«Distanzloser Aktivismus hat an der Uni keinen Platz»
Virginia Richter ist seit knapp einem Monat die erste Rektorin der Universität Bern. Im Interview erzählt sie, welche Schwerpunkte sie setzen will und warum sie ihren geisteswissenschaftlichen Hintergrund genauso relevant findet wie ihr Frausein.
Frau Richter, Sie sind seit Mitte Juni verfrüht im Amt. Wie fühlt es sich an?
Eigentlich ganz gut. Es war natürlich unerwartet und hat zur Folge gehabt, dass ich deutlich mehr Termine hatte als gedacht. Aber ich war zum Glück gut vorbereitet, deshalb war es kein grosses Problem. Und ich habe sehr viele freundliche Reaktionen bekommen.
Was für welche?
E-Mails, Postkarten, Blumen. Es gab viele, die mir gratuliert und gesagt haben, sie freuen sich auf die neue Rektorin. Viele Interne haben geschrieben, dass sie sich auf die Zusammenarbeit freuen.
Spüren Sie auch Erwartungen?
Ja schon. Wobei das nicht sehr konkret wird. Also nicht: Wir möchten, dass in der nächsten Zeit das und das passiert, sondern eher: Wir erwarten frischen Wind.
Wird es frischen Wind geben?
Ich war ja schon vorher in der Unileitung und habe nicht vor, alles ganz anders zu machen, bloss um einen Neuanfang zu markieren. Viele Sachen, die mich sehr beschäftigen werden, wurden schon vorher aufgegleist. Deshalb stehe ich erst mal eher für Kontinuität als für einen kompletten Bruch mit dem, was bisher passiert ist. Aber sicher wird es neue Akzente geben, das sind jedoch eher stilistische Veränderungen.
Können Sie da ein Beispiel nennen?
Einen anderen Kommunikationsstil. Ich habe mir vorgenommen, sehr stark auf die Leute zuzugehen. Intern haben wir zum Beispiel mit der Studierenden- und Dozierendenvertretung und den Dekanen regelmässige Treffen. Aber diese Gespräche sind sehr formalisiert. Ich würde gerne informellere Gesprächsformate suchen. Und damit stärker signalisieren, dass die Unileitung für alle da ist und nicht nur für Gremien.
Was auch früher als erwartet kam: Sie wurden im Juni von Amtes wegen in die Verwaltungsräte der UPD und der Insel gewählt. Fühlen Sie sich kompetent für diese Themen?
Ich habe einiges gemacht, um mich vorzubereiten. Ich bin zwar keine Medizinerin oder Psychologin und verstehe von der medizinischen Materie nur bedingt etwas. Aber das ist auch nicht meine Rolle. Meine Aufgabe ist es, die Interessen der Universität zu vertreten.
Freuen Sie sich auf diese Aufgabe?
Dadurch, dass UPD und Insel im Moment in einer Krise sind, sind die Gefühle gemischt. Es ist eine wirklich grosse Herausforderung. Aber ich glaube, bei beiden geht es darum, Vertrauen zurückzugewinnen und auch da ist eine gute Kommunikation wichtig. Und ich denke, da kann ich einen Beitrag leisten.
Gelassen und zufrieden wirkt Virginia Richter (60) beim Termin mit der «Hauptstadt». Und das trotz verfrühtem Amtsantritt als erste Rektorin an der Uni Bern. Seit vielen Jahren prägt Richter die Universität mit, zuletzt als Vizerektorin für Internationales und Akademische Karrieren. Sie hat in München studiert und ist seit 2007 Professorin für moderne englische Literatur an der Uni Bern. In der Freizeit ist sie eine passionierte Leserin.
Zuletzt hat die Uni wegen der Besetzungen aufgrund des Nahost-Konflikts Schlagzeilen gemacht. Ihr Vorgänger Christian Leumann war viel in den Medien, um über den Unterschied zwischen Politik und Wissenschaft aufzuklären. Vertreten Sie auch die Meinung, dass die Uni nicht politisch ist?
Es ist wichtig, dass wir beim Wort politisch vom selben sprechen. Die Uni ist tatsächlich keine politische Institution wie eine Regierung oder ein internationaler Gerichtshof. Ich sehe es nicht als eine Aufgabe der Uni an, zu verschiedenen Konflikten Stellung zu nehmen. Wir nützen niemandem, wenn wir sagen: Hier sind wir dieser politischen Meinung. Deshalb finde ich es sinnvoll, wenn sich die Uni als politisch neutral definiert. Damit meine ich auch parteipolitisch neutral. In dem Moment, in dem Sie diesen Neutralitätsanspruch aufgeben, kommt die Politik und sagt, wir erwarten von euch das und das. Das heisst aber nicht, dass die Uni ein Elfenbeinturm ist, der nichts mit der Gesellschaft zu tun hat. Es gibt ganz viele Sachen oder viele Aspekte, in denen sich die Uni für die Gesellschaft engagiert und mit der Politik zusammenarbeitet.
