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Session, Mürren, Mädchenhaus

Die wichtigsten News der Woche aus Bern – Kantons-Brief #5/2026

Kantonsbrief
(Bild: Silja Elsener)

Wer für den Kanton Bern im Parlament sitzt, muss in diesen Tagen seine Tasche packen, die Mäppli sortieren, die Voten vorbereiten. Denn für die 160 Mitglieder des Grossen Rates geht es nächste Woche wieder los: Die Session startet. Der Grosse Rat tagt viermal pro Jahr im Rathaus in Bern, meist zwei Wochen am Stück, wobei der Freitag meistens frei ist. Das Besondere an der kommenden Session: Es ist das letzte Mal, dass der Rat in seiner aktuellen Zusammensetzung zusammenkommt. Niemand kann sicher sein, auch bei der nächsten Session im Juni wieder dabei zu sein – denn es stehen Wahlen an. Gut möglich, dass das Stimmvolk am 29. März etwas an der Sitzverteilung ändert, jemanden abwählt und dafür neuen Personen die Möglichkeit gibt, das Volk zu repräsentieren. Wenn du mich fragst: Ein Schoggijob ist das Grossratsmandat nicht, auch wenn sich viele darauf bewerben. In den kommenden zwei Wochen arbeiten  die Politiker*innen 140 Geschäfte ab. Dafür sitzen sie fast täglich von 9 bis 19 Uhr im Ratssaal – unterbrochen von der Mittagspause, während der aber im Rathaus häufig Lobbyveranstaltungen stattfinden. Für viele dürfte die Session die letzte Gelegenheit sein, sich als Parlamentarier*in vor dem Wahltermin nochmals ins Rampenlicht zu stellen. Was die Grossrät*innen in den kommenden zwei Wochen entscheiden, darüber informiert die  «Hauptstadt» in den nächsten Kantons-Briefen.  In der ersten Woche diskutiert der Rat über eine Kampagne gegen sexuelle Belästigung. Es ist der erste Vorstoss des kantonalen Jugendparlaments, der im Rat behandelt wird – erst 2023 entschied der Grosse Rat, dass auch Jugendliche Vorstösse einreichen dürfen. Auch die übervollen Strafanstalten werden im Kantonsparlament zum Thema. Ein Blick in die aktuelle Belegungsstatistikzeigt: Im Regionalgefängnis Thun und in Burgdorf sitzen deutlich mehr Menschen ein, als die beiden Häuser Platz haben. Im Herbst 2024 lehnte der Grosse Rat einen Kredit für eine Container-Lösung in Burgdorf knapp ab. Nun liegt ein Vorstoss mit einer abgespeckten Variante auf dem Tisch. Schliesslich steht das Sozialhilfegesetz zur Debatte. 2019 sprach sich eine Mehrheit dafür aus, dass der Kanton einen finanziellen Selbstbehalt für Gemeinden einführen soll – wer viele Sozialhilfebezüger hat, sollte stärker zur Kasse gebeten werden. Die Idee dahinter: Gemeinden sollten einen Anreiz haben, die Kosten tief zu halten. Doch das Parlament ruderte wieder zurück. Das System gilt als ungerecht, weil Gemeinden kaum beeinflussen können, wie viele Menschen bei ihnen arbeitslos sind. Die Regierung schlägt nun vor, die Sozialhilfekosten der Gemeinden zwar weiterhin zu vergleichen – aber ohne finanzielle Konsequenzen.

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Gute Neuigkeit der Woche

Alte Weihnachtsbäume sind zu etwas gut: Sie schaffen Lebensräume für Fische im Wohlensee. Laut Fischereiverein Wohlensee haben letztes Wochenende rund 20 Freiwillige über hundert Weihnachtsbäume im See versenkt. Sie sollen Egli und anderen Fischarten als Laichplätze dienen und Jungfischen Schutz bieten. Die Bäume taugen aber auch als Lebensraum für Kleinstlebewesen wie Bachflohkrebse. Es ist die erste solche Aktion im Wohlensee. Der künstlich angelegte See bietet nur begrenzt natürliche Strukturen. Die versenkten Bäume befinden sich ausserhalb der Fahrrinne und liegen meist einen Meter unter der Wasseroberfläche, um Schiffe nicht zu gefährden.

Das Wichtiges aus dem Kanton:

