Hauptstadt-Avatar ohne Kreis, Logo

Alternative zum Sterben – und zum Leben

Das erste Berner Hospiz für Erwachsene entsteht an der Schänzlistrasse im Altenbergquartier. Das ursprüngliche Projekt in der Länggasse wird durch Einsprachen verzögert.

Elsbeth Wandeler vom Sterbe-Hospiz fuer Erwachsene fotografiert am Montag, 2. Februar 2026 in Bern. (VOLLTOLL / Manuel Lopez)
Kämpft für das erste Erwachsenenhospiz in Bern: Elsbeth Wandeler. (Bild: Manuel Lopez)

Im Stadthaus Mon Soleil in der Länggasse wird schon lange gestorben.

1931 liess die Burgergemeinde an der Zähringerstrasse hoch über dem Henkerbrünnli ein schönes Anwesen bauen, um ihren Hausangestellten einen guten Lebensabend zu ermöglichen. Später wurde daraus ein Alters- und Pflegeheim, und vor knapp einem Jahr präsentierte die Stiftung Mon Soleil eine neue Vision für das Haus: Hier sollte das erste Erwachsenen-Hospiz im Kanton Bern entstehen mit 10 Betten für Menschen, die vom Leben Abschied nehmen müssen.

Eine Bewilligung des Kantons liegt vor, das Baugesuch war nach positiv verlaufenen Vorabklärungen bei der Stadt eingereicht. Es war alles für den rund vier Millionen Franken teuren Umbau aufgegleist, die Eröffnung des Hospizes fürs erste Quartal 2027 schien plausibel.

Elsbeth Wandeler vom Sterbe-Hospiz fuer Erwachsene fotografiert am Montag, 2. Februar 2026 in Bern. (VOLLTOLL / Manuel Lopez)
Vorerst kein Hospiz, sondern eine Wohngemeinschaft: Das Mon Soleil an der Zähringerstrasse in der Länggasse. (Bild: Manuel Lopez)

Doch es kam anders. Drei Einsprachen aus der unmittelbaren  Nachbarschaft gegen das Baugesuch trafen ein, und nachdem die städtischen Behörden diese abgewiesen hatten, wurden sie an die nächste Instanz weitergezogen. Hauptgründe: Befürchtungen wegen Lärmimmissionen und Wertverminderung der Liegenschaften aufgrund der Nähe zum Hospiz.

Elsbeth Wandeler gehört zu den treibenden Kräften für ein Hospiz in Bern. Sie war ein Berufsleben lang in der Pflege engagiert, jetzt ist sie Präsidentin des Vereins Hospiz Bern und Vizepräsidentin der Stiftung Hospiz Bern. Die Gründe der Einsprecher*innen – mit den meisten führte der Stiftungsrat mehrere Gespräche – kann sie nicht nachvollziehen.

Doch sie hielt sich nicht lange damit auf.

«Ein absoluter Glücksfall»

«Gegen Ende letzten Jahres war klar, dass es beim Mon Soleil zu einer jahrelangen Verzögerung kommt», sagt sie zur «Hauptstadt», «wir machten uns auf die Suche nach Alternativen.» Die Initiant*innen wurden überraschend schnell fündig – bei der Stiftung Diaconis. Diese ging einst hervor aus der Schwesterngemeinschaft der Diakonissen und führt angrenzend ans Salem-Spital zuoberst im Altenberg mehrere Liegenschaften, in denen unter anderem Palliativpflege angeboten wird. In einem dieser Gebäude – dem Haus Oranienburg –  stehen Räume frei. Dort wird die Stiftung Mon Soleil nun ein stationäres Hospiz mit neun Betten einrichten.

«Ein absoluter Glücksfall», sagt Elsbeth Wandeler. Das Hospiz könne nun sogar rascher realisiert werden als in der Länggasse. Bereits im Sommer 2026 soll es seinen Betrieb aufnehmen. Neben den Einzelzimmern umfasst das Hospiz Gruppen- und Besuchsräume sowie einen Garten. Die Stiftung Mon Soleil mietet die Räume von Diaconis und bezieht von ihr Gastronomie- und Hauswirtschaftsleistungen. «Aber wir betreiben das Hospiz eigenständig und sind keine Filiale von Diaconis», sagt Elsbeth Wandeler. Aktuell suche die Stiftung eine Betriebsleitung für das Hospiz sowie Pflegepersonal.

