«Was ihr tut, ist nicht nur mutig, sondern auch richtig»
Am hervorragend besuchten Auftakt zur Ausbau-Kampagne der «Hauptstadt» gab es Sprüche, Glückwünsche, Seitenhiebe und eine Budgetberatung.
Das neue Sous Soul beim Bärenplatz war bis zum Rand gefüllt, als Moderator Dominik Gysin Getuschel und Gespräche mit vorbereiteten Sprüchen unterbrach. Auch er habe in jungen Jahren Lokaljournalismus gemacht und im Radio «gschnurret». «Das hatte aber mehr mit lokal zu tun als mit Journalismus.» Daraufhin führte er mit beeindruckendem Improvisationsvermögen durch den Abend.
Passend zum Kampagnenmotto «Bern braucht mehr Medienvielfalt» lud die «Hauptstadt» zur Lancierung des Abo Plus diverse Gäst*innen auf die Bühne. Der Reihe nach beantworteten sie kurze Fragen Gysins und präsentierten ein vorbereitetes Statement.
Den Anfang machte Grossrätin Dominique Bühler (Grünen). In einem gepfefferten Auftritt sparte sie nicht mit Kritik an der mageren medialen Berichterstattung über das Kantonsparlament und fragte: «Sind wir zu langweilig, dass ihr nicht kommt?»
«Wir kommen ja bald!», entgegnete «Hauptstadt»-Co-Redaktionsleiter Jürg Steiner auf dem Ledersofa nebenan. Mit dem Abo Plus bietet die «Hauptstadt» ab sofort mehr Inhalte zu Kantonspolitik und Wirtschaft an.
Darauf forderte sie mehr kritischen, differenzierten Journalismus als Gegenpol zu aufstrebenden «Podcast-Bros». Und zum Schluss stellte sie ernüchtert fest: «Jeder Skandal eines Politikers rettet den Job eines Journalisten».
Peter Stämpfli, Unternehmer und Vizepräsident des Vereins für Medienvielfalt, der die «Hauptstadt» herausgibt, ermunterte lokale Unternehmer*innen, mehr gesellschaftliche Verantwortung übernehmen – allermindestens mit einem Firmenabo. Und er forderte im Gegenzug mehr journalistische Berichterstattung über die Wirtschaft im Raum Bern. «Eine prosperierende Wirtschaft ist für uns entscheidend. Und auch darüber sollte man berichten», sagte er. Doch leider baue das «Hauptmedium» in Bern – er nannte keinen Namen – Jahr für Jahr ab.
Das kleine gallische Dorf
Medienwissenschaftlerin Franziska Oehmer-Pedrazzi überzeugte mit einer rhetorisch geschliffenen Kurz-Vorlesung. Zum Einstieg zitierte sie den deutschen Soziologen Niklas Luhmann: «Was wir über die Welt wissen, wissen wir aus den Medien.»
Danach zog sie allegorisch Parallelen zwischen dem berühmten kleinen gallischen Dorf aus den Asterix-Comics und der «Hauptstadt». «Vielleicht sagt sie sich auch häufig: Die spinnen, die Grossen.» Und zum Schluss bestärkte sie: «Was ihr tut, ist nicht nur mutig, sondern auch richtig!»
Marcello Odermatt, Chefredaktor der Zeitung «Der Bund», trat kollegial anspornend auf. Als Chef einer mit der Berner Zeitung zusammengelegten Redaktion finde er, stehe es nicht so schlecht um die Medienvielfalt im Raum Bern. Fragte anschliessend aber rhetorisch: «Reicht die schiere Existenz der Medien oder geht es nicht eher um die Leistung?». Als er sagte, seine Redaktion habe durch die Zusammenlegung an investigativer Schlagkraft gewonnen, machte er auch Werbung in eigener Sache.
«Konkurrenten sind die Tech-Konzerne»
Die «Hauptstadt» betrachte er nicht als Konkurrenz, so Odermatt. «Unsere Konkurrenten sind die Tech-Konzerne. Sie nehmen dem Journalismus nicht Werbegelder, sondern auch Leser*innen weg.» Zum Schluss forderte Odermatt von der «Hauptstadt» mehr Recherchen und wies darauf hin, dass die beiden Neuen auf der Redaktion «immerhin» früher beim «Bund» gearbeitet hatten.
