Schimpfwörter und Chauffeurdienste
Ehemalige Mitarbeitende der Kollektivunterkunft Mühleberg erheben Vorwürfe gegen die Zentrumsleiterin: Es herrsche ein «Klima der Angst» im Asylzentrum.
Die Leiterin der Kollektivunterkunft Mühleberg habe über die Bewohnenden des Asylzentrums nicht mit deren Namen gesprochen. Sie habe, wenn sie als Vorgesetzte mit anderen Mitarbeitenden über ihre Klient*innen sprach, jeweils «Spitznamen» verwendet. Zum Beispiel «Vollidiot». Oder «Arschloch». Oder «Schlampe».
Diese und weitere Erfahrungen haben zwei ehemalige Mitarbeiterinnen der Kollektivunterkunft Mühleberg dem Schweizerischen Roten Kreuz (SRK) des Kantons Bern gemeldet, ihrer damaligen Arbeitgeberin. Es folgte eine interne Abklärung. Die Gespräche wurden dokumentiert, die Protokolle liegen der «Hauptstadt» vor.
Sie enthalten gewichtige Vorwürfe gegen die Leiterin des Asylzentrums. Die «Hauptstadt» hat mit einer der beiden Mitarbeiterinnen mehrere Gespräche geführt.
Qëndresa Zogu war während knapp einem Jahr in Mühleberg angestellt. Im August kündigte sie gemeinsam mit ihrer Kollegin die Stelle. Sie liessen sich per sofort freistellen. «Ich habe es keinen Tag länger ausgehalten», sagt Zogu.
Es herrsche «ein Klima der Angst» in der Kollektivunterkunft Mühleberg, gaben die Mitarbeiterinnen beim SRK zu Protokoll. Das betreffe sowohl Mitarbeitende als auch Bewohner*innen.
Eine weitere Person, die an den internen Meldungen nicht beteiligt war, bestätigt gegenüber der «Hauptstadt» die beanstandete Betriebskultur in Mühleberg. Sie möchte anonym bleiben.
Öffentliche Aufgabe
Die Asylunterkunft Mühleberg ist eine von rund 40 Kollektivunterkünften des Kantons Bern. Sie beherbergt 71 Personen aus dem Asylbereich, darunter 11 Kinder.
Das SRK führt die Unterkunft im Auftrag des Kantons, der zuständig ist für die Unterbringung von Asylsuchenden im erweiterten Verfahren, anerkannten Flüchtlingen und vorläufig Aufgenommenen.
Ihren Aufenthaltsort dürfen diese Personen in der Regel nicht selbst wählen – sie werden einer Kollektivunterkunft zugeteilt.
Und sind darauf angewiesen, dort professionelle Bedingungen vorzufinden.
Verbale Attacken, Chauffieren, verwehrter Ausgang
Kürzlich hat das SRF die Kollektivunterkunft Mühleberg besucht. Sie ist in einem ehemaligen Schulhaus einquartiert. Im Beitrag wird darüber berichtet, wie die Unterkunft im Dorf eine breite Akzeptanz geniesst.
Die Vorwürfe, die die Mitarbeiterinnen gegen ihre Vorgesetzte erheben, zeichnen ein anderes Bild: Das einer mutmasslich toxischen Führungskultur.
Die Zentrumsleiterin habe, ist in den Protokollen festgehalten, sowohl Mitarbeiter*innen als auch Bewohnende regelmässig verbal attackiert. Sie habe Mitarbeitende blossgestellt, indem sie sie in der Anwesenheit von Bewohner*innen beschimpfte. Sie habe ihre persönlichen Eigenschaften wie Aussehen, Ernährung und Kleidung kommentiert. Sie habe immer wieder abwertend über Mitarbeiter*innen gesprochen, wenn diese abwesend waren.
Und sie habe Qëndresa Zogu regelmässig aufgefordert, sie mit dem Auto am Bahnhof Westside abzuholen und nach Mühleberg zu chauffieren – ohne anderen Grund, als nicht den Bus nehmen zu wollen, sagt die Mitarbeiterin.
Dies, obwohl Zogu zu diesen Zeitpunkten teilweise als einzige Angestellte in der Unterkunft gewesen sei. Es verstösst jedoch gegen interne Vorschriften, wenn keine Mitarbeitenden im Zentrum anwesend sind. Als sie ihre Vorgesetzte darauf hinwies, dass sie deshalb das Zentrum nicht verlassen dürfe, habe diese Zogu als «Streberin» bezeichnet. Und verlangt, dass sie trotzdem fuhr.
