Altlasten und Misstrauen

Wie die Universitären Psychiatrischen Dienste in Schieflage gerieten.

Gelaende der UPD fotografiert am Freitag, 19. Juli 2024 in Bern. (VOLLTOLL / Manuel Lopez)
Der Ton zwischen UPD und Kanton hat sich 2023 zunehmend verschlechtert: Regierungsrat Pierre Alain Schnegg und der UPD-Verwaltungsrat kommunizierten in dieser Phase mittels Briefen miteinander. (Bild: Manuel Lopez)

Für die Universitären Psychiatrischen Dienste (UPD) geht ein äusserst turbulentes Jahr zu Ende.

Der gesamte Verwaltungsrat und der Vorsitzende der Geschäftsleitung der UPD wurden im Juni ausgewechselt. Neue Köpfe sollen es richten. Am 11. Juni hat das Kantonsparlament einen Rettungsschirm für die UPD aufgespannt, indem es 100 Millionen Franken für die Liquiditätssicherung der Berner Spitäler gesprochen hat. Eine erste Tranche von 24 Millionen Franken wurde im November auf Antrag des neuen Verwaltungsrats an die UPD überwiesen.

Wie konnten die UPD in eine solche Schieflage geraten? Welchen Anteil daran trägt die ehemalige UPD-Führung? Und was ist die Rolle des Kantons, der immerhin Eigner der als Aktiengesellschaft organisierten Institution ist? 

Um Antworten auf diese Fragen zu finden, hat die «Hauptstadt» gestützt auf das Öffentlichkeitsgesetz die interne Kommunikation zwischen Kanton und UPD-Leitung von Frühling 2023 bis Januar 2024 herausverlangt, analysiert und mehrere Recherche-Gespräche mit involvierten Entscheidungsträger*innen geführt.

Dabei ist klar geworden: Der Ton zwischen UPD und Kanton hat sich in dieser Zeit zunehmend verschlechtert. Der zuständige Gesundheitsdirektor Pierre Alain Schnegg (SVP) schien ein Misstrauen gegen den UPD-Verwaltungsrat um Präsidentin Patricia Kellerhals zu entwickeln. Der Verwaltungsrat und die Gesundheitsdirektion kommunizierten aneinander vorbei.

Eine gewichtige Rolle spielen dabei Altlasten wie die denkmalgeschützten Bauten, für deren Unterhalt die UPD vom Kanton bei der Auslagerung in eine AG 2017 wohl zu wenig finanzielle Mittel erhalten haben. Nicht zu unterschätzen ist ein altes, verheimlichtes Tarifproblem, das zur verzögerten Kündigung der zu tiefen Tarife führte.

Zentral für die finanziellen Probleme scheint aber auch eine personelle Altlast: Der im Januar 2024 pensionierte Chefarzt der Erwachsenen-Psychiatrie Werner Strik. Er war 2012 nach einer Entlassung durch die damalige UPD-Führung vom Regierungsrat wieder eingestellt worden. Laut dem Verwaltungsrat sträubte er sich aber weiterhin dagegen, wirtschaftliche Vorgaben und einnahmenrelevante Massnahmen richtig umzusetzen.

Die UPD legten zu grosse Hoffnungen in einen unrealistisch hohen provisorischen Tarif, den der Kanton hätte festlegen sollen. Und in die Fusion mit dem Psychiatriezentrum Münsingen (PZM). 

Der Kanton stemmte sich gegen eine zu schnelle Fusion. Er sprach nicht die Tarife, mit denen die UPD gerne gerechnet hätte. Und er desavouierte damit Verwaltungsrät*innen, die er selbst eingesetzt hatte, bis sie in globo zurücktraten.

Laut Regierungsrat Pierre Alain Schnegg hat der Verwaltungsrat «zu wenig professionell» gearbeitet. Laut mehreren Verwaltungsrät*innen hat der Regierungsrat eine schnelle Lösung gegen die UPD-Führung blockiert.

Die Wahrheit liegt wohl irgendwo dazwischen. 

Das zeigt die folgende Aufarbeitung in sieben Kapiteln.

