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«Schweizer*innen sollen verstehen, was auf dem Spiel steht»

In Bern ruft die kurdische Diaspora heute zu einer nationalen Demonstration auf. Mit dabei: Die Aktivistin Asiman Erdenci, die sich im kurdischen Frauenrat engagiert.

Aktivistin Asiman Erdenci ist Teil des Kurdischen Frauenrats. Dieser engagiert sich bei der Rojava-Mahnwache auf dem Waisenhausplatz. Fotografiert für die Hauptstadt.ch. Bild: Christine Strub, ©christinestrub.ch
Asiman Erdenci an der Mahnwache für Rojava am Waisenhausplatz. (Bild: Christine Strub)

Am Waisenhausplatz fallen schwere Schneeflocken aus grauen Wolken, Januarblues. Teilnehmer*innen der Mahnwache für die Region Rojava im Norden Syriens suchen Schutz unter einem Pavillon. Andere verteilen Regenponchos. Unter ihnen: Asiman Erdenci, die in den letzten zehn Tagen immer wieder an der Mahnwache teilnahm.

Die 33-jährige Kurdin kam vor vier Jahren in die Schweiz und lebt seit drei Jahren in Bern. Sie wuchs in der Osttürkei auf, engagierte sich als Soziologiestudentin in der kurdischen Frauenbewegung und leitete die Studierendenvereinigung. Wegen ihrer politischen Arbeit und ihrer Rolle als Vertreterin der kurdischen Freiheitsbewegung geriet sie ins Visier der türkischen Regierung.

«Meine Kolleg*innen und ich haben viel Repression erlebt – neun Monate war ich im Gefängnis», erzählt sie. Eine andere Aktivistin übersetzt ihre Worte aus dem Türkischen ins Deutsche. 2022 sah sich Erdenci gezwungen, die Türkei zu verlassen. In der Schweiz, wo es eine starke kurdische Diaspora gibt, beantragte sie Asyl und erhielt wenig später einen positiven Bescheid. Seitdem lernt sie Deutsch und macht eine Ausbildung zur Kosmetikerin. Orte wie das Café Mazay im Breitenrainquartier wurden für sie zu ersten Anlaufpunkten.

Kultur als Friedensarbeit

«Ich fühle mich wohl in Bern», sagt Erdenci. Die Stadt biete vielen Kulturen und Ideen eine Plattform. Hier kann sie ihr politisches Engagement fortsetzen: «Ich bin im kurdischen Frauenrat Bern aktiv, der Mitglied der Kurdischen Frauenbewegung Schweiz ist.»

Dafür trifft sie sich mit anderen Frauen in einem Vereinslokal in der Länggasse.

Aktivistin Asiman Erdenci ist Teil des Kurdischen Frauenrats. Dieser engagiert sich bei der Rojava-Mahnwache auf dem Waisenhausplatz. Fotografiert für die Hauptstadt.ch. Bild: Christine Strub, ©christinestrub.ch
Erdenci steht auch mit der feministischen Friedensorganisation «Frieda» in Bern in Kontakt. (Bild: Christine Strub)

Erdenci gehört zur Kulturkommission, die aus ihr und vier weiteren Frauen besteht. Sie organisiert und besucht Kurse zu traditionellen Musikinstrumenten wie der Saz, einem Saiteninstrument, und der Erbane, einer Trommel. Ausserdem koordiniert sie Kurdischkurse und übt den Govend, einen alten kurdischen Tanz. Für sie ist das mehr als Folklore: «Es ist Ausdruck von Widerstand.» Die Geschichte der Kurd*innen, geprägt von Unterdrückung und Vertreibung, habe Traditionen und Kultur zu wichtigen Identitätsankern gemacht, erklärt sie. Doch sie sieht darin auch mehr: «Es ist aktive Friedensarbeit.» Und die sei heute dringender denn je.

In Syrien wurde im Dezember 2024 das Assad-Regime gestürzt – in der Folge gelangte Übergangspräsident Ahmed al-Sharaa an die Macht. Seine Regierungstruppen und ihre Verbündeten rücken nun immer weiter in die selbstverwalteten Gebiete im Norden und Osten des Landes vor, die Kurd*innen «Rojava» nennen und die sich unter dem Assad-Regime ihre de facto Unabhängigkeit erkämpft hatte. 

Der aktuelle Konflikt dreht sich um die Eingliederung der bisher autonom verwalteten Regionen, in der verschiedene Ethnien daheim sind, in die staatliche Ordnung. Erdenci verurteilt den Einmarsch und die Gewalt gegen Kurd*innen, Alevit*innen, Drus*innen und andere unterdrückte Völker. Frauen würden entführt und vergewaltigt, erzählt sie.

Zugleich sieht sie die Errungenschaften der autonomen Region bedroht: basisdemokratische Strukturen, in der Frauenräte eine wichtige Rolle spielen und die Gleichberechtigung an sich. Besonders stossend sei dies, da auch bewaffnete kurdische Frauen-Truppen entscheidend dazu beigetragen hätten, den Islamischen Staat (IS) in der Region zurückzudrängen. All das treibt ihr Engagement an.

Solidarität gefordert

«Als kurdische Frau sehe ich mich in der Verantwortung, mich der Solidaritätsbewegung anzuschliessen», sagt Erdenci. Lebensmodelle von Frauen und ihre Würde seien akut bedroht. «Schweizer*innen sollen verstehen, was auf dem Spiel steht.»

Aktivistin Asiman Erdenci ist Teil des Kurdischen Frauenrats. Dieser engagiert sich bei der Rojava-Mahnwache auf dem Waisenhausplatz. Fotografiert für die Hauptstadt.ch. Bild: Christine Strub, ©christinestrub.ch
MIt ihrer Friedensarbeit könne sie eine «deeskalierende Rolle» einnehmen, so Erdenci. (Bild: Christine Strub)

Erdenci wünscht sich mehr Unterstützung aus der Stadt und denkt dabei an den Gemeinderat: Dieser solle die Angriffe auf Rojava klar verurteilen. Von der Schweiz erhofft sie sich, dass diese ihr diplomatisches Netzwerk nutzt, um einen humanitären Korridor im Konfliktgebiet einzurichten. Ausserdem solle die Regierung alles tun, um die lokale Selbstverwaltung Rojavas anzuerkennen.

Rückendeckung erhalten ihre Anliegen seit dieser Woche von einem überparteilichen Komitee, dem Vertreter*innen von Mitte, FDP, SP, Grüne und EDU angehören. Dieses fordert den Bundesrat auf, sich für einen Waffenstillstand einzusetzen, und verweist auf eine von National- und Ständerat angenommene Motion.

Heute Samstag mobilisieren verschiedene Gruppierungen erneut, um Solidarität für die Menschen in Rojava zu fordern. Die Demonstration sei bewilligt worden, teilte die Kantonspolizei im Vorfeld mit. Es werden laut den Veranstalter*innen mehrere Tausend Teilnehmer*innen erwartet, die ab 14 Uhr von der Schützenmatte aus durch die Stadt ziehen werden. Gemäss Polizeiangaben ist insbesondere in der Innenstadt während des Umzugs mit grösseren Verkehrseinschränkungen zu rechnen.

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