Einmal habe sich die Leiterin auch von einem Bewohner mit dem Fahrzeug des SRK an den Bahnhof fahren lassen. Auch das verstosse gegen interne Regeln.
Gegenüber Bewohner*innen des Zentrums habe sich die Leiterin regelmässig befehlshaberisch und herablassend verhalten. Sie habe ihnen etwa teilweise den Ausgang am Wochenende verwehrt, obwohl sie dazu gar nicht befugt wäre.
Die «Hauptstadt» hat die Zentrumsleiterin mit den Vorwürfen konfrontiert. Diese nimmt dazu keine Stellung und verweist auf die Auskunft des SRK.
Kündigungen nach interner Abklärung
Die beiden Mitarbeiterinnen meldeten im Sommer der HR-Abteilung des SRK, die Arbeitssituation in Mühleberg sei psychisch sehr belastend. Es folgten vier Gespräche mit verschiedenen Führungspersonen. Ein weiterer Mitarbeiter beteiligte sich daran, auch er beschwerte sich. Beim letzten Gespräch wurde die Zentrumsleiterin mit den Vorwürfen konfrontiert.
Es gebe Unstimmigkeiten im Team, schrieb das SRK nach den Abklärungen in einem Brief, doch es handle sich nicht um unlösbare Probleme. Qëndresa Zogu und ihre Kollegin wurden aufgefordert, ihre Arbeit unter der Zentrumsleitung weiterzuführen.
Für die beiden Mitarbeiterinnen war das nicht mehr denkbar. Sie sahen nur noch die Kündigung als Ausweg.
Das SRK äussert sich nicht
Auf Anfrage der «Hauptstadt» bestätigt das SRK Kanton Bern, dass die erwähnte interne Untersuchung stattgefunden hat. «Wir haben verschiedene Gespräche geführt und die Situation analysiert», sagt Martina Blaser, Leiterin Migration des SRK Kanton Bern.
Darüber hinaus gibt die Arbeitgeberin aber keine Auskunft zu den erhobenen Vorwürfen: «Über die Inhalte von internen Abklärungen geben wir aus Datenschutzgründen keine Informationen an Dritte weiter.»
Sie betont, den Sachverhalt in jeder Abklärung sorgfältig zu analysieren und begründete Entscheidungen zu fällen. «Das SRK Kanton Bern beschäftigt über 700 Mitarbeitende. Als Arbeitgeberin von dieser Grösse handeln wir nach standardisierten Prozessen», sagt Martina Blaser.
Sie kommentiert weder die mutmasslichen Fahrten zum Bahnhof noch die Schimpfwörter, die die Zentrumsleiterin verwendet haben soll.
Auch Anfragen zu weiteren Kündigungen und zur Anzahl verhängter Hausverbote gegenüber Bewohnenden lässt das SRK mit Verweis auf den Datenschutz unbeantwortet. Auf eine zusätzliche Anfrage zu den aktuellen Personalverhältnissen in Mühleberg geht die Organisation gar nicht ein. Sie schreibt, sie verfüge «nicht über die entsprechenden Ressourcen», um die Fragen der «Hauptstadt» zu beantworten. Und bietet einzig ein weiteres Gespräch mit Martina Blaser an, das allerdings erst im November stattfinden könne.
Das SRK Kanton Bern nimmt mit dem Betrieb der Kollektivunterkunft eine öffentliche Aufgabe wahr. Dass sich die Organisation so verschlossen zeigt, ist erstaunlich.
Die Abgänge häufen sich
Mit dem Entscheid, die Kollektivunterkunft Mühleberg zu verlassen, sind die beiden ehemaligen Mitarbeiterinnen nicht allein.
Die Zentrumsleiterin trat im September 2022 ihre Stelle an. Seither haben vier Personen, die mit ihr zusammengearbeitet hatten, gekündigt. Das bestätigen neben Qëndresa Zogu zwei weitere Quellen. Das SRK macht keine Angaben zu den Kündigungen.
Laut Zogu arbeiten in Mühleberg jeweils vier Personen direkt mit der Leiterin zusammen. Innerhalb eines Jahres haben alle bis auf eine von ihnen das Zentrum verlassen. Momentan ist eine Stelle vakant. Sie ist auf der Website des SRK ausgeschrieben. Die Zentrumsleiterin arbeitet weiterhin in Mühleberg.
«Ich mache mir vor allem Sorgen um die Bewohnenden. Sie können nicht kündigen», sagt Qëndresa Zogu. Sie will nun eine Beschwerde bei der Gesundheits-, Sozial- und Integrationsdirektion des Kantons Bern einreichen.