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Kitas unter Druck – Stadtrat-Brief #3/26

Das Wichtigste aus der Stadtratssitzung vom 12. Januar 2026: Kitas, Brandschutz und Sportplätze. Ratsmitglied der Woche: Shasime Osmani (SP).

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(Bild: Silja Elsener) (Bild: Silja Elsener)

Viele Kitamitarbeitende sind unzufrieden, fühlen sich unter Druck – und das in einem Berufsfeld, das für das Funktionieren des städtischen Alltags unverzichtbar ist. Das steht im Monitoring 2025 zur familienergänzenden Kinderbetreuung in der Stadt Bern. Und der Bericht und die aufgeführten Zahlen sorgten im Stadtrat gestern für viel Gesprächsstoff.  Seit Jahren sinkt die durchschnittliche Auslastung der Kitas in allen Schulkreisen, von 92,5 Prozent im Jahr 2019 auf 78,3 Prozent im Jahr 2025. Und trotzdem haben knapp 40 Prozent der Kinderbetreuer*innen bei der Befragung angegeben, eher oder sehr unzufrieden mit der Arbeitsbelastung zu sein. Sie haben offenbar nicht davon profitiert, dass die Auslastung gesunken ist.  Beinahe jede dritte Person (29,5 Prozent) findet, dass sie nicht genügend Zeit für ihre Arbeit hat. Fast alle, die angaben, nicht genügend Zeit für die Kinderbetreuung zu haben, sagten auch, dass ihnen Zeit für nicht-pädagogische Aufgaben fehlt. «Dies bedeutet, dass fast 30 Prozent des Personals generell empfinden, ihrer Arbeit nicht gerecht zu werden», heisst es im Bericht.  Im Monitoringsbericht beteuert die Stadt, es handle sich bei den Aussagen der Angestellten jedoch «nicht um eine repräsentative Stichprobe». Es sind Antworten von 116 Personen eingegangen. Da der Stadt die «Gesamtheit des Personalbestandes unbekannt ist», könne man keine Schlussfolgerung zur Rücklaufquote ziehen. Die Fragebogen wurden allen Kitabetrieben mit Betreuungsgutscheinen in der Stadt Bern zugestellt.  Im Stadtrat hat man die Unzufriedenheit dennoch gehört: «Das Monitoring bestätigt, was uns allen bereits bekannt ist: die Löhne und Arbeitsbedingungen in Kitas sind alles andere als Luxus», sagte Anna Leissing (GB) für die zuständige Kommission. Auch Béatrice Wertli (Mitte) sprach davon, dass die Situation des Personals «beunruhigend und besorgniserregend» sei. Zudem gebe es in dieser Frage keinen Unterschied zwischen städtischen und privaten Kitas, man müsse von einem strukturellen Problem ausgehen. Es brauche nun eine klare Kitastrategie mit Sozialvorgaben, forderte sie. Oliver Berger (FDP) betonte, der Bericht zeige auch auf, dass Eltern und Kinder zufrieden mit dem Angebot seien, ebenso das Führungspersonal. Die zuständige Direktorin Ursina Anderegg (GB) sagte im Rat, das Monitoring sei ein wichtiges Instrument, um auf Entwicklungen im Kitawesen eingehen zu können. Die Stadt setzt nun auf einen Dialog, bei dem Kita-Unternehmer*innen gemeinsame Lösungen diskutieren sollen. Aber ob ausgerechnet die Kitamitarbeitenden, die ohnehin schon zu wenig Zeit haben, auch noch an einem Runden Tisch mit der Stadt diskutieren wollen?

