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Wo sind eigentlich die Frauen bei der Berner SVP?

Die stärkste Partei des Kantons nominiert drei Männer für den Regierungsrat. Seit 20 Jahren hat die Berner SVP keine Kandidatin mehr aufgestellt – obwohl die Partei andernorts gerade mit Frauen Wahlerfolge feiert.

Daria Winkelmann-Rösti, die Präsidentin der Berner SVP-Frauen fotografiert für die hauptstadt.ch. Bild: Christine Strub, ©christinestrub.ch
«Bei uns ist das Frauen-Männer-Thema nicht so ausgeprägt», sagt Daria Winkelmann-Rösti, Präsidentin der SVP Frauen Kanton Bern. (Bild: Christine Strub)

Die SVP-Basis nominiert eine Dreierkandidatur für den Berner Regierungsrat: Daniel Bichsel (56), Raphael Lanz (57) und Pierre Alain Schnegg (63, bisher) treten für die Partei bei den anstehenden Regierungsratswahlen an. Was die drei neben dem Parteibüchlein eint: Es sind alles Männer im mittleren Alter.

Wer nach einer SVP-Frau in der Berner Regierung oder auf dem Wahlticket sucht, muss weit zurückblicken. Die letzte SVP-Regierungsrätin war Elisabeth Zölch. Gewählt wurde sie 1994, im Amt blieb sie bis 2006. In den vergangenen 20 Jahren konnte die stärkste Partei des Kantons danach nie mehr eine Frau in der Regierung vorweisen.

Andere SVP-Sektionen punkten mit Frauen

Damit unterscheidet sich die Berner SVP von anderen Kantonalparteien. Denn gerade mit Frauen verbuchte die Partei zuletzt Erfolge: So eroberte die SVP im Kanton Solothurn – einer Hochburg des Freisinns – im vergangenen Frühling erstmals einen Regierungssitz. Die gewählte SVP-Kandidatin Sibylle Jeker galt zuvor als eher unbekannt.

Solothurn sei kein Zufall, sagt Politologe Lukas Golder, Co-Leiter von GFS Bern. Sein Forschungsinstitut analysiert Abstimmungen und Wahlen, führt schweizweit Umfragen durch. Die SVP setze bei Exekutivwahlen in vielen Kantonen gezielt auf Frauen, sagt Golder.

Davon zeuge auch der Einzug von Natalie Rickli in die Zürcher Regierung 2019. 2023 gewann Esther Friedli den bürgerlichen St. Galler Ständeratssitz, und seit 2024 regiert Martina Bircher im Aargau. «SVP-Frauen wirken oft frisch, sympathisch und neu», so Golder. Zudem brächten sie Potenzial für Panaschierstimmen mit – selbst dann, wenn sie politisch als Hardlinerinnen gelten.

Starke Berner SVP

In der Berner SVP sagen einige hinter vorgehaltener Hand, die Partei habe es gar nicht nötig, auf eine Frau zu setzen. Diesem Gerücht pflichtet auch Politologe Golder bei: «In Bern war die SVP immer die Nummer-eins-Partei. Sie hatte nie ein Majorzproblem und war die klare Hausmacht.» Die Genderfrage spiele bei der Berner SVP-Basis deshalb eine untergeordnete Rolle. Gerade wenn die SVP gemeinsam mit den bürgerlichen Parteien in den Wahlkampf ziehe, sei sie zudem nicht sonderlich auf Panaschierstimmen angewiesen.

Daria Winkelmann-Rösti ist seit letztem Jahr Präsidentin der SVP-Frauen Bern. Sie sagt, die SVP habe durchaus auch mit möglichen Kandidatinnen für den Regierungsrat gesprochen: «Aber bei uns ist das Frauen-Männer-Thema nicht so ausgeprägt.»

In ihrer Partei gebe es zwar Frauen-Persönlichkeiten, die für das Amt infrage kämen. Aber gerade was die Familie angehe, sei ein Regierungsamt nicht einfach mit kleinen Kindern zu vereinbaren: «Und bei uns in der SVP kommt bei den Prioritäten halt zuerst die Familie, da muss man nicht gehauen und gestochen noch ein politisches Amt haben.»

Sie sehe es trotzdem als ihre Aufgabe, Frauen zu ermuntern, ein solches «Wagnis» einzugehen. Winkelmann-Rösti, die Nichte von Bundesrat Albert Rösti, hat sich vorgenommen, in den nächsten Jahren eine Kandidatin präsentieren zu können.

Als mögliche Kandidatin wird in der Partei immer wieder die Burgdorferin Nadja Pieren genannt. Sie ist seit 2011 im Nationalrat und kann wegen der Amtszeitbeschränkung der SVP dort keine weitere Legislatur anhängen.

Neuhaus blockierte den Weg

Zwei weitere Punkte spielen eine Rolle, wenn es um das Fehlen von Frauen in den Reihen der SVP geht: Der eine SVP-Sitz im Regierungsrat wird seit 18 Jahren von Christoph Neuhaus besetzt. Damit blieb der Weg für interessierte Kandidierende – Frauen wie Männer – über Jahre hinweg versperrt. Der Berner SVP-Nachwuchs musste sich daher an anderen politischen Ämtern orientieren.

Wer ein Mandat so lange innehat, bremst den Aufstieg neuer Talente. Auch innerhalb der Partei wurde kritisiert, wie lange Neuhaus an seinem Sitz festhielt. Inzwischen hat die SVP Kanton Bern ihr Reglement angepasst: Seit 2023 gilt auch für Regierungsräte eine Amtszeitbeschränkung, sie können höchstens dreimal wiedergewählt werden.

Bärtschi als «Glücksfall»

Ein zusätzlicher Punkt ist, dass die Bürgerlichen im Kanton seit 2010 immer eine Regierungsrätin vorweisen konnten. 2010 gelang Beatrice Simon (BDP, später Mitte) die Wahl. Für viele Bürgerliche gab sie der Berner Regierung ein weibliches und gleichzeitig bürgerliches Gesicht. Wurde auf die fehlende Kandidatin der SVP hingewiesen, wurde jeweils auf sie gezeigt. Im Frühjahr 2008 war Simon von der SVP zur BDP gewechselt und wurde die erste Präsidentin der BDP des Kantons Bern.

Auf Simon folgte im Regierungsrat 2022 Astrid Bärtschi (Mitte). Sie startet dieses Jahr als einzige weibliche Vertreterin auf dem bürgerlichen Ticket in den Wahlkampf. Die bisherige Finanzdirektorin sorgt dafür, dass auf dem bürgerlichen Wahlplakat nicht nur Männer zu sehen sind.

«Astrid Bärtschi ist als Finanzdirektorin ein Glücksfall, auch für uns», sagt SVP-Frauen-Präsidentin Winkelmann-Rösti. In vielen Bereichen sei sie ihnen, den SVP-Frauen, ähnlich. Winkelmann-Rösti ist sich denn auch sicher, dass ihren Weg künftig auch Berner SVP-Frauen einschlagen werden. 

Auf absehbare Zeit ist das jedoch nicht realistisch. Wenn am 29. März bei den kantonalen Wahlen wie zu erwarten ein neu kandidierender SVP-Mann oder sogar beide gewählt werden, ist die SVP wieder für mindestens vier Jahre von Männern vertreten. 

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