Gender-Gap, der Leben kostet
Die Medizin ist immer noch auf einem Auge blind: Arzneien und Behandlungen helfen Frauen nur unzureichend. Zwei Berner Forscherinnen wollen das ändern.
Wenn Daten bevorzugen, diskriminieren oder schlichtweg «blind» sind, hat sich dafür der englische Begriff «Bias» etabliert. Dass Algorithmen, die einer künstlichen Intelligenz entspringen, diese Biases reproduzieren können, hat sich in den vergangenen Jahren zu einem Trendthema entwickelt. Kein Thinktank, kein Feuilleton, das nicht darüber sprach.
Doch so bedeutend Biases bei der digitalen Rekrutierung, Fahndung oder Bonitätsprüfung sein können, geht darüber häufig vergessen: Biases in der Medizin sind viel älter und häufig schwerwiegender. Sie können im schlimmsten Fall Leben kosten.
Das Sitem Gebäude in der Nähe des Inselspitals. Der gläserne Bau gewährt viele Einblicke – im Inneren sprechen Enriqueta Vallejo-Yagüe und Berna Özdemir über Vorgänge in der Medizin, die nur wenig Sichtbarkeit bekommen.
Die beiden sind wichtige Exponentinnen einer vergleichsweise jungen medizinischen Forschung, die Geschlechterfragen thematisiert. Özdemir arbeitet an der Insel in der Krebsforschung – ihre Kollegin Vallejo-Yagüe erforscht die Verwendung und Wirkung von Arzneimitteln am Berner Institut für Hausarztmedizin (BIHAM).
«Untersuchungen haben gezeigt, dass Frauen bei der Diagnose und Behandlung oft benachteiligt werden», so Vallejo-Yagüe. Ihr Schmerz werde häufiger ignoriert. Studien hätten beispielsweise gezeigt, dass Frauen im Vergleich zu Männern später Schmerzmittel verabreicht bekommen und diese häufig schlecht auf ihre Bedürfnisse abgestimmt sind.
Im digitalen Zeitalter noch schwerer wiegt die Ungleichheit zwischen Mann und Frau bei den vorhandenen medizinischen Daten. Der weisse, 70 Kilo schwere Mann galt in der Medikamentenentwicklung, aber auch bei Behandlungsmethoden lange Zeit als Norm. Frauen sind in klinischen Studien immer noch untervertreten. Dementsprechend fehlen zum Beispiel Daten darüber, wie sie auf ein gewisses Medikament reagieren und wie es spezifisch auf sie angepasst werden kann.
Die Pharmaindustrie hat laut Vallejo-Yagüe lange Zeit Frauen im gebärfähigen Alter von klinischen Studien ausgeschlossen, um bei einer möglichen Schwangerschaft ihren Embryo zu schützen. Dies geschah im Zusammenhang mit dem Contergan-Skandal. Dementsprechend dünn war die Datenlage für Frauen jahrzehntelang. Mittlerweile hätten sich die Bestimmungen zwar geändert, so dass bei klinischen Studien jeweils zur Hälfte Frauen und Männer teilnehmen – in der Realität werde dies aber nicht immer umgesetzt, so die Forscherin. Dass es einfach schwieriger sei, Frauen für klinische Studien zu gewinnen, könne als Entschuldigung dabei nicht gelten gelassen werden.
Für die Forscherin ist nicht nur wichtig, dass überhaupt spezifische Daten wie zum Beispiel zum Geschlecht gesammelt werden, sondern dass die Datenerhebenden bei Studien kritisch auf ihre Methoden und mögliche «Biases» blicken. Das fange schon bei der Zusammensetzung der eigenen Forschungsgruppe an. «Sind dort auch Minderheiten vertreten oder die Forschenden zumindest auf diese sensibilisiert?», fragt Vallejo-Yagüe. Ausserdem müssten Studien so angelegt sein, dass Geschlecht, ethnische Herkunft, Behinderungen und Alter auch wirklich korrekt abgebildet werden.
