«Wir wollen YB unverkäuflich machen»
YB ist sportlich in der Krise. YB-Präsident Marcel Brülhart spricht im grossen Interview über die Gründe für die Ergebnis-Misere, Bauprojekte, den Beinahe-Verkauf ins Ausland und die Strategie für die YB-Frauen.
Herr Brülhart, Sie wohnen in Spiez. Auf dem Arbeitsweg fahren Sie am Stadion Thun vorbei. Wie sehr schmerzt es, wenn der kleinere Kantonsrivale in der Tabelle deutlich vor dem grossen YB liegt?
Einerseits schmerzt es mich für YB, andererseits freut es mich für Thun. Wenn wir als Verein Sympathien für einen anderen Club haben, dann ist das der FC Thun.
Während Thun sportlich überrascht, will YB strukturell vorlegen: In Rörswil bei Bolligen will YB einen modernen Campus bauen. Wie realistisch ist die geplante Inbetriebnahme 2028?
Wir sind zuversichtlich, diesen Zeitplan einhalten zu können. Auch weil wir stark auf die Anliegen der Bevölkerung eingegangen sind. Wir haben zwei Mitwirkungen durchgeführt, eine davon freiwillig. Das Projekt kann dann aber immer noch durch Einsprachen verzögert werden.
Geplant ist ein Stadion mit 2’000 Plätzen für die YB-Frauen. Für die aktuelle Saison hat YB über 2’200 Saisonabos verkauft. Ist das Stadion nicht zu klein?
Für die attraktiveren Spiele ja. Stand heute gehen wir deshalb davon aus, dass die Frauen auch künftig grösstenteils im Wankdorf spielen werden. Auf dem Campus werden vor allem die Nachwuchsteams ihre Spiele austragen.
Ist für diese wiederum das Stadion mit 2’000 Plätzen nicht zu gross?
Für die Nachwuchsteams braucht es diese Grösse nicht. Es wird aber immer mal wieder zu Terminkollisionen zwischen dem Männer- und dem Frauenteam kommen. Für diese Fälle diente der Campus als Ausweichstadion.
Marcel Brülhart ist seit dem 1. Juli 2025 Präsident des YB-Verwaltungsrats. Aufgewachsen in Baar und Düdingen, studiert er später Recht an der Universität Bern und wird Partner in einer führenden Schweizer Anwaltskanzlei. Als Fussballer schafft er es mit dem FC Köniz bis in die 2. Liga. Bekannt wird er durch seine Tätigkeiten an Grossveranstaltungen: An der Fussball-EM 2008 und der Eishockey-WM 2009 ist er Leiter der Host City Bern, bei der Fussball-EM 2021 Berater der polnischen Regierung. Heute ist er als Anwalt, Unternehmer und in Aufsichtsgremien tätig. Brülhart ist 2007 Mitbegründer der Fanarbeit Bern und seit 2021 im YB-Verwaltungsrat.
Dank dem Campus würde auf den städtischen Fussballfeldern dringend benötigter Platz frei für kleinere Clubs. Im Gegenzug möchte YB Trainingsplätze für seine Aktivteams auf der Allmend.
Warum im Gegenzug?
Besteht da aus Ihrer Sicht kein Zusammenhang?
Nein, diesen Zusammenhang hat es nie gegeben. Es gibt in der Region viel zu wenig Rasenplätze. Mit dem Campus können wir für den stark wachsenden Frauenfussball dringend benötigte Kapazitäten schaffen und auch im Nachwuchsbereich einen wichtigen Schritt machen. Mit dem Campus lassen sich aber nicht alle Probleme lösen, zudem wollen wir im Stadion zurück zum Naturrasen.
Wieso muss der Kunstrasen aus Ihrer Sicht raus aus dem Wankdorfstadion?
