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Wo Libellen dröhnen und Gletscher klagen

Sarah Heinzmann und Noah Pilloud sammelten für ein preisgekröntes Hörstück Naturgeräusche zur Klimakrise. Nun stellen sie ihr Werk der Öffentlichkeit vor.

Noah Pilloud und Sarah Heinzmann fotografiert am Freitag, 13. Februar 2026 in Bern. (hauptstadt.be / Simon Boschi)
Ein offenes Ohr für die Natur: Noah Pilloud und Sarah Heinzmann im Botanischen Garten in Bern. (Bild: Simon Boschi)

Sie horchten in Gletscherspalten, belauschten Libellen in blubbernden Mooren und hörten dem Matterhorn zu, wie es schwitzt, wenn der Permafrost in seinem Inneren taut. Die Berner Journalist*innen Sarah Heinzmann und Noah Pilloud von Radio RaBe haben für ihr Hörstück «Klänge des Anthropozän» den Förderpreis «Katalysatohr» 2024 der Stiftung Radio Basel bekommen. Am Podcast-Festival SonOhr (ab 27. Februar) in Bern präsentieren sie das Stück erstmals öffentlich.

Die halbstündige Hörreise durch die Schweiz zeigt die Effekte der Klimaerwärmung am lebenden Exempel und reflektiert die Beziehung zwischen Menschen und Ökosystemen. Neben eigenen Feldaufnahmen und Interviews mit Expert*innen sind Tonsamples der eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL und des Künstlers Ludwig Berger eingeflossen.

Beim Gespräch in Bern erzählen Heinzmann und Pilloud der «Hauptstadt», was sie bei ihrer Arbeit bewegt hat.

Sarah Heinzmann und Noah Pilloud, Sie wissen nun, wie man Klänge eines Gletschers aufnimmt. Was ist daran schwierig?

Sarah Heinzmann: Alles!

Noah Pilloud: Manche Geräusche des Gletschers sind sehr fein. Wenn man sie lauter stellt, wird auch das Eigenrauschen des Mikrofons lauter. Und obwohl Gletscher abgelegen sind, gibt es viele Geräusche in ihrer Umgebung. Da ist ein ständiges Fliessen, Plätschern und Rauschen. Davon probierten wir die leiseren Geräusche des Gletschers zu isolieren.

Womit hatten Sie Erfolg?

Heinzmann: Am besten funktionierte es, wenn wir Mikrofone in Gletscherspalten abseilten oder an Metallmessstangen im Eis befestigten. Auch ein Hydrofon, das wir in Wassermulden auf der Gletscherzunge tauchten, konnte Klänge erfassen, die man von blossem Ohr nicht hört, beispielsweise entweichende Luftbläschen. Wie bei einem Stethoskop.

Pilloud: Andere Versuche scheiterten. Etwa als wir einen Teekrug aus Chromstahl, den wir der Berghütte entliehen hatten, als Klangkörper verwenden wollten.

Wer oder was hat euch dazu bewogen, Klänge von schwindenden Gletschern, tauenden Bergen und schrumpfenden Mooren zu sammeln?

Pilloud: Wir hatten Lust, einmal anders über Klimathemen zu berichten als in unserem Radioalltag. Wir wollten den Geräuschen mehr Raum geben.

Heinzmann: Dass wir Naturgeräusche spannend finden, hatten wir während einer Reportageserie über den Klimawandel im Kanton Bern gemerkt. Inspiriert hat uns auch der Klangkünstler Ludwig Berger, bei dem ich an der Universität Bern eine Summer School zu «Ökologien des Hörens» besuchte. Er ist einer der Protagonisten im Stück. Intellektuell haben ausserdem die Philosophin Donna Haraway und die Autorin Carolin Emcke das Projekt geprägt. Haraway fordert, die Menschen sollten sich «verwandt» machen mit allem Lebendigen.

Pilloud: Carolin Emcke sagt, dass mit einer «Zeug*innenschaft» gegenüber Krisen und Kriegen eine moralische Pflicht, sorgsam darüber zu berichten, einhergehe. Das ist die Grundidee unseres Stücks: Wir verschaffen uns und den Hörer*innen über Geräusche einen affektiven Zugang zur Klimakrise und lassen sie so zu Zeug*innen werden.

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Machen das Klagen des Gletschers hörbar: Audio-Journalist*innen Heinzmann (links) und Pilloud an der Arbeit auf dem Grenzgletscher im Monte-Rosa-Gebiet. (Bild: Benjamin Buchan/zvg)

Sie haben Wissenschaftler*innen und einen Alpinisten ins Feld begleitet. Fanden Sie zuerst die Personen oder die Orte?

