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Fast schon ein Krimi

Sebastian Steffen erzählt in «I wett, i chönnt Französisch» auf Berndeutsch von einem Mord. Fast schon True Crime, geschrieben in Versform. Diese Woche liest er im Café Kairo in Bern.

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(Bild: Jörg Kühni)

Eine Kleinstadt im Berner Seeland. Der namenlose Protagonist findet die zehnjährige Astrid tot in einem Feld. Ermordet. Auch dreissig Jahre später lässt ihn das Ereignis nicht los. Wieder und wieder kehrt er gedanklich zum Feld, ins Dorf, zum Mord zurück. Bitterbös und trocken, was ihm durch den Kopf geht: «Dr erscht Gedanke, woni d Astrid im Maisfäud ha gfunge: ‹Ändlich geit mau öppis.›»

Ein Autor mit Lese- und Schreibschwäche 

«I wett, i chönnt Französisch» ist das dritte Buch des Bieler Autors Sebastian Steffen. Dass er schreibt, ist nicht ganz selbstverständlich: Steffen hat eine Lese- und Schreibschwäche. In der Schule war er «grottenschlecht», wie das Bieler Tagblatt titelt. In Sonderschulen und einem sehr offenen Elternhaus trifft er immer wieder Menschen, die durch verschiedene Netze fallen. Aus solchen Begegnungen schöpft er Inspiration für die Hauptfigur.

Der Protagonist bezeichnet sich selbst als Versager. Und tatsächlich scheint er es nicht leicht zu haben: Adoptiv-Kind, die Eltern drogenabhängig. Später arbeitslos, Straucheln zwischen verschiedenen Jobs. Wer beim Lesen den Stammbaum des Protagonisten nachvollziehen will, sollte zu Stift und Papier greifen. Die Mutter nennt er «Frou Dokter». Weiter gibt es den Metzger, «dr Russ» und so weiter. Die genauen Familienverhältnisse verschwimmen. Alle kennen alle, alle gehören irgendwie zusammen. Und fast allen scheint es schlecht zu gehen.

«Gring abe u bügle früecher. Gring abe u Säubschtmord später. Gring abe u Suufe hüt.»

Auszug aus «I wett, i chönt französisch»

Die Geschichte hat einen wahren Kern: Sebastian Steffen wächst in einem Dorf in der Nähe von Biel auf. Er ist fünf Jahre alt, als dort eine Zehnjährige ermordet wird. Diese Erfahrung lässt er in den Text einfliessen, die Geschichte ist aber komplett fiktiv.

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Auch von Sebastian Steffen: «Aschtronaut unger em Miuchglasdach» (2016) und «leg di aschtändig a» (2018) (Bild: zvG)

Stellenweise wirkt «I wett, i chönt französisch» wie ein seltsam erzählter Detektiv-Roman. Dreissig Jahre nach dem Mord will der Erzähler entweder nach Paris verschwinden oder Vergeltung. Er begibt sich auf Rachezug, streicht um Häuser, durchstöbert fremde Keller mit Polizistinnen. Das macht Spass:

«Färsegäud. Ume nächst Husegge. Dr Notarzt hinger dri. Ä Chöpfler is Gebüsch. Aber ds isch ja gar kes Gebüsch, ds isch ä Stäge! Ufem Rügge. Zmingscht ä Sekunde. När, het aues nume no zuckt.»

Auszug aus «I wett, i chönt französisch»

Schwächen zeigt das Buch erst in der zweiten Hälfte. Wir treffen neue Figuren: Studentinnen, Studiengang Literarisches Schreiben, Biel. Der Protagonist reibt sich am akademisierten Jungvolk. Das fühlt sich sehr echt an, riecht aber etwas stark nach Autor, der übers Autorsein schreibt – Steffen hat selbst in Biel studiert. Schade, hier bröckelt die Welt, in die der Autor uns neunzig Seiten lang hineinträgt.

Köstlich ist die Sprache. Nahe am mündlichen, wird aus einem verklemmten Monsieur schnell «Mössio Stock im Arsch». «Et voilà» wird «Et wuala». Durch den ganzen Text zieht sich ein springender Rhythmus. Das hat auch mit Steffens Prozess zu tun: Er hat das Buch mit der Gitarre in der Hand geschrieben. Es ist dieser Takt, der die Gedankensprünge und halbfertigen Gedanken zusammenhält. Und immer durchschimmernd: Ein trockener, derber Humor. 

«I wett, I chönt Französisch» ist eine feinfühlige Zeichnung eines schiefen Lebens. Gleichermassen grob, emotional, tragisch und lustig.

Veranstaltungs-Hinweis: Sebastian Steffen liest am 2. Februar, 19:30 im Café Kairo

«I wett, i chönnt Französisch.» Der gesunde Menschenversand. 160 S.

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