Die Uefa plant, in absehbarer Zeit internationale Spiele auf Kunstrasen zu verbieten. Mit der aktuellen Ausgangslage wäre das für uns verheerend. Und es gibt immer weniger Spieler, die auf Kunstrasen spielen wollen, wir verlieren an Anziehungskraft. Zudem wäre es natürlich toll, wieder Länderspiele des Frauen- und Männer-Nationalteams im Wankdorf austragen zu können.
Ursprünglich forderte YB zwei exklusive Trainingsfelder auf der Allmend. Zuletzt zeigten Sie sich offener gegenüber einer gemeinsamen Nutzung mit dem Breitensport und der Bevölkerung. Ist das realistisch?
Diese Haltung haben wir schon im letztjährigen Testplanungsverfahren eingenommen, sie ist nicht neu. Unsere Teams stehen nicht den ganzen Tag lang auf den Plätzen. Alles hängt von der Art der Nutzung in der restlichen Zeit ab. Bei guten Witterungsverhältnissen können auch andere Sportnutzungen auf den Plätzen stattfinden. Auch stört es niemanden, wenn Menschen in dieser Zeit über den Platz spazieren. Zudem werden auch die Leistungssportrasen immer widerstandsfähiger, was eine intensivere Nutzung erlaubt.
Um Platz für die Trainingsplätze zu schaffen, sollen Parkplätze in den Untergrund verschoben werden.
Es macht Sinn, die oberirdischen Parkplätze auf der Allmend aufzuheben. Ob es eine neue Parkhalle tatsächlich braucht, wird sich noch zeigen müssen. Wenn die geplante Entwicklung durch die bestehenden Parkplatzkapazitäten geschluckt werden kann, dann müssten nur noch Überlaufkapazitäten für die paar Mal pro Jahr geschaffen werden, wenn verschiedene Anlässe gleichzeitig im Wankdorfgebiet stattfinden.
Auch das Wankdorfstadion soll saniert werden. Was ist da vorgesehen?
Ein Teil der Stadionhülle ist hohl und es zieht stark im Stadion. Da möchten wir zusätzliche Nutzfläche schaffen und gleichzeitig das Klima im Stadion verbessern. YB hat zusätzlichen Raumbedarf. Weiter existieren Ideen wie eine YB-Kita oder ein kleines Hotel, das bei unseren zahlreichen Anlässen genutzt werden könnte. Letztlich entscheiden wir darüber aber nicht. YB gehört nur der Fussball-Teil des Stadions. Über die Hülle bestimmt die UBS als Eigentümerin.
Viele sehen in YB primär einen hochkommerziellen Betrieb, der jährlich Millionen umsetzt.
Wir werden leider oft mit Clubs aus den Topligen verglichen, die sich in einer Blase bewegen. Doch wir sind gerade das Gegenteil davon. Der ganze Club ist normal, geerdet und demütig geblieben, trotz vieler Titel in den letzten Jahren. Zudem sind wir uns der Verantwortung als regionaler Identifikationsträger bewusst, investieren auch in die Infrastruktur für den Breitensport und engagieren uns seit langem dezidiert gegen Rassismus, Diskriminierung und Gewalt.
Das tönt etwas gar selbstlos.
Klar sind wir kommerziell ausgerichtet, aber nur soweit wir den Spielbetrieb, die Nachwuchsabteilung, den Ausbau der Frauenabteilung sowie die Infrastruktur finanzieren müssen. Irgendwie muss man das ja bezahlen. Bei YB nehmen die Eigentümer kein Geld heraus und es bereichert sich niemand an Transfers. Mit der grossen Nachwuchsabteilung machen wir sehr viel für den Breitensport, die allermeisten Spielerinnen und Spieler schaffen es nicht in den Profisport, sondern spielen später aktiv in regionalen Clubs. Zudem sind wir ein wichtiger Arbeitgeber im Kanton. Wer in YB nur den Kommerz sieht, sieht vieles nicht.
«Wollen wir Trainingsplätze auf der Allmend, müssen wir fragen, nicht fordern.»