Wo zum Beispiel?
Bei Expertisen. Zum Beispiel bezüglich der Genozid-Frage. Wir haben Expert*innen im Völkerrecht, die Gutachten machen können. Wenn sich die Unileitung vorher schon politisch festgelegt hätte, würden wir möglicherweise die Freiheit dieser Expert*innen einschränken. Weiter sind wir zum Beispiel für die Regierung beratend tätig. Wir arbeiten auch mit lokalen Akteur*innen hier im Kanton zusammen. In dem Sinne verstehen wir uns als gesellschaftlich engagiert. Aber uns zu diesem oder jenem Konflikt zu positionieren, das ist nicht unsere Rolle.
Und wie frei sind die Mitarbeitenden, sich zu positionieren?
Intern gab es Diskussionen darüber, ob die Meinungsfreiheit eingeschränkt wird. Das sehe ich nicht als eine reale Gefahr. Zumindest nicht von der Uni-Leitung aus. Wir sanktionieren keine Leute, nur weil sie irgendeine bestimmte politische Meinung vertreten. Wir reden Mitarbeitenden nicht rein in ihre Forschung. Das betrifft sowohl die Themen als auch die Methoden. Unsere Mitarbeitenden sind auch Bürger*innen. Natürlich können sie ihre Meinung äussern. Die Meinungsfreiheit geht sehr weit und ist ja auch ein Verfassungsrecht. Was wir von unseren Mitarbeitenden erwarten, ist, dass sie damit verantwortungsvoll umgehen, dass sie die Institution nicht schädigen und ihre Privatmeinung auch als privat deklarieren.
Das heisst?
Wenn jemand zum Beispiel Hate Speech oder rassistische Hetze betreibt, ist das von der Meinungsfreiheit nicht mehr gedeckt.
Sie haben zuvor die interne Kommunikation angesprochen. Werden Sie auch dieses Thema bearbeiten?
Ja, das ist für viele Mitarbeiter*innen eine Frage.
Die Mitarbeitenden wissen also nicht genau, wie frei sie sich äussern können?
Ja, das höre ich viel. Dabei könnten sie es eigentlich wissen. Wir haben Richtlinien zur Meinungsäusserung, die wir neu überarbeitet haben. Das ist eigentlich kein Geheimnis. Aber viele fühlen sich trotzdem unsicher. Darüber kann man reden, finde ich.
Haben Sie da schon konkret etwas geplant?
Ja, wir haben eine Arbeitsgruppe zum Thema Wissenschaftlichkeit eingerichtet. Dabei ist ein Thema diese Grenze zwischen Engagement und Aktivismus. Distanzloser Aktivismus hat an der Uni wirklich keinen Platz, denn er kann die Glaubwürdigkeit der Forschenden beschädigen.
Die Aktivismus-Frage hat die Uni in den vergangenen Monaten stark beschäftigt. Welche Herausforderungen kommen nun auf Sie zu? Wo die grösste Baustelle?
Die grösste Baustelle ist, dass wir eigentlich zu wenig Baustellen haben. Sprich unsere Infrastruktur bei den Gebäuden. Auch wenn wir als Uni autonom sind, haben wir bei den Gebäuden keine Autonomie. Denn die gehören dem Kanton und werden uns zur Verfügung gestellt. Deshalb können wir nicht selbst entscheiden, wenn wir ein neues Gebäude bauen, umstrukturieren oder renovieren wollen. Wir müssen das mit der Politik aushandeln und versuchen zu überzeugen. Deshalb dauern solche Projekte so lange.
Sie würden also nicht die Finanzen als grösste Baustelle bezeichnen?
Die Finanzen sind auch ein Thema, das uns schon sehr lange beschäftigt. Wir haben ein strukturelles Defizit. Natürlich haben wir da Hebel, zum Beispiel haben wir unser Drittmittelaufkommen enorm gesteigert. Dadurch können wir Nachwuchsstellen schaffen. Aber Dauerstellen kann man nicht über Drittmittel finanzieren. Das heisst, die hängen sehr stark vom Staatsbeitrag ab. Und der stagniert. Das ist wieder eine politische Entscheidung. Auch da müssen wir versuchen, die Situation zu erklären und zu verhandeln. Wir können nicht einfach sagen, wir brauchen mehr Geld. Wir sind ja auch kein Unternehmen, das mehr Geld erwirtschaften kann. Wir müssen dieses Geld vom Kanton bekommen.
