Die Schweiz hat jetzt ein Flüchtlingscamp
Im Viererfeld werden bald Geflüchtete in Baucontainern untergebracht. Die Stadt lud ein, sich ein Bild zu machen.
Kannst du dir vorstellen, in einem Container zu leben? Mit deinen Kindern? Für wie lange? Und wäre dir die Nähe zu Stadt, Schulen, Ämtern nützlich? Oder würdest du dich ausgestellt fühlen in einer kleinen Parallelwelt von schmucklosen, weiss-blauen Containerreihen mitten in der Bundesstadt des zweitreichsten Landes der Welt?
Was für viele Berner*innen ein spannendes Gedankenexperiment sein mag, wird für vorerst 100 geflüchtete Menschen aus der Ukraine bald Realität: Im Berner Viererfeld wird der erste Wohntrakt der neu erstellten Containersiedlung eröffnet. Einmal fertig gebaut, wird sie die grösste oberirdische Kollektivunterkunft der Schweiz sein. Oberirdisch, weil bestehende Kapazitäten in Zivilschutzanlagen noch grösser wären – sie plant der Kanton aber nicht in Betrieb zu nehmen.
Am Mittwoch lud die Stadt Bern zu einem «Point de Presse». Es folgen zwei Tage der offenen Tür für die Bevölkerung. Und nächsten Montag werden voraussichtlich die ersten Bewohner*innen einziehen. «Besuchende» oder «Gäste» nennt sie Claudia Hänzi, Leiterin der städtischen Sozialamtes, in ihrer Ansprache vor versammelten Medienschaffenden in orangen Leuchtwesten. Draussen vor dem Empfangscontainer brummen die Bagger.
Neuartig für die Schweiz sei diese Containerlösung. Man habe hierzulande noch keine Erfahrungen mit einer Asylstruktur in der Form und Grössenordnung der Siedlung Viererfeld. Was hat es auf sich mit diesem vieldiskutierten Projekt: Die pragmatische Lösung für eine Ausnahmesituation? Unmenschlich? Oder irgendetwas dazwischen?
Die Facts
Fünf Wohnblöcke, bestehend aus identischen Containern, parallel angeordnet, mit Platz für je maximal zweihundert Personen. 1000 Menschen also insgesamt, bei Vollbelegung. Jeder Wohnblock ist zweistöckig und überdacht. Zwei- bis Vierbett-Container à 15 Quadratmeter. In der Mitte pro Stock zwei Küchen sowie Toiletten, dahinter die Duschen. Eine Küche mit vier Arbeitsplätzen müssten sich maximal 50 Personen teilen, und pro 200 Personen stehen zwölf Frauen- und sechs Männerduschen zur Verfügung.
Das sind enge Platzverhältnisse – die aber vorerst nur Theorie seien, wird immer wieder beteuert: Eine volle Auslastung der Siedlung sei nur für den absoluten Notfall geplant, diese Höchstzahlen eher hypothetisch.
Der erste Wohnblock ist betriebsbereit. Er heisst «Hund». 100 Personen weist ihm der Kanton fürs Erste zu. Der zweite Block – genannt «Fuchs» – wird in wenigen Wochen fertiggestellt, ebenso ein Dritter, dessen Tiername noch nicht bekanntgegeben wurde. Die verbleibenden zwei Blöcke werden vorerst Rohbauten bleiben und erst bei Bedarf vervollständigt.
Die Kritik
Im Vorfeld ihrer Eröffnung wurde heftige Kritik an der Containersiedlung laut. Hans-Ulrich Salzmann, Architekt und Experte für Notunterkünfte, nannte die Konzipierung des Camps «grundfalsch» gemessen an humanitären Mindeststandards. Viel zu wenig Wohnfläche, zu enge Gänge, zu wenig Küchen, eine falsche Anordnung der Container, lauteten seine Hauptkritikpunkte. Die rasterartige Gruppierung der Container sei besonders für traumatisierte Menschen schlimm, weil sie das Gefühl einer Haftanstalt oder einer Militärbaracke vermitteln würden.
Stefan Bähler, Projektleiter der Siedlung Viererfeld und vormals Covid-19-Impfverantwortlicher des Kantons Bern, erklärt: Die Kritik sei ernst genommen und mit Salzmann vor Ort besprochen worden. Abgefedert würden die kritischen Punkte wie Platzmangel bei Küchen und Wohnfläche mit einer verringerten Belegung des Camps. Es sei nicht geplant, die volle Kapazität der Siedlung auszuschöpfen. Für den Juli wurde beschlossen, nicht mehr als 100 Personen insgesamt einzuquartieren. An der rasterartigen Anordnung der Wohnblöcke wurde allerdings nichts geändert.
