Hauptstadt-Avatar ohne Kreis, Logo

«Schwarze Männer müssen mega viel schlucken»

Die Berner Choreografin Anna Chiedza Spörri stellt in ihrem neuesten Stück Schwarze Männer ins Zentrum. Wie werden sie in der Öffentlichkeit wahrgenommen? Ein Gespräch über Übersexualisierung und unterdrückte Wut.

Anna Chiedza Spörri, 
Perception
Dampfzentrale
hauptstadt.be
© Danielle Liniger
Von Schwarzen Frauen werde Wut erwartet, sagt Choreografin Anna Chiedza Spörri. Schwarze Männer müssten sie hingegen unterdrücken. (Bild: Danielle Liniger)

Wie kamen Sie auf die Idee, Schwarze Männer ins Zentrum des Stücks «Perceptions» zu rücken?

Anna Chiedza Spörri: Es hat sich so ergeben. Zuerst habe ich ein Stück mit Finta-Personen zum selben Thema gemacht: «Perspectives» (2023) thematisiert rassistische Mikroaggressionen aus weiblicher Sicht. Dieses Thema liegt mir nahe, da ich selbst als Schwarze Frau in der Schweiz aufgewachsen bin. Bereits damals dachte ich, ich möchte auch mit Schwarzen Männern arbeiten.

Was interessiert Sie daran?

Bis jetzt war es meistens so, dass die Stücke, die ich erarbeitete, mit meiner Lebensrealität zu tun hatten. Nun ist das anders. Das Thema ist mir zwar nah, schon nur, weil ich einen Schwarzen Mann als Partner habe. Und trotzdem ist es eine andere Herausforderung. Es braucht eine andere Form von Feinfühligkeit, um eine Realität auf die Bühne zu bringen, die nicht ganz meiner entspricht.

Wie sind Sie vorgegangen?

Welche vier Tänzer ich auf der Bühne haben wollte, war mir recht früh klar. Alle sind grossartige Tänzer. Als vor etwa 1,5 Jahren feststand, dass sie mitmachen, fing ich an, ihnen während unserer Recherche-Wochen Fragen zum Thema zu stellen. Eine meiner Fragen lautete: Was würdest du sagen, wenn du keine Filter haben müsstest? Oder eine andere Frage war: Wie sieht für dich eine Mikroaggression aus, wenn du sie zeichnen müsstest?

Anna Chiedza Spörri, 
Perception
Dampfzentrale
hauptstadt.be
© Danielle Liniger
Die vier Protagonisten und Anna Chiedza Spörri in den Endproben zu «Perceptions». (Bild: Danielle Liniger)

Und dann?

Wir tauchten tief in die Thematik ein. Und mir wurde schnell klar, dass Schwarze Männer mega viel schlucken müssen. Dass sie als Schwarze Männer schnell als gefährlich gelten, auch wenn sie gar nichts tun. Dass sie übersexualisiert werden oder als hyperstark und hypersportlich wahrgenommen werden. 

Wie meinen Sie das?

Wenn ein Schwarzer Mann schnell rennt oder gut tanzt, heisst es rasch, er sei talentiert. Dabei ist es sehr viel Training, harte Arbeit, das ist nicht einfach natürlich. 

Und das Thema Übersexualisierung?

Bei Schwarzen Männern schwingen oft Bilder vom unkontrollierbaren Sextrieb mit. Sie werden in vielen Aspekten einseitig wahrgenommen. Und das macht etwas mit ihnen. Es beeinflusst, wie sie auftreten, wie frei sie sich fühlen, was sie sich erträumen können. Schön war, dass die vier Männer im Rahmen des Projekts diese Erlebnisse ausgetauscht haben. Und dadurch gemerkt haben, wie viel sie gemeinsam haben. Aus all diesem Material ist das Stück entstanden. 

Was war dabei Ihre Rolle?

