Notfall bei den Finanzen
3,5 Millionen Franken Defizit verzeichnet der Rettungsdienst der Stadt Bern seit 2024. Ein Grund ist ein Vergütungs-Stopp des Kantons für Rückfahrten. Nun beantragt der Gemeinderat einen Nachkredit.
Im letzten Jahr rückte der Rettungsdienst der Stadt Bern zu 23'421 Einsätzen aus. Das entspricht durchschnittlich 64 Einsätzen pro Tag. Die Sanitätsfahrzeuge legten dabei 475'833 Kilometer zurück. Das sind pro Einsatz rund 20 Kilometer.
Trotz den anhaltend hohen Einsatzzahlen gehen seit zwei Jahren aber die Einnahmen stark zurück. Das hat mit einer Praxisänderung des Kantons zu tun. Dem Rettungsdienst werden neu nicht mehr alle gefahrenen Kilometer vergütet. Konkret: Die Rückfahrt der Rettungstransportfahrzeuge von den Spitälern an die Stützpunkte darf der Rettungsdienst seit 18. März 2024 nicht mehr in Rechnung stellen, was massgeblich zu einem Defizit von insgesamt 3,5 Millionen Franken in den Jahren 2024 und 2025 beigetragen hat. So begründet der Gemeinderat in einer Vorlage an den Stadtrat, warum er eine Finanzspritze (Nachkredit) von 1,2 Millionen Franken an den Rettungsdienst beantragt.
Das Einsatzgebiet des Rettungsdienstes Bern umfasst neben der Stadt Bern 37 weitere Gemeinden in der Region. Im Schnitt erreichte der Rettungsdienst den Einsatzort bei lebensbedrohlichen Erkrankungen laut der Jahresstatistik 2025 innerhalb von 9,3 Minuten. Bei Einsätzen mit gemeldeter akuter Lebensgefahr traf der Rettungsdienst in 93 Prozent der Fälle innerhalb von 15 Minuten am Einsatzort ein. Der Rettungsdienst beschäftigt 100 diplomierte Rettungssanitäter*innen und Ärzt*innen.
Die Situation des Rettungsdiensts erinnert an jene der Kitas der Stadt Bern. Innert weniger Jahre häufen sich bei einer städtischen Amtsstelle mehrere Millionen Franken Defizit an.
Bei Schutz und Rettung Bern sind es 1,75 Millionen Franken im Jahr 2024 und 1,8 Millionen im Jahr 2025. Dies bei einem Globalbudget von rund 24 Millionen Franken im Jahr 2025.
Für das Defizit hauptsächlich verantwortlich sind laut dem Gemeinderat zwei Formen von Ertragsausfällen. Einerseits hätten die erwähnten neuen Abrechnungsregeln des Kantons 2025 zu Mindereinnahmen von 1,4 Millionen Franken geführt. Zudem verzeichne der Rettungsdienst durch einen Wegfall planbarer Patiententransporte einen Ertragsausfall in der Höhe von 1,5 Millionen Franken. Im Detail:
Rückfahrt nicht mehr vergütet: Die Neuinterpretation der Abrechnungsregeln durch die kantonale Gesundheitsdirektion datiert vom 18. März 2024. Neu dürften die Rückfahrten der Rettungstransportfahrzeuge von den Spitälern an die Stützpunkte nicht mehr in Rechnung gestellt werden. Dies, obwohl der Tarifvertrag aus dem Jahr 2012 dies explizit so zulasse und die langjährige Abrechnungspraxis nie zu Beanstandungen durch die Krankenversicherungen geführt habe. Laut dem zuständigen Sicherheitsdirektor Alec von Graffenried (GFL) hat die Stadt beim Kanton interveniert, und eine Rückkehr zu den alten Regeln werde geprüft.
Wegfall von Patiententransporten: Der Gemeinderat schreibt in der Vorlage zum Defizit zudem, dass eine weitere Regelung der Gesundheitsdirektion (GSI) von SVP-Regierungsrat Pierre Alain Schnegg zu einem «faktischen Verbot» von planbaren Patient*innentransporten für die Rettungsdienste geführt habe. Nicht-dringliche, planbare Transporte müssten auf Weisung der GSI seit 2023 dem freien Markt überlassen werden. Laut dem Gemeinderat hat die GSI diese Transporte aus den jährlichen Leistungsverträgen mit den Rettungsdiensten explizit ausgeschlossen. Das habe zu einer Verlagerung der Transporte zu anderen Marktanbietern geführt. Die Ertragsausfälle bei den lukrativen, länger dauernden Transporten kann der Rettungsdienst laut dem Gemeinderat mit der Zunahme bei den Notfalltransporten nicht ausgleichen.
Der Rettungsdienst Bern hat laut Gemeinderat im Jahr 2023 versucht, den Wegfall der planbaren Patient*innentransporte durch den Aufbau eines eigenen, unabhängigen Verlegungstransportbetriebs auszugleichen. Rasch habe sich jedoch gezeigt, dass sich ein städtischer kleiner Verlegungsdienst «im umkämpften Markt nicht kostendeckend» betreiben lasse. Schutz und Rettung Bern entschied deshalb im Juni 2024, den Verlegungstransportdienst zur Vermeidung weiterer Verluste einzustellen.