1) Der verschärfte Ton

Verschärfungen klingen manchmal leise und dezent. Am 28. September letzten Jahres schickt Regierungsrat Pierre Alain Schnegg einen Brief an die damalige UPD-Verwaltungsratspräsidentin Patricia Kellerhals. Betreff: «Vorgänge in der Stiftung Psychiatrie-Museum Bern». Darin fordert er sie zu einer Stellungnahme auf. Ob es zutreffe, dass beim Psychiatrie-Museum Geld veruntreut worden sei. Es folgt ein Fragenkatalog. So etwa, warum keine Info an den Eigner, also den Kanton, erfolgt sei und welchen Einfluss die Vorgänge auf die geplante Fusion mit dem PZM haben. Als Frist für die Beantwortung wird der 13. Oktober genannt. Es ist die Zeit der Herbstferien in Bern, Verwaltungen und Ämter laufen auf Sparflamme, es gibt viele Abwesenheiten.

Pikant aber ist: Eigentümerin des 1993 in der heutigen Form eröffneten Psychiatrie-Museums sind gar nicht die UPD, sondern eine Stiftung. Es existiert zwar eine räumliche Nähe zur UPD, das Psychiatrie-Museum ist aber «rechtlich, finanziell und organisatorisch unabhängig von der UPD AG», wie Patricia Kellerhals in ihrer Antwort am 9. Oktober festhält. Warum fordert Pierre Alain Schnegg dann in einem so formellen Brief eine Stellungnahme von den UPD? Warum nimmt er nicht einfach das Telefon in die Hand und fragt nach, wie er es zu anderen Gelegenheiten in der von der «Hauptstadt» analysierten Periode nachweislich auch gemacht hat? Zumal der Kanton mit einer kleinen Recherche selber hätte feststellen können, dass das Psychiatrie-Museum einer unabhängigen Stiftung gehört. «Wenn Sie mit Whistleblowern zu tun haben, müssen Sie gewisse schriftliche Unterlagen haben», sagt Regierungsrat Pierre Alain Schnegg heute dazu. «Ein Telefonanruf wäre zu informell gewesen.» 

Das Problem beim Psychiatriemuseum ist nur ein kleiner Nebenschauplatz. Aber der UPD-Verwaltungsrat empfindet diesen formalistischen Brief als Affront, als Misstrauensvotum. Zu dieser Zeit kämpfen die UPD mit ganz anderen Problemen finanzieller Art, die Liquidität könnte bald nicht mehr gegeben sein. Am 9. Oktober verfasst der Verwaltungsrat ein Schreiben an den gesamten Regierungsrat. Darin wird zuerst auf sachliche Punkte eingegangen, bevor es in den Schlusssätzen emotional wird. Eine Verzweiflung ist zwischen den Zeilen zu spüren:

«Die Zeit ist knapp und es steht viel auf dem Spiel. Darum erlauben wir uns an dieser Stelle ehrliche Worte: Seit dem Wechsel an der Spitze des Verwaltungsratspräsidiums Mitte 2022 meinen wir ein Misstrauen gegenüber den Organen der UPD AG zu erleben, bis hin zum Eindruck, dass der Verwaltungsrat und die Geschäftsleitung der UPD AG als untauglich angesehen würden. (...) Wir würden gerne mit einer Delegation des Regierungsrats in einen offenen Austausch treten und klären, was Sache ist und wie eine reibungslose Zusammenarbeit hergestellt werden kann.»

Veruntreuung beim Psychiatriemuseum

Beim Psychiatrie-Museum der UPD, das in eine Stiftung ausgelagert ist, kam es im Jahr 2022 zu einer Veruntreuung von Geldern. Ein ehemaliger Mitarbeiter, der mittlerweile verstorben ist, hat eine substanzielle Summe aus der Kasse der Stiftung entwendet. «Das Stiftungsvermögen wurde massiv beschädigt», bestätigt der damalige Stiftungsratspräsident Werner Strik. Es sei eine wesentliche Summe, welche die Existenz des Museums in Gefahr gebracht habe. Laut Strik hat der Veruntreuer seine Kompetenzen missbraucht, nachdem das Controlling von der UPD an die Stiftung übertragen worden war. «Der Mitarbeiter hatte das Museum jahrzehntelang tadellos geleitet und war eine Vertrauensperson», sagt Strik. «Sobald wir das Problem sehen konnten, haben wir reagiert und Strafanzeige eingereicht.» Die Situation des Museums sei weiterhin kritisch. «Es ist zum Überleben auf die Unterstützung von Institutionen und Sponsoren angewiesen.»

