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Ein Tag des Lernens

Klima-Aktivist*innen besetzen das Gymnasium Kirchenfeld. Warum haben sie dieses Mittel gewählt? Und wie reagieren Schüler*innen, Politik und der Rektor darauf?

Gymnasiumsbesetzung des Klimastreiks fotografiert am 06.06.2023 in Bern Kirchenfeld. (hauptstadt.be / Simon Boschi)
Das morgendliche Eindringen der Aktivist*innen ins Gymnasium Kirchenfeld bezeichnet Rektor André Lorenzetti als «ungeschickt formulierten Antrag, unsere Infrastruktur zu nutzen». (Bild: Simon Boschi)

Es ist ein unübliches Bild, Dienstagmorgen früh um 5.30 Uhr auf der Monbijoubrücke. Mehrere kleine Gruppen von Jugendlichen pilgern voll bepackt mit Rucksäcken und Taschen über die Brücke Richtung Kirchenfeld. Es sieht aus, als würden sie an ein Musikfestival gehen. Doch ihr Ziel ist das Gymnasium. Sie sind Teil der Gruppe «End Fossil Bern» und wollen die Schule besetzen, um eine «klimagerechte Bildung» einzufordern.

Aktivistin Judith* wechselt mit ihrer Gruppe kurzerhand die Strassenseite, weil auf dem Trottoir ein Polizeiauto steht. Eine Patrouille kontrolliert eine andere Gruppe von neun Jugendlichen und nimmt Personalien auf. Begründet wird die Kontrolle laut den Aktivist*innen damit, dass die Gruppe lange Bambusstangen mit sich trage. Eine halbe Stunde später steht die Gruppe vor dem Haupteingang des Gymnasiums. Andere Aktivist*innen haben sich schon Zutritt zum Gebäude verschafft und öffnen ihnen die Türe.

Gymnasiumsbesetzung des Klimastreiks fotografiert am 06.06.2023 in Bern Kirchenfeld. (hauptstadt.be / Simon Boschi)
Die Aktivist*innen wollen friedlich sein, nicht stören, fordern jedoch Aufmerksamkeit für Themen, die jetzt keine hätten. (Bild: Simon Boschi)

Die Gruppe «End Fossil Bern» ist Teil der internationalen Bewegung «End Fossil Occupy», die weltweit Schulen und Bildungsinstitutionen besetzt und der es auch um Bildungspolitik geht. Sie ist nicht deckungsgleich mit dem Klimastreik, jedoch nutzen die beiden Gruppen die gleichen Räume und die gleichen Mailinglisten. Viele Aktivist*innen, so auch Judith, sind in beiden Gruppen aktiv. Die Gruppe «End Fossil Bern», die aus gut 20 Aktivist*innen zwischen 11 und 22 Jahren besteht, tritt erstmals mit einer Aktion in die Öffentlichkeit. Schulbesetzungen gab es in der Schweiz bisher zwei, im Februar in Basel und Zürich.

Geschichtsträchtig und zentral

Die Plakate hängen bereits seit zwei Wochen in den verschiedenen Gymnasien im Kanton Bern. «End Fossil Occupy – besetze mit uns die Schule, 6. Juni Bern». Nur welche Schule ist bis an diesem Morgen noch unklar gewesen. Dass die Besetzung ausgerechnet im Kirchenfeld stattfindet, ist kein Zufall. «Es ist ein geschichtsträchtiges Gebäude und ein zentraler Ort», sagt die 19-jährige Judith. 

Trotzdem, der Austausch mit der Schulleitung sei wichtig, beteuert der 15-jährige Moritz*. Darum hätten sie bereits im Vorfeld der Besetzung E-Mails an alle Schulen geschickt, die verkündeten: Ja, es könnte sein, dass diese Schule besetzt wird. Aber man sei friedlich, wolle nicht stören, fordere jedoch Aufmerksamkeit für Themen, die jetzt keine hätten.

«Die meisten von uns verbringen sehr viel Zeit in der Schule», sagt Judith, die letztes Jahr die Matura machte und nach einem Zwischenjahr im nächsten Herbst mit der Ausbildung zur Oberstufenlehrerin beginnen will. «Die Aktionsform kann Aufmerksamkeit schaffen für die Klimakrise.» Und Moritz doppelt nach: «Es geht um den grossen Zusammenhang zwischen Bildungssystem und Klimakrise. Heute werden die Menschen nicht gut genug informiert.»

