«Wenn man nichts versucht, passiert ganz sicher nichts»
Daniela Schädeli ist die Frau hinter dem Belper Schulversuch. Dass sie etwas ausprobieren will, bescherte ihr landesweite Schlagzeilen und böse Mails. Doch sie lässt sich nicht beirren.
Als Anfang Dezember ihr Telefon plötzlich häufiger klingelte, fürchtete Daniela Schädeli, dass ihr Versuch zu Ende war, bevor er begonnen hatte. «Ich dachte, jetzt machen sie mir die Idee kaputt», erinnert sie sich im Gespräch mit der «Hauptstadt». Da hatte sie erst zu Austauschtreffen eingeladen. Darin wollte sie den Belper Eltern bloss die Idee einer neuen Schule vorstellen: Nur vier Tage die Woche Unterricht, dafür auch deutlich weniger Ferien.
Doch dann berichtete die «Berner Zeitung» prominent über ihren Schulversuch. Es folgte der «Blick», landesweit die Tamedia-Titel, die Radios oder die SRF-Nachrichtensendung «10 vor 10». Und mit ihnen kamen die Mails und Anrufe wildfremder Menschen aus anderen Kantonen.
Eineinhalb Monate später blickt die «Hauptstadt» mit Daniela Schädeli, Leiterin der Abteilung Familie und Bildung auf der Gemeindeverwaltung in Belp, auf die turbulenten Wochen zurück. Denn dass die wachsende Vorortsgemeinde einen schweizweit Aufsehen erregenden Schulversuch wagt, liegt zuallererst an ihr, an ihrem Eifer, aber auch an ihrer Erfahrung. Wie nur wenige andere ist sie zwischen Theorie und Praxis im Berner Schulsystem gependelt. Sie kennt die Nöte, die Selbstbegrenzung, aber auch die Stärken und Möglichkeiten der Schulen.
Schulbesuche in Aserbaidschan und Australien
Nach der Ausbildung zur Primarlehrerin führte sie bald die Schule in Unterlangenegg und machte parallel die Schulleitungsausbildung. Dann folgte, neben dem Schulleitungsjob, ein Master in Erziehungswissenschaften an der Uni Freiburg. In ihrer Abschlussarbeit untersuchte sie, wie drei Berufsteinsteiger*innen den Schulleitungsjob erlebten und schrieb dazu ein handliches Buch mit vielen Tipps und Denkanstössen. Weil es sowas noch nicht gab und sie sich selber ein solches Buch gewünscht hätte.
Im Rahmen des Studiums mit Schwerpunkt Migration und Bildung schaute sie auch erstmals vertiefter ins Ausland. Mit einer Gruppe der Uni besuchte sie Schulen in Aserbaidschan und Australien. Später ging sie auch nach Wien und sah, dass andere Schulsysteme nicht zwingend besser oder schlechter waren als jenes in Bern, das sie so gut kannte.
Das Studium regte ihren intellektuellen Appetit an. Nach dem Buchprojekt trat sie eine Stelle an der Uni Bern an, die als Abschluss eine Doktorarbeit zum Ziel hatte. Schädeli leitete daneben weiterhin die Schule, erst die letzten beiden Jahre schrieb sie hauptsächlich an ihrer Arbeit über Dilemmata in Führungsjobs öffentlicher Verwaltungen. Zudem begann sie, an Pädagogischen Hochschulen Kurse im Rahmen der Schulleitungsausbildung zu unterrichten. Da erfuhr sie auch mehr über die Schulsysteme in anderen Kantonen.
Irgendwann sah sie ein Video über eine sogenannte Jahresschule in einem Land in Nordeuropa. Sie war das ganze Jahr geöffnet und die Eltern konnten selber entscheiden, wann sie Ferien nahmen. «Ich fand das gleich sehr toll.» Und nach ersten groben Berechnungen fand sie mit der Zeit auch: «Es kann nicht sein, dass das hier nicht möglich sein soll.»
«Man könnte noch so viel mehr ausprobieren»
Schädeli war bewusst, dass der Kanton Bern im Vergleich zu anderen Schweizer Kantonen seinen Schulen viele Freiheiten lässt. Sie wusste, dass das Schulinspektorat Versuche gar begrüsst. «Ich finde das sehr schön. Man könnte noch so viel mehr ausprobieren», sagt sie.
Doch sie weiss auch: Die meisten Schulleitungen sind auch wegen dem Lehrpersonenmangel derart stark mit dem Tagesgeschäft, dem Feuerlöschen, beschäftigt, dass sie oft wenig Kapazität haben, Schule zu gestalten oder neu zu denken. Hinzu komme, dass Neuerungen immer angreifbar machten und sich eine stark beschäftigte Schulleitung zusätzlichem Erfolgsdruck aussetzen würde.