Der Brief wird laut den Unterlagen, die der «Hauptstadt» vorliegen, vom Regierungsrat zur Kenntnis genommen. Zudem wird festgehalten, dass die Federführung bei Pierre Alain Schneggs Gesundheits-, Sozial- und Integrationsdirektion (GSI) liege. Darauf angesprochen meint Schnegg heute dazu, der Regierungsrat in corpore habe den Verwaltungsrat der UPD im Jahr 2023 zweimal getroffen. «Wir haben uns nie geweigert, mit den Leuten zu diskutieren.»

In der Folge kommunizieren UPD und Kanton zunehmend ruppig miteinander und immer öfter auch aneinander vorbei. So etwa, als die UPD im Januar 2024 kurzfristig Sparmassnahmen kommunizieren, von denen sich der Kanton umgehend distanziert.

2) Die finanzielle Schieflage

Eine der Hauptursachen für die dramatische Entwicklung der finanziellen Situation der UPD im letzten Jahr sind die Tarife, nach denen die Krankenkassen die Leistungen der Spitäler vergüten. Insbesondere die Tarife für ambulante Behandlungen sind laut verschiedenen involvierten Entscheidungsträger*innen und auch Expert*innen seit Jahren deutlich zu tief. Wenn es dann noch bei der Auslastung der besser vergüteten stationären Behandlungen hapert, was bei der UPD der Fall ist, kann sich die Situation schnell verschärfen. 

Diese Tarife waren in der Kommunikation zwischen UPD und Regierungsrat Schnegg ein Dauerbrenner. 

Die unterschiedlichen Interpretationen und Positionen von UPD und Schnegg lassen sich exemplarisch nachzeichnen aufgrund eines Briefwechsels vom Januar 2024.

Am 3. Januar 2024, also quasi aus den Weihnachtsferien, schickt UPD-Verwaltungsratspräsidentin Patricia Kellerhals Gesundheitsdirektor Pierre Alain Schnegg per Einschreiben einen Brief mit dem Betreff: «Kritische Informationen für den Eigner der UPD». Nach etlichen Hilferufen ist in diesem Schreiben eine Art Resignation spürbar. Der Brief bringt die dramatische finanzielle Lage auf den Punkt.

Gelaende der UPD fotografiert am Sonntag, 15. Dezember 2024 in Bern. (VOLLTOLL / Manuel Lopez)
Altlasten in Form von alten, renovationsbedürftigen Gebäuden und die zu kleine finanzielle Mitgift der Politik bei der Auslagerung der UPD in eine AG sind wichtige Gründe für die aktuelle Schieflage. (Bild: Manuel Lopez)

Die Verwaltungsräte reagieren mit dem Brief auf die Vorschläge der GSI für die Festlegung des sogenannten Arbeitstarifs. Das ist ein provisorischer Tarif, der bis zum Ende der Verhandlungen mit den Krankenkassen angewendet wird. Hintergrund: Die UPD haben die Tarife auf Ende 2023 gekündigt und sind zu jenem Zeitpunkt ohne fixen Tarif. 

Mit dem von der GSI geplanten Arbeitstarif sei die Zahlungsfähigkeit der UPD innerhalb der nächsten «maximal zehn Monate» nicht mehr gesichert, schreibt Kellerhals. Die wirtschaftlichen und finanziellen Ziele der Eignerstrategie des Kantons seien somit nicht mehr zu erreichen.

Der Verwaltungsrat hatte 965 Franken pro Tag vorgeschlagen, der Regierungsrat hat den Tarif nun provisorisch auf 765 Franken gelegt.

