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Die Torhüterin an der Pauke

Mihaela Hogendoorn spielt Solo-Pauke beim Berner Symphonieorchester. Wenige sind sich so bewusst wie sie, wie wichtig Pausen sind.

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© Danielle Liniger
Konzentration und Körperbeherrschung: Mihaela Hogendoorn an ihrem Arbeitsplatz. (Bild: Danielle Liniger)

Vor ein paar Tagen im Berner Casino. Gerade hat der iranischstämmige Starcellist Kian Soltani mit dem Berner Symphonieorchester das Publikum zu Ovationen hingerissen. Die Musiker*innen verschwinden für die Pause von der Bühne, die Besucher*innen vertreten sich entspannt die Beine.

Doch Mihaela Hogendoorn kehrt schon nach ein paar Sekunden zu ihren Pauken auf die Bühne zurück. Hoch konzentriert. Aus einer Tasche, die am Boden liegt, angelt sie einen Engländer, sie zieht ein paar Schrauben nach. Immer wieder legt sie ihr Ohr auf die Pauken, dazu trommelt sie fein mit Fingern oder Schlägern. Fast sieht es aus, als wäre sie mit ihren Instrumenten in eine Diskussion vertieft ist.

«Ja, meine Pauken sind sehr lebendig», bestätigt Mihaela Hogendoorn lachend. Weil sie mit Kalbsfellen bespannt sind, «atmen die Felle wie unsere Haut. Sie reagieren auf äussere Einflüsse, auf das Wetter zum Beispiel oder das Publikum im Saal.»

Immer mit Plan B

Ein paar Stunden vor dem Konzert zeigt sie der «Hauptstadt» ihren Konzert-Arbeitsplatz auf der Casino-Bühne. Sie und ihre vier Pauken für die unterschiedlichen Tonlagen befinden sich ganz zuhinterst. Vor sich hat sie die Bläser*innen, dann die Streicher*innen und zuvorderst auf dem Podest den Dirigenten. 

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Pausen sind Teil der Musik. (Bild: Danielle Liniger)

Wenn sich draussen ein Gewitter anbahnt, merkt Mihaela Hogendoorn das im Konzertsaal. Der Ton der Pauken liegt wegen der erhöhten Feuchtigkeit plötzlich tiefer. In den Pausen, aber oft auch mitten im Konzert, muss sie unter Umständen nachjustieren. Es kann sogar sein, dass ein Fell, das mit einem gewaltigen Zug von bis zu 900 Kilogramm über die Pauke gespannt ist, reisst. «Als Paukerin musst du immer flexibel bleiben, einen Plan B haben, rasch reagieren können», sagt Mihaela Hogendoorn. Und immer schön cool bleiben.

Fan von Beeethoven

Rund 100 Musiker*innen bilden das Berner Symphonieorchester (BSO), das Teil des Vierspartenbetriebs von Bühnen Bern ist. Das BSO reitet auf einer Erfolgswelle. In der Saison 24/25 spielte es mehrere ausverkaufte Konzerte und war hauptverantwortlich für den Publikumszuwachs bei Bühnen Bern. Jüngst bricht das sonst eher reservierte Berner Klassik-Publikum im Casino öfters in Begeisterungsstürme aus – so etwa am diesjährigen Neujahrskonzert, nachdem das BSO unter der Leitung von Chefdirigent Krzysztof Urbański Beethovens 9. Sinfonie geschmettert hat.

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Als würde sie tanzen: Mit der Hand stoppt Mihaela Hogendoorn den Klang. (Bild: Danielle Liniger)

In dieser Sinfonie gewährt Ludwig van Beethoven der Paukerin ein kurzes Solo. Mihaela Hogendoorn lässt die Schläger über die Felle rasen, ihr Rhythmus- und Klanggewitter füllt das Casino von alleine. Für einen Augenblick spielt sie sich in den Vordergrund, fast wie eine Schlagzeugerin in einer Rockband. Und als Dirigent Urbański am Schluss alle Musiker*innen einzeln aufstehen lässt, brandet Mihaela Hogendoorn tosender Applaus entgegen.

«Es ist unglaublich», sagt sie, «wie visionär Beethoven für die Pauke komponiert hat. Er schrieb Partituren, die für die damaligen Pauken fast nicht umzusetzen waren. Bis heute ist es für mich eine Herausforderung und ein Privileg, seine Sinfonien spielen zu dürfen.»