Gymnasiumsbesetzung des Klimastreiks fotografiert am 06.06.2023 in Bern Kirchenfeld. (hauptstadt.be / Simon Boschi)
Die Klimakrise schreite voran, man habe nur noch kleines Zeitfenster, in dem man handeln könne. So begründet «End Fossil Bern» die Besetzung. (Bild: Simon Boschi)

Kurz nach 6 Uhr öffnet der Hausdienst-Leiter die weiteren Türen des Haupteingangs des Gymnasiums. Er bittet die Aktivist*innen freundlich und bestimmt, sich draussen zu besammeln und die Fluchtwege freizuhalten. Die Schulleitung sei unterwegs und werde sich auf dem Vorplatz mit den Aktivist*innen unterhalten.

Aber ist ein Gymnasium überhaupt der richtige Ort für die Kritik an den Schulen? Schliesslich wird dort nicht bestimmt, wie die Bildungspolitik aussieht, das geschieht viel eher im Berner Rathaus. 

Die Schule könne durchaus etwas machen, findet Moritz, der im zweiten Gymerjahr ist. Und zählt auf: Gratis Nachhilfe, sodass Schüler*innen unabhängig vom finanziellen Hintergrund der Eltern ein Gymnasium besuchen könnten, Weiterbildungen für Lehrer*innen bezüglich Klimakrise, Rassismus und psychischer Gesundheit. «Es gibt einen Rahmen, in dem sich eine Schule bewegen kann», fügt er an. Und Judith ergänzt: «Eine Schule kann selber wählen, was in einer Spezialwoche behandelt wird.» 

«Wir hoffen schon, dass unsere Forderungen umgesetzt werden», sagen Judith und Moritz unisono. Eine Besetzung sei legitim, solange sie friedlich ablaufe und man niemandem schade, fügt Judith an. Und Moritz holt aus: «Die Klimakrise schreitet voran, wir haben nur noch kleines Zeitfenster, in dem wir handeln können. Wenn wir gewisse Kipppunkte erreichen, ist es zu spät.» 

Gymnasiumsbesetzung des Klimastreiks fotografiert am 06.06.2023 in Bern Kirchenfeld. (hauptstadt.be / Simon Boschi)
«Es ist nicht unser Ziel, den regulären Unterricht zu stören», sagt Aktivistin Judith. (Bild: Simon Boschi)

Niemand müsse an die Besetzung kommen, aber alle dürfen. «Schüler*innen, die es stört, dürfen auf uns zukommen und wir können mit ihnen eine Lösung finden», sagt Judith. «Es ist nicht unser Ziel, den regulären Unterricht zu stören.» 

Um 06.50 Uhr will sich die Gruppe auf dem Vorplatz des Gymnasiums in einer Plenumsdiskussion besprechen. Just, als sich die Aktivist*innen in einem Kreis versammelt haben, trifft Rektor André Lorenzetti ein. Er setzt sich an einen Tisch neben die Gruppe. Die Aktivist*innen bitten ihn, in der Runde Platz zu nehmen. Doch er sagt, die Gruppe wolle etwas von ihm, daher solle sich die Delegation zu ihm setzen. Lorenzetti, ein Milizoffizier mit Spezialisierung in Krisenkommunikation, deutet an, wer trotz Besetzung Chef im Haus bleibt.

Der Rektor spricht eine halbe Stunde mit vier Aktivist*innen und bezeichnet die Besetzung danach im Gespräch mit der «Hauptstadt» als einen «ungeschickt formulierten Antrag, unsere Infrastruktur zu nutzen». Er sei es nicht gewohnt, dass man in ein noch geschlossenes Schulhaus eindringe. «Normalerweise fragt man, bevor man kommt.» Ob er wegen Hausfriedensbruchs Anzeige erstatten werde, wisse er noch nicht.

Freie Zimmer

Dennoch toleriert er die Anwesenheit der Aktivist*innengruppe und stellt ihnen vier Zimmer bis spätestens 16 Uhr zur Verfügung. Man sei in der Phase zwischen schriftlichen und mündlichen Maturaprüfungen. Ein Viertel der Schülerschaft sei daher nicht im Haus und es gebe freie Zimmer. 