Für solche Vorauswahlen kann künstliche Intelligenz ein Segen sein, weil sie viele Arbeitsschritte vereinfacht. Immer vorausgesetzt, dass sie nicht wieder auf bestehende «Biases» zurückfällt.
Frauen bei Krebsbehandlungen im Nachteil
Die «Bias-Faktoren» beschäftigen auch Berna Özdemir bei ihrer Arbeit. Sie ist leitende Ärztin an der Universitätsklinik für medizinische Onkologie der Insel, befasst sich also mit Krebsforschung und -behandlung. Sie sagt: «Wenn Frauen in der medizinischen Forschung arbeiten, dann ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass Gender-Fragen berücksichtigt werden».
Bei Krebserkrankungen offenbart sich ein frappanter Unterschied zwischen den Geschlechtern. Zwar hätten Männer ein grösseres Risiko an Krebs zu erkranken als Frauen, allerdings hätten diese wiederum ein grösseres Risiko, dass ihr Krebs nicht optimal behandelt wird. Das Problem: Frauen bekommen häufig noch gleiche Dosierungen verabreicht wie Männer, obwohl ihre körperlichen Voraussetzungen anders sind. Die Folgen können schwerwiegende Nebenwirkungen sein.
«Das ist alles seit Jahrzehnten bekannt, doch geändert habe sich wenig», sagt die Ärztin. Das liege auch an den Profitabsichten der Pharmaindustrie.
«Es werden Milliarden in die Entwicklung neuer hochpreisiger Medikamente gesteckt. Aber an der Basis fehlen die Mittel, um vergleichsweise günstige klinische Studien durchzuführen, die Frauenleben retten können», kritisiert Özdemir. Sie appelliert an die Pharmaunternehmen, zumindest bestehende geschlechtsspezifische Daten aus klinischen Studien der Forschung zur Verfügung zu stellen. So müsse die Wissenschaft nicht in jedem Fall bei Null beginnen. Notfalls solle der Gesetzgeber die Konzerne dazu verpflichten.
Welche Auswege gibt es?
Um diesen Forderungen Nachdruck zu verleihen, engagieren sich beide Forscherinnen in Interessenverbänden: Özdemir ist Vorstandsmitglied der Gender Medicine Taskforce der Europäischen Gesellschaft für Medizinische Onkologie. Diese setzt sich unter anderem dafür ein, dass Genderfragen bereits in der Ausbildung von Onkolog*innen eine stärkere Rolle spielen.
In der Schweiz hat sich zu diesem Zweck unter anderem die Initiative «Gender Education in Medicine for Switzerland (GEMS)» gegründet. Sie vermittelt zum Beispiel, wie bei Frauen ein Herzinfarkt korrekt diagnostiziert wird. Die Symptome bei Männern – die in der Lehre lange Zeit ausschliesslich vermittelt wurden – unterscheiden sich dabei von jenen der Frauen. Das führe noch heute dazu, dass Frauen bei Herzinfarkten seltener auf Intensivstationen aufgenommen werden als Männer.
Vallejo-Yagüe kämpft im 2019 ins Leben gerufenen Swiss Gender Health Network für Verbesserungen. Die Wissenschaftlerin mit spanischen Wurzeln will unter anderem erreichen, dass es in der Hausarztmedizin mehr national verfügbare Datensätzen für Geschlechts- und Genderfragen gibt. Derzeit stehe das stark fragmentierte Schweizer Gesundheitssystem dem entgegen, so Vallejo-Yagüe. Skandinavische Länder, aber auch Grossbritannien und die Niederlande seien da schon deutlich weiter.
Das Engagement der beiden Berner Forscherinnen ist auch ein Wettlauf gegen die Zeit: Das Gesundheitswesen digitalisiert und automatisiert sich gerade sehr stark – umso umfassender wirken künstliche Intelligenzen. Und diesen KI-Modellen liegen wiederum Algorithmen zugrunde, die bestehende «Biases» sogar noch verstärken können. «Auch deshalb ist es so wichtig, dass wir Stück für Stück diese Altlasten beseitigen und auf eine gendergerechte Medizin hinarbeiten». Darin sind sich Expertinnen wie Vallejo-Yagüe und Özdemir einig.