Um die Finanzen in den Griff zu bekommen, hat der Rettungsdienst im Herbst 2025 die Firma Pricewaterhouse Coopers (PWC) mit einer Analyse der Kostenstrukturen und dem Aufzeigen von Sparmöglichkeiten beauftragt. Er zog danach folgende Schlüsse:
Das Finanzproblem bei der Abrechnung der Einsätze soll gelöst werden, indem der Kanton auf seinen Abrechnungsentscheid bezüglich der Rückfahrten in die Stützpunkte zurückkommt.
Dem Ertragsausfall von 1,5 Millionen Franken durch den Wegfall der planbaren Transporte will die Stadt bei den Ausgaben mit einem von PWC vorgeschlagenes Sparprogramm über jährlich 400’000 Franken begegnen.
Alec von Graffenried zeigt sich auf Anfrage zuversichtlich, dass der Rettungsdienst ab 2027 wieder schwarze Zahlen schreibt. Dazu trage unter anderem eine jährliche Steigerung der Einsatzzahlen um 2,5 Prozent bei.
Erkannt wurden die finanziellen Probleme laut von Graffenried im Januar 2025. Man habe damals schnell den Kontakt zur kantonalen Gesundheitsdirektion gesucht. Von der veränderten Abrechnungspraxis der Rettungsfahrten profitiert hätten die Patient*innen und deren Versicherer, erklärt von Graffenried auf Anfrage (siehe Kurzinterview unten).
Die Hoffnung der Stadt auf eine Korrektur der Abrechnungspraxis ist wohl berechtigt. Ein Sprecher der kantonalen Gesundheitsdirektion bestätigt der «Hauptstadt», dass «Korrekturmassnahmen zum Abrechnungsregelwerks aktuell zwischen den verschiedenen Akteuren in Diskussion sind und raschestmöglich umgesetzt werden sollen». Die Auswirkungen des neuen Abrechnungsregelwerks würden erst jetzt ersichtlich, schreibt der GSI-Sprecher weiter. Die Gesundheitsdirektion habe auf die Rückmeldungen der Rettungsdienste reagiert und die Verhandlungen zu den notwendigen Änderungen in den Leistungsverträgen seien am Laufen.
Gemeinderat Alec von Graffenried ist seit Anfang 2025 Vorsteher der Sicherheitsdirektion und damit zuständig für Schutz und Rettung. Auf Anfrage der «Hauptstadt» nahm er schriftlich Stellung zu Fragen zum Rettungsdienst-Defizit.
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Herr von Graffenried, wann haben Sie vom Defizit des Rettungsdienstes erfahren und was war Ihre Analyse?
Alec von Graffenried: Schutz und Rettung Bern informierte mich nach meinem Antritt in der Sicherheitsdirektion über die Sachlage, nachdem im Januar 2025 mit dem Jahresabschluss 2024 das ganze Ausmass der veränderten Regeln zu Tage getreten war. Sofort nahm Schutz und Rettung Bern mit der kantonalen Gesundheitsdirektion (GSI) Kontakt auf, um die Problematik aufzuzeigen und eine gemeinsame Lösung zu finden.
Wer hat von der für die Stadt nachteiligen Abrechnungspraxis bei Rettungsdienst-Fahrten profitiert?
Die neuen Verrechnungsregeln legten fest, dass der Rettungsdienst seit März 2024 die Rückfahrten vom Spital an den Rettungsstützpunkt nicht mehr in Rechnung stellen konnte. Entsprechend fielen die Rechnungen für Notfalltransporte an die Patient*innen, beziehungsweise deren Versicherungen, tiefer aus.
Warum hat sich die Stadt nicht schneller beim Kanton gewehrt?
Die Stadt Bern muss den kantonalen Rettungstarif anwenden, der im Jahr 2012 durch die Tarifpartner Tarifsuisse AG und den damaligen Verband der öffentlichen Spitäler ausgehandelt wurde. Die neuen Verrechnungsregeln wurden durch die Rettungsorganisationen in Zusammenarbeit mit der Direktion GSI und dem Verband «diespitäler.be» erarbeitet mit dem Ziel, bei der neuen elektronischen Dienstleistungserfassung und Abrechnung «eProtokoll» einheitliche Standards anzuwenden. Die tatsächlichen Auswirkungen daraus wurden erst im Verlauf der Anwendung sichtbar. Die Stadt hat sofort gehandelt, als sich das Ausmass der Ertragsausfälle durch nicht mehr verrechenbare Rückfahrten abgezeichnet hat.
Hatte ihr Vorgänger an der Spitze der Sicherheitsdirektion, Reto Nause (Mitte), das Problem nicht erkannt?
Zum Zeitpunkt, als das gesamte Ausmass der veränderten Verrechnungsregeln Rechnungsabschluss 2024 bekannt wurde, war Reto Nause nicht mehr im Amt. Die Geschichte spielte sich an der Nahtstelle der Übergabe von Nause zu mir ab.
Die Stadt muss nun das Defizit via Nachkredit berappen. Wer ist schuld daran?
Der Rettungsdienst Bern bewegt sich, wie alle Betriebe im Gesundheitswesen, in einem sehr komplexen politischen, regulatorischen und tariflichen Umfeld. Die relevanten Treiber für die aktuelle finanzielle Situation sind vielfältig. Die Stadt und Schutz und Rettung unternehmen alles, um wieder einen kostendeckenden Betrieb des Rettungsdienstes zu erreichen.
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