«Bühnen Bern haben zu lange gewartet»
Leute aus der Szene rügen Bühnen Berns Reaktion auf die Belästigungsvorwürfe. Wie hätte das Haus besser reagiert? Eine Expertin ordnet ein.
Ende September wurde bekannt, dass der Probenleiter von Ballett Bern Tänzer*innen belästigt hat. Nach einem Beschwerdebrief einer Tänzerin suspendierten Bühnen Bern den Probenleiter und liessen den Fall von einer Anwaltskanzlei untersuchen. Deren Fazit: Verbale Belästigungen hätten stattgefunden, die physischen Belästigungen aber hätten das strafrechtlich relevante Mass nicht erreicht. Der Probenleiter wurde verwarnt und durfte wieder auf seinen Posten zurückkehren.
Das Vorgehen von Bühnen Bern stösst auf Unverständnis in der Szene.
Der Verein BETA Berner Tanzschaffende hält es für «untragbar, dass der angeschuldigte Probenleiter nach den erwiesenen verbalen Übergriffen weiterhin am Haus beschäftigt wird.» Das Ensemble werde so weiterhin Missständen ungeschützt ausgesetzt. Bühnen Bern setze die physische und psychische Unversehrtheit der Tänzer*innen aufs Spiel.
Das Schlachthaus Theater Bern «verurteilt Machtmissbrauch in jeglicher Form», heisst es in der Stellungnahme auf der Website. Und das Tojo Theater hat auf seinem Instagram-Account ein Statement publiziert: «Wir solidarisieren uns mit sämtlichen betroffenen Tänzer*innen und kritisieren das Vorgehen der Bühnen Bern, auf verbale Gewalt keine ersichtlichen Konsequenzen folgen zu lassen.»
Salva Leutenegger ist Geschäftsleiterin von SzeneSchweiz, dem Schweizer Berufsverband für Darstellende Künste. Auch sie findet es unhaltbar, dass der Probenleiter nicht entlassen worden ist: «Ein Machtmensch bleibt ein Machtmensch.»
Wie hätte ein vorbildliches Vorgehen von Bühnen Bern ausgesehen?
«Die ideale Reaktion gibt es nicht», sagt Salva Leutenegger. «Nach meinen Informationen haben Bühnen Bern aber zu lange gewartet.» Eine aufmerksame Leitung hätte die Gerüchte, die laut Leutenegger monatelang kursierten, mitbekommen und proaktiv etwas unternommen. Leutenegger waren die Vorfälle bekannt, weil Tänzer*innen sich SzeneSchweiz anvertraut hatten. Auf deren Verlangen und um Anonymität der Tänzer*innen zu gewährleisten, habe der Verband aber nichts unternehmen können.
Nachdem die Tänzerin mit dem Brief an die Tanzleitung gelangt war, beauftragten Bühnen Bern die Zürcher Anwaltskanzlei «BeTrieb» mit der Untersuchung. Eine Minimalhandlung: Denn Arbeitgebende sind rechtlich verpflichtet, Hinweise auf sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz abzuklären. Vorgaben, wer die Untersuchung durchzuführen hat, gibt es allerdings keine.
Eine Kanzlei mit Vorgeschichte
«BeTrieb» ist spezialisiert auf die Untersuchung von Vorwürfen wegen sexueller Belästigung. Das Eidgenössische Büro für die Gleichstellung von Frau und Mann führt die Kanzlei auf der Liste mit Fachpersonen für sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz. Allerdings macht die Liste «keine Aussagen zur Qualität der Leistungen der aufgeführten Stellen».
Die Kanzlei ist bereits mehrmals in Kritik geraten: Im Fall einer entlassenen Reinigungschefin des Bundesamtes für Bauten und Logistik äusserte das Bundesverwaltungsgericht «Zweifel an der Objektivität des Untersuchungsberichts» und widerlegte die Darstellung von «BeTrieb». Die Untersuchung von Vorwürfen sexueller Belästigung bei der Unia fiel zugunsten der Auftraggeberin aus – worauf sich Betroffene in Medienberichten gegenteilig äusserten.
In der Untersuchungskonstellation, wie sie in Bern aufgegleist wurde, ist ein Interessenskonflikt angelegt: Die Kanzlei erhält Geld von Bühnen Bern, soll aber gleichzeitig unabhängig ermitteln – und somit womöglich die Auftraggeberin belasten.
Losgelöst von den Vorgeschichten von «BeTrieb» findet Salva Leutenegger das Engagement einer öffentlichen Stelle für die Untersuchung besser als jenes einer privaten Kanzlei. «Jeder Kanton hat öffentliche Stellen, die Fälle von Mobbing und Belästigung am Arbeitsplatz untersuchen.»
Der Gang vor Gericht ist eine weitere Option, die eine unabhängige Abklärung von Vorfällen ermöglicht. «Auf diesem Weg kann die von sexueller Belästigung betroffene Person eine Entschädigung einklagen», erklärt Sabrina Ghielmini, Rechtsanwältin und stellvertretende Leiterin der Fachstelle für die Gleichstellung von Frauen und Männern des Kantons Bern.