Mit diesem Angebot will Lorenzetti eine Eskalation vermeiden: «Mein Auftrag ist es, den Unterricht sicherzustellen und Personen und Infrastruktur zu schützen.» Im Gespräch habe er die Aktivist*innen aber auch an ihr eigenes Awareness-Konzept erinnert, das übergriffiges Verhalten nicht dulde. «Und ich habe ihnen erklärt, dass ihre Aktion bei mir eine kognitive Dissonanz auslöst, denn der Zutritt in ein geschlossenes Gebäude ist übergriffig.»

Gymnasiumsbesetzung des Klimastreiks fotografiert am 06.06.2023 in Bern Kirchenfeld. (hauptstadt.be / Simon Boschi)
Rektor André Lorenzetti (links) macht dem Jungfreisinnigen Tobias Frehner das Angebot, ebenfalls in einem Raum die Schüler*innen zu informieren. (Bild: Simon Boschi)

Ganz unvorbereitet ist Lorenzetti nicht. «Im Sinne eines Krisenmanagements haben wir uns unter den Gymnasien und dem Schulamt im Vorfeld zu solch möglichen Besetzungen abgesprochen.»

Zur Kritik an der Schule sagt der Rektor: «Unser Unterricht ist demokratisch legitimiert und basiert auf dem Mittelschulgesetz und dem Lehrplan des Kantons.» Den an der Besetzung interessierten Schüler*innen kommt Rektor Lorenzetti dennoch ein wenig entgegen. Der Besuch der Workshops gelte zwar nicht als Unterricht. Aber an diesem Tag dürfen sie ausnahmsweise den Antrag für einen Jokerhalbtag auch rückwirkend einreichen. Schüler*innen können pro Schuljahr für Absenzen 5 Jokerhalbtage beziehen und müssen diese nicht begründen.  

Auch Jungfreisinnige besetzen Zimmer

Während der Rektor den Medien Auskunft gibt, stellen sich mehrere Jungfreisinnige, die sich schon im Vorfeld empört geäussert hatten, vor das Gymnasium und halten ein Transparent in die Höhe. Tobias Frehner, der Präsident der kantonalen Jungfreisinnigen, stört sich an der Illegalität der Aktion und daran, dass die Besetzer*innen Platz erhalten. 

Daraufhin macht der Rektor den FDP-Jungpolitiker*innen ein Angebot. Sie dürfen ebenfalls Räume beanspruchen und ihre Sicht der Dinge darlegen. Und so werden auch die Jungfreisinnigen zu Besetzer*innen. Das Gymnasium kündigt auf der Infotafel an: «Durch die Jungfreisinnigen besetztes Zimmer: 335»». Dort machen die Jungfreisinnigen am Nachmittag Werbung für ein Ja zum Klimagesetz. «End Fossil Occupy» begrüsst auf Twitter die bürgerlichen Jungpolitiker*innen ebenfalls: «Good News. Die JFBE besetzt mit uns das Gymnasium Kirchenfeld! Für eine klimagerechte Bildung!» 

Gymnasiumsbesetzung des Klimastreiks fotografiert am 06.06.2023 in Bern Kirchenfeld. (hauptstadt.be / Simon Boschi)
An die Information der Aktivist*innen morgens um 8 Uhr kamen Dutzende Schüler*innen. (Bild: Simon Boschi)

Derweil unterhalten sich in einem Schulzimmer im ersten Stock etwa 40 Jugendliche in kleinen Gruppen darüber, was sie an der Schule ändern würden. Im ersten Workshop des alternativen Unterrichts von «End Fossil Occupy» geht es um die Kritik an der Schule. Am Ende des Workshops stehen unter anderem folgende Sätze an der Wandtafel:

  • Mehr Unterricht nach Interessen mitgestalten
  • Fächer wie Politik, sozialer Umgang, aktuelle Themen
  • Alternativen zum Kapitalismus aufzeigen
  • Fach Kritisches Denken einführen
  • Schlafrhythmus

Die weiteren Programmpunkte des alternativen Unterrichts am Vormittag sind «Urban Gardening» und «Café revolution». Am Nachmittag werden Workshops angeboten mit den Titeln: «Aktiv sein und bleiben», «Was ist Klimagerechtigkeit» und «Button und Siebdruck». 