Ich habe das Material geordnet, ausgesiebt und alles in einen Rahmen gebracht. Aber die Solos der Männer, die kamen von ihnen selbst. Einer der Tänzer erklärt zum Beispiel mit Worten, dass er die ganze Zeit ausweichen muss. Begleitet von Tanzbewegungen, wie er sich klein macht, nach links ausweicht – oder nach rechts. 

Was hat Sie während des Prozesses am meisten erstaunt?

Um an den Texten zu arbeiten, habe ich Spoken-Word-Poetin Fatima Moumouni beigezogen. Wir wollten mit den Männern eine Übung machen zum Thema Wut. Und dann haben wir sehr rasch gemerkt, dass sie dieses Thema blockiert hat. Sie sagten, sie unterdrücken die Wut. Seit ihrer Jugendzeit. Weil sie sonst als gefährlich gelten. 

Im Gegensatz zu Schwarzen Frauen?

Ja, von uns wird Wut erwartet. Wir werden oft als angry Black women gelesen. Und Fatima und ich verfolgen häufig auch den feministischen Ansatz, wo Wut gut ist und Wut für Veränderung benutzt werden kann.

Anna Chiedza Spörri, 
Perception
Dampfzentrale
hauptstadt.be
© Danielle Liniger
Spörri hat das Stück in einem partizipativen Prozess gemeinsam mit den Männern erarbeitet. (Bild: Danielle Liniger)

Was ist anschliessend passiert?

Diese Übung hat auch physisch etwas mit den Männern gemacht. In der Nacht haben sie nicht so gut geschlafen. Und wir merkten: Vielleicht ist Wut etwas, das wir im Stück anders angehen müssen.

Wie denn?

Es hat jetzt viel Wut im Stück, aber es ist eine subtilere Wut, mehr eine innere Wut. Zum Beispiel, wenn einer der Männer die Erwartungen, die an ihn gestellt werden, einfach unterläuft und nichts tut. Es ist auch meine Aufgabe, die Protagonisten zu schützen. Wir haben während der Recherche über Dinge gesprochen, bei denen sie sagten, das dürfe nicht im Stück vorkommen. Es war wichtig, dass ich eine Vertrauensbasis geschafft habe, damit es ihnen überhaupt möglich war, ihre Gedanken in der Gruppe zu teilen. In diesem Rahmen gab es auch einen Workshop mit Joden Joseph aus London. Er ist ausgebildeter Psychologe und macht safer spaces für Schwarze Männer.

Fehlen safe spaces für Schwarze Männer?

Viele safer-space-Angebote entstanden aus einer Not heraus und werden von Finta-Personen kuratiert. Schwarze Männer fühlen sich vielleicht nicht immer angesprochen, auch wenn sie recht häufig auch mitgemeint wären. Ein Angebot für Schwarze Männer fehlt wohl schon. Das war zumindest die Rückmeldung von den Männern, die da waren.

Hatte der Entstehungsprozess auch positive Aspekte?

Es ist eine grosse Verbundenheit zwischen den Männern entstanden, auch wenn sie aus unterschiedlichen Realitäten kommen. Alle sagten, eine solche Arbeitserfahrung mit nur anderen Schwarzen Personen hätten sie noch nie erlebt. Das fand ich eine sehr schöne Erkenntnis. Und ausserdem zeigen im Stück alle vier ganz unterschiedliche und auch überraschende Seiten von sich selbst.

Welchen Raum nimmt Rassismus im Stück ein?

Ich glaube, ich fordere das Publikum dazu auf, seine eigenen rassistischen Prägungen zu hinterfragen. Rassistische Prägungen haben ja alle, die in einer weissen Mehrheitsgesellschaft aufgewachsen sind. Und im Text sprechen wir Verhaltensweisen an, mit denen die Männer sich selbst kontrollieren, um Rassismus ausweichen zu können. Wie packe ich die Sachen an der Kasse im Coop ein, damit alle sehen, dass ich nicht klaue? Was mache ich bei einer Polizeikontrolle? Schon nur, dass sie sich diese Dinge überlegen müssen, hat mit Rassismus zu tun.

