«Bern gibt mir viel Hoffnung»
Lena Allenspach gibt das Co-Präsidium der Stadtberner SP ab. Im Interview sagt sie was ihr in heutigen Zeiten Mut macht und warum es für sie wichtig ist, sich zu engagieren.
Lena Allenspach, Sie treten per Ende März 2026 als Co-Präsidentin der SP Stadt Bern zurück. Sind Sie politikmüde?
Im Gegenteil. Ich habe dieses Amt fünf Jahre lang mega gerne ausgeübt. Jetzt ist aber der richtige Zeitpunkt für einen Wechsel, damit das neue Co-Präsidium genügend Zeit bis zu den städtischen Wahlen hat. Das ist mir sehr wichtig.
Sie arbeiten als Mediensprecherin für die SP Schweiz und in Ihrer Freizeit sitzen Sie im Berner Stadtrat. Sie sind offensichtlich ein Animal Politique. Gibt es Momente im Leben, wo Politik keine Rolle spielt?
Ich habe einen grossen Freundeskreis ausserhalb der Politik. Da kann ich sehr gut abschalten. Aber ja, mein Alltag ist stark von Politik geprägt – das ist für mich auch ein grosses Privileg. Ich bin überzeugt, dass wir gerade jetzt zu Veränderungen beitragen müssen. Die internationale Entwicklung belastet mich – der Rechtsrutsch, die zunehmend salonfähige rassistische und frauenverachtende Politik. Da tut es mir gut, meinen Beitrag leisten zu können und, selbst wenn es teilweise im Kleinen ist, etwas zu einer feministischeren und sozialeren Zukunft beitragen zu können.
Ihr Einzug in den Stadtrat 2020 war auch eine historische Wahl: 55 Politikerinnen zogen damals in den 80-köpfigen Berner Stadtrat ein. Damit war das Parlament das weiblichste und jüngste, das es je in der Schweiz gab. Was hat diese Frauenmehrheit bewirkt?
Diese historische und wichtige Frauenmehrheit wirkt auf zwei Ebenen. Zum einen ist die lokale Politik oft der Einstieg in die parlamentarische Arbeit. Wenn mehr junge Frauen hier Erfahrungen sammeln, ist das ein wichtiger Schritt – gerade weil wir kantonal und national immer noch eine sehr tiefe Frauenvertretung haben.
Und zweitens?
Konkret gab es überparteiliche Zusammenarbeit unter Frauen, etwa beim Bern-Schaut-Hin-Projekt gegen sexuelle Belästigung. Gleichzeitig muss man aber auch sagen: Wir Frauen im Stadtrat sind in ganz unterschiedlichen Themenbereichen unterwegs. Was diese Wahl aber definitiv zeigt, ist, dass die feministische Bewegung in Bern sehr stark verankert ist. Das sieht man daran, dass seither weiterhin viele Frauen gewählt werden.
Die SP ist die mit Abstand stärkste Partei in der Stadt. Ist es überhaupt möglich, Themen zu setzen, die der rot-grün dominierte Gemeinderat nicht ohnehin schon auf der Agenda hat?
Wir haben unterschiedliche Rollen – das ist ja gerade der Sinn der Gewaltenteilung. Das Parlament kann politische Impulse und Aufträge geben. Oder auch Probleme aus der Bevölkerung auf die Agenda setzen, das sehen wir gerade bei den Leerkündigungen, die für Unsicherheiten in der Bevölkerung sorgen.
Aber Sie könnten ja auch direkt an Ihre Gemeinderät*innen treten, ohne den Umweg übers Parlament zu machen?
Wir sind selbstverständlich in engem Austausch mit unseren Gemeinderät*innen. Aber im Parlament können wir auch justieren, beispielsweise bei Reglementen oder auch dem städtischen Budget.
Der Rest der Schweiz schaut immer wieder mit grossen Augen auf die Stadt Bern, die linke Bastion. Etwa, wenn nur hier die Juso-Erbschaftssteuer-Initiative eine Mehrheit findet. Müssen Sie SP-Parteikolleg*innen aus anderen Regionen manchmal die Stadt erklären?
Nein, das musste ich tatsächlich noch nie. Aber die Annahme der Juso-Initiative hat mich sehr gefreut. Sie zeigt, dass in Bern ein Bewusstsein dafür herrscht, wie gross die soziale Ungleichheit inzwischen ist und was dies für den sozialen Zusammenhalt und die Klimakrise bedeutet. Das war ein schönes Signal.
