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«Ich würde dieses Wasser nicht trinken»

Philipp Wanner untersucht in Schweden PFAS. Im Interview erklärt er, weshalb das Land im Umgang mit Ewigkeitschemikalien viel weiter ist als die Schweiz. Und beurteilt die Werte im Berner Wasser.

Portraits von Philipp Wanner, Dozent an der Universität Göteborg für das Online-Medium Hauptstadt, in Köniz, Liebefeld Park am 29.12.2025
Untersucht das schwedische Wasser auf Schadstoffe: Philipp Wanner im Liebefeld Park. (Bild: Daniel Bürgin)

2024 wurden im bernischen Walliswil hohe Werte von PFAS-Chemikalien gemessen. Das Walliswiler Trinkwasser enthielt pro Liter über 100 Nanogramm der vier bekanntesten PFAS-Stoffe. Gemäss Recherchen der «Hauptstadt» fliesst dieses Wasser auch bald zwei Jahre später noch. Wie beurteilen Sie das? Philipp Wanner: Ich würde dieses Wasser nicht trinken und kann das zögerliche Vorgehen der Behörden nicht nachvollziehen. Die Fakten bezüglich der Gesundheitsrisiken der Stoffe sind klar. Es ist höchst erstaunlich, wie hoch die Schweizer Grenzwerte immer noch sind – wenn es sie denn überhaupt gibt. Diese hohen Grenzwerte dürften auch der Grund sein, weshalb man in der Schweiz vergleichbar zögerlich untersucht und immer noch kaum handelt.

Zur Person

Philipp Wanner (39) ist ausserordentlicher Professor in Schadstoff-Hydrogeologie an der Universität Göteborg. Er forscht zur Qualität des schwedischen Grund- und Trinkwassers und führt ein Labor. Wanner wuchs in Köniz auf, studierte an der Uni Bern Geologie und spezialisierte sich bereits im Masterstudium auf Umwelt-Geochemie und Trinkwasserbelastungen. Seit 2020 setzt er sich schwerpunktmässig mit PFAS auseinander.

Der schwedische Grenzwert ist auch im europäischen Vergleich sehr tief – vier Nanogramm pro Liter Trinkwasser für die Summe dieser vier PFAS. Die Schweiz kennt keinen Summenwert. Es gibt hierzulande nur für drei der vier Stoffe einzelne Grenzwerte. Eine Summe läge mindestens dreihundert Mal höher. Weshalb ist Schweden so streng? Philipp Wanner: Der schwedische Grenzwert geht auf eine Risikoeinschätzung der Europäischen Lebensmittelsicherheitsbehörde EFSA aus dem Jahr 2020 zurück. Die Expert*innen untersuchten im Auftrag der Europäischen Kommission die gesundheitlichen Risiken der vier PFAS-Stoffe. Daraus leiteten sie einen Wert für eine tolerierbare wöchentliche Einnahmemenge der Summe der vier Stoffe pro Kilogramm Körpergewicht ab. Das schlug hohe Wellen, weil der neue Wert einige Grössenordnungen tiefer war als damals geltende Werte. Besonders die Schwächung des Immunsystems durch die Stoffe galt als erwiesen. Schweden machte dann Annahmen über die Trinkwassermenge, die wir wöchentlich aufnehmen und orientierte sich bei der Festlegung eines Grenzwerts am Körpergewicht von Kleinkindern. Norwegen kennt übrigens denselben Wert, Dänemark ist mit zwei Nanogramm pro Liter für die Summe der vier Stoffe gar doppelt so streng. Deutschland wird ab 2028 einen Grenzwert von 20 Nanogramm pro Liter einführen.

Dieser Bericht dürfte auch Schweizer Behörden bekannt sein. Weshalb haben nur die nordischen Länder gehandelt? Philipp Wanner: Die Gesundheit der Bevölkerung steht hier einfach über anderen möglichen Interessen. Wirtschaftliche Faktoren und hohe Sanierungs- oder Aufbereitungskosten waren weniger wichtig.

Spielten in Schweden nicht auch Vergiftungsskandale eine Rolle? Philipp Wanner: Absolut. Die hohen PFAS-Belastungen von Trinkwasser in Uppsala und Ronneby wurden 2012 und 2013 publik. In Uppsala war die PFAS-Belastung etwa in der selben Grössenordnung wie heute in Walliswil. In Ronneby waren die Werte nochmals viel höher. In der Folge wurde dann schon 2013 der erste Grenzwert von 90 Nanogramm pro Liter – also bereits unter den heutigen Werten in Walliswil – für die Summe von neun Stoffen festgesetzt. Als sieben Jahre später der EFSA-Bericht erschien, war man deshalb schon viel weiter und wusste mehr über die Stoffe, ihre Gefährlichkeit oder ihre Verbreitung.

