«Heute heisst es schnell mal: Jetzt rufen wir die Feuerwehr!»
Sie müssen in brennende Häuser, aber noch fast öfter zu Verkehrsunfällen und gestürzten Menschen. Ein Gespräch mit drei Mitgliedern von freiwilligen Feuerwehren über Freuden, Leiden und Gefährlichkeit ihres Hobbies.
Warum sind Sie bei der Feuerwehr?
Sascha Kobler: Ich wollte einen Beitrag an die Gesellschaft leisten.
Daniel Briggen: Bei mir liegt es in der Familie. Mein Vater war in Spiez in der Feuerwehr. Als ich etwa 14 Jahre alt war, gab es im Kanton Bern ein Projekt für eine Jugendfeuerwehr. So habe ich angefangen.
Carina Grossenbacher: In Hindelbank, wo ich gross wurde, gab es einen Infoabend für alle Jungbürger. Ich ging da hin, ohne irgendwelche Erwartungen. Niemand aus meiner Familie war in der Feuerwehr. Ich habe gedacht, ich probiere es aus. Erst als ich das erste Mal in einem Brandhaus war, merkte ich, ja, das passt.
Wie merkten Sie das?
Grossenbacher: Für die Tätigkeit als Feuerwehrfrau macht man eine fünftägige Ausbildung. Teil davon ist, dass man in ein Brandhaus geht und erste Erfahrungen sammelt. Man weiss vorher nicht, wie man darauf reagieren wird. Es ist heiss, es hat Rauch, es ist dunkel, man trägt schwere Sachen. Es ist belastend, auch körperlich. Man kommt an seine Grenzen. Obwohl es ja nur eine Übung ist. Diese Erfahrung hat mich gepackt. Das Adrenalin! Und der Hintergedanke, dass man etwas für einen guten Zweck macht.
Kobler (nickt): Meine erste Übung war in der Brandsimulationsanlage in Schliern. Ein Feuer in einem Container. Ich habe mich in dieser Situation unerwartet wohlgefühlt.
Heisst das, nicht alle sind geeignet, Feuer zu löschen?
Briggen: Grundsätzlich kann jede Person Feuerwehrdienst leisten. Aber nicht alle können vorne Feuer löschen, da gibt es eine ärztliche Tauglichkeitsuntersuchung. Mich hat damals nicht das Brandereignis gepackt, sondern die Vielseitigkeit, die Tradition. Gleichzeitig müssen immer wieder neue Lösungsansätze gefunden werden, damit wir Menschen, Tiere, Umwelt und Gebäude schützen können. Das fasziniert mich nach wie vor.
Daniel Briggen (links), 35, Kommandant Feuerwehr Ostermundigen, Beruf: Einsatzdisponent bei der Feuerwehrnotrufzentrale FNZ 118 Bern.
Sascha Kobler (Mitte), 23, seit 3 Jahren Mitglied Feuerwehr Köniz, Beruf: IT-Spezialist.
Carina Grossenbacher, 31, Mitglied Nachtwache Feuerwehr Bern, die die Berufsfeuerwehr bei Engpässen unterstützt, Beruf: Mediensprecherin Schutz und Rettung Bern.
Was hat sich in den letzten 20 Jahren verändert?
Briggen: Wir sind professioneller geworden. Gleichzeitig ist der Anspruch aus der Gesellschaft höher. Heute heisst es schnell mal: Jetzt rufen wir die Feuerwehr.
Wie sieht ein typischer Einsatz der Feuerwehr aus?
Briggen: Ganz klassisch sind die automatischen Brandalarme. Wenn ein Gefahrenmelder etwas detektiert, das nicht gut ist, kommt die Feuerwehr und macht dort eine Kontrolle.
Also ein Fehlalarm?
Grossenbacher: Wir nennen es nicht Fehlalarm, weil es immer eine Ursache hat. Es ist ein Einsatz ohne Intervention.
Kobler: Wir haben meistens kleine Brände. Zum Beispiel ein Container, der brennt.
Grossenbacher: Fahrzeuge im Vollbrand gibt es auch öfters. Und natürlich Küchenbrände.
Briggen: Unsere Einsätze haben sich aber auch gewandelt. Es gibt heute viele technische Hilfeleistungen, sei es bei Ölspuren, Wasser im Keller, Liftrettungen. Und natürlich die ganz komplexen Geschichten bei Verkehrsunfällen, wenn Spezialisten Personen aus dem Fahrzeug schneiden müssen. Oft wird die Feuerwehr heute aber bei relativ kleinen Problemen gerufen. Jeder hat ein anderes Empfinden, was ein Notruf ist.
Was meinen Sie damit?
Briggen: Einsätze um Personen, die in ihrer Wohnung gestürzt sind, häufen sich. Früher haben eher die Nachbarn geholfen. Und in ländlichen Regionen mag das immer noch so sein, aber an vielen Orten kennt man seine Nachbarn nicht mehr.
