Ewige Chemikalien über Langenthal
Ein schützenswerter Wald im Oberaargau ist besonders stark mit PFAS belastet. Woher kamen die Stoffe?
Der weitläufige Wald an der Grenze zwischen Langenthal und Roggwil ist einzigartig. Saftiges Moos wächst überall, auch bis in die Bäume hoch und den Ästen entlang. Das Gebiet steht gar unter europäischem Schutz. Als Teil des Smaragdgebiets Oberaargau bietet der Wald auch bedrohten Arten wichtigen Lebensraum.
Doch Recherchen der «Hauptstadt» zeigen, dass dieser schützenswerte Wald erheblich mit sogenannten Ewigkeitschemikalien – per- und polyfluorierten Alkylverbindungen (PFAS) – belastet ist. Und sie zeigen auch, dass sich weder Bund noch Kanton besonders für die Belastung interessieren. Wie und woher die Giftstoffe in die Erde gelangten, ist auch deshalb unklar. Es gibt einzig Vermutungen – und einen höchst willkommenen Chemiekonzern mitten in der Stadt.
Per- und polyfluorierte Alkylverbindungen (abgekürzt PFAS) sind eine grosse Gruppe chemikalischer Stoffe. Ihre Entwicklung geht auf die Entdeckung von Teflon Ende der 1930er-Jahre zurück. PFAS können nur künstlich hergestellt werden und werden in der Umwelt nicht abgebaut. Diese «Ewigkeitschemikalien» können sich deshalb in Mensch, Tier und Natur anreichern. So können sie auch toxisch wirken. Einzelne Stoffe sind erwiesenermassen krebserregend.
Basil Thalmann, Forscher an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften, entdeckte die Chemikalien im Waldboden vor drei Jahren durch Zufall. Im Auftrag des Bundesamts für Umwelt untersuchte sein Team Bodenproben des Nationalen Bodenmonitorings (NABO) punktuell auf PFAS. Jene aus dem Langenthaler Wald stammte von 2014. Sie wies 5’500 Nanogramm PFAS pro Kilogramm Erdmaterial auf – es war der höchste im Rahmen dieser Untersuchungen gemessene Wert im Kanton Bern.
Die Zahl sorgte bei den Forschenden für Stirnrunzeln. Denn auch schweizweit zeigten nur gerade fünf Prozent der untersuchten Proben höhere Werte. Sie sind auch im Vergleich mit Werten einer neueren Studie aus Deutschland hoch.
Thalmann sagt: «Wir erachten es als wahrscheinlich, dass ein spezifischer Eintrag von PFAS vorliegt.» Anders ausgedrückt: In der Nähe dürfte sich eine Quelle für die Vergiftung des Bodens befinden. Doch worum es sich dabei handelt und wie die Chemikalien von da in den Waldboden gelangten, konnte sein Team bisher nicht genauer untersuchen. Im Gebiet ist auch kein bereits belasteter Standort – wie etwa eine ehemalige Deponie – gelistet.
So kann Thalmann nur eine Vermutung anstellen: Die giftigen Stoffe dürften am Wahrscheinlichsten über die Luft, via Wind oder Niederschlag in den Waldboden gelangt sein.
Dass Wälder vergleichsweise hohe PFAS-Konzentrationen aufweisen können, ist bekannt. In der Schweiz fehlt bisher aber entsprechende Forschung dazu. In einem laufenden Projekt wird erst ausgetestet, wie sich eine PFAS-Übertragung via Luft überhaupt untersuchen liesse.
Wälder filtern PFAS aus der Luft
In Österreich ist man weiter. Gemäss dem Österreichischen Umweltbundesamt, das vor wenigen Jahren eine grosse Monitoringstudie abschloss, können Emissionen, sowie Windrichtung und der Niederschlag eine PFAS-Belastung im Waldboden beeinflussen. «Atmosphärische Einträge werden von der Waldvegetation gefiltert, gelangen jedoch früher oder später über Auswaschungsprozesse in den Boden», schreibt das Amt der «Hauptstadt» auf Anfrage.
