Eine Mutter ist eine Mutter ist eine Mutter
Die Liechtensteiner Autorin Anna Ospelt liest im Botanischen Garten aus ihrem Roman «Frühe Pflanzung». Ein intimer und politischer Text über Mutterschaft und Natur, der gut an diesen grünen Ort passt.
Am Anfang steht eine Fehlgeburt. Und damit eine Trauer, die der Protagonistin noch lange im Mund liegt.
Nur drei Seiten widmet Anna Ospelt diesem Schmerz. Dann folgt das nächste Kapitel. Es handelt vom Beginn einer neuen Schwangerschaft. Der frühen Pflanzung, wie der Titel des Romans lautet.
So schreibt Anna Ospelt. Die Trauer über das tote Kind steht unkommentiert neben dem Glück einer neuen Schwangerschaft. Und darum geht es in diesem Roman: Um die Ambivalenz des Mutterseins. Ängste, Wut und Einsamkeit begleiten die Zärtlichkeit und Nähe zum Kind.
Die Handlung des Romans ist simpel: Ein Kind kommt zur Welt. Die Mutter kümmert sich um das Kind, schreibt und liest und beginnt langsam, wieder in die Berufswelt und die Gesellschaft einzusteigen. Formal ist der Roman ein poetisches Fragment aus Beobachtungen der Umgebung, geschilderten Gefühlen und Haltungen zum Muttersein.
Ospelts Text liest sich wie ein Gedicht und eignet sich deshalb besonders zum Hören, es ist ein sinnlicher Text.
«Ich kann flattern und mich plustern, aber nicht davonfliegen.
‒
Sehe wunden Wald.
In den Himmel gebäumtes Wurzelwerk
‒
E.s unbeschwerte Füsslein.»
«Im Rahmen der aktuellen Häuslichkeit kann ich weder sticken noch stricken.»
Die Mutter ist die Erzählstimme. Anna Ospelt stellt sie sehr sorgfältig dar, als fragende Figur, die in sich und die Welt hinein lauscht. Sie befindet sich im Spannungsfeld zwischen den Erwartungen, die die Menschen um sie herum an sie stellen und den Idealen, denen sie als Mutter und als feministische Frau gerecht werden will. Wer ist sie, diese Mutter, die plötzlich da ist? Warum wird sie in der Fürsorge um ihr Kind nicht vollumfänglich glücklich? Und warum hat sie deswegen ein schlechtes Gewissen?
«Diese Frau mit dem Kind muss ich erst noch kennenlernen. Sie ist ja gerade Mutter geworden.»
Im Bücherregal der Protagonistin «schlummert» der Text «Frauen im Laufgitter», den die Juristin Iris von Roten 1958 veröffentlichte. Er sorgte damals für einen öffentlichen Aufschrei. Von Roten forderte auf allen Ebenen die Befreiung der Frauen. Ein Kapitel widmete sie dem Muttersein und verlangte schon damals mehr öffentliche Einrichtungen und weniger Anforderungen an die Mütter. Die Mutter in Ospelts Roman liest den Text nicht. Als wüsste sie, dass man den Forderungen, die Von Roten 1958 stellte, auch heute nicht vollumfänglich gerecht wird.
Dafür wirft sie «(..) Jean-Jacques Rousseaus Ideal der sich selbst aufopfernden Mutter aus dem Fenster». Und erteilt damit eine Absage an die Vorstellung, dass das Muttersein in der «Natur» der Frauen liege.
Keine Romantik
Ospelt schliesst sich hiermit einer Kritik an, die Feminist*innen schon lange äussern: Natur wird oft dazu benutzt, die gesellschaftliche Benachteiligung der Frauen zu rechtfertigen. Und trotzdem ist die Natur ein wichtiger Bestandteil in Ospelts Buch. «Nature Writing» nennt sich die literarische Gattung, in der Naturbeobachtungen wesentlich sind. Ospelt hat sich dieses Schreibens schon in ihrem letzten Roman bedient und tut es auch in «Frühe Pflanzung».
«Nature Writing» erfährt seit einiger Zeit ein Comeback. Die «neue» Generation der «nature writers», zu der auch Ospelt zählt, ist vielfach politisch und schreibt mit einem anderen Ansatz über Natur als die früheren Romantik*innen: Das Verhältnis von Mensch und Natur beleuchten sie kritisch und der verklärte Blick auf die Natur entfällt.
Mensch und Natur
Ospelt dient die Natur auch, um Zärtlichkeit auszudrücken. Die Mutter sieht ihr Kind als Blüte, früh gepflanzt und langsam zum Leben erwacht. Als Wesen in der Eierschale, dass sich allmählich herauspult. Als Schlafmützchen, wie man den orangen Mohn aus Kalifornien im Volksmund nennt.
«Vorhin habe ich mich über die schlafende E. gebeugt. Sie roch nach Mandarinen.»
Die Natur dient auch als Trost. Sie hilft der Mutter, sich und ihre Situation zu reflektieren. Sich wiederzuerkennen. Etwa in der Amsel, die alleine im Baum sitzt. Sie ist auch ein Symbol der Einsamkeit. «Die Amseln sehen mich», meint die Mutter, die sich zuweilen sehr isoliert fühlt.
So wichtig die Natur in Ospelts Roman auch ist, sie widerspiegelt immer die Menschen, die sie betrachten. Weshalb der Roman auch so gut in den Botanischen Garten passt. Er ist ein Zeugnis des menschlichen Umgangs mit der Natur und beeinflusst, wie wir auf die Natur blicken.
Es ist die Ambivalenz
Ospelts Text ist kein tragischer. Es beschreibt keine scheiternde, durchweg leidende Figur. Sondern eine zuweilen privilegierte Mutter, die erlebt, was viele Mütter erleben: Eine Konfrontation mit einer neuen Rolle in der Gesellschaft und im eigenen Leben. Die Mutter in «Frühe Pflanzung» ist darüber glücklich und traurig, beschwert und leicht zugleich:
«Ich sehe mich in E.s Pupillen. Sehe E.s Mutter in ihren Pupillen sich spiegeln, sehe mich, vornübergebeugt, still. (..) Ich sehe meine Vorstellungen ihre Schutzhüllen verlieren. Bin von je einem Auge berührt.»
Wer die lyrische Stimme inmitten der botanischen Vielfalt des BoGa hören will, kann am Dienstagabend dort die Lesung besuchen.
Die Lesung aus «Frühe Pflanzung» von Anna Ospelt findet am 29.08 um 19:30 im Botanischen Garten in Bern statt.