In den letzten Wochen gab es in Oberbipp und Wichtrach zwei grosse Brände mit Toten und Verletzten. Wie gefährlich ist Ihre Tätigkeit?
Grossenbacher: Es besteht immer ein gewisses Risiko. Unser oberstes Gebot ist die eigene Sicherheit. Denn wenn es uns nicht gut geht, können wir auch nicht helfen. Und dann muss man vor Ort entscheiden. Wenn ein Gebäude in Vollbrand ist, geht man nicht einfach hinein und gefährdet sich selbst. Es gab in der Vergangenheit unglückliche Situationen, wo sich eine Lage verändert hat und man besser anders entschieden hätte. Dieses Risiko trägt man. Es gibt Sachen wie Tiefgaragen, wo es schwierig ist, einzuschätzen, wann sie einbrechen. Ein Risiko besteht schon auf der Alarmfahrt. Man ist gestresst, will schnell zum Einsatzort, da ist es wichtig, dass man nicht übereifrig ist und schon einen Unfall baut.
Haben Sie schon schlimme Situationen erlebt?
Briggen: Ja, leider. Am einschneidendsten waren Verkehrsunfälle. Wenn ein Fahrzeug brennt und Personen darin gefangen sind. Das ist schlimm.
Wie gehen Sie persönlich damit um?
Briggen: Jeder hat seinen eigenen Weg. Es steht auch professionelle Hilfe zur Verfügung. Ein grosser Teil der Verarbeitung passiert aber, indem man mit den Leuten, die auch auf Platz waren, darüber redet. Dass wir uns gegenseitig versichern, dass wir helfen wollten und unser Bestmöglichstes getan haben.
Warum ist die Gruppe so wichtig?
Briggen: Manchmal bekommst du von einem Ereignis nur ein kleines Puzzleteil mit und siehst das grosse Ganze gar nicht. Zum Beispiel bei einem Verkehrsunfall. Wer hinten den Verkehr regelt, sieht nicht, was vorne passiert.
Grossenbacher: Man muss die eigenen Leute schützen. Als Einsatzleiter entscheidet man, wer vor geht. Man schickt nicht einfach alle Leute vor. Denn es ist eine belastende Situation. Man muss auch entscheiden, ob man sich abwechselt, und damit noch mehr Leute belastet mit der Situation. Und das Debriefing beim Retablieren hilft sicher auch.
Was ist retablieren?
Grossenbacher: Retablieren heisst, man rüstet die Fahrzeuge nach, säubert das Gerät, zieht die Kleider aus, wäscht sie, duscht. Indem man die Einsatzbereitschaft wiederherstellt, kann man zugleich auch einen psychischen Abschluss des Einsatzes finden.
Briggen: Interessant finde ich, dass man in der Gesellschaft immer vom Schlimmsten ausgeht, tödliche Unfälle, Vollbrände mit Menschen im Haus. Aber es braucht gar nicht so viel, damit es schlimm ist. Wenn du in einem Dorf lebst, bist du als Feuerwehr relativ schnell in einer sehr persönlichen Umgebung. Zum Beispiel gehst du als Aufstellhilfe zu den Leuten nach Hause. Das kann schon einschneidend sein, weil du siehst, wie die Gesellschaft wirklich ist. Dass eine ältere Person alleine zuhause im völlig durchnässten Bett liegt – und das vielleicht schon lange. Wenn zum Beispiel mein Grosi gestern gestorben wäre und ich heute einen solchen Einsatz hätte, würde mir das extrem weh tun.
Wird man mit der Zeit nicht ein bisschen abgehärtet?
Briggen: Nein, das glaube ich nicht. Man hat vielleicht einen Weg gefunden, wie man es verarbeitet.
Grossenbacher: Mir hilft, dass ich in der Stadt im Einsatz bin, aber nicht mehr in der Stadt lebe. Ich denke, es ist belastend, wenn man bei einem Einsatz jemanden kennt.
Kobler: Ich hatte zum Glück noch nie einen schlimmen Einsatz.
Haben Sie Angst davor?
Kobler: Angst wäre das falsche Wort. Wenn ich in der Feuerwehr bin, muss ich damit rechnen, dass irgendwann so ein Einsatz kommt.
Briggen: Ich finde, wir dürfen schon Angst haben vor dem, was wir machen. Am Schluss sind wir auch noch Menschen. Aber in der Feuerwehr trainieren wir, mit der Angst umzugehen.
Kobler: Ja, man kann sich selbst besser kennenlernen. Wie man funktioniert, wenn man unter Stress Entscheidungen treffen muss, seien die noch so klein.
Grossenbacher: Und jeder hilft mit und geht erst, wenn alle fertig sind. Das erlebt man sonst im Leben eher weniger.
