischen Engagements. «Damals kam viel zusammen», erinnert sie sich. «Es war eine schöne und prägende Zeit.» Jelena Filipovic war 2019 in Bern eines der Gesichter der nationalen Klimademo, an der Zehntausende teilnahmen. Es war der Höhepunkt des Klimastreiks. Dazu kam der Frauenstreik, der 2019 zum ersten Mal seit 1991 wieder stattfand. Auch dort war Jelena Filipovic an vorderster Front dabei. «Wir schrieben Geschichte.»

Erstmals habe sie in dieser Zeit all die Begrifflichkeiten, mit denen sie sich im Studium auseinandergesetzt hatte, selbst anwenden können. «Und es waren alle so jung!»

Jelena Filipovic war damals 25 Jahre alt und zählt sich damit zu den älteren. Eigentlich habe sie schon lange auf einen solchen Moment gewartet. «Ich nahm als Kind früh die patriarchalen Strukturen wahr, das hat mich geprägt.» Oft habe sie gehört: Das sei nichts für eine Frau. Eine Aussage, die Filipovic immer nur angestachelt hat. Und trotzdem sei sie ganz weit weg von Parteipolitik gewesen, als sie nach Bern gekommen sei. Erst mit dem Grünen Bündnis habe sie das Gefühl gehabt, dass eine Partei zu ihr passe. «Wir machen so viel im Kollektiv, das entspricht mir.»

«Es ging alles so schnell»

Der Kampf gegen das männlich geprägte System war zuerst. Als sie im Studium den Weltklimabericht behandelten, kam das Engagement gegen die Klimakrise hinzu. Bis heute sind es diese Themen, die Jelena Filipovic bewegen. Eigentlich in allem, was sie tut: Als Sekretärin des städtischen Grünen Bündnisses war sie massgeblich daran beteiligt, dass GB-Kandidatin Ursina Anderegg trotz anderslautender Vorhersagen die Wahl in den Gemeinderat fulminant schaffte. Als VCS-Co-Präsidentin führte sie den Abstimmungskampf über das Referendum zum Autobahnausbau an. «Ich wusste von Anfang an, dass wir gewinnen können.» Und als dezidierte Klima- und Verkehrspolitikerin gehört sie seit Anfang 2021 dem städtischen Parlament an.

Seit letztem Frühling arbeitet sie nun als Verantwortliche für Kommunikation und Kampagnen bei den Grünen Schweiz und ist dort auf der nationalen Ebene angelangt. «Das klingt wie ein logischer Weg», sagt sie, aber ihr sei dieser Weg noch vor kurzem überhaupt nicht klar gewesen. «Seit 2018 ging alles so schnell.» Und doch, sie habe sich für all diese Dinge «bewusst entschieden».

Jelena Filipovic vor ihrem Jahr als Stadtratspraesidentin von Bern fotografiert am Montag, 22. Dezember 2025 in Bern. (VOLLTOLL / Manuel Lopez)
«Ich nahm als Kind früh die patriarchalen Strukturen wahr, das hat mich geprägt», sagt Jelena Filipovic. (Bild: Manuel Lopez)

Gerade kann sie sich nicht weg aus Bern denken. «In den Medien wird Bern oft als Wohlfühloase verschrien», sagt sie. Und auch wenn sie den Begriff «Oase» nicht so möge, weil er nach Isolation klinge, sei es für sie durchaus erstrebenswert, eine Wohlfühloase zu sein. «In dieser neokapitalistischen Welt können wir in Bern Gegenmodelle aufbauen, Projekte, welche allen zu Gute kommen und die Solidarität untereinander fördern.» In den Abstimmungen zeige sich ja jeweils deutlich, dass auch die Stimmbevölkerung dahinter stehe. «Das gibt Hoffnung angesichts der Hetze gegen Frauen, Migrant*innen und Queers, die wir im Moment in so vielen Teilen der Welt erleben.» 

Trotzdem fehle es ihr im linken Gemeinderat an «Mut, um wirklich visionäre Projekte durchzuziehen». Jelena Filipovic denkt da beispielsweise an die Energiewende. «Da müssen wir einfach schneller sein.»

Ihr Ziel für das Präsidialjahr im Stadtberner Parlament: «Ich möchte, dass wir Diskussionen gut führen können, denn dafür sind wir gewählt.» Das gelte auch für Asyl- oder Polizeifragen, bei denen die Entscheidungsmacht politisch eigentlich auf einer anderen Ebene liegt. «Wo sonst sollen diese Diskussionen denn geführt werden?», fragt Filipovic rhetorisch. «Es geht darum, welche Haltung die Stadt gegen aussen trägt – und darauf hat das Parlament durchaus Einfluss.»

Lob von den Bürgerlichen

Auch aus dem politisch entgegengesetzten Lager bekommt sie Lob. So meint etwa Stadtrat Janosch Weyermann (SVP), der ebenfalls im Berner Westen wohnt und mit ihr in der Verkehrs- und Tiefbaukommission sass: «Man weiss bei ihr jederzeit, wofür sie steht und woran man ist.» Kritisieren könne er einzig, dass ihre Konsequenz in der Sache gelegentlich «wenig Spielraum für Kompromisse» lasse. Auch Béatrice Wertli (Mitte), dieses Jahr Vizepräsidentin im Rat, ist voll des Lobes und wünscht sich einzig und allgemein vom regierenden linken Lager «mehr Dialogbereitschaft und Neugier».

Am kommenden Donnerstag startet das Präsidialjahr von Jelena Filipovic mit einer Feier im Sternen Bümpliz. Für ein Jahr wird sie danach dem Stadtrat vorsitzen und Bern an allen möglichen Anlässen offiziell vertreten. «Mit meiner Geschichte, meinem Namen, als junge und linke Frau werde ich diese Repräsentationsfunktion wahrnehmen», sagt sie. Sie hoffe, dass sie damit Vorbild sein könne für andere junge und migrantische Frauen. Sie denkt dabei auch an ihre beiden jüngsten Schwestern, die jetzt 15 und 18 Jahre alt sind. «Für die nächsten Generationen sollte es selbstverständlich sein, dass junge, feministische, migrantische Frauen in diesem Land Politik gestalten.»

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Diskussion

Unsere Etikette
Benjamin Seewer
10. Januar 2026 um 19:21

Alles Gute

Ich wünsche Ihnen alles Gute in der neuen Funktion. Schön, dass Sie engagiert zukunftsgerichtete und Hoffnung bringende Politik machen. Danke!