Ein Film ohne Regie
Kann man einen Film basisdemokratisch und ohne Regie drehen? Das Filmkollektiv Hotpot wagt das Experiment. Die «Hauptstadt» war einen Tag bei den Dreharbeiten im Gurnigel dabei.
Das Filmteam Hotpot, bestehend aus zirka 25 Menschen, steht still und in Position vor der Chummlihütte, einer Jagdhütte im Gantrischgebiet. Bereit, eine Szene zu drehen. Im Hintergrund ragt die Bergkulisse des Gantrisch in die Höhe.
«Ton?», fragt ein Mann in einem orangen Sweatshirt und hält die Filmklappe vor die Kamera. «Ton läuft», antwortet ein Mann mit Kopfhörern, der Tontechniker.
«Cam speed», sagt der Kameramann.
«Zwei Punkt vier. A, die Zweite», sagt der Mann in Orange, klappt die Filmklappe zu und fragt «Set?», während er aus dem Kamerabild geht.
Unter einer schwarzen Decke liegend ruft jemand: «Gut».
«Uuuund bitte», sagt Orange. Der Schauspieler tritt in die Szene, sein Auftritt beginnt.
Es klingt wie eine Geheimsprache. Aber hier versteht sie jeder. Es ist ein ganz normaler Ablauf bei einem Dreh. Eigentlich. Denn fehlt eine Rolle auf dem Set: Ein*e Regisseur*in.
Die Position der Regie ist bei jedem Filmprojekt wichtig, weil sie die Geschichte am besten kennt und klar vor Augen hat, wie der Film werden soll. Die Regie muss die meisten Entscheidungen treffen. Sie gibt Anweisungen und Feedback an Kamera, Ton und Schauspieler*innen, bestimmt, welche und wie oft eine Szene gedreht wird und entscheidet im Schnittraum, wie der Film aussehen wird. Das führt zu einer klaren Hierarchie bei einem Filmprojekt.
Niemand darf allein entscheiden
Dafür gibt es gute Gründe. «Es ist eine sehr effiziente Variante, einen Film zu drehen», sagt Stephan Schoenholtz. Er ist einer von fünf Autor*innen und Mitgründer des Filmprojekts Hotpot. «Wir wollten aber bei diesem Projekt, dass niemand das Ganze dominiert und alleine Entscheidungen trifft.» Die Macht soll auf Gruppen verteilt sein.
Es gibt zum Beispiel nicht eine einzige Person für das Kostümbild, sondern immer mindestens drei, die als Arbeitsgruppe gemeinsam entscheiden. Das Filmkollektiv agiert basisdemokratisch. Es arbeitet in einer Kreisstruktur und stimmt im Plenum über grössere Entscheide ab.
Ein bisschen Führung braucht es aber doch: Je nachdem, an welchem Punkt das Projekt ist, lenkt diejenige Arbeitsgruppe das Kollektiv, welche die Hoheit über das Spezialgebiet hat. Am Anfang waren es die Schreibenden, die die Geschichte erschufen, nach dem Dreh werden es die Editor*innen sein, die den Film fertigstellen.
Hotpot ohne Hotpot
Die Storyline des Filmprojekts passt zum Konzept: Fünf Autor*innen haben je eine Hauptfigur geschrieben. Seit sieben Jahren trifft sich die Schreibenden-Gruppe (deren Konstellation sich immer wieder verändert hat) regelmässig online und arbeitet an der Geschichte. «Wir starteten in einer Berghütte im Simmental. Die definitive Story ist aber erst vor einem Jahr entstanden», erzählt Jeshua Dreyfus. Auch er ist Autor und Mitgründer des Filmprojekts.
Die Simmentaler Berghütte und ein dazugehöriger Hotpot hat das Autor*innenteam inspiriert. So sehr, dass der Film in und um eine Berghütte spielt und vorerst den Namen Hotpot trägt – obwohl ein Hotpot im Film keine Rolle mehr spielt.
Laut Dreyfus gibt es zwei Gründe, warum jemand beim Projekt dabei ist: «Entweder jemand will Erfahrungen sammeln oder bei einem basisdemokratischen Filmprojekt dabei sein. Ersteres sind tendenziell unerfahrene Leute, letzteres können auch routinierte Filmschaffende sein.»
Zu den bekannten Filmschaffenden zählen etwa Dreyfus selbst (Autor und Regisseur für den mit dem Basler Filmpreis prämierten «Sohn meines Vaters»), Georgina Hämmerli (Schauspielerin und ausgezeichnet vom Marina-Busse-Einzelpreis für eine herausragende Darstellung am Deutschen Theater Berlin) und Frank Matter (diverse Auszeichnungen als Filmproduzent, Regisseur von «Parallel Lives»).
Finanzielle Gründe spielen hingegen keine Rolle, denn niemand im Projekt erhält einen Lohn.
So kreativ wie möglich
Und weil so viele verschiedene Menschen dabei sind, begeistert der Inhalt der Geschichte auch nicht alle. Sie wird aus der Perspektive der fünf Figuren erzählt. Das geht, weil jeder Figur ein*e Autor*in, ein*e Schauspieler*in und ein Kameramann, respektive eine Kamerafrau zugeordnet sind. Der Kameramann kann seine Figur also so filmen, wie er es für am besten hält. Genauso ist es bei den Schauspieler*innen und war es bei den Autor*innen.