Könnten Sie nicht sagen, wir bieten weniger an?
Es ist eine Entscheidung des Kantons, dass er eine Volluniversität will. Wenn der Kanton will, dass der Leistungsauftrag erfüllt wird, dann muss er die Finanzen dafür zur Verfügung stellen. Trotzdem überprüfen wir auch immer wieder, ob es noch Sinn macht, ein bestimmtes Fach anzubieten.
Wie müssen wir uns diese Überprüfung vorstellen?
Wenn wir einstellige Studierenden-Zahlen haben, kann man das Fach nicht so weiterführen. Manchmal ist es so, dass ein Thema nicht mehr aktuell ist. Aber das Prinzip Volluniversität, das wollen wir auf gar keinen Fall aufgeben. Da haben wir auch ein ganz grosses Potenzial. Auch in der Forschung. Es ist unsere Stärke, dass wir eine solche Vielfalt haben.
Warum?
Weil es heute viele und vor allem grosse, sehr komplexe Probleme gibt, für deren Lösung es eine interdisziplinäre Zusammenarbeit braucht. Ein Beispiel ist Covid. Das ist erstmal ein medizinisches, epidemiologisches Problem. Aber es reicht nicht, das nur aus dieser Perspektive zu betrachten. Und da ist es natürlich sehr praktisch, wenn man weitere Expertisen an einem Ort hat. Zum Beispiel haben wir an der Uni nun ein neues Zentrum für infektiöse Krankheiten (MCID). Und da haben wir auch Politologen und Ethikerinnen drin, die Strategien für die nächste Pandemie entwickeln sollen.
Verstehen das die Bernerinnen und Berner?
Naja, man muss es ihnen schon erklären. Ich glaube, das ist eine der wichtigsten Aufgaben für die Universitätsleitung, für die Rektorin. Ich habe die Kommunikation nach innen erwähnt, aber die Kommunikation nach aussen ist genauso wichtig. Wir haben ja viele Aktivitäten, wie zum Beispiel die Nacht der Forschung, wo wir uns der Bevölkerung vorstellen und unsere Projekte zeigen. Wir müssen rausgehen und sagen, was wir machen.
Möchten Sie als Rektorin vermehrt rausgehen?
Das habe ich mir vorgenommen. Wir sind eine kantonale Universität. Wir müssen rausgehen aufs Land und versuchen zu erklären, was wir als Uni bewirken. Warum es sich lohnt, in eine Universität zu investieren oder eine Universität zu haben. Warum davon alle Berner Bürger auch wirklich profitieren.
Haben Sie eine Strategie, um die Uni attraktiv zu machen für Studierende?
In den letzten Jahren haben wir erfreulicherweise Studierende dazugewonnen. Es ist nicht so, dass die Uni als Ganzes nicht attraktiv ist. Es sind bestimmte Felder, vor allem in den Geisteswissenschaften und der Theologie, teilweise auch in den Wirtschaftswissenschaften. Aber es ist auch eine Frage der Kommunikation. Viele wollen relevante Fächer studieren, in denen sie gesellschaftlich etwas bewegen können. Bei Informationsveranstaltungen müssen wir deshalb genauer erklären, warum beispielsweise ein Studium der Germanistik oder der Geschichte relevant ist. Was kann man damit wirklich anfangen, um sich zu engagieren, welches Rüstzeug bringt es einem mit für die heutige, sich ständig verändernde Welt?
Warum sind bei den Studierenden manche Fächer nicht mehr beliebt?
Ich glaube, die Vorstellung, dass Bildung an sich ein Wert ist, ist heute nicht mehr so vorhanden.
War das früher anders?
Relativ lange Zeit wurde das nicht so sehr in Frage gestellt, in bürgerlichen Schichten jedenfalls. Heute geht es mehr um den gesellschaftlichen Beitrag, den man leisten kann, wenn man eine Ausbildung gemacht hat. Häufig wird gefragt, ob wir mit solchen Fächern am Arbeitsmarkt vorbei ausbilden. Aber das stimmt nicht. Absolvent*innen der Geisteswissenschaften bekommen ziemlich schnell Jobs und verdienen auch relativ gut. Die Berufsaussichten sind nicht schlechter und das Einkommen hält mit den Naturwissenschaften mit.
Sie haben selbst ein geisteswissenschaftliches Studium gewählt. Was geben solche Fächer den Studierenden für Werkzeug mit?