Wie lernte Schweden damals die Stoffe kennen? Philipp Wanner: Das geschah im Zuge gezielter Untersuchungen. Anfang der 2010er-Jahre begann man in Schweden erstmals, Grund- und Trinkwasser systematisch auch auf PFAS zu analysieren. Dabei stiess man in der Nähe eines Militärgeländes bei Uppsala auf unerwartet hohe Konzentrationen, verursacht durch den langjährigen Einsatz PFAS-haltiger Feuerlöschschäume. In der Folge wurden weitere militärische Standorte untersucht, wobei man im südschwedischen Ronneby auf extrem hohe Belastungen stiess. Und zwar sowohl im Trinkwasser als später auch im Blut der betroffenen Bevölkerung, die zu den höchsten weltweit dokumentierten gehören.

Der neue schwedische Grenzwert gilt seit Anfang Jahr. Mussten bereits Wasserhähne zugedreht werden? Philipp Wanner: Soweit ich weiss nicht. Die Trinkwasserproduzenten wurden schon vor zwei Jahren über diesen Schritt informiert und konnten sich vorbereiten. Alle, die in Schweden Trinkwasser zur Verfügung stellen, müssen regelmässig Analyseresultate an eine Kontrollstelle schicken. Was bei einer Überschreitung des Grenzwerts passieren würde, ist aber noch nicht ganz klar.

Wie gross wären die Konsequenzen, wenn die Schweiz einen ähnlich tiefen Grenzwert wie Schweden einführen würde? Philipp Wanner: Sie wären immens. Man müsste noch viel mehr Trinkwasser teuer aufbereiten. Das würde sehr viel kosten. Die Schweiz ist auch viel dichter besiedelt als Schweden und wie die ersten Bodenanalysen zeigen, dürfte die Schadstoffbelastung eher noch höher sein als in Schweden. Man müsste viele belastete Standorte sanieren oder bereits sanierte Standorte nochmals neu beurteilen. Als belastet könnten dann nicht nur Flugplätze, sondern beispielsweise auch Ackerflächen oder Wälder gelten.

Was sind PFAS?

Per- und polyfluorierte Alkylverbindungen (abgekürzt PFAS) sind eine grosse Gruppe chemikalischer Stoffe. Ihre Entwicklung geht auf die Entdeckung von Teflon Ende der 1930er-Jahre zurück. PFAS können nur künstlich hergestellt werden und werden in der Umwelt nicht abgebaut. Diese «Ewigkeitschemikalien» können sich deshalb in Mensch, Tier und Natur anreichern. So können sie auch toxisch wirken. Einzelne Stoffe sind erwiesenermassen krebserregend.

Diese Flächen kann man ja nicht alle sanieren. Welchen Weg sehen Sie? Philipp Wanner: Es gibt derzeit noch keine rechtsverbindlichen Grenzwerte für Böden. Da wird man entscheiden müssen, wo saniert wird und wo nicht. Wie langfristig mit belasteten Esswaren umgegangen werden soll, ist für mich noch unklar. Beim Trinkwasser sehe ich einen Paradigmenwechsel. Es dürfte in Zukunft grundsätzlich immer aufbereitet werden müssen.

Wie weit ist da die Technik? Philipp Wanner: Es ist möglich, die Konzentrationen der Stoffe unter die Grenzwerte zu senken, indem man das Wasser reinigt. Dies ist aber kosten- und energieintensiv. In Uppsala, wo das Wasser der ganzen Stadt zu stark belastet ist, funktioniert das zwar auch im grossen Stil mit Aktivkohlefiltern. Das Problem ist jedoch, dass die Filter wieder regeneriert werden müssen. Und das kann derzeit keine schwedische Firma. Deshalb müssen die Filter zur Reinigung nach Deutschland und wieder zurück transportiert werden. Zudem stellt sich die Frage, was mit dem PFAS-Abfall aus den Filtern passiert. Wir arbeiten derzeit an einem nachhaltigeren Verfahren mit Nano-Membranen, sind aber erst in der Entwicklungsphase.

Die Kosten für Monitoring und Aufbereitung werden in Schweden hauptsächlich von der Öffentlichkeit getragen. Wurden auch schon Verursacher belangt? Philipp Wanner: Ja, in den zwei grossen Fällen ist das geschehen. In Uppsala muss das Militär einen Teil der Kosten der Trinkwasseraufbereitung tragen. In Ronneby klagten Einwohner*innen gegen den Trinkwasseranbieter wegen dem körperlichen Schaden, den sie erlitten hatten. Sie erhielten Recht. Doch nun dürfte der Wasserbetrieb gegen das Militär klagen. Es ist auch da erwiesenermassen der Verursacher.

Wurde der heutige Gesundheitszustand der Menschen in Ronneby, die teilweise über Jahrzehnte stark mit PFAS belastetes Wasser getrunken hatten, untersucht? Philipp Wanner: In der Bevölkerung wurden Häufungen einzelner seltener Krebsarten festgestellt. Ob diese Erkrankungen ursächlich auf die hohe PFAS-Belastung zurückzuführen sind, lässt sich derzeit jedoch nicht mit Sicherheit belegen. Auch mögliche Langzeitwirkungen werden weiter erforscht. Angesichts der bekannten gesundheitlichen Risiken erscheint es sinnvoll, auch in der Schweiz und im Kanton Bern Massnahmen zu ergreifen, um die Aufnahme von PFAS vorsorglich und möglichst rasch zu minimieren.

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