Die Bürgerlichen in der Stadt Bern werfen der SP vor, dass sie Machtpolitik betreibe. Die Mehrheiten im Parlament sind derart klar verteilt, Sie müssen um keine Kompromisse mit den Bürgerlichen feilschen.
Bei den letzten Wahlen hat sich die Bevölkerung dafür entschieden, die links-progressiven Kräfte in der Stadt Bern zu stärken. Und zwar gegen die Vorzeichen aus den Medien. Das ist auch ein Auftrag für unsere politische Arbeit. Selbstverständlich arbeiten wir gerade in den Kommissionen konstruktiv zusammen und suchen Lösungen mit allen. Aber es ist klar, dass wir immer nach unserem politischen Kompass handeln. Sei es für bezahlbare Mieten, einen starken Service public mit guten Arbeitsbedingungen oder einen wirksamen Klimaschutz
Einige Ihrer wichtigen Anliegen werden gerade juristisch blockiert. Die Stadt Bern hat die Lex Airbnb 2022 angenommen. Diese will die Vermietung von Ferienwohnungen und Business-Apartments in der Altstadt einschränken. Doch die Umsetzung stockt.
Das ist sehr frustrierend. Natürlich steht der Rechtsweg allen offen – das ist Teil unseres demokratischen Systems. Aber wir haben in der Altstadt ein echtes Problem: Der hohe Airbnb-Anteil verteuert den Wohnraum. Wenn nun ein Volksentscheid mit über 80 Prozent Zustimmung durch Beschwerden blockiert wird, ist das mehr als ärgerlich. Ich sehe darin eine klare Verzögerungstaktik des Hauseigentümerverbands, um diese Regulierung zu verhindern oder zumindest hinauszuzögern – auf Kosten der Mieter*innen.
Auch gegen die Einführung der städtischen Mindestlohn-Initiative gibt es Beschwerden. Die Beschwerdeführenden machen unter anderem geltend, die Einführung eines Mindestlohnes verletze das Grundrecht der Wirtschaftsfreiheit.
Für mich ist es völlig unverständlich, wieso die Wirtschaftsverbände das machen. Ich kann nicht verstehen, dass man ernsthaft will, dass 10'000 Menschen in der Stadt Bern zu Hungerlöhnen arbeiten. Mindestlöhne sind ein bewährtes Mittel gegen Armut trotz Arbeit. Was mich besonders stört: Hier wird nicht nur lokal, sondern auch auf nationaler Ebene versucht, demokratisch beschlossene Mindestlöhne auszuhebeln und damit die Löhne erstmals per Gesetz zu senken. Das stellt uns vor eine grundsätzliche Herausforderung: Wir können sozialdemokratische Anliegen teilweise erst mit erheblicher Verspätung umsetzen, obwohl die Bevölkerung sie eigentlich will.
Sie forderten kürzlich eine Meldestelle für Leerkündigungen. In einem Beitrag auf Instagram rufen Sie Betroffene dazu auf, sich direkt bei Ihnen zu melden. Haben Sie Meldungen erhalten?
Ja, es haben sich bereits mehrere Betroffene gemeldet. Wir sammeln diese Fälle und leiten sie an die Stadt weiter. Gleichzeitig verweisen wir die Betroffenen an den Mieter*innenverband, denn als Partei können wir das Problem politisch angehen und sichtbar machen, aber die Menschen nicht rechtlich bei Mietfragen beraten. Für mich ist klar: Eigentümer*innen tragen eine Verantwortung gegenüber ihren Mieter*innen. Aber ich sage auch offen – und das ist wichtig: Eine Meldepflicht allein löst das Problem nicht. Es ist ein Puzzlestück von vielen.
Was braucht es denn zusätzlich?
Es braucht ein Zusammenspiel verschiedener Massnahmen: Eine Mietzinskontrolle, sozialverträgliches Sanieren, einen höheren Anteil an gemeinnützigen Wohnungen und konsequente Bodenpreispolitik – also mehr Boden der Spekulation entziehen. Nur so können wir die Situation nachhaltig verbessern und diese Entwicklung stoppen.
Ausgerechnet der Gemeinderat lehnt weitgehende Regulierungen wie Mietzinskontrolle ab. Wie erklären Sie sich das?
Der Gemeinderat hat sich in der vergangenen Legislatur bei seiner Haltung auf eine einseitige Befragung aus Basel-Stadt bezogen. Dabei zeigen gerade die Erfahrungen aus Basel-Stadt klar: Die Leerkündigungen sind massiv zurückgegangen und es wird immer noch saniert. Zurückgegangen sind lediglich unnötige Sanierungen mit überhöhten Mietzinsen als Folge dieser. Ich spüre beim aktuellen Gemeinderat einen grossen Willen, das Problem anzugehen und die Forderung nach einer Mietzinskontrolle nun schnell und sinnvoll umzusetzen.