3) Die fehlende Mitgift

Im Brief zählt Kellerhals einige Gründe für die sehr bedrohliche finanzielle Situation der UPD AG auf. Den Hauptgrund sieht der Verwaltungsrat in der aus seiner Sicht fehlerhaften Verselbständigung im Jahr 2017. So seien bei der Diskussion des Business-Plans der UPD im Grossen Rat die Risiken der Verselbständigung diskutiert worden, schreibt die VR-Präsidentin. Etwa die «unzureichende Finanzierung des stationären Angebots durch Tarpsy», die ungenügende Finanzierung des ambulanten Bereichs und der hohe Personal- und Ressourceneinsatz in den denkmalgeschützten Gebäuden. Der Grosse Rat habe auch die Risiken bei der Pensionskasse sowie Altlasten und Gebäudezustand diskutiert. Massnahmen zur Milderung der Probleme seien jedoch nicht definiert worden. «Alle diese Risiken sind eingetreten», bilanziert sie. 

Auch verschiedene ehemalige UPD-Verwaltungsrät*innen verweisen in Gesprächen auf die Altlasten in Form von alten, renovationsbedürftigen Gebäuden und die zu kleine finanzielle Mitgift der Politik bei der Auslagerung der UPD in eine AG. Laut weiteren Quellen hat man zudem den finanziellen Bedarf für den Aufbau der Informatik und der HR-Abteilung unterschätzt.

Im Schriftwechsel mit den UPD geht Regierungsrat Schnegg nicht auf das Argument der Altlasten bei den Gebäuden ein. Im aktuellen «Hauptstadt»-Interview hingegen räumt er ein, dass die Gebäude, welche die UPD im Baurecht übernommen haben, wohl eine zu grosse Hypothek gewesen seien.

Im Brief vom Januar 2024 argumentiert der Verwaltungsrat weiter, die demografische Entwicklung und die steigenden Fallzahlen würden die UPD treffen. Und als Psychiatrie fühle man sich der kantonalen Strategie «ambulant vor stationär» verpflichtet.

Seit der Verselbständigung kämpfe die UPD mit Krisen, zuerst Covid und nun die Versorgungskrise, die vor allem die Kinder- und Jugendpsychiatrie betreffe. In der Vergangenheit habe man auch nicht kostendeckende Aufträge übernommen, um die Versorgung gemäss den Plänen des Kantons sicherzustellen. 

4) Der langjährige Chefarzt

Im zentralen Hilfe-Schreiben von Anfang Januar räumt Kellerhals auch ein, dass die UPD selbst die Produktivität erhöhen müssen. Sie betont, dass mit der Nachfolgerin des langjährigen Klinikdirektors Werner Strik Vorbereitungen für eine optimierte Aufstellung der Klinik laufen würden. «Dies war in der Vergangenheit nicht möglich», schreibt die VR-Präsidentin im Brief und ergänzt: «Aufgrund der vom Kanton (im Jahr 2012) verfügten Wiedereinsetzung von Prof. Strik nach dessen Entlassung, waren Optimierungen nur in sehr geringem Masse umsetzbar.» 

Im Jahr 2012 machte der Regierungsrat nach einem Machtkampf, in den auch die Universität involviert war, die Entlassung Striks durch die damalige UPD-Direktorin Regula Mader aufgrund eines Gutachtens rückgängig. Mader hatte moniert, Strik habe gewünschte Massnahmen nicht umgesetzt. Danach leitete Strik bis zu seiner Pensionierung im Januar 2024 weiterhin die Erwachsenen-Psychiatrie, die für rund 70 bis 80 Prozent des UPD-Umsatzes verantwortlich ist.

Schnegg kritisiert im «Hauptstadt»-Interview, dass die UPD im Jahr 2023 eine massiv tiefere Anzahl an Nebendiagnosen verrechnet haben als andere Kliniken. Doch je mehr der gestellten Nebendiagnosen auch effektiv verrechnet werden, desto mehr nimmt eine Klinik pro Patient*in ein.  Und: Die ungenügende Rechnungsstellung der UPD haben diese laut Schnegg in den letzten fünf Jahren wohl rund 50 Millionen Franken gekostet. 