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Die heiklen Stellen in der Partitur streicht Mihaela Hogendoorn an und übt sie ein. (Bild: Danielle Liniger)

Wie viele Profi-Musiker*innen konnte Mihaela Hogendoorn Noten vor den Buchstaben lesen – obschon sie nicht aus einer Musiker*innen-Familie stammt. Als sie fünfjährig war, begann sie wie ihre drei Geschwister mit Klavierunterricht  – in Rumänien, wo sie aufwuchs. Als ihr älterer Bruder zum Schlagzeug wechselte, erwachte auch Mihaelas Leidenschaft für das Rhythmusinstrument und liess sie nicht mehr los.

Keine Zeit zum Träumen

Sie absolvierte in Bukarest das Musikgymnasium. Mit einem Stipendium zog sie in die Niederlande, um zu studieren. Für den Master wechselte Mihaela Despa, wie sie damals noch hiess, an die Hochschule der Künste nach Zürich, einem europäischen Hotspot für Schlagzeug- und Pauken-Ausbildung. Sie studierte bei Raphael Christen, Klaus Schwärzler und Rainer Seegers, ihrem inzwischen emeritierten Professor. «Eine absolute Legende», sagt Mihaela Hogendoorn.

Hogendoorns Berufsbezeichnung ist Solo-Paukerin. «Aber das bedeutet nicht, dass ich besonders wichtig wäre», präzisiert sie. «Sondern vor allem, dass ich meistens alleine bin, die einzige Musikerin im Orchester mit diesem Instrument.» Das heisst: Es gibt niemanden neben ihr, der einen Fehler abfedern könnte. «Ein einziger Schlag kann die Musik verändern, durch das Timing, die Tonlage, den Klang.»

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Jeder Schlag zählt – auch im rasenden Wirbel. (Bild: Danielle Liniger)

Oft hat sie minutenlange Pausen, während der das Orchester spielt. Dann trommelt sie aus dem Nichts und lockeren Handgelenken einen brausenden Wirbel. Auch wenn sie selbst nichts zu tun habe, sei sie stets präsent mitten in der Musik, erzählt Hogendoorn. Sie zählt die Takte, atmet mit den Bläser*innen vor ihr, beobachtet ihre Bewegungen – und legt immer wieder ihr Ohr auf das Paukenfell, um den Ton zu kontrollieren.

«Es ist nicht die Zeit, um zu träumen», sagt Mihaela Hogendoorn, «meine Pausen sind Teil der Musik und verlangen von mir dieselbe Konzentration wie die Musik selber.» Auch wenn sie während eines Konzerts nur einen einzigen Einsatz habe: «Jeder Schlag muss sitzen.» Den Vergleich mit der Torhüterin im Fussball findet Mihaela Hogendoorn treffend. Läuft alles rund, fällt niemandem etwas auf. Passiert ein Fehler, ist bei der Torhüterin der Ball im Tor. Bei Mihaela Hogendoorn hört es der ganze Saal.

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Unendliche Variationen: Die Schlägerkollektion von Mihaela Hogendoorn. (Bild: Danielle Liniger)

«Bumm ist Bumm», so habe ihr Professor Rainer Seegers die Arbeit an der Pauke einst auf die kürzest mögliche Art zusammengefasst. Es gibt keinen zweiten Versuch. Ein Schlag auf die Pauke ist ein persönliches Statement, das man nicht zurücknehmen kann. 

Trainieren, trainieren, trainieren

Es sei deshalb Teil ihres Berufs, mit der Angst vor Fehlern umgehen zu können. «Natürlich kommt es vor, dass ich einen Einsatz verpasse. Oder etwas spiele, das gar nicht komponiert wurde.» Wichtig sei es, diese Momente mit Humor zu nehmen, damit man rasch zurückkehren könne in den Fluss der Musik, sagt Mihaela Hogendoorn.

Auf ihr Bauchgefühl könne sie sich im Notfall verlassen – aber das sei hart erarbeitet. Jeden Tag feile sie an ihrer Fitness und ihrer Technik – zu Hause auf einem geräuschlosen Pad, im Übungsraum im Untergeschoss des Casinos Bern oder in ihrem Übungsraum in Zürich, wo sie lebt. Meistens übt sie alleine. «Einsamkeit muss man als Paukerin aushalten können.» Und Hartnäckigkeit an den Tag legen: Sequenzen auf den Pauken erfordern nicht nur Musikalität und Rhythmusgefühl, sondern oft auch komplexe Bewegungen, die hohe Ansprüche an die körperliche Koordination stellen.