  • Mädchenhaus: In Biel öffnet im Juni das zweite Mädchenhaus der Schweiz. Die zweisprachige Schutzunterkunft soll Platz für sechs bis acht Mädchen im Alter zwischen 14 und 20 Jahren bieten. Bisher gibt es erst in Zürich ein Mädchenhaus, wo jedes Jahr Dutzende Mädchen abgelehnt werden müssen. Das Projekt für ein Mädchenhaus in Biel ist schon lange parat, bisher fehlte es aber an der kantonalen Unterstützung. Mit der neuen Opferhilfestrategie, die übernächste Woche vom Grossen Rat nur noch zur Kenntnis genommen werden muss, wird die Unterstützung offiziell. Allerdings können Mädchen in der Regel nur für 21 Tage im Haus bleiben und nicht wie von den Initiant*innen gefordert für drei Monate.   
  • Ballenberg: Der Grosse Rat verhandelt nächsten Dienstag über einen Kredit von 30,6 Millionen Franken für eine Sanierung des Eingangsbereichs beim Freilichtmuseum Ballenberg. Die Bildungskommission fordert jedoch eine Kürzung um drei Millionen Franken. Nun bietet allenfalls die Berner Burgergemeinde Hand, die Finanzierungslücke etwas zu schliessen. An der Sitzung des Grossen Burgerrats informierte der Burgergemeindepräsident Bruno Wild diese Woche darüber, dass ein Finanzierungsgesuch in der Höhe von einer Million Franken eingegangen sei. Gemäss Wild stehe man dem Vorhaben positiv gegenüber, müsse aber noch die entsprechenden Gremien konsultieren. Wild betonte, es sei aus seiner Sicht durchaus angemessen, wenn sich die Berner Burgergemeinde erneut an einem Projekt im ländlichen Raum beteilige.
  • Gymnasium: Voraussichtlich entsteht wegen wachsenden Schüler*innenzahlen im Wankdorf ein neuer Gymnasiumsstandort – neben den bestehenden Gymern Neufeld, Kirchenfeld, Lerbermatt (Köniz) und Hofwil (Münchenbuchsee). Das teilt die Kantonsregierung mit. Sie unterbreitet dem Grossen Rat mehrere Kredite zur Herrichtung und Anmiete von Schul- und Sporträumen. Mit der Realisierung der von Architekt Rolf Mühlethaler entworfenen Überbauung Wankdorfcity 3 bietet sich laut dem Regierungsrat eine ideale Gelegenheit zur Schaffung eines neuen Schulstandorts.   
  • Bilinguisme: Mit einem Austauschprogramm wollen die Kantone Bern und Waadt die Zweisprachigkeit ihrer Gymnasiast*innen verbessern. Die Waadtländer Schüler*innen können künftig die Abteilung Gstaad des Gymnasiums Interlaken besuchen, jene von Berner Seite das Gymnasium in Aigle. Das sieht eine interkantonale Vereinbarung vor, wie die beiden Kantone mitteilten. Den Sprung über den Röstigraben dürfen Jugendliche aus den bernischen Gemeinden Saanen, Gsteig, Lauenen, Lenk, St. Stephan, Boltigen und Zweisimmen machen.
  • Pharma: Die Apotheke Bichsel in Interlaken hat im Berner Oberland Legendenstatus. Der schwerkranke Lauterbrunner Bergführer Werner Stäger war 1966 schweizweit der erste Nierenpatient, der, wie dieser historische TV-Beitrag zeigt, zu Hause seine lebenserhaltende Blutwäsche durchführen konnte. Betreut von der Apotheke Bichsel. Die Interlakner Apotheke baute später ein Produktionslabor, etwa für intravenöse Schmerzmittel, und stieg ins Home-Care-Geschäft ein. 2019 wurde Bichsel vom Pharma-Konzern Galenica übernommen, der, wie bis heute auf der Website steht, die Mitarbeitenden von Bichsel weiterbeschäftigen werde. Damit hat es jetzt aber ein Ende: Diese Woche gab Galenica bekannt, dass die Produktionssparte von Bichsel, die sich in Unterseen befindet, bis spätestens Ende Jahr geschlossen werde. Abgebaut würden bis 170 Stellen. Aktiv bleibe Bichsel in der Pflegeversorgung von Patient*innen zu Hause. Galenica ist ein Berner Unternehmen, der Hauptsitz befindet sich im Untermatt-Quartier ausgangs Weyermannshaus.
  • Wilderswil: Das 128-jährige Traditions-Hotel Alpenrose in Wilderswil ist verkauft worden, wie Plattform J vermeldet. Interessant ist der Investor, der sich die Alpenrose schnappte.  Thayanantharajan Rasaratnam ist mit seiner Firma Rajan Immobilien im Grossraum Interlaken in den letzten 20 Jahren zu einem der grössten Immobilienbesitzer geworden. Der aus Sri Lanka eingewanderte Rasaratnam war 2008 eingebürgert worden und arbeitete zuerst bei einem Grossverteiler in Wengen und Interlaken, ehe er ins Immobilienbusiness einstieg.
  • Hauptsachen-Talk: Am 29. März wählen die Stimmberechtigten des Kantons Bern die Regierung und das Parlament. Vier neue Kandidierende mit guten Chancen für die drei vakanten Sitze in der Regierung stellen sich den Fragen der «Hauptstadt»: Daniel Bichsel (SVP), Aline Trede (Grüne), Reto Müller (SP), Raphael Lanz (SVP). Wie brächten die vier frischen Wind in die Regierung? Wir wollen das in der Live-Diskussion herausfinden. Der Hauptsachen-Talk findet statt am Donnerstag, 5. März, 19.30 Uhr, im Kulturzentrum Progr (Kleine Bühne, Eintritt frei, Kollekte). Wir freuen uns, wenn du kommst.
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Blick nach Mürren

Der Kanton unterstützt die Sanierung eines historischen Hotels in Mürren mit über 100'000 Franken. Es ist eines von neun Projekten, die die Regierung mit Mitteln aus dem Lotteriefonds fördert. Beim Objekt handelt es sich um das Hotel Mürren Palace, das auf dem höchsten Punkt der Bergterrasse des Dorfes thront. Es gilt als ältestes Palace-Hotel der Schweiz und blickt auf eine bewegte Geschichte zurück: Dazu gehören ein Brand sowie mehrfache Besitzerwechsel. Doch weshalb beteiligt sich der Kanton an der Restaurierung eines Luxushotels? Das Gebäude gilt als Baudenkmal – die Mittel werden daher in Absprache mit der kantonalen Denkmalpflege gezielt für die Sanierung des Saals und der Fassade eingesetzt. «Dieses lebendige Kulturerbe ist ein wertvolles Zeugnis der touristischen und architektonischen Geschichte der Schweiz und erzählt auch künftigen Generationen von der grossen Zeit des Alpentourismus», heisst es auf der Website des Kantons dazu.

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