Es wurden ausserdem bereits im Mai mehrere baurechtliche Einsprachen gegen das Projekt eingereicht, unter anderem von Stadträtin Simone Machado (Grün-alternative Partei). Diese seien weiterhin hängig beim Regierungsstatthalteramt. Würde ihnen stattgegeben, wäre ein Rückbau der Container nötig. Bähler ist optimistisch: «Damit rechnen wir aber nicht.»
Der Alltag
Den Betrieb der Siedlung übernimmt die Heilsarmee. Auf Platz ist eine Schule geplant, ab August sollen Kinder direkt in Container-Schulzimmern unterrichtet werden. Eine Schulleitung ist bereits eingestellt, Lehrpersonen werden je nach Bedarf in den nächsten Wochen gesucht, erklärt Sozialamtsleiterin Claudia Hänzi. Man wisse noch nicht, wie viele Kinder einziehen werden. Gedacht ist das Angebot für die Zeit, bis die Kinder in eine Regelschule aufgenommen werden können. Auch ein Sozialdienst und Gesundheitsfachpersonen werden vor Ort sein.
Die Betreuung durch die Heilsarmee wird vor allem auf der beratenden Ebene stattfinden – die Bewohner*innen sollen für Unterhalt, Reinigung, Einkaufen und Kochen selbst verantwortlich sein. «Das verleiht Tagesstruktur», meint Manuel Breiter von der Heilsarmee. Trotzdem werden rund um die Uhr Mitarbeitende sowie Sicherheitspersonal vor Ort sein. Das Camp kann von den Bewohnenden jederzeit verlassen und wieder betreten werden – Gäste sind jedoch nur tagsüber erlaubt. Es finden Eingangskontrollen statt.
Und sonst? Eine Spielwiese, Aussen-Sitzgelegenheiten, ein Pavillon, Zusammenarbeit mit Freiwilligen aus dem Quartier – all das sei geplant, kommuniziert die Stadt. Vorerst dominiert noch die Baustelle das Aussenbild des Camps.
Die Notwendigkeit
Braucht es denn dieses Camp wirklich? Gibt es keine besseren Lösungen? Auch diese Fragen waren in den letzten Wochen Gegenstand zahlreicher Diskussionen. Tausende von Plätzen bei Gastfamilien wären frei, schrieb der Tagesanzeiger im Juni, und trotzdem ziehe der Kanton Bern eine Unterbringung in Containern vor. Mögliche Gründe: Kollektivunterkünfte seien günstiger, Privatunterbringungen bei Gastfamilien zu unstet.
Zweiteres bestätigt Claudia Hänzi: «Wir müssen davon ausgehen, dass viele Gastfamilien nicht für längere Zeit verfügbar sind.» Auch der Zuweisungsstopp, der für den Kanton Bern momentan gelte, laufe in absehbarer Zeit aus. Und es sei schlicht unmöglich vorauszusehen, wie viele Ukrainer*innen in den nächsten Monaten noch in die Schweiz flüchten werden. Deshalb sei die Inbetriebnahme der Siedlung jetzt angezeigt – umso besser, wenn die Belegung vorerst tief gehalten werden könne.
In den Kantonen Basel-Stadt und Zürich werden ebenfalls Containersiedlungen geplant.
Die Ungewissheit
Die Stadt macht klar: Es ist sehr wenig klar. Alles ein Versuch. Man wisse weder, wie viele Menschen in den nächsten Monaten kommen werden, noch sei planbar, wie lange sie im Viererfeld hausen müssen. «Wir gehen von sechs Monaten aus», sagt Claudia Hänzi. Die Containersiedlung sei als Übergangslösung konzipiert. Die Menschen, die dort unterkommen, können – oder müssen – sich selbst eine Wohnung suchen. Die Betreiber werden sie dabei unterstützen. Dass die Wohnungssuche auf dem vor allem in der Stadt ausgetrockneten Wohnungsmarkt anspruchsvoll sein wird, das räumt Hänzi ungefragt ein.
«Wir werden in den nächsten Monaten sehr viel lernen», sagt auch Manuel Breiter. Auf Augenhöhe wolle man den Bewohnenden begegnen und mit ihnen gemeinsam daran arbeiten, den Aufenthalt möglichst angenehm zu gestalten. Deshalb vorerst nur 100 Menschen: um im Austausch zu stehen, gemeinsam zu evaluieren – und gewappnet zu sein für alle, die vielleicht noch kommen werden.
Die ersten Bewohner*innen der Containersiedlung werden ein Provisorium antreffen. Ob sie die Energie haben, es gemeinsam mit den Betreibenden zu evaluieren und entwickeln, wird sich zeigen. Vielleicht haben sie auch andere Probleme.