Unter den Schüler*innen ist Interesse an der Besetzung vorhanden. Rund 100 Jugendliche nehmen an der Information der Aktivist*innen morgens um 8 Uhr teil. Die Schüler*innenorganisation des Gymnasiums Kirchenfeld (SOK) äussert sich auf Anfrage aber zurückhaltend. Sie sei in die Besetzung nicht involviert und habe keine offizielle Positionierung zu solchen Projekten. Die SOK betont jedoch, dass ihr Umweltthemen ein grosses Anliegen seien. «So konnte beispielsweise auch ein Flugverbot für Maturareisen im Kirchenfeld Gymnasium durchgesetzt werden.» Zudem erachte sie politische Bildung als sehr wichtig und sei diesbezüglich im Gymnasium Kirchenfeld an verschiedenen Projekten beteiligt.

Gymnasiumsbesetzung des Klimastreiks fotografiert am 06.06.2023 in Bern Kirchenfeld. (hauptstadt.be / Simon Boschi)
«Ich sehe das als Prozess, während dem alle Beteiligten etwas lernen können», sagt Rektor André Lorenzetti zur Besetzung. (Bild: Simon Boschi)

Aktivist Moritz zieht Dienstagnachmittag ein positives Zwischenfazit der Besetzung. Die Workshops seien gut besucht worden. «Und über Mittag sprachen uns sehr viele Schüler*innen am Infostand an.» Zur Kritik des Rektors sagt der 15-Jährige: Die Gespräche mit der Schulleitung seien gut verlaufen und man habe Lösungen gefunden, die für beide Parteien akzeptabel seien. So brachten sie den Rektor gar dazu, ihnen für den nächsten Tag nochmal Räume zur Verfügung zu stellen. Im Gegenzug verzichten sie auf eine Übernachtung im Schulhaus, da abends ein schulischer Anlass geplant ist.

Auch Jungpolitiker Frehner ist zufrieden mit dem Tag. «Die Jungfreisinnigen haben es geschafft, dass sich Vertreterinnen und Vertreter aller politischer Richtungen am Gymnasium äussern können.» So seien nicht nur die Aktivist*innen gehört worden. Auch die Juso habe das Angebot genutzt. «Schülerinnen und Schüler haben sich bedankt, dass auch der Jungfreisinn hier sei», sagt Frehner und räumt seine Flyer wieder in einen Karton.

Was bleibt von diesem Tag mit viel Aktivismus und Politik am Gymnasium Kirchenfeld? Vielleicht liegt die Antwort darauf in Rektor Lorenzettis Fazit zur Besetzung: «Ich sehe das als Prozess, während dem alle Beteiligten etwas lernen können.»

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*Judith und Moritz sind von der Gruppe «End Fossil Bern» als Mediensprecher*innen bestimmt worden. Aus Angst vor schulischen Konsequenzen möchten sie nur mit Vornamen auftreten. 

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Diskussion

Unsere Etikette
Barbara Müller Richter
07. Juni 2023 um 14:38

Dank vor allem an Rektor Lorenzetti für seine besonnene Reaktion. Auch meine Generation wollte, als wir am Gymnasium waren, die Welt verändern und auch wir haben uns (vor beinahe 50 Jahren!) für Umwelt und Nachhaltigkeit stark gemacht (Stichwort Jute statt Plastik). Was ich aber unverzeihlich finde ist, dass die Aktion mitten in der Prüfungszeit stattfindet, in der eh schon alle auf 180 sind. Auch hätten sich die Aktivisten ruhig besser informieren dürfen: seit 2017 ist nämlich BNE (Bildung für nachhaltige Entwicklung) im kantonalen bernischen Lehrplan zwingend in allen Fächern vorgeschrieben. Im bekannten Artikel 6 der eidgenössischen Maturitätsanerkennungsverordnung von 1996 werden Gymnasiallehrkräfte zudem verpflichtet, ihre Schüler auch zu kritisch denkenden mündigen Bürgern zu erziehen. Wir sind also schon längst dran!

Doris Wolgensinger
06. Juni 2023 um 16:26

Danke für diesen informativen, erklärenden und aufklärenden Artikel! Ich bin froh, dass es junge Menschen gibt, die aktiv sind und werden und sich um die Zukunft kümmern.