Sie gibt alles für die Pflege – auch wenn sie manchmal frustriert ist
Annina Bosshard ist diplomierte Pflegefachfrau und engagiert sich seit Jahren ehrenamtlich für Pflegestudierende. Dafür wurde sie für den Viktor Award der Gesundheitsbranche nominiert.
Wenn bei Annina Bosshard ein Termin im Bundeshaus ansteht, kommt sie meistens direkt von der Nachtschicht dorthin. So war es auch, als sie eine Rede vor der Kommission für Soziale Sicherheit und Gesundheit (SGK) halten durfte. «Das ist zwar anstrengend, aber authentisch. Ich arbeite im Schichtbetrieb und habe kein geregeltes Leben», sagt die 29-jährige Bernerin.
Die diplomierte Pflegefachfrau arbeitet in einem Spital im Berner Oberland und engagiert sich neben ihrer Vollzeitstelle ehrenamtlich als Co-Präsidentin der Swiss Nursing Students (SNS), dem nationalen Verband der Pflegestudierenden der Schweiz.
Druck von den erfahrenen Pflegekräften
Bosshard wollte sich bereits während ihrer eigenen Ausbildung am Berner Bildungszentrum Pflege für andere Studierende einsetzen. Daher trat sie 2019 in den Vorstand des SNS ein. Denn sie weiss aus eigener Erfahrung: Praktisch jede Pflegefachperson hat im Verlauf ihres Bildungsweges einmal Probleme im Ausbildungsbetrieb. Sie beschreibt das Phänomen mit der englischen Redewendung Nurses eat their young.
Berufseinsteiger*innen werden dabei von erfahrenen Pflegekräften durch abwertendes Verhalten oder übermässige Kritik unter Druck gesetzt. «Stress und Überlastung im Berufsalltag fördern solches Verhalten», sagt Bosshard. Zudem bleibe die Qualität auf der Strecke, wenn Berufsbildner*innen keine Zeit für die Studierenden aufbringen könnten.
Das Paradoxe daran: Gesundheitsinstitutionen sind eigentlich sehr fest auf Lernende und Praktikant*innen angewiesen und sollten den Nachwuchs nicht abschrecken. «Denn die Pflegestudierenden sind die Fachkräfte von morgen», so Bosshard.
Eine neue Chance
Täglich weinend im Umkleideraum stehen. Täglich hören müssen, dass die eigene Leistung nicht reicht. Das war auch für Annina Bosshard einmal die Realität. «Im 6. Semester wurde ich täglich von meiner Praxisbegleitung schikaniert», erinnert sie sich. Um ihr Selbstvertrauen zurückzugewinnen, brach sie das letzte Praxissemester ab, um auf einer anderen Station einen Neustart zu wagen. «Ich wusste, dass ich sonst immer eine unsichere Pflegefachfrau sein würde.»
Es dauerte zwar ein halbes Jahr länger, dafür konnte sie ihre Ausbildung mit neuer Selbstsicherheit abschliessen. Sie wurde dabei von ihrer Familie finanziell unterstützt. Doch nicht alle haben dieses Privileg, so Bosshard. Deshalb setze sie sich in ihrer Funktion als Co-Präsidentin der Swiss Nursing Students auch für höhere Ausbildungslöhne während der Praktika ein. Sie betrachte daher auch die erste Etappe der Pflegeinitiative als sinnvoll, die Berufseinsteigende mit kantonalen Geldern unterstützen will.
Eine tabellarische Übersicht, die Bosshard erstellt hat, zeigt aber klar auf, dass die Ausbildungsfinanzierung ein föderalistischer Flickenteppich ist. Die Voraussetzungen sind in jedem Kanton anders. «Es ist für mich nicht nachvollziehbar, warum jemand in Graubünden oder Zürich mehr oder weniger Geld für die gleiche Ausbildung erhält als jemand in Bern», sagt Bosshard.
Kanton Bern ist streng
Besonders im Kanton Bern gebe es sehr strenge Kriterien, was die Subventionierung von Pflegestudierenden angehe. So müsse man Quer- oder Späteinsteigende sein, das 27. Lebensjahr abgeschlossen haben, bei Ausbildungsbeginn zwei Jahre im Kanton Bern gelebt und den Lebensunterhalt selbständig finanziert haben. «Falls kaum Personen in dieses Raster fallen und die Gelder nicht gebraucht werden können, sieht es so aus, als wären sie nicht nötig», kritisiert Bosshard.
Sie hofft auch darauf, dass die Forderungen des zweiten Teils der Initiative – die Verbesserung der Arbeitsbedingungen – noch durchgesetzt werden. Denn die hohe körperliche Belastung und der Stress durch Personalmangel mache krank. In Österreich ist der Pflegeberuf deshalb seit Januar 2026 als Schwerarbeit anerkannt worden, was einen vorzeitigen Ruhestand ermöglicht. «Dieser Schritt wäre auch in der Schweiz nötig, um die Gesundheit der Pflegenden zu schützen», ist Bosshard überzeugt.
Ein Ventil für Frust
Bosshard kannte die Arbeitsbedingungen im Pflegeberuf bereits durch ein Praktikum in einem Wohnheim für Menschen mit Behinderung, bevor sie die Ausbildung überhaupt begonnen hatte. «Ich wusste, dass ich den Beruf wollte, die Rahmenbedingungen aber nicht unbedingt», sagt sie.
Für Bosshard ist ihr Engagement ein Ventil für die Frustration, die sie manchmal empfindet, wenn sie ihren Patient*innen nicht gerecht werden kann. Der berufspolitische Eifer liegt in der Familie. Bereits ihr Vater habe sich für bessere Arbeitsbedingungen für Assistenzärzt*innen eingesetzt und war Präsident des entsprechenden Berufsverbandes (VSAO). Das führte aber auch dazu, dass ihr Vater oft nicht zu Hause war und auf der Fussmatte wieder umkehrte. «Meine Mutter zog mich und meine drei Geschwister eine gewisse Zeit lang gefühlt alleine auf.»
Trotz ihres Einsatzes gab es auch Momente, in denen Bosshard über einen Ausstieg aus der Pflege nachdachte. «Ich glaube, das überlegt sich jede Person einmal, die im Gesundheitswesen tätig ist», sagt sie. Der Gedanke sei ihr aber erst gekommen, als die interdisziplinäre Zusammenarbeit für sie nicht mehr gestimmt habe. «Ich empfand es eher als ein Gegeneinander als ein Miteinander.»
Das hierarchische Denken von Ärzt*innen, die nicht mit ihr auf Augenhöhe arbeiten konnten, brachte sie zum Grübeln. «Wenn nicht nur die Arbeitsbedingungen, sondern auch die Berufskolleg*innen zu Gegnern werden, dann wird es für mich schwierig», so Bosshard. Sie merkte jedoch rasch, dass hier der Arbeitsplatz das Problem war und nicht der Beruf selbst, den sie aufgeben wollte.
Für Bosshard ist eine Abkehr von der Pflege heute immer noch keine Option. «Für mich ist klar: Es braucht Leute, die hinstehen und die auch mal ungemütlich sind. Das System ist wandelbar und es kann sich etwas in der Pflege verändern.»
Um ihr Engagement zu würdigen, wurde Bosshard für den diesjährigen Viktor Award, eine Auszeichnung im Gesundheitswesen, nominiert. Am 12. März wird sie im Berner Kursal erfahren, ob sie den Preis in der Kategorie «Herausragendste Persönlichkeit» gewonnen hat.
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