Portrait von Shasime Osmani (SP) im Rathaus Bern, aufgenommen am 20.11.2025 für hauptstadt.be
Ratsmitglied der Woche: Shasime Osmani

Shasime Osmani (27) sitzt seit 2025 für die SP im Stadtrat. Sie absolvierte die KV-Lehre gemeinsam mit Berufsmatura und machte danach die Erwachsenenmatura. Heute studiert sie Jus an der Uni Bern. 2024 gehörte sie zu den Gründer*innen des Vereins Kritische Jurist*innen. Sie arbeitet zudem als Hilfassistentin bzw. Tutorin an der Universität, wo sie Deutsch für Geflüchtete unterrichtet. Warum sind Sie im Stadtrat? Im November 2024 gewann die SP bei den Gemeindewahlen fünf Sitze im Stadtrat. Ich habe die Ehre, einen dieser Sitze zu besetzen. Meine Politisierung begann jedoch viel früher. Auslöser waren die Migrationspolitik der SVP und meine eigenen Erfahrungen beim Aufwachsen in Bümpliz-Bethlehem. Wofür kennt man Sie im Rat – auch ausserhalb Ihrer Partei? Man kennt mich für meine zugängliche, offene und schlagfertige Art. Ich pflege auch gute zwischenmenschliche Beziehungen über Parteigrenzen hinweg und habe bereits mit der SVP unproblematische Vorstösse eingereicht. Inhaltlich stehe ich besonders für meinen Einsatz gegen häusliche Gewalt, für Chancengerechtigkeit, soziale Teilhabe – etwa das Einwohner*innenstimmrecht. Was erstaunt Sie am meisten, wenn Sie im Rat sitzen? Mich erstaunt bis heute, wie unruhig es im Rat oft ist und wie wenig aktiv zugehört wird. Ich musste lernen, dass das meist nichts mit Respektlosigkeit zu tun hat, sondern damit, dass sich viele Meinungen bereits im Vorfeld gefestigt haben. Worauf sind Sie stolz bei Ihrer Ratsarbeit? Ich bin stolz darauf, Teil einer offenen und solidarischen Stadt zu sein und dass sich meine Partei konsequent für die zentralen gesellschaftlichen Fragen einsetzt. Besonders wichtig ist mir, als erste Person der albanischen Community im Berner Stadtrat vertreten zu sein und Menschen ohne Stimmrecht, mit tiefem Einkommen oder Migrationsgeschichte eine zusätzliche Stimme zu geben.

Welches ist Ihr liebster Stadtteil und warum? Ganz klar der Stadtteil VI – wie könnte es anders sein. Ich bin in Bethlehem aufgewachsen und schätze die Vielfalt sowie die vielen Menschen mit Migrationsgeschichte. Die Begegnungen im Quartier und die Lebensrealität der migrantischen Arbeiter*innenschicht sind ein zentraler Antrieb meiner politischen Arbeit.

Diese Themen waren ebenfalls wichtig:

  • Software: Der Stadtrat hat zähneknirschend einen weiteren Nachkreditvon 2,5 Millionen Franken für die Problem-Software Citysoftnet bewilligt. Dabei handelt es sich um den siebten Nachkredit. Dieser soll Mehrkosten beim Betrieb des Fallführungssystems des Sozialdiensts, zusätzliche Personalkosten sowie Ausgaben für den Rückbau des alten Systems decken. Die Fraktionen Mitte, FDP, GLP/EVP und SVP lehnten den Nachkredit ab. «Wir stehen bei 11,1 Millionen Franken für Nachkredite», rechnete Oliver Berger (FDP) vor. Die Kostenkontrolle der Stadt sei unzureichend, und das Projektmanagement weise gravierende Mängel auf. Geschlossen für den Nachkredit stimmten SP/Juso- und GB/JA-Fraktion. Die Mitarbeitenden dürften nicht länger unter dem instabilen Betrieb leiden. Franziska Geiser (GB) betonte, die Ausgaben seien unumgänglich gewesen. Der Rat sprach den Nachkredit schliesslich mit 37 zu 26 Stimmen bei sechs Enthaltungen.  
  • Sportplätze: Es dauert noch ein bisschen, bis das Stimmvolk über die Rasensport-Initiative abstimmen kann. Der Berner Gemeinderat erhält zusätzlich Zeit bis Mitte Juni, um einen Gegenvorschlag zur Initiative auszuarbeiten. Der Stadtrat hat die entsprechende Fristverlängerungam Donnerstag mit 57 zu 11 Stimmen genehmigt. Die Initiative «Mehr Rasensportfelder für alle» wurde Ende 2024 eingereicht. Sie verlangt, dass die Kapazität an Rasensportfeldern innert zehn Jahren um mindestens 12'000 Nutzungsstunden erhöht wird. Der Gemeinderat erachtet die Festschreibung einer fixen Zahl von Nutzungsstunden in der Gemeindeordnung als nicht stufengerecht. Im Rat kritisierte Tom Berger (FDP) das Vorgehen der Stadtregierung. Der Autor des Initiativtextes erinnerte daran, dass die Stadt seit Jahren zu wenig tue, um genügend Rasensportplätze zur Verfügung zu stellen.
  • Thunstrasse: Seit zehn Jahren sucht die Stadt Verbesserungen für die Verkehrsachse Helvetiaplatz - Freudenbergplatz. Zig Ideen habe man verworfen, sagte der zuständige Gemeinderat Matthias Aebischer (SP). Es gebe keinen grossen Wurf. Das scheint nun sogar Einfluss auf die Stimmung in seiner Verkehrsdirektion zu haben. Schon vor zwei Wochen legte Aebischer im Stadtrat offen, dass bei einem spezifischen Verkehrsprojekt die Stimmung in seinem Team rapide sinke, weil sie so verzwickt sei. Man finde keine Lösung für alle Nutzer*innen der Strasse. Gestern präzisierte Aebischer vor dem Rat, das sei just bei diesem Geschäft auch der Fall. Der Stadtrat sagte mit 65 zu 7 Stimmen schliesslich Ja zu einem Kredit, um kurz- und mittelfristige Massnahmen anzugehen. Damit sollen etwa die Tramhaltestellen Helvetiaplatz und Luisenstrasse rollstuhlgerecht gemacht werden. In Fahrtrichtung stadtauswärts kann ein breiter Veloweg markiert werden, für diesen werden Parkplätze aufgehoben. Der Kredit beläuft sich auf rund 6,6 Millionen Franken.
  • Brandschutz: Die Brandkatastrophe in Crans-Montana hat politische Auswirkungen bis nach Bern. Der Gemeinderat befürwortet, dass Pyrotechnik in Innenräumen verboten wird. Das schreibt er in seiner Antwort auf eine kleine Anfrage von Oliver Berger (FDP). Selbst aktiv werden will die Regierung aber nicht: «Der Gemeinderat ist der Ansicht, dass ein solches Verbot kantons- bzw. bundesweit erlassen werden sollte», schreibt er. Der Gemeinderat ist weiter der Meinung, dass die Brandkontrollen in der Vergangenheit in Bern gut durchgeführt wurden. Trotzdem werde er die Katastrophe von Crans-Montana zum Anlass nehmen, die Massnahmen zu überprüfen.

PS: Letztes Jahr hat die Stadt Bern insgesamt 1'028 neue Mitarbeitende angestellt, davon waren 152 Personen über 50 Jahre alt. Das schreibt der Gemeinderat an die Adresse von Thomas Hofstetter (FDP). Der Stadtrat – selbst Ü-50 – hatte diese Zahlen verlangt und die Stadtregierung ermutigt, «bei der Anstellung von Menschen über 50 Jahren vorbildlich» zu sein. Gemäss Gemeinderat stellte die Stadt 15 Prozent ihrer neuen Mitarbeitenden aus der Altersgruppe 50+ ein. Der schweizweite Durchschnitt liegt gemäss Arbeitsmarktanalysen bei rund 10 Prozent.

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