«Es herrscht in vielen Köpfen die Vorstellung, dass man nur etwas ändern darf, wenn die Not gross ist. Die Frage ist dann jeweils, ob sie gross genug ist.» Diese Frage stelle sich für sie aber nicht. «Manchmal muss man einfach etwas wagen. Wenn man nichts versucht, passiert ganz sicher nichts», so Schädeli.
Ihren Schritt vom Denken zum Handeln machte Schädeli bereits vorletzten Frühling. Damals suchte Belp eine Abteilungsleitung für Familie und Bildung und Schädeli nach dem Ende ihres Doktorats eine neue Stelle. Dass sie etwas bewegen wolle, sagte sie bereits beim ersten Vorstellungsgespräch. Und dass sie eine grosse Idee mit sich trug, sagte sie gleich am ersten Arbeitstag im August 2024. «Ich fragte den damaligen Gemeindepräsidenten, ob es in Belp denn freien Schulraum gäbe. Und so besichtigten wir den ungenutzten ersten Stock im Schulhaus Hohburg», erzählt sie.
In der Gemeinde sei ihre Idee sofort auf Unterstützung gestossen. Und so freut sich Schädeli heute, dass das Projekt bisher alle Hürden genommen hat und zuletzt auch von der kantonalen Bildungsdirektion bewilligt wurde.
Im Dezember war die Stimmung anders. Schädeli traf das Medieninteresse völlig unvorbereitet. «Wir wollten noch nichts kommunizieren, weil wir schlicht selber noch viel zu wenig wussten. Ich befürchtete, dass die Idee schon früh als kontrovers dargestellt und nur über die Ferien diskutiert wird.»
Die Ferien waren denn auch das Hauptthema der Anrufe und Emails, die sie erreichten, und der Kommentare unter den Artikeln, die sie las. Sie seien fast ausschliesslich von Menschen gekommen, die der Versuch nicht betrifft. Von Menschen, die in anderen Kantonen leben, die zum Teil längst im Pensionsalter seien. Von den Belper Eltern, sagt Schädeli, habe sie bisher nichts Negatives gehört.
Ist die Ferienlänge höchstens zweitrangig?
Auch nicht wegen der Ferien. Diese dürften aus pädagogischer Sicht ohnehin nicht das zentrale Thema sein. Dies meinte der Bildungsforscher Stephan Huber von der Uni Linz gegenüber SRF. Es fehle zwar an entsprechender Forschung. Er vermute aber, es sei aus Sicht der Kinder nicht entscheidend, ob der Unterricht an vier oder fünf Tagen die Woche stattfindet. Wichtiger sei, dass die Bildungsangebote anregten und der Tagesrhythmus entsprechend abwechslungsreich mit Ziel einer ganzheitlichen Förderung gestaltet sei. Zudem sei festgestellt worden, dass der Leistungsrückgang nach langen Ferien immer besonders hoch sei.
Hier hakt Daniela Schädeli ein. Sie findet es wichtig, dass der Versuch durch die Pädagogische Hochschule Bern wissenschaftlich begleitet würde. Denn die Frage, ob das Modell mit Jahresschulzeit gegenüber der heutigen Praxis mit fixen Ferien für Kinder besser wäre, sei nicht einfach zu beantworten. Es scheine stark auf die Situation der Kinder und deren Familien anzukommen. Darauf, wie sie ihr Leben organisieren, ihre gemeinsame Freizeit gestalten.
Und da gibt es eben grosse Unterschiede. So wie es Familien mit hohem Einkommen gebe, welche sich auch Teilzeitarbeit und Ferien im Ausland problemlos leisten können, gibt es auch Familien mit tiefem Einkommen und nur schwer mit eigener Kinderbetreuung zu vereinbarenden Jobs. Wegen dieser Vielfalt will Schädeli den Versuch unbedingt an einer Volksschule wagen und nicht einfach eine weitere Privatschule gründen.
30 interessierte Familien
Ob der Schulversuch in Belp nach den Sommerferien starten kann, hängt nun von der Nachfrage der Eltern ab. Laut Schädeli gibt es aktuell etwa 30 interessierte Familien. Mit ihnen will sie nun konkreter ausarbeiten, wie die Schule funktionieren würde: Anzahl und Zeitpunkt der Ferienwochen, Betreuungszeiten und Festlegung des freien Tages. Danach braucht sie verbindliche Anmeldungen von mindestens 18 Kindern: «Falls wir diese Zahl nicht erreichen, werden wir es halt nächstes Jahr wieder versuchen.»
Eineinhalb Monate nach dem Mediensturm wirkt Daniela Schädeli entspannt, zuversichtlich und unbeirrt. «Man kann dieses Modell ja auch keine gute Idee finden», sagt sie. Man solle aber anerkennen, dass der Versuch einen Wert habe, weil man neue Erkenntnisse gewinnen könne.
«Wir brauchen einfach neue Lösungen in der Schule, weil sich die Welt auch weiterdreht.»