Elsbeth Wandeler vom Sterbe-Hospiz fuer Erwachsene fotografiert am Montag, 2. Februar 2026 in Bern. (VOLLTOLL / Manuel Lopez)
Hier entsteht das erste Erwachsenenhospiz in Bern: Das Haus Oranienburg an der Schänzlistrasse. (Bild: Manuel Lopez)

Hospize schliessen laut Wandeler eine Versorgungslücke in der Pflege am Lebensende – besonders für Menschen, die eine unheilbare Krankheit haben, aber noch im Erwerbsalter sind. Um es etwas zugespitzt zu formulieren: Wenn man bei einem stationären Aufenthalt in einer Palliativabteilung nach drei bis vier Wochen nicht gestorben ist, wird man für die Institution gemäss dem aktuellen Finanzierungssystem mit Fallpauschalen zum Defizitrisiko. Hat jemand nach dieser Zeit nicht die Möglichkeit, zum Sterben nach Hause zurückzukehren, bleibt auch für jüngere Menschen meist nur das Pflegeheim.

Kanton Bern mit Rückstand

An diesem Punkt wäre das Hospiz eine Option. Im Gegensatz zu anderen Kantonen gibt es in Bern – mit Ausnahme des Kinderhospizes Allani in Riedbach – bis jetzt jedoch noch keines. Das Haupthindernis ist die Finanzierung: Obschon der Betreuungsaufwand in einem Hospiz laut Wandeler viel grösser ist, werden belegte Hospiz-Betten von den Krankenkassen abgegolten wie in einem Pflegeheim. Von den Kosten von rund 750 Franken pro Tag sind so nur zwei Drittel gedeckt. Der Rest muss über Spenden oder Beteiligung der Patient*innen aufgebracht werden – was dazu führt, dass würdevolles Sterben eine Frage der finanziellen Möglichkeiten ist.

Beim Hospiz in Bern wird letzteres allerdings vorderhand kein Problem sein – weil es  als Pilotprojekt des Kantons gestartet werden soll. Das geht zurück auf einen politischen Vorstoss im Grossen Rat der in diesem Thema sehr engagierten Madeleine Amstutz (parteilos, Sigriswil). Dieser wurde mit 113 Ja-Stimmen überwiesen und führte dazu, dass die Direktion von Regierungsrat Pierre Alain Schnegg (SVP) den Auftrag erhielt, einzelne Hospize als Pilotprojekte während dreier Jahre finanziell zu unterstützen. Neben dem Projekt  Mont Soleil in der Stadt Bern wurde 2024 das Projekt La Passerelle in Corgémont (Berner Jura) dafür ausgewählt. In Biel, im Berner Oberland und in Schwarzenburg sind weitere Hospiz-Projekte angedacht.

Elsbeth Wandeler vom Sterbe-Hospiz fuer Erwachsene fotografiert am Montag, 2. Februar 2026 in Bern. (VOLLTOLL / Manuel Lopez)
Menschen in der letzten Lebensphase dürfe man nicht wegsparen, sagt Elsbeth Wandeler. (Bild: Manuel Lopez)

Konkret bedeutet die Unterstützung durch die Direktion Schnegg, dass in Bern ab kommendem Sommer Menschen unabhängig von ihrer wirtschaftlichen Situation in das neue Hospiz eintreten können.  Die Stiftung Mon Soleil als Trägerschaft verhandelt mit Regierungsrat Schnegg zurzeit noch über die Details der Finanzierung. «Wir versuchen  Herrn Schnegg  klar zu machen, dass es sich bei Hospizen nicht um ein neues Angebot handelt», sagt Elsbeth Wandeler. «Die Menschen, über die wir hier reden, brauchen professionelle Pflege.» Wegsparen könne man sie nicht. Und im Hospiz gebe es keine Zeitlimiten: «Sie dürfen hierbleiben, bis der Tod kommt.»

Sterbebegleitung statt Sterbehilfe

Eines will Elsbeth Wandeler noch klarstellen. Das Hospiz biete die Möglichkeit, in Würde Abschied vom Leben zu nehmen, und das Personal unterstütze Patienten und ihr ganzes Umfeld. Doch: Passive Sterbehilfe sei tabu. «Das kären wir mit allen Patienten zu Beginn.»

Elsbeth Wandeler freut sich auf die Eröffnung des Hospizes im Altenberg im nächsten Sommer. «Wir werden wichtige Erfahrungen sammeln, auch im Hinblick auf unser Ursprungsvorhaben in der Länggasse.» Der Umbau des Hauses Mon Soleil sei durch die juristische Blockade nur auf Eis gelegt. Die Stiftung beabsichtige nach wie vor, aus diesem danach ein Hospiz zu machen. Ob zusätzlich zum Hospiz im Haus Oranienburg oder an dessen Stelle, werde man sehen – auch je nachdem, wie gross die Nachfrage nach Hospiz-Plätzen in Bern tatsächlich ist.

