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Hitze – «Hauptstadt»-Brief #56

Dienstag, 9. August – die Themen: Hohe Temperaturen, Brasserie Lorraine, Aaretoter, Gefängnisflucht, Rückkehrzentrum, Nachtleben.

Illustration zum Hauptstadt-Brief
(Bild: Marc Brunner, Büro Destruct)

Die «Hauptstadt» ist zurück. Nach drei Wochen Sommerpause erhältst du unseren Brief wie gewohnt jeden Dienstag, Donnerstag und Samstag und findest regelmässig neue Artikel auf unserer Website.

Die Sommerpause wollte ich dazu nutzen, Bern zu verlassen und mit dem Zug nach Südosteuropa zu fahren. Doch nach einem Blick auf die Temperaturprognosen tauschte ich mein Interrail- gegen ein Schilthorn-Ticket. 13 Grad sind mir lieber als 33 (aufwärts).

Klar, geänderte Ferienpläne einer Einzelperson sind ein Luxusproblem. Doch die Folgen der heissen Temperaturen, die auch in Bern vorherrschten, reichen weiter: Erstmals war die Aare wärmer als 24 Grad. Bei 20 Grad und mehr haben Äschen und Forellen Stress, weil ihnen der Sauerstoff fehlt – ab 25 Grad drohen sie zu ersticken.

Auch für Menschen können hohe Temperaturen gefährlich sein: Bei über 30 Grad steigt die Sterblichkeit. Ana Maria Vicedo forscht dazu am Institut für Präventivmedizin der Uni Bern. Gegenüber der Berner Zeitung fordert sie die Politik zum Handeln auf. Diese soll sich überlegen, wie sie «mit solchen Hitzewellen umgehen will.»

Für sogenannte Hitzeaktionspläne sind die Kantone zuständig. Der Kanton Bern hat sich bisher darauf beschränkt, auf seiner Website Tipps zum Umgang mit Hitzetagen zu publizieren. Künftig dürfte das zu wenig sein, denn die Fakten sind eindeutig: Durch die menschengemachte Klimakrise werden Hitzeperioden im Sommer öfter auftreten und die Temperaturen zunehmen.

Die Reise nach Südosteuropa plane ich wohl besser für den Herbst.

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Iz numä nid stoglä. (Bild: Nicola Schmid)

Und jetzt noch zu anderen Themen des Tages:

  • Brasserie Lorraine: Die Aufmerksamkeitsspirale weiterdrehen ist nicht unser Ding. Gleichzeitig soll im «Hauptstadt»-Brief stehen, was unter Berner*innen für Gesprächsstoff sorgt. Dazu gehört zweifelsfrei der Abbruch des Konzerts der Band «Lauwarm» in der Brasserie Lorraine in Bern. Die Ursache, dass der Anlass zu einem kaum ausweichbaren Thema angewachsen ist, liegt zu einem grossen Teil im Mediensystem: Empörung sorgt für Klicks; was Klicks generiert, wird weitergezogen. So kann eine Sache grösser werden als nötig wäre und in eine andere Richtung driften als konstruktiv. Eine verständliche Einordnung des Konzertabbruchs und seiner medialen Aufbereitung liefert Historikerin Jovita dos Santos Pinto, die an der Uni Bern zu Postkolonialismus forscht. Im Interview mit dem Blick sagt sie, dass der Fokus zu stark auf dem Leiden weisser Menschen liege. Dabei böte sich jetzt die Chance, von Rassismus betroffene Menschen ins Zentrum zu stellen.
  • Aare: Am Mittwoch hat die Kantonspolizei beim Stauwehr Engehalde in Bern eine leblose Person aus der Aare geborgen. Die Polizei nimmt an, dass der 44-jährige Georgier sich am Vorabend beim Blutturm aufgehalten habe. Aktuell geht sie von einem Unfallgeschehen aus, ermittelt aber weiter und sucht Zeug*innen: 031 638 81 11.
  • Justiz: Am Sonntag ist einem 41-jährigen Mann die Flucht aus der Justizvollzugsanstalt Witzwil im Berner Seeland gelungen. Das schreibt die Nachrichtenagentur Keystone-SDA. Der Mann verbüsste dort im offenen Vollzug eine Freiheitsstrafe wegen eines Betäubungsmitteldelikts. Laut einer Mitteilung der kantonalen Sicherheitsdirektion geht von ihm keine Gefahr aus. Es ist bereits die zweite Gefängnisflucht im Kanton Bern innert drei Wochen: Mitte Juli entkam ein Häftling aus dem Regionalgefängnis Bern.
  • Migration: In Enggistein bei Worb steht das erste Rückkehrzentrum der Schweiz für Familien und Frauen. Meine Kollegin Jana Schmid hat ein Ehepaar und seine zwei Kinder dort besucht. Und stellt die Frage: Ist das Fortschritt, Isolation oder einfach ein Tropfen auf den heissen Stein? Die Expertin für Migrationsrecht findet: «Auch dieses Zentrum ist letztendlich Teil des Nothilfesystems, das aus menschenrechtlicher Sicht viele problematische Aspekte hat.»
  • Nachtleben: Gaskessel oder Reitschule? Wollen Jugendliche in der Stadt Bern ausgehen, stehen sie vor dieser Frage. Mehr Optionen gibt es nicht. Noch nicht. 2013 hat die Stadt beschlossen, dass es mehr Ausgehmöglichkeiten braucht für junge Erwachsene. Ein Lokal an der Nägeligasse war vorgesehen, doch Einsprachen verzögerten zuerst und verhinderten schlussendlich das Projekt. Als neuer Standort ist der ehemalige «Passion Club» bei der Grossen Schanze vorgesehen – doch die Betreiber weigern sich, das Lokal zu verlassen. Knapp zehn Jahre nach Planungsbeginn stellt sich Berner Jugendlichen die gleiche Frage wie jenen ihrer vorangehenden Generation. «Hauptstadt»-Redaktor Mathias Streit hat die Leidensgeschichte des Berner Jugendclubs recherchiert.

PS: Wie vielfältig das Berner Kulturangebot ist, beweist unsere wöchentliche Rubrik «Nachtläbe». Doch ob der Auswahl kann zuweilen die Übersicht verloren gehen. Wie erleichternd es da ist, dass ein Ort existiert, an dem jeden Abend was läuft: Die Sommerbühne auf der Schütz. Vom 5. August bis am 10. September ist das Programm gefüllt und niemand riskiert, vor geschlossenen Türen zu stehen.

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Diskussion

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Hanspeter Zaugg
09. August 2022 um 10:16

Für einmal möchte ich auf dass Foto respektive die Legende darunter hinweisen "Itz nume nis Stogle" herrlich !

Weiter so