Pilloud: Beides. Der Glaziologe Matthias Huss und der Anthropologe Benjamin Buchan haben uns in ihre aktuellen Forschungsgebiete mitgenommen. Andere Orte suchten wir aus. Das Hochmoor im Misox und die Biologin Barbara Beer kannte ich von einem Zivildienst-Einsatz in Graubünden.

Heinzmann: Ja, du fandest Moore toll und ich Gletscher. Die Auswahl der Aufnahmeorte war etwas zufällig. Wir rechneten nicht damit, dass wir den Förderpreis gewinnen würden.

Warum haben Sie keine Tonspuren aus urbanen und dicht besiedelten Räumen, wo Sie beide leben, einbezogen? Der Begriff «Anthropozän» meint ja auch Phänomene wie Hitzeinseln oder Mikroplastik im Abwasser.

Pilloud: Das hatten wir anfangs vor, konzentrierten uns dann aber auf die Veränderungen in den grossen geologischen und biologischen Ökosystemen.

Heinzmann: Eine berechtigte Frage. Ein paar Hörer*innen meldeten uns zurück, sie hätten mehr industrielle Klänge erwartet. Der Titel ist zu unscharf, heute würden wir vielleicht einen anderen wählen.

Hat sich Ihre Beziehung zu den Orten, die Sie erkundet haben, verändert?

Heinzmann: Ja, sicher. Für das Gletschervorfeld des Unteraargletschers etwa habe ich über das Innehalten dort eine tiefe Liebe entwickelt. Und unser Verständnis für die fliessenden Grenzen und Verwobenheiten von Landschaften ist gewachsen.

Noah Pilloud und Sarah Heinzmann fotografiert am Freitag, 13. Februar 2026 in Bern. (hauptstadt.be / Simon Boschi)
«Es macht etwas mit einem, wenn ein Gletscher klingt wie ein klagender Mensch»: Sarah Heinzmann und Noah Pilloud. (Bild: Simon Boschi)

Sehen Sie geologische und biologische Strukturen nun auch mehr als «personenhafte Wesen», wie sie im Stück der Anthropologe Benjamin Buchan und der Künstler Ludwig Berger bezeichnen?

Pilloud: Wenn man sich lange mit einem Ort beschäftigt, kann das passieren. Selbst ein Wissenschaftler erzählte uns, es sei wie «von einem Freund Abschied zu nehmen», wenn ein Gletscher verschwindet. Es ist allerdings zweischneidig, Dinge und Orte zu personifizieren. Wir schreiben ihnen menschliche Züge zu, die sie nicht haben.

Heinzmann: Es macht etwas mit einem, wenn der Gletscher klingt wie ein klagender Mensch. Aber ich fände es schade, wenn man ein Ökosystem nur schützen will, wenn man ihm menschliche Eigenschaften zuschreibt.

Im Vorfeld des Unteraargletschers haben Sie auch Tiere aufgenommen. Wie gelang es Ihnen, Libellen so nah zu kommen, dass sie auf Band dröhnen wie Helikopter?

Heinzmann: Wir haben um eine Pfütze herum Stereo- und Richtmikrofone platziert, wie in einer Arena.

Pilloud: So konnten wir eine Räumlichkeit herstellen. Nach einer halben Stunde gingen wir weg und liessen die Aufnahme laufen. Als wir dann eine Libelle das erste Mal auf dem Kopfhörer hörten, war es schon sehr besonders.

Es plätschert, knirscht, summt, zwitschert. Klingt nach einer schönen, fast entspannenden Arbeit. War sie das?

Pilloud: Auf dem Gletscher war es nicht immer entspannend, wegen der Sicherheit. Wir konnten nicht allzu lange auf einer Stelle bleiben, gerade zur Mittagszeit im Sommer.

Heinzmann: Aber es war mega schön. Beim Aufnehmen draussen sitzt man lange regungslos da und hat Zeit, den Ort zu beobachten und mit allen Sinnen wahrzunehmen. Für mich fühlt sich dieses Verweilen meditativer und verbindender an, als durch die Landschaft zu wandern.

Pilloud: Uns ging es von Anfang an nicht nur ums Ergebnis, sondern auch stark um die Praxis, sich übers Zuhören bestimmten Ökosystemen zu nähern. Diese Erfahrung teilen wir über das Hörstück nun mit dem Publikum.

Uraufführung «Klänge des Anthropozän»: Freitag, 27. Februar, 21 Uhr, Kino Rex. SonOhr, 27.-29.2.: https://sonohr.ch

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