Berner Kopf der Woche: Thibaut Wenger
Der Industriedesigner Thibaut Wenger lanciert in Bern eine digitale Karte zum Auffinden wiederverwertbarer Materialien. Er sieht darin einen niederschwelligen Beitrag zur Kreislaufwirtschaft.
Eine Stadt ist auch eine Rohstoffmine. Das ist ein Gedanke, der Thibaut Wenger seit Längerem umtreibt. Vor zwei Jahren entwickelte der angehende Industriedesigner im Rahmen seiner Bachelorarbeit an der Zürcher Hochschule der Künste zusammen mit Narada Zürrer aus Restmaterialien einen Kinderschuh-Prototyp, der wiederverwendbar und reparaturfähig ist. «Eines ist mir auf meinem bisherigen Weg klar geworden», sagt Wenger, «am nachhaltigsten ist ein Produkt nicht dann, wenn es recycelt oder biologisch abgebaut werden kann. Sondern dann, wenn man es möglichst lange nutzt und die Materialien wiederverwendet werden können.»
So gesehen ist eine Stadt, in der viel entsorgt wird, ein Materiallager – von dem mögliche Nutzer*innen allerdings oft nichts wissen. «Ich sehe in meinem Berufsalltag, dass in vielen Unternehmen oder Institutionen Ressourcen viel zu früh entsorgt werden», sagt Wenger. Auf der anderen Seite gebe es Kunstschaffende, Schulen oder Handwerker*innen, die damit arbeiten würden, wenn sie davon wüssten. «Es fehlt an passenden Strukturen und der Vernetzung von Firmen und Nutzenden», sagt Thibaut Wenger. Diese Lücke will er schliessen, indem er ein in Zürich entwickeltes und funktionierendes Online-Instrument in Bern anwendet: eine digitale Karte, auf der Unternehmen aufrufbar sind, bei denen gebrauchte Materialien abholbar sind. Das sind zum Beispiel: Gebrauchte Schläuche und Pneus bei Velohändler*innen, ausrangierte Bergseile bei Kletterhallen, Holzverschalungen bei Museen nach Beendigung einer Ausstellung.
Neudeutsch heisst die urbane Rohstoff-Karte Mining Map. Auf der gratis abrufbaren Mining Map Bern sind aktuell knapp 20 Standorte verzeichnet. Es sollen mehr werden, bis Mitte nächsten Jahres dauert laut Wenger die Aufbauphase. «Ich glaube, Bern ist ein guter Standort für dieses Projekt. Die Stadt verbindet eine lebendige Kulturszene mit einem grossen Bewusstsein für Nachhaltigkeit.» Zudem sei Bern klein genug, damit Netzwerke schnell wachsen können, wie Wenger sagt. Er sieht die digitale Übersicht über Berns bisher verborgenes Lager wiederverwendbarer Materialien auch als Beitrag, das praktische Verständnis für das Schlagwort Kreislaufwirtschaft zu stärken.
Zur Nachhaltigkeit gehören auch wirtschaftliche Überlegungen. Aktuell stützt sich die Mining Map Bern auf Anschubfinanzierungen. Mittelfristig soll die Karte mit minimalem Aufwand unterhalten werden, eventuell finanziert durch freiwillige Beiträge teilnehmender Unternehmen. Wenger hofft, dass weitere Städte Mining Maps aufbauen und so eine Art urbaner Rohstoff-Verbund entsteht.
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