Sie haben in früheren Gesprächen gesagt, dass Ihnen gar nichts anderes übrig bleibt, als politisch zu sein. Ist das auch in diesem Stück der Fall?

Ja, das Stück ist politisch. Wenn du einen Schwarzen Körper auf die Bühne stellst, ist das in der Schweiz im Moment noch per se politisch. Das Thema bleibt provokativ fürs Publikum und fordert es heraus.

Anna Chiedza Spörri, 
Perception
Dampfzentrale
hauptstadt.be
© Danielle Liniger
Zum Stück

Im Tanzstück «Perceptions» stehen vier Schwarze Männer auf der Bühne, die tänzerisch und mit Worten darstellen, wie sie in der Öffentlichkeit gesehen werden und was das mit ihnen macht. Die Berner Choreografin Anna Chiedza Spörri hat das Stück in einem partizipativen Prozess mit ihnen erarbeitet. Es dauert 60 Minuten und beinhaltet viel Hip-Hop-Musik und englische Texte, die deutsch und französisch untertitelt werden. Es tanzen: Earle Ira Garnette Jr., Hiphop-Tänzer und Choreograf aus Philadelphia, der seit einigen Jahren in Bern lebt und der Partner von Anna Chiedza Spörri ist; Moa Yamin Bomolo, Breaker aus Freiburg und langjähriger Weggefährte von Spörri; Clément Klimbié Porquet, Hip-Hop-Tänzer und Choreograf aus Genf, der auch schon in früheren Stücken von Spörri gewirkt hat; sowie Astro Raiz Scheidegger Jorge, der vom Breakdance kommt und das erste Mal mit Spörri arbeitet.

Vorstellungen: Do, 22 bis Sa, 24, je 20 Uhr, Dampfzentrale Bern.

Weitere Vorführungen ab Mai in Zürich, Basel und Aarau.

Ohne Dich geht es nicht

Unsere Community ermöglicht den freien Zugang für alle. Das unterscheidet uns von anderen Nachrichtenseiten. Wir begreifen Journalismus nicht nur als Produkt, sondern auch als öffentliches Gut. Unsere Artikel sollen möglichst vielen Menschen zugutekommen. Mit unserer Berichterstattung versuchen wir das zu tun, was wir können: guten, engagierten Journalismus. Das geht nur dank den Hauptstädter*innen. Sie wissen, dass guter Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht und ermöglichen so leser*innenfinanzierten und unabhängigen Berner Journalismus. Dafür sind wir sehr dankbar. Mittlerweile sind 2’700 Menschen dabei. Damit wir auch in Zukunft noch professionellen Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 3’000 – und mit deiner Beteiligung können wir es schaffen. Es wäre ein schönes Zeichen für die «Hauptstadt» und für die Zukunft des Berner Journalismus. Mit nur 10 Franken pro Monat bist du dabei!

Ohne Dich geht es nicht

Unsere Community ermöglicht den freien Zugang für alle. Das unterscheidet uns von anderen Nachrichtenseiten. Wir begreifen Journalismus nicht nur als Produkt, sondern auch als öffentliches Gut. Unsere Artikel sollen möglichst vielen Menschen zugutekommen. Mit unserer Berichterstattung versuchen wir das zu tun, was wir können: guten, engagierten Journalismus. Das geht nur dank den Hauptstädter*innen. Sie wissen, dass guter Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht und ermöglichen so leser*innenfinanzierten und unabhängigen Berner Journalismus. Dafür sind wir sehr dankbar. Mittlerweile sind 2’700 Menschen dabei. Damit wir auch in Zukunft noch professionellen Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 3’000 – und mit deiner Beteiligung können wir es schaffen. Es wäre ein schönes Zeichen für die «Hauptstadt» und für die Zukunft des Berner Journalismus. Mit nur 10 Franken pro Monat bist du dabei!

tracking pixel

Das könnte dich auch interessieren