Wenn man sich anschaut, was jetzt in der Welt passiert, dann ist es offensichtlich, dass historisches Wissen wichtig ist, oder Kenntnisse verschiedener Sprachen.
Warum haben Sie ein geisteswissenschaftliches Studium gewählt?
Die schulischen Fächer, die mich interessiert haben, waren alle in dem Bereich. Ich habe sehr früh angefangen zu lesen und war immer eine passionierte Leserin. Für mich stand es nie in Frage, dass ich in diese Richtung gehe.
Und Sie haben sich keine Gedanken gemacht, was nach dem Studium kommt?
Das ist schon so lange her, dass ich das gar nicht mehr so genau weiss, was ich mir damals überlegt habe (lacht). Ich glaube, ich bin eher Schritt für Schritt gegangen. Ich hatte nicht von Anfang an den Plan, Professorin zu werden oder überhaupt eine Universitätskarriere einzuschlagen. Das hat sich so entwickelt.
Sie haben in der Videobotschaft der Universität anlässlich Ihres Amtsantrittes betont, warum Sie dieser Hintergrund qualifiziert. Haben Sie das Gefühl, dass die Geisteswissenschaften auch innerhalb der Akademie einen schlechten Stand haben?
Nein, das würde ich so nicht sagen. Es war sicher nicht defensiv gemeint, dass ich mich quasi dafür entschuldigen muss, dass ich Literaturwissenschaftlerin bin. Aber es ist ja sehr viel Aufhebens darum gemacht worden, dass ich die erste Frau bin. Ich fand es aber auch sehr relevant, dass nach einer ganzen Reihe von Rektoren, die aus dem naturwissenschaftlich-medizinischen Bereich kommen, jetzt mal wieder jemand aus einer anderen Fachkultur kommt.
Sie haben einen Migrationshintergrund. Ist das Thema Zugang für Personen aus anderen Ländern und für solche ohne akademischen Hintergrund, für Sie relevant?
Interessanterweise ist die Schweiz zumindest in der Theorie sehr zugänglich. Wenn man die Studiengebühren vergleicht mit Grossbritannien oder den USA, ist es hier sehr viel einfacher für Menschen mit Migrations- oder ohne akademischen Familienhintergrund. Trotzdem sind Kinder von Akademikereltern sehr stark überrepräsentiert. Das ist ein sehr wichtiges Thema. Allerdings muss man da früher ansetzen: Wer geht aufs Gymnasium? Schicken die Schulen uns die richtigen Studierenden oder spielen da gewisse Vorstellungen mit rein?
Was für Vorstellungen?
Das hat sehr viel mit Stereotypen zu tun. Zum Beispiel Vorstellungen wie «die Eltern haben schon studiert, deswegen werden diese Kinder erfolgreich sein» und «die Kinder mit Migrationshintergrund tun sich schwerer, denen tun wir keinen Gefallen». Es ist aber nicht nur eine Aufgabe für die Schulen, sondern auch für die Universitäten. Man muss deutlicher zeigen, dass die Uni nicht nur für eine bestimmte Schicht offen ist. Ich habe auch kein perfektes Konzept, aber ich denke, man könnte vielleicht mehr Erfolgsgeschichten erzählen.
Und das sehen Sie ja auch als Ihre Aufgabe an?
Es ist eine Aufgabe der Uni. Würden nur Kinder aus reicheren Familien zum Studium zugelassen, könnte man ihnen mehr Geld abknöpfen. Aber die Begründung für unsere eher tiefen Studiengebühren ist eben, dass die Unis offen sein müssen. Das ist auch unser Argument gegen die Forderungen nach höheren Studiengebühren.
Trotz der tiefen Studiengebühren arbeiten viele Studierende nebenbei. Wie stehen Sie dazu?
Die optimale Situation wäre natürlich ein gut ausgebautes Stipendien-System, aber das hat die Schweiz nicht. Ich denke, wir sollten flexibel sein, aber gleichzeitig finde ich, müssen die Studierenden auch studieren. Wenn sie zu viel arbeiten, gerät das in einen Konflikt. Das Studium ist nicht etwas, was man ganz nebenbei machen kann.
Haben Sie während des Studiums gearbeitet?
Ich habe gearbeitet, ja. Ich habe verschiedenste Jobs gemacht, Schmuck in Kaufhäusern verkauft, als Sekretärin in den Ferien gearbeitet. Dann bin ich relativ schnell in die universitäre Mitarbeitenden-Schiene gekommen.
Dann kennen Sie diesen Spagat.
Ja, sicher. Ich habe selber auch keinen reichen Familienhintergrund.