Briggen: Ein schöner Aspekt ist, dass der Respekt einen hohen Stellenwert hat. Auch zwischen verschiedenen Feuerwehren. Nach diesem Gespräch werden wir uns auf der Strasse grüssen, auch ohne Uniform. Mit Leuten aus der Feuerwehr ist es sofort familiär.
Wie ist das eigentlich als Frau in der Feuerwehr?
Grossenbacher: Wir sind sehr in der Unterzahl. In der Nachtwache sind wir 26 Personen, ich bin die einzige Frau. Wir haben recht viele Übungen, über 20 im Jahr. Und wenn man im Kader ist, sind es noch mehr. Das ist sehr viel Zeit und für Frauen mit Kindern oftmals schwer zu organisieren. Und zudem ist es eine sehr körperliche Arbeit.
Frau Grossenbacher und Herr Briggen, Sie beide haben Kinder.
Briggen: Das ist das Schöne am Milizsystem. Man hat die Möglichkeit, bei Alarm abzusagen. Man muss einen Mittelweg finden, damit man der Leidenschaft nachgehen kann und sich gleichzeitig nicht darin verbeisst. Früher war das viel hierarchischer. Heute sind wir zwar im Einsatz nach wie vor hierarchisch unterwegs. In der Struktur aber offen. Das kommt wohl auch durch den Generationenwechsel in diesen Führungspositionen.
Kobler: Stimmt, wir haben in unseren Zügen in Köniz eine sehr flache Hierarchie. Es sind alle auf Augenhöhe. Während der Übungen darf jede Person versuchen, eine Einsatzleitung zu übernehmen, um Verantwortung zu tragen und zu schauen, wie es ihm tut. Ich glaube, das bringt einen extremen Mehrwert. Auch in der IT, wo ich arbeite, gibt es Diskussionen um flache Hierarchien. Und ich finde es spannend, in einer ursprünglich militärischen Organisation zu arbeiten und zu sehen, wie sich die Organisationsformen gleichen.
Briggen: Ich glaube, Kommunikation ist etwas vom Wichtigsten. Und die Rolle des Kommandanten hat sich verändert.
Wie machen Sie es denn in Ostermundigen?
Briggen: Ich versuche, die Verantwortung auf verschiedene Schultern zu verteilen. Mein eigener Blickwinkel kann eingeschränkt sein und es gibt viele verschiedene Herangehensweisen für ein Problem. Im Idealfall kann ich das Beste daraus ziehen.
Grossenbacher: Man muss sich vorstellen, wie der Einsatzleiter die Entscheide trifft. Er steht draussen. Die Leute, die ins Brandhaus gehen, sind sein Auge. Darum ist Kommunikation auch so entscheidend. Der Einsatzleiter muss Entscheidungen treffen aufgrund der Informationen, die er von innen bekommt. Man muss das trainieren, damit man sich im Ernstfall auch versteht.
Warum machen Sie das überhaupt?
Kobler: Man lernt viel. Zum Beispiel über Erste Hilfe oder wie das Notfallsystem in der Schweiz aufgebaut ist. Ausserdem kommt man in einen wild zusammengewürfelten Haufen. Von Büezern über Bauern und Polizisten zu Bürogummis wie mir. Doch wenn es ernst wird, greift jedes Rädchen ineinander und man hilft sich.
Grossenbacher: Wenn wir an einen Einsatz gehen, sind die Leute meist in einer Situation, die für sie nicht alltäglich ist, die im schlimmsten Fall ihr schlimmster Tag ist. Sie sind so froh, wenn wir kommen. Das sieht man schon an den Blicken. Das ist für mich etwas sehr Schönes. Man wird wirklich gebraucht, das gibt mir Energie.
Briggen: Ja, wir dürfen eine grosse Dankbarkeit spüren, im Gegensatz zu unseren Partnern von der Polizei, die auch oft kritisiert werden.
Was finden eigentlich Ihre Familien zu Ihrer Faszination für die Feuerwehr?
Briggen: Meine Kinder sind stolz darauf. Aber manchmal ist es auch belastend, wenn du wegen eines Ereignisses nicht geschlafen hast, oder wenn du gestresst nach Hause kommst. Ich habe das Glück, dass meine Frau mich extrem stärkt in dem, was ich mache.
Grossenbacher: Meine Jungs fragen viel und sind sehr stolz. Aber sie sehen natürlich nur die schöne Seite davon, die Uniform, das Feuerwehrauto. Dahinter steckt schon viel Organisation. Wenn der Anruf kommt, ist es je nachdem nicht der beste Moment, weil man vielleicht gerade mit der Familie am Tisch sitzt und isst. Da muss mich mein Mann stark unterstützen.
Und wie reagiert Ihr Umfeld, Herr Kobler?
Kobler: Der Klassiker ist, dass irgendwo in Köniz ein Feuerwehrauto durchfährt und mein Telefon klingelt und ein Freund fragt: Ja, was ist jetzt wieder los? Dabei weiss ich es meistens selbst nicht. Aber ich werde halt als Feuerwehrmann gesehen.
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