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Engagement und Leidenschaft: Mihaela Hogendoorn erklärt, was ihr Job an der Pauke erfordert. (Bild: Danielle Liniger)

Im Unterschied zu Schlagzeuger*innen von Rockbands, die ihre Mitmusiker*innen dominant antreiben, sei ihre Rolle im Konzert zurückhaltender und einfühlsamer. «Rhythmus entsteht im Orchester nicht durch Kontrolle, sondern durch das Zusammenspiel», sagt Mihaela Hogendoorn. Sie kommuniziere während eines Konzerts eng mit dem Dirigenten, reagiere auf kleinste Bewegungen, Gesten, auf seine Atmung, damit sie an der Pauke die Energie des Orchesters variieren und steuern könne. «Es geht hier nicht um Macht und Hierarchien», sagt sie. Logischerweise sei die Pauke für die rhythmische Stabilität des Orchesters wichtig. «Aber Musik funktioniert nur, wenn wir alle aufeinander hören.»

Pause für die Ohren

Schon als Kind habe sie sich gewünscht, Orchestermusikerin zu werden. Bis heute liebe sie die Intensität der drei, vier Tage, an denen sich das Orchester auf ein bevorstehendes Konzert vorbereitet. Es sei jedes Mal ein kleines soziales Abenteuer, wenn diese grosse Gruppe zusammenwachse, um bis zum Konzertabend das perfekte Zusammenspiel zu finden. Besonders in der Schlagzeuggruppe – neben ihr gehören Peter Fleischlin, Michael Meinen, Franz Rüfli und Praktikant Hunro Lee dazu - fühle sie sich aufgehoben wie in einer Familie. Der weltweit gefragte Chefdirigent Urbański, den das Symphonieorchester 2023 wie üblich selber gewählt hat, verlange viel von den Musiker*innen. «Mir gefällt das sehr», sagt Mihaela Hogendoorn.

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Die Kunst von Mihaela Hogendoorn: Auch bei höchster Schwierigkeit locker und im Fluss der Musik bleiben. (Bild: Danielle Liniger)

Auf die wenigen Stellen als Profi-Orchesterpaukerin bewirbt man sich, indem man vorspielt. Mihaela Hogendoorn wäre bereit gewesen, in irgendeine Stadt zu ziehen, um ihre Passion zu leben. 2012 spielte sie beim Berner Symphonieorchester vor und wurde als Solo-Paukerin gewählt. Als Aushilfe spielt sie zudem regelmässig mit Orchestern in der Schweiz, in Deutschland und in den Niederlanden. Nebenbei beteiligt sie sich an kleineren Projekten, der «Banda Storica» zum Beispiel, mit der Musiker*innen des BSO in kleinem Ensemble historische Stücke spielen.

Die Pauken, die sie spielt, sind laut. Kann die Musik auch einer leidenschaftlichen Musikerin zu viel werden? Das nicht, sagt Mihaela Hogendoorn. Was sie aber sehr wichtig finde: Dass sie ihrem Gehör Ruhe verschafft. Sie suche in ihrer Freizeit bewusst geräuscharme Orte auf, sie verzichte auf Dauerberieselung mit Earpods. Denn für ihre Ohren gilt ganz besonders: Pausen sind ebenso wichtig wie die Musik.

Konzert: Unschlagbar! Familienkonzert der BSO-Schlagzeuggruppe. Mit Mihaela Hogendoorn, Peter Fleischlin, Michael Meinen, Hunro Lee, Justin Clark. Sonntag, 25. Januar, 16 Uhr, Stadttheater. Ausverkauft, Einzeltickets eventuell an der Kasse.

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Diskussion

Unsere Etikette
Anne Françoise Folletête
24. Januar 2026 um 13:32

Torhüterin an der Pauke

Dieser tolle Artikel könnte treffender nicht sein. Sehr präzise aber auch einfühlsam geschrieben! Mihaela ist ein ganz besonderer Mensch! Standing Ovation für diesen Einblick in ihr Wirken mit den gelungenen und Aufnahmen. Man hört ihre pauken klingen! Toller Journalismus, DANKE! Françoise Folletête