Bis es soweit ist, öffnet sie das Mon Soleil mit seinen 16 Zimmern und dem schönen Garten für eine Zwischennutzung. «Wir werden das Haus an eine grosse Wohngemeinschaft vermieten», sagt Elsbeth Wandeler. In das Mon Soleil kehrt das pralle, wohl laute Leben zurück, ehe das Anwesen vielleicht doch noch zu einem würdevollen Ort für den Abschied davon wird.

Ohne Dich geht es nicht

Unsere Community ermöglicht den freien Zugang für alle. Das unterscheidet uns von anderen Nachrichtenseiten. Wir begreifen Journalismus nicht nur als Produkt, sondern auch als öffentliches Gut. Unsere Artikel sollen möglichst vielen Menschen zugutekommen. Mit unserer Berichterstattung versuchen wir das zu tun, was wir können: guten, engagierten Journalismus. Das geht nur dank den Hauptstädter*innen. Sie wissen, dass guter Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht und ermöglichen so leser*innenfinanzierten und unabhängigen Berner Journalismus. Dafür sind wir sehr dankbar. Mittlerweile sind 2’700 Menschen dabei. Damit wir auch in Zukunft noch professionellen Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 3’000 – und mit deiner Beteiligung können wir es schaffen. Es wäre ein schönes Zeichen für die «Hauptstadt» und für die Zukunft des Berner Journalismus. Mit nur 10 Franken pro Monat bist du dabei!

Ohne Dich geht es nicht

Unsere Community ermöglicht den freien Zugang für alle. Das unterscheidet uns von anderen Nachrichtenseiten. Wir begreifen Journalismus nicht nur als Produkt, sondern auch als öffentliches Gut. Unsere Artikel sollen möglichst vielen Menschen zugutekommen. Mit unserer Berichterstattung versuchen wir das zu tun, was wir können: guten, engagierten Journalismus. Das geht nur dank den Hauptstädter*innen. Sie wissen, dass guter Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht und ermöglichen so leser*innenfinanzierten und unabhängigen Berner Journalismus. Dafür sind wir sehr dankbar. Mittlerweile sind 2’700 Menschen dabei. Damit wir auch in Zukunft noch professionellen Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 3’000 – und mit deiner Beteiligung können wir es schaffen. Es wäre ein schönes Zeichen für die «Hauptstadt» und für die Zukunft des Berner Journalismus. Mit nur 10 Franken pro Monat bist du dabei!

tracking pixel

Diskussion

Unsere Etikette
Jonas Wittwer
04. Februar 2026 um 12:50

Froh und Traurig

Jahrelang habe ich Menschen als Fachperson Gesundheit in den Tod begleitet. Eine würdevolles sterben sollte allen Menschen zustehen. Ich bin sehr froh über ein solches Projekt und hoffe das alles wie gewünscht klappt. Traurig macht mich aber das wieder Einzelpersonen ihre Emotionen an anderen auslassen. Als sich mit mit dem Tod und der eigenen Endlichkeit zu beschäftigen wird lieber vertrieben was nicht sein darf. Mir gefällt der Pragmatismus von Elsbeth Wandeler. Gerne weiter so.

Annemarie Kurth
03. Februar 2026 um 09:00

Danke!

Herzlichen Dank für diesen gut recherchierten Artikel! Ich kann nicht verstehen, wie man gegen den Bau eines Hospizes kämpfen kann - ein Kampf gegen das Sterben? Eher sollten wir uns damit auseinandersetzen, dass der Tod zu unser aller Leben gehört - leider vielerorts heute ein Tabu… Augen schliessen oder gar dagegen protestieren ist nicht hilfreich, ‚Wertverminderung‘ der eigenen Liegenschaft resp. der Wohnqualität zu befürchten ein Hohn. Erstaunlich finde ich die Haltung der Verhinderer vor allem, weil es doch kaum Familien gibt, in denen nicht ein naher Verwandter, eine liebe Freundin, ein guter Nachbar, eine wichtige Bezugsperson als schwerkranker Mensch die Möglichkeit eines gut betreuten Lebensendes nötig hatte… Wo bleibt da die Empathie? Ich wünsche den InitiantInnen, besonders auch in den anderen geplanten Regionen, ein verständnisvolles Umfeld und ein uneingeschränktes Ja zur Erstellung weiterer so notwendiger Hospize!