Untersuchungen hätten auch in Deutschland gezeigt, dass Forststandorte im Vergleich zu Grün- und Ackerland höher mit PFAS belastet waren. Dass sich die toxischen Stoffe auch in Wildtieren anreichern ist mittlerweile gut belegt. So konnte eine Analyse von archivierten Rehlebern jüngst gar zeigen, welche Stoffe wann in die Welt gesetzt wurden – und wie sie nach Verboten wieder aus den Tierkörpern verschwanden.
Der Langenthaler Messstandort befindet sich erhöht am Rand einer Lichtung, es wachsen hier Jungtannen. «Es ist ein besonderer Wald», erklärt Werner Stirnimann aus seinem Büro mitten in Langenthal. Stirnimann ist Inhaber einer kleinen Firma im Bereich nachhaltige Entwicklung und Geschäftsführer des Vereins «Smaragdgebiet Oberaargau». Dieser setzt sich dafür ein, dass hier im Grenzgebiet der Kantone Solothurn, Bern, Aargau und Luzern bedrohte Tier- und Pflanzenarten erhalten und gefördert werden. Denn im Rahmen der Berner Konvention verpflichtete sich die Schweiz vor über 35 Jahren vertraglich dazu, die Artenvielfalt zu fördern. In der Folge deklarierte sie die Region als europäisches Schutzgebiet.
Waldboden hält Wasser zurück
Das Waldstück mit vornehmlich Fichten und Tannen liegt auf einem Plateau nördlich der Untersteckholzstrasse, leicht erhöht über Langenthal und Roggwil. Es ist auch Naherholungsgebiet mit Waldhütten, Grillplätzen und einer Burgstelle. Neben kleinen Erhebungen durchziehen immer wieder kleine Gräben den dichtgestampften Grundmoränenlehm aus der vorletzten Eiszeit.
Vereinfacht ausgedrückt verhindern Lehm und Plateaulage ein vergleichsweise rasches Abfliessen des Regenwassers und sorgen für einen staunassen Waldboden. Somit könnten hier PFAS besonders lang im Boden bleiben. In dieser feuchten Umgebung gedeihen aber auch das seltene Peitschenmoos oder wilde Heidelbeeren. Und deshalb fühlt sich die schweizweit gefährdete Gelbbauchunke hier an sonnigen Stellen besonders wohl.
«Es sollte uns zu denken geben, dass ein derart naturnaher Wald eine hohe Schadstoffbelastung aufweist. Und dass sich somit die Schadstoffemissionen praktisch vor unserer Haustür ablagern», sagt Stirnimann.
Wenige hundert Meter vom Messstandort entfernt befindet sich eine Quelle mit kleiner Gewässerschutzzone. Wie stark sie belastet ist, weiss aber gemäss der Industriellen Betriebe Langenthal niemand. Das Wasser werde nicht als Trinkwasser genutzt, sondern fliesse in entsprechend gekennzeichnete Brunnen. Deshalb werde seine Qualität auch nicht geprüft.
Stadt, Kanton, Bund: Keine Messungen
Nach Abschluss seiner Arbeiten übergab ZHAW-Forscher Thalmann die Resultate dem Kanton Bern. Doch gezielte Folgeuntersuchungen sind bisher nicht erfolgt. Solche könnten etwa klären, ob die Belastung seit 2014 zu- oder abgenommen hat und ob sie das ganze Waldgebiet betrifft.
Irene Wittmer, Leiterin des Berner Gewässer- und Bodenschutzlabors und einer Aktionsgruppe für PFAS in der Kantonsverwaltung sagt: «Heute gehen wir davon aus, dass es im Einzugsgebiet von Langenthal keinen sogenannten Hotspot gibt. Detaillierte Untersuchungen haben bis dato in Langenthal nicht stattgefunden.»
Wittmer rechnet zwar damit, dass gewisse Unternehmen in Langenthal PFAS abgeben. Dem Kanton seien aber keine Industriebetriebe bekannt, die PFAS in die Luft emittierten. Weil die Luftreinhalte-Verordnung des Bundes derzeit keine Emissionsvorschriften für solche Stoffe enthält, muss der Kanton auch keine generellen Massnahmen ergreifen. «Sobald Grenzwerte und Messverfahren festgelegt sind, müssen relevante Quellen identifiziert und die Einhaltung periodisch überprüft werden», sagt Wittmer.