Das geschieht aber nicht völlig autonom, sondern immer in Absprache mit dem Team. Die Idee dahinter: «Jede*r soll so frei und kreativ wie möglich arbeiten können – solange es die Kreativität von jemand anderem nicht einschränkt», sagt Stephan Schoenholtz.
So zeigen sich während der Dreharbeiten die Vorlieben und Handschriften der jeweiligen Teammitglieder. Ein Kameramann dreht zum Beispiel gerne sehr lange Szenen ohne Schnitt.
Konstante Überforderung
Am Set können Kostümbildner*innen, Tontechniker*innen oder sogar der «Hauptstadt»-Fotograf bei Entscheidungen mitberaten und die eigene Meinung kund tun – wenn sie wollen. «Durch das Mitbestimmen fühle ich mich mehr zugehörig», sagt Angela Dreyfus, Kostümbildnerin am Set und verheiratet mit Jeshua Dreyfus. «Wahrscheinlich ist deswegen auch die Stimmung super.»
Und das, obwohl viele Fragen nicht geklärt sind. «Das Konfliktpotenzial ist hoch, wir schlafen wenig und eigentlich sind wir konstant überfordert», sagt Jeshua Dreyfus, doch es habe bisher nur wenige Auseinandersetzungen gegeben.
Die gute Stimmung spüren auch «Hauptstadt»-Fotograf und -Journalistin, die sich plötzlich als Teil der Crew wiederfinden und Kühe verjagen oder das Kamerastativ fixieren.
Mutige Filmproduktion
Es sei sehr anstrengend, weil jede*r mehr als eine Rolle habe. Man müsse deshalb an viel mehr denken, sagt Jeshua Dreyfus. Etwa an Snacks oder Kaffee, wenn man das Mittagessen im Berghaus Gurnigel weiter unten holt. «Uns ist wichtig, dass solche Aufgaben alle machen, damit auch hier allfällige hierarchische Strukturen wegfallen.» Das macht die Filmproduktion jedoch nicht einfacher.
Der Prozess und die Erfahrung eines basisdemokratischen Filmprojekts stehe im Vordergrund, sagt Dreyfus. Das Produkt sei letztendlich zweitrangig. «Wir wollten herausfinden, ob es überhaupt möglich ist, so ein Projekt durchzuführen.»
Es gibt viele Herausforderungen. Erstens fehlt es an Geld und zweitens an Zeit. «Die Kosten eines professionellen Spielfilms liegen in der Schweiz schnell bei über 1,5 Millionen Franken», sagt Jeshua Dreyfus. Dadurch sei die Hürde gross, Neues auszuprobieren und es drohten mutlose Filmproduktionen. Hotpot werde vielleicht nicht mutlos sein, allerdings ist das Projekt auch nicht ausfinanziert.
Kritik erwünscht
Zurück vor der Chummlihütte. Der erste Take ist im Kasten, der Mann in orange ruft: «Cut!» Der Autor – heute ist es Stephan Schoenholtz – kommt aus der Hütte. Er hat die Szene zeitgleich auf einem Monitor mitangeschaut und spricht nun über seine Eindrücke. Dabei fragt er auch die Beteiligten, wie sie es gefunden haben. Der Rest des Teams äussert sich. Schauspieler Felician Hohnloser, der die Figur von Schoenholtz spielt, sagt, wie er seinen Auftritt beurteilt, weitere Teammitglieder geben Rückmeldungen.
Diesen Vorgang mussten die Beteiligten zuerst üben. Denn normalerweise gibt die Regie allen Feedback.
Das Feedback-Problem zieht sich durch den gesamten Dreh. Obwohl die Schauspieler*innen die Idee der Eigenregie vor der Umsetzung toll fanden, seien sie während den Dreharbeiten auf einen Aussenblick angewiesen, erzählt Stephan Schoenholtz. Die pragmatische Lösung: Die Schauspieler*innen holen sich Feedback zu ihrer Rolle beim Team und von anderen Schauspielenden. Dass Schauspieler*innen einander Feedback geben, ist bei herkömmlichen Drehs nur selten der Fall.
Schoenholtz hirnt bei diesen Herausforderungen bereits an Lösungen für ein Folgeprojekt. Denn für ihn ist klar, ein Folgeprojekt wird es trotz aller Schwierigkeiten geben.
Der Zeitplan ist der Boss
Nach den Dreharbeiten kehrt das Team jeweils zum Berghaus Gurnigel zurück. Hier folgt der anstrengendste Teil. Vor dem Schlafengehen treffen die Mitglieder wichtige Entscheidungen, diskutieren und erstellen für den nächsten Tag einen Zeitplan.
«Oftmals bestimmt der Zeitplan, wie oft wir eine Szene nochmal drehen», sagt Sarah Böhmer, Autorin. Das Zeitkorsett nehme ihnen viele Entscheidungen ab, die sie sonst während des Drehs diskutieren müssten. Dieser Pragmatismus sei wichtig, denn die Zeit ist knapp. Für die Dreharbeiten haben sie nur 14 Tage, bevor sie die Hütte den Jäger*innen, die dann mit der Jagd starten, zurückgeben müssen.
Wie der Film am Schluss aussehen wird, weiss niemand genau. Auch, weil noch unklar ist, wie die Szenen und Figuren am Schluss zu einem Film zusammengeschnitten werden. Das bestimmen die Editor*innen – welche noch gar nicht alle gefunden sind.
Sicher ist: Alle sind gespannt, wie der Film herauskommen wird.