Sie kandidieren nun auch für den Grossen Rat: Sind Sie bereit, künftig meistens in der Minderheit zu sein?
Ich bin mir bewusst, dass es auf kantonaler Ebene deutlich schwieriger ist, linke Anliegen umzusetzen – das ist aber kein Grund, sich nicht für einen feministischen und sozialen Kanton Bern zu engagieren. Gerade in der Stadt Bern sind wir auf gute Rahmenbedingungen von Bund und Kanton angewiesen, um unsere Politik machen zu können. Wir erleben im Kanton gerade einen Anstieg von 14 Prozent bei häuslicher Gewalt. Die Mieten sind in den letzten 20 Jahren um 30 Prozent gestiegen. Wenn Bund und Kanton hier keine Verantwortung übernehmen oder sogar abbauen, spüren das die Menschen in den Gemeinden und in ihrem Alltag direkt. Ich möchte mich für einen Kanton Bern einsetzen, der diese Verantwortung wahrnimmt.
Was gibt Ihnen Hoffnung in diesen manchmal düsteren Zeiten?
Bern und die feministische Bewegung geben mir viel Hoffnung – gerade in Zeiten, in denen es weltweit so viele Rückschritte bei feministischen und sozialen Errungenschaften gibt. Als der Nationalrat letzten Dezember die zusätzliche Million für den Schutz von Frauen gegen Gewalt abgelehnt hat, kamen spontan Hunderte Menschen an einem Dienstagabend auf den Bundesplatz. Sie sagten: Wir haben genug von dieser Politik, die die Hälfte der Bevölkerung ignoriert oder abwertet. Das gibt mir im Alltag enorm viel Kraft. Die feministische Bewegung hier ist stark – und sie muss es auch sein, damit wir gemeinsam Rückschritte verhindern und wieder Fortschritte erzielen können.
Die SP Bern soll auch künftig von einer Co-Leitung geführt werden. Monique Iseli folgt voraussichtlich auf Lena Allenspach und bildet mit Chandru Somasundaram das neue Co-Präsidium. Wie BZ/Bund berichtete, ist Iseli die einzige Bewerberin. Iseli politisiert erst seit 2025 im Stadtrat für die SP und ist Gymnasiallehrerin. Einen ihrer ersten Vorstösse zeichnete sie gemeinsam mit Allenspach, darin geht es um Leerkündigungen.
Ohne Dich geht es nicht
Unsere Community ermöglicht den freien Zugang für alle. Das unterscheidet uns von anderen Nachrichtenseiten. Wir begreifen Journalismus nicht nur als Produkt, sondern auch als öffentliches Gut. Unsere Artikel sollen möglichst vielen Menschen zugutekommen. Mit unserer Berichterstattung versuchen wir das zu tun, was wir können: guten, engagierten Journalismus. Das geht nur dank den Hauptstädter*innen. Sie wissen, dass guter Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht und ermöglichen so leser*innenfinanzierten und unabhängigen Berner Journalismus. Dafür sind wir sehr dankbar. Mittlerweile sind 2’700 Menschen dabei. Damit wir auch in Zukunft noch professionellen Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 3’000 – und mit deiner Beteiligung können wir es schaffen. Es wäre ein schönes Zeichen für die «Hauptstadt» und für die Zukunft des Berner Journalismus. Mit nur 10 Franken pro Monat bist du dabei!
Ohne Dich geht es nicht
Unsere Community ermöglicht den freien Zugang für alle. Das unterscheidet uns von anderen Nachrichtenseiten. Wir begreifen Journalismus nicht nur als Produkt, sondern auch als öffentliches Gut. Unsere Artikel sollen möglichst vielen Menschen zugutekommen. Mit unserer Berichterstattung versuchen wir das zu tun, was wir können: guten, engagierten Journalismus. Das geht nur dank den Hauptstädter*innen. Sie wissen, dass guter Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht und ermöglichen so leser*innenfinanzierten und unabhängigen Berner Journalismus. Dafür sind wir sehr dankbar. Mittlerweile sind 2’700 Menschen dabei. Damit wir auch in Zukunft noch professionellen Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 3’000 – und mit deiner Beteiligung können wir es schaffen. Es wäre ein schönes Zeichen für die «Hauptstadt» und für die Zukunft des Berner Journalismus. Mit nur 10 Franken pro Monat bist du dabei!