Gemäss einem kurz vor Weihnachten publizierten Bericht des Bundesrates existieren hierzulande fast keine Daten über PFAS in der Luft. Die Autor*innen finden, die Schweiz sollte über PFAS-Luftgrenzwerte diskutieren. Andere Länder würden bereits Richtwerte kennen. Als denkbare Quellen für PFAS in der Luft nennen sie Verbrennungsanlagen und vermuten: Bei der Verbrennung von PFAS-haltigen Materialien in Kehricht-, Sonderabfall- und Klärschlammverbrennungsanlagen oder in Zementwerken werde ein geringer Teil der PFAS möglicherweise nicht vollständig zerstört.
Der Abfall der Langenthaler Industriebetriebe verbrennt eine halbe Autostunde westwärts ennet der Kantonsgrenze im solothurnischen Zuchwil. Dazu gehören auch PFAS-haltige Hydraulikmittel, Lebensmittelverpackungen und Metallbeschichtungen. Nach Angaben der Betreiberfirma Kenova verfügt die Anlage seit 25 Jahren über einen Luftfilter mit Aktivkohle, der PFAS filtert. Luftmessungen auf PFAS haben gemäss Solothurner Amt für Umwelt bei der Anlage noch nicht stattgefunden.
Der Chemie-Multi mit giftigem Vermächtnis
Sowohl im Filter als auch in der Zuchwiler Luft sollte jener Stoff, der in der Langenthaler Probe mit der höchsten Konzentration gefunden wurde, heute kaum mehr vorkommen: Perfluoroctansulfonsäure (PFOS). Weil seine Giftigkeit erwiesen war, schränkte die EU die Verwendung des Stoffs im Jahr 2009 erheblich ein. Zwei Jahre später zog die Schweiz nach – fast 60 Jahre nachdem die ersten PFOS-Massenprodukte wie Textilbeschichtungssprays in alle Welt verkauft worden waren.
Bis dahin war es den weltweit grössten PFOS-Herstellern gelungen, die Gefährlichkeit des Stoffs jahrzehntelang zu verheimlichen. Wie rücksichtslos der US-Chemiegigant 3M dabei vorging, zeigt eine grosse Recherche des US-Non-Profit-Mediums «Pro Publica und des renommierten Magazins «New Yorker». Heute steht der Konzern unter Druck. Nach grossen Vergiftungsskandalen rund um Fabriken im US-Bundesstaat Minnesota oder im belgischen Antwerpen kündigte die Firma vor wenigen Jahren an, ganz aus dem PFAS-Geschäft aussteigen zu wollen.
Ob das gelingt, dürfte auch in Langenthal interessieren. Jedoch nicht zuerst wegen des Waldstücks oben über der Stadt. In einem rund 40 Millionen Franken teuren Neubau direkt am Bahnhof geschäftet eine 3M-Tochtergesellschaft. Diese produziert keine Chemikalien, sondern organisiert Beschaffung und Logistik von 3M-Produkten für Europa, den Nahen Osten und Afrika.
Als die ersten Angestellten im Herbst 2016 ihre neuen Büros bezogen, feierten Langenthal und der Kanton Bern auch ihr erfolgreiches Buhlen um 3M. In der «Berner Zeitung» liess der damalige Langenthaler Stadtpräsident durchblicken, dass das Unternehmen dank einem Deal mit dem Kanton vor Ort kaum Steuern bezahlen muss. Doch er freute sich auf die vielen Angestellten, welche in Langenthal ihr Geld ausgeben würden. Der Zuzug des Chemieriesen sei eine «Erfolgsgeschichte auf diversen Ebenen».
Die ersten Details über die giftigen Geheimnisse des Konzerns waren da erst wenige Monate zuvor an die US-Öffentlichkeit gedrungen. Und jene des Waldbodens über der Stadt schlummerten noch tief verborgen in einer zwei Jahre alten Erdprobe.
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