Slam-Poetin Moët Liechti blieb ernst, aber locker. Sie reimte und rief, dass es rumorte in einem Tempo, dass der Berichterstatter nur zuhören und nicht tippen konnte. Sie appellierte an die Anwesenden und alle anderen da draussen, bewusster Geld für Journalismus auszugeben.
Und auch sie zeigte auf die Tech-Konzerne als Konkurrenz und Referenz. Diese sagten, sie würden den Leuten bloss geben, was sie wollten. «Aber Kinder wollen auch immer Zucker zum Frühstück und wir sagen nicht: Das regelt der Markt.»
Der abtretende SVP-Regierungsrat Christoph Neuhaus forderte dasselbe wie alle anderen an diesem Abend und fand etwas anders als seine Partei: Gute Medienarbeit sei nötiger denn je. Neuhaus erzählte von seiner eigenen Journalismuskarriere. Sie habe 1983 als 110. Redaktor beim «Bund» begonnen (zum Zeitpunkt der Zusammenlegung mit der «Berner Zeitung» zählte Neuhaus noch 23 Redaktor*innen), bevor er im Jahr 2000 die Seiten wechselte. «Danach habe ich durchaus auch Informationen verhindert».
Guter Journalismus heisse auch, dass man zum Schreiben und Recherchieren Zeit habe. «Ich sehe, dass der TX-Group-Chef Pietro Supino zwei Millionen Franken im Jahr verdient. Damit könnte er viele Journalisten beschäftigen».
Der notwendige Realitätsabgleich
Feuer brachte Mitte-Stadträtin Milena Daphinoff auf die Bühne. In ihrem vehementen Auftritt forderte die Präsidentin der Innenstadtvereinigung Bern-City mehr Wirtschaftsberichterstattung als notwendigen Realitätsabgleich in einer Stadt, welche die Wirtschaft nur hinnehme. «Wir warten noch heute auf eine Wirtschaftsstrategie, die man vor zehn Jahren im Parlament bestellt hat.»
Daphinoff bekannte deshalb: Eine Reportage über den Alltag eines Lift-Servicetechnikers habe sie zum Hauptstadt-Fan gemacht. Und zum Schluss kam von ihr noch ein freundlicher Hinweis: «Medien wie die Hauptstadt sind auch Berner Unternehmen. Sie schaffen Arbeitsplätze.» Medienvielfalt sei auch ein Standortfaktor.
Für die lautesten Lacher sorgte gegen Ende aber handfeste Wirtschaft. «Hauptstadt»-Co-Geschäftsführer Joël Widmer rechnete vor, dass das neue Abo Plus wöchentlich 4.60 Franken koste. «Das ist so viel wie ein Espresso im Adrianos.»
Moderator Gysin warf gedankenschnell ein: «Für knapp zehn Franken bekommt man beides: Abo und Espresso.»
«Naja», gab Widmer zu bedenken, «Ädu hat ein Gäste-Abo. Seine Kund*innen können uns mit dem QR-Code kostenlos lesen.»
Worauf Co-Redaktionsleiterin Marina Bolzli den Rechnereien zahlenbewusst trocken ein Ende setzte: «Wer sich fünfmal die Woche einen Espresso inklusive Hauptstadt-Lektüre gönnt, kommt schon deutlich teurer als mit einem Abo.»
Der offizielle Teil des Programms endete mit den Worten des Abends. Alt Bundesrätin und «Hauptstadt»-Abonnentin Simonetta Sommaruga gab allen im Sous Soul in einem schriftlichen Statement unter anderem folgende Zeilen mit auf den Weg an die Bar oder nach Hause: «Lippenbekenntnisse sind schön. Aber erst ein Abo finanziert unabhängigen Journalismus.»
«Die «Hauptstadt» wird von exzellenten Journalistinnen und Journalisten gemacht. Sie kennen die politisch relevanten Themen, sie nehmen sich Zeit, die Fakten zu prüfen, sie gewichten gewissenhaft, sie organisieren Diskussionen und Veranstaltungen. Und sie bauen aus statt ab! Das ist Journalismus, wie ihn die Demokratie braucht. Dieser Journalismus kostet. Lippenbekenntnisse sind schön. Aber erst ein Abo finanziert unabhängigen Journalismus.»
Simonetta Sommaruga, «Hauptstadt»-Abonnentin
Ohne Dich geht es nicht
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