Die Häuser sollen selbst Prävention betreiben
Eine Umfrage von SzeneSchweiz hat vor vier Jahren gezeigt, dass 79 Prozent aller Bühnenkünstler*innen – nicht nur Tänzer*innen – Machtmissbrauch bei ihrer Arbeit erlebt haben. Aufgrund dieser Ergebnisse gelangte SzeneSchweiz an den Schweizerischen Bühnenverband (SBV), die Dachorganisation der Berufstheater, um gemeinsame Prävention anzuregen. Doch der SBV will diese Aufgabe lieber den einzelnen Häusern überlassen.
Bühnen Bern hat sich im Sommer 2020 einen Verhaltenskodex gegeben, der bezüglich Diskriminierung und Belästigung Nulltoleranz fordert. Wie der Fall um den Probenleiter zeigt, reicht allein die Existenz eines solchen Papiers nicht. «Die Werte des Kodex müssen gelebt werden. Es braucht regelmässige Kurse und Gespräche dazu. Sonst ist er die Tinte nicht wert», sagt Salva Leutenegger.
Isabelle Bischof ist Direktorin von Bern Ballett. Auf Anfrage der «Hauptstadt» schreibt sie, dass die Leitung sich bezüglich des Kodex im Moment intensiv überlege, «welche Formate und Inhalte institutionalisiert werden müssen».
Drei weitere Massnahmen findet Leutenegger zentral für die Prävention vor Übergriffen.
- Hierarchien: «An den meisten Häusern ist die Macht auf wenige Personen konzentriert. Das fördert deren Missbrauch. Und es herrscht oft ein Klima der Angst.»
- Partizipation: «Künstler*innen sind nicht allein dazu da, die Visionen der Choreograf*innen auszuführen. Sie sind Profis und können auch Verantwortung übernehmen.»
- Wertschätzung: «Der Applaus des Publikums reicht nicht. Auch ausserhalb von Aufführungen, zum Beispiel bei Proben, muss den Künstler*innen Wertschätzung entgegengebracht werden.»
Positive Beispiele macht Leutenegger in Zürich aus. Gleich an drei wichtigen Theatern teilen sich mehrere Personen die Leitung: Das Schauspielhaus wird von zwei Männern geführt; das Theater Neumarkt von drei Frauen; die Gessnerallee von zwei Frauen. Letztere haben gemäss einer Meldung des Theaterblogs Nachtkritik flachere Hierarchien und Mitspracherechte für alle Mitarbeiter*innen eingeführt. In Bern wird das Schlachthaus Theater seit dieser Spielzeit von drei Frauen geführt. Allein die Leitungsfunktion aufzuteilen reiche aber nicht, so Leutenegger. «Die gesamten Strukturen müssen angepasst werden.»
Bei Bühnen Bern wähnt man sich fortschrittlich. Intendant Florian Scholz: «Es ist interessant, dass wir hier in Bern eine vergleichsweise flache Hierarchie haben und doch immer wieder dem Verdacht ausgesetzt sind, die Hierarchien seien hier besonders steil.» Nach den jüngsten Vorfällen gibt er aber zu, dass das Haus «einen weiten Weg» vor sich habe, um ein «gutes und sicheres Arbeitsklima» zu gewährleisten.
Isabelle Bischof sieht die von Salva Leutenegger empfohlenen Massnahmen als weitgehend umgesetzt an: «In der zeitgenössischen Ausrichtung unserer Tanzsparte sind Wertschätzung und Partizipation sogar immanente Arbeitsinstrumente.» Die Hierarchien seien viel flacher als in einer klassischen Ballettcompagnie, wo immer noch Solist*innen und Gruppentänzer*innen beschäftigt werden. «Choreografien entstehen bei uns in den allermeisten Fällen in engster Zusammenarbeit von Choreograf*in und Ensemble.»
Tänzer*innen unter Druck
Am Tag, als die Vorwürfe durch den Artikel in der «Zeit» öffentlich gemacht wurden, haben Bühnen Bern zur Medienkonferenz geladen. Und erklärten dort, dass die Stimmung in der Compagnie «sehr gut» sei. Ausserdem hätten die Tänzer*innen sich für eine weitere Zusammenarbeit mit dem Probenleiter ausgesprochen. Salva Leutenegger hält die Aussagen der Tänzer*innen nicht für glaubwürdig. Die meisten von ihnen hätten in sehr jungem Alter mit Tanzen angefangen und lang auf einen Job an einem Haus hingearbeitet. «Sie würden sicher nicht ihre Karriere gefährden, um ehrlich zu antworten bei einer Umfrage.»
Was muss passieren, damit Tänzer*innen ihre Bedürfnisse äussern können, ohne ihre berufliche Laufbahn zu riskieren?
Isabelle Bischof: «Ich pflege innerhalb der Compagnie eine transparente, offene und empathische Kommunikation, nehme die Bedürfnisse unserer Tänzer*innen sehr ernst und würde behaupten, dass keine Atmosphäre der Angst bei uns herrscht. Das heisst aber nicht, dass alles gut ist, oder gut genug ist.» Die Leitung müsse sich nun der Herausforderung stellen, eine Vertrauensebene zu schaffen, auf der intime Angelegenheiten geschildert werden können.
Als nächstes stehen Gespräche zwischen Stadt, Kanton und Bühnen Bern an. Die Behörden wollen das Geschehene aufarbeiten. Für Bühnen Bern steht viel auf dem Spiel: Die Stadt bezahlt pro Jahr 18 Millionen Franken Subventionen, der Kanton 15 Millionen. Theoretisch ist es möglich, dass die Subventionen ab 2024 gekürzt werden.