Hinsichtlich der Neuordnung der Allmenden trat der frühere YB-Chef Wanja Greuel forsch und fordernd auf. Das kam nicht überall gut an. Nun hört man von YB neue Töne und mehr Kompromissbereitschaft. Weshalb?
Früher dachte man, YB hat sehr viele Fans und ist deshalb gesellschaftlich und politisch von besonderer Bedeutung. Das ist nicht korrekt. Nur weil man viele Fans hat, ist man nicht wichtiger, sondern genauso ein Teil der Gesellschaft, der sich an Regeln halten muss wie alle anderen auch. Wenn wir zwei Trainingsplätze auf der Allmend wollen, müssen wir fragen, nicht fordern. Das hat nichts mit Kompromissbereitschaft zu tun.
Wechseln wir zum Sportlichen. Stand jetzt würde YB nächste Saison nicht europäisch spielen. Kann YB ohne die Europapokal-Millionen wirtschaftlich überleben?
Wir haben genügend Eigenmittel, um drei schlechte Saisons ohne hohe Transfererlöse oder das europäische Geschäft zu überstehen.
Also muss YB im Sommer nicht zwingend Alvyn Sanches verkaufen, um die voraussichtlich fehlenden Europapokal-Einnahmen zu kompensieren?
Um das strukturelle Defizit zu decken, brauchen wir Transfereinnahmen, aber nicht jedes Jahr. In den letzten Jahren hatten wir diese Einnahmen immer; sie bilden heute unseren finanziellen Fallschirm. Es gibt immer wieder Menschen, die uns vorwerfen, Transfers nur des Geldes wegen zu machen – aber das ist nur ein Teil der Wahrheit. Natürlich brauchen wir die Einnahmen, aber YB und Basel werden als einzige Schweizer Clubs permanent von ausländischen Vereinen beobachtet – auch in schwächeren Phasen. Selbst in schlechten Saisons erhalten unsere Spieler sehr schnell Angebote aus dem Ausland und wollen dann auch weg.
Ist das Schaufenster Europapokal für YB also gar nicht so entscheidend?
Es ist Fluch und Segen zugleich: Es ermöglicht uns Transfergeschäfte und macht uns attraktiver für junge, ambitionierte Spieler – sie wissen, dass sie sich hier für grössere Ligen empfehlen können. Für uns als Verein birgt das aber auch die Gefahr, dass genau dieselben Spieler rasch wieder weg sind, wenn sie gut spielen. In den letzten Jahren raubten uns zu viele Wechsel in kurzer Zeit die Stabilität. Wir müssen aufpassen, dass YB nicht zum reinen Durchlauferhitzer wird.
Wie machen Sie das?
Das ist anspruchsvoll. Ausländische Vereine bieten teils Beträge, die selbst wir nicht ablehnen können. Und dann kommt noch der Faktor Mensch: Wenn ein Spieler unbedingt wechseln will und uns unter Tränen um die Wechselfreigabe bittet, ist das schwierig. Und es kann auch die Identifikation von Spielern untergraben, die sehr rasch Angebote erhalten und dann mit dem Kopf schon halb weg sind. In diesem Spannungsfeld fehlt uns aktuell die Balance.
Wie schaffen Sie diese Balance wieder?
Indem wir die Familien und Agenten der Spieler noch stärker einbeziehen. Einem Spieler muss von Beginn weg klar sein, dass wir ihn hier in Bern für zwei, drei Jahre brauchen. Das hat bis vor zwei Jahren geklappt. Wenn heute ein junger Spieler sechs gute Spiele absolviert, kommt bereits das erste Angebot. Früher brauchte es dazu mindestens eine gute Saison. Dabei wäre es auch das Interesse der Spieler, nicht zu früh zu wechseln.
Lockt sie das grosse Geld?
In den meisten Fällen ist den Spielern das Geld gar nicht so wichtig. Viele sind selbst grosse Fans von ausländischen Clubs. Wenn dann ein grosser Club anklopft, hat das eine fast magische Anziehungskraft. Anders sieht es im Umfeld aus: Viele junge, meistens ausländische Spieler