Gemäss Recherchen der «Hauptstadt» ist ein substanzieller Teil dieser fehlenden Einnahmen im Verantwortungsbereich von Chefarzt Strik zu suchen. Kellerhals bestätigt auf Anfrage: «Wenn man einen Chefarzt hat, der sich ständig querstellt, hat man ein Problem.» Die Erfassung der Nebendiagnosen sei in der Verantwortung des Klinikdirektors, sagt Kellerhals. «Wenn man weder Austrittsberichte schreibt, noch Anleitungen zu diesen erstellt, noch Mitarbeiter*innen in diesen Fragen coacht, kommt es nicht gut.» Der Verwaltungsrat und die Vorgänger*innen hätten solche Fragen immer wieder an Strik adressiert.

Strik selbst, der in Fachkreisen einen guten Ruf geniesst, sagte Anfang Jahr in einem Interview mit Bund/BZ: «Die Ökonomisierung ist sicherlich die Ursache für viele Probleme, die wir haben. Man kann ein Spital nicht wie einen Produktionsbetrieb organisieren.»

Auf Anfrage der «Hauptstadt» sagt der ehemalige Chefarzt: «Diese Schuldzuweisung des Verwaltungsrats an mich ist ein unwürdiges Schwarzpeterspiel, um sich selbst aus der Verantwortung zu ziehen.» Die Verrechnung der Leistungen sei eine Aufgabe der Verwaltung, sagt Strik. «Ausserdem höre ich zum ersten Mal, dass man mehr Nebendiagnosen hätte verrechnen sollen.» Es sei ein volkswirtschaftlich extrem heikler Auftrag an medizinische Fachpersonen, mehr Leistungen anzugeben, als erbracht wurden. «Andererseits ist der Druck auf Ertragssteigerungen im medizinischen Fachbereich nicht durch mangelnde Effizienz, sondern durch erhebliche Kostensteigerungen im Verwaltungsbereich entstanden, aufgrund zusätzlicher Stellen, zahlreicher kostspieliger Projekte und externer Beratungsfirmen.» 

Die Ökonomisierung der Medizin sei jedoch ein grundsätzliches Problem, sagt Strik weiter. «Wir werden an den verrechneten Leistungen gemessen.» Das sei sinnvoll im planbaren medizinischen Regelbetrieb. «Im Notfallbetrieb müssen wir aber da sein, 24 Stunden an 365 Tagen, ob Notfälle kommen oder nicht.» Man zahle ja auch die Feuerwehr nicht pro Einsatz – das würde falsche Anreize setzen – sondern für die Einsatzbereitschaft.

Im Interview mit der «Hauptstadt» räumt selbst Regierungsrat Schnegg verklausuliert ein, dass erst Striks Abgang eine Optimierung der Einnahmen möglich gemacht hat: «Ich gehe nicht davon aus, dass der neue Verwaltungsrat diesbezüglich schlechter gestellt ist als vorher.»

5) Das alte Tarifproblem

Die Gebäude und der Führungsstil des Klinikdirektors waren nicht die einzigen Altlasten, mit denen die im Sommer 2022 eingesetzte Verwaltungsratspräsidentin Kellerhals konfrontiert war. Auch ein altes Tarifproblem hat Auswirkungen bis in die Gegenwart. 

In seinem Antwortschreiben auf den UPD-Hilferuf kontert Schnegg am 16. Januar 2024, die GSI habe in verschiedenen Gesprächen dargelegt, «dass die UPD AG unrealistische Erwartungen an die provisorischen Tarife habe.» Es könne auch für die laufenden Tarifverhandlungen nicht mit einem Abschluss in dieser Höhe gerechnet werden.

Der Gesundheitsdirektor kritisiert, die UPD habe die Tarife viel zu spät gekündigt. «Damit wurde Substanz abgebaut und über Jahre hinweg den Krankenkassen signalisiert, dass die Höhe der Tarife bis 2023 korrekt war.» 

Kellerhals verweist in ihrer Antwort  auf ein altes, der Öffentlichkeit noch unbekanntes Tarifproblem.  Dadurch seien die Tarifverhandlungen jahrelang blockiert gewesen. 

Gemäss Recherchen der «Hauptstadt» haben die UPD in den Jahren 2013 bis 2018 – noch unter direkter Führung der GSI – den Krankenkassen zu hohe Kosten-Berechnungen angegeben und so die Tarifzahlungen der Krankenkassen ungerechtfertigt erhöht. 

Das Tarifproblem wurde laut Kellerhals im Jahr 2019 von der Beratungsfirma PWC aufgearbeitet und dann mit den Krankenkassen bereinigt, indem man den Tarif stark senkte. Die GSI wurde 2019 vom damaligen Verwaltungsratspräsident Heinz Hänni über das Tarifproblem informiert, wie Schnegg der «Hauptstadt» bestätigt. Laut einer damals involvierten Quelle hat der UPD-Verwaltungsrat entschieden, die Sache ohne Information der Öffentlichkeit zu bereinigen, um einen Reputationsschaden zu verhindern.

Die sehr späte Tarifkündigung auf Ende 2023 begründet Kellerhals auf Anfrage mit diesem alten Problem: «Man wollte nach den fälschlicherweise zu hohen Tarifen in der UPD während mehrerer Jahre eine saubere Datenbasis zu den Kosten erarbeiten, bevor man bei den Krankenkassen die Kündigung einreicht. Die Corona-Jahre haben diese Phase zusätzlich verlängert.»

Das lässt Pierre Alain Schnegg nicht gelten. «Nachdem die UPD die Sache damals mit den Krankenkassen beigelegt hatte, hätte man die Tarife kündigen können.» Das sei aber bis 2023 nicht passiert. Wobei zu beachten ist, dass VR-Präsidentin Patricia Kellerhals erst ab Sommer 2022 im Amt war. Davor waren unter anderen VR-Präsident Heinz Hänni und auch der heutige Generalsekretär von Schnegg – Alexandre Schmidt – als CEO für das Dossier zuständig. 

6) Das Allheilmittel Fusion 

Morgenrot heisst das Projekt zur Abklärung einer Fusion zwischen UPD und PZM. Ein Name, der Hoffnung symbolisiert, die Hoffnung auf einen neuen Tag, der Besseres verspricht. Die Gespräche über eine Fusion der beiden psychiatrischen Kliniken starten laut den Dokumenten im September 2022, gleichzeitig wird auch der Kanton informiert. Der angestrebte Fusionszeitpunkt ist Januar 2024.

«Die UPD hat hohe Erwartungen an das Projekt, beide Seiten, die UPD AG und die PZM AG, sind sehr motiviert», sagt VR-Präsidentin Patricia Kellerhals laut Protokoll im strategischen Führungsgespräch mit Pierre Alain Schnegg im Februar 2023. Schnegg bremst und gibt zu bedenken, «dass sowohl die UPD AG wie auch die PZM AG Probleme aufweisen. Es stellt sich die Frage, ob man mit einem Zusammenschluss die Probleme beider Institutionen lösen kann.» Der Regierungsrat wolle eingebunden werden. 

Im August kommuniziert der UPD-Verwaltungsrat, was aus seiner Sicht das wichtigste Fusionsargument ist: «Ein künstlich induzierter Wettbewerb zwischen der UPD und dem PZM in einem hochregulierten Markt gefährdet nach unserer Überzeugung mittelfristig Qualität und Umfang der psychiatrischen Versorgung im Kanton Bern.»

Im strategischen Führungsgespräch im September 2023 informiert GSI-Direktor Schnegg über einen Grossrats-Vorstoss, der eine Verzögerung des Projekts bewirken könnte. Im Dezember könne wohl kein Entscheid des Regierungsrats gefällt werden.

Gelaende der UPD fotografiert am Sonntag, 15. Dezember 2024 in Bern. (VOLLTOLL / Manuel Lopez)
Regierungsrat Schnegg bremste zuerst eine schnelle Fusion der UPD mit der Klinik Münsingen. Unter dem neuen Verwaltungsrat wird die Fusion dennoch vorangetrieben. (Bild: Manuel Lopez)

Klar wird aus den Dokumenten immer wieder: Schnegg zweifelt am schnellen Erfolg der Fusion. Solange der Schlussbericht nicht vorliege, gebe es «keine Fakten, die darlegen, dass ein Zusammenschluss der beiden Institutionen Erfolg bringen wird.»

Der UPD-Verwaltungsrat rechnet aber sehr wohl mit einem Erfolg. Konkret mit Einsparungen von mehreren Millionen Franken für Investitionen plus 15 Millionen Franken jährlich an wiederkehrenden Kosten. «Das Projektteam Morgenrot erhofft sich (..) eine wesentliche Steigerung der Produktivität und einen effizienteren Einsatz der Fachkräfte.»

Daraufhin findet Schnegg, dass die beiden Institutionen bereits mit der Zusammenarbeit starten könnten, ohne dass sie fusioniert seien. Das Projektteam lenkt ein. Als neues Fusionsdatum wird der 1. Januar 2027 angestrebt. In der Zwischenzeit könnten sich die Institutionen «fit» machen.

Was nach einer vorläufigen Lösung des Konflikts klingt, ist eigentlich erst der Beginn einer Eskalation. Im schon erwähnten eingeschriebenen Brief vom 3. Januar 2024 beschreibt Verwaltungsratspräsidentin Kellerhals die desolate finanzielle Situation der UPD und benennt die Gründe dafür. Das Projekt Morgenrot wirkt dabei wie der letzte Strohhalm.

«Wir sind nach wie vor fest überzeugt, dass das Projekt Morgenrot vor allem volkswirtschaftlich und gesundheitsplanerisch sinnvoll ist. Ein Campus weniger muss saniert werden, Doppelinvestitionen in IT und Infrastruktur entfallen, eine gemeinsame Alterspsychiatrie auf dem Siloah Campus kann mit dem Projekt Morgenrot umgesetzt werden. Es versteht sich von selbst, dass das Projekt nicht die Lösung der Finanzierungsprobleme ist, aber es optimiert Angebot und Kosten, vor allem für den Kanton.»

Daraufhin teilt der Kanton am 24. Januar 2024 mit, dass der Regierungsrat dem Letter of Intent zustimme. 

Im Nachhinein sagt Kellerhals der «Hauptstadt» auf Anfrage: «Wir sind gescheitert, den Regierungsrat zu überzeugen, warum es die Fusion relativ schnell braucht. Wir wollten schnell handeln, weil aufgrund von Renovations- und Unterhaltsbedürfnissen viele Bauentscheide anstanden.»

Schnegg hingegen meint: Eine Fusion habe der Kanton immer hundertprozentig unterstützt. «Aber Sie müssen einen klaren Plan haben, wie Sie das erreichen wollen. Und nicht einen Plan, der irgendwo auf dem Mond ist.»

7) Neue Leute, alte Probleme

Das schriftlich geführte Hickhack 2023 und Anfang 2024 zeigt, wie stark der Verwaltungsrat und Regierungsrat Schnegg aneinander vorbei redeten, statt sich gemeinsam und schnell um eine Lösung der finanziellen Probleme zu kümmern.

Klar scheint auch: Der Ursprung der desolaten Finanzlage ist einerseits bei der ungenügend finanziell abgesicherten Verselbständigung durch den Kanton zu suchen – und andererseits bei Führungsproblemen innerhalb der UPD. Beides nahm seinen Anfang lange vor Amtsantritt von Kellerhals und Schnegg. Es ist eine Hypothek, die die UPD jahrelang mit sich trugen. Und die schliesslich UPD-Verwaltungsratspräsidentin Kellerhals und ihrem Team gänzlich angelastet wurde.

Für Regierungsrat Schnegg waren Kellerhals und der ganze Verwaltungsrat die falschen Leute, um die finanzielle Neuausrichtung bei den UPD voranzutreiben.Obwohl der Regierungsrat die Personen selbst in das Gremium gewählt hatte. Er entzog dem Verwaltungsrat bereits ein paar Wochen nach dem Hilferuf das Vertrauen. «Wir haben gemerkt, dass der Verwaltungsrat nicht in der Lage ist, die nötigen Änderungen umzusetzen», sagt Schnegg im Interview mit der «Hauptstadt». Er habe einen Vorschlag gemacht, gewisse Änderungen anzugehen. Daraufhin habe der Verwaltungsrat entschieden, sich ganz zurückzuziehen. 

Laut der Präsidentin hat der Verwaltungsrat Anfang März 2024 kommuniziert, dass er sich zurückzöge, falls eine zukunfts- und lösungsorientierte Zusammenarbeit nicht möglich sei. «Daraufhin wurde uns eröffnet, dass der Kanton bereits begonnen habe, Verwaltungsrät*innen zu suchen.» Es sollte zu einer Überlappung mit dem Verwaltungsrat des PZM kommen. «Diese Suche wurde aber nicht nach guten Governance-Prinzipien gestaltet», betont sie. 

Der Verwaltungsrat habe schliesslich gemeinsam beschlossen, sich nicht mehr zur Wiederwahl zu stellen. Sie seien letztlich mit der strategischen Neuausrichtung beim Eigner und Besteller nicht durchgekommen, sagt Kellerhals heute.

Der Rücktritt war der Befreiungsschlag für die verworrene Situation in den UPD. Auch wenn der abgetretene Verwaltungsrat längst nicht alles falsch gemacht hat. Er musste gehen, um einen Neuanfang möglich zu machen.   

Und der neue Verwaltungsrat? Er hat ein paar Entscheide seiner Vorgänger*innen rückgängig gemacht. So hat er gemäss BZ/Bund Verträge mit externen Berater*innen gekündigt. Und er hat Sparmassnahmen in angegliederten Betrieben wie dem Freizeitzentrum Metro und der Werkstatt Holzplatz sistiert.

In den grossen Linien macht die neue UPD-Führung jedoch dasselbe wie die alte. Sie beantragt einen Notkredit, treibt die Fusion mit Münsingen voran und versucht mit der neuen Chefärztin Kristina Adorjan eine Einnahmenoptimierung bei der Verrechnung von Leistungen zu erreichen. 

Es sind Projekte, die auch der alte Verwaltungsrat schon angekündigt hatte. Aber jetzt stehen sie unter neuen Vorzeichen.

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Diskussion

Unsere Etikette
Peter Birrer
21. Dezember 2024 um 13:47

Sehr guter Stoff. Hintergrund. Schlüssel-Worte finden sich ganz am Ende des Textes - eine "Einnahmenoptimierung bei der Verrechnung von Leistungen" anstreben. Zu viel abrechnen? Zu wenig? Eine Verrechnung OPTIMIEREN? Und weiter oben steht: Man hätte "mehr Nebendiagnosen verrechnen" sollen. Dazu der Satz des früheren Chefarztes Strik: "Es ist ein volkswirtschaftlich extrem heikler Auftrag an medizinische Fachpersonen, mehr Leistungen anzugeben, als erbracht wurden." Das Gesundheitswesen, ein Gestrüpp der vielen Interessen, auch privatwirtschaftlich, aber letztlich in der Obhut der öffentlichen Hand, die geradestehen muss.

Alexander Haller
19. Dezember 2024 um 22:04

Danke, das Beste seit langem in der Hauptstadt! RR Schnegg scheint sonst ein intelligenter Stratege zu sein, auch wenn ich seine politische Haltung meistens nicht teile. Hier sind ihm aber die Gäule durchgegangen, er vergeift sich im Ton und macht undifferenzierte Schuldzuweisungen. Als RR muss er auch für Personalentscheide geradestehen, die der RR getroffen hat.

Christoph Hug
19. Dezember 2024 um 09:13

Die Hauptstadt zeigt mit dieser ausgewogenen und fundierten Recherche einmal mehr, wie bitter nötig sie ist im Kanton Bern. Besten Dank.

Thomas Bernhard
19. Dezember 2024 um 08:42

Danke für Recherche und Beitrag, übles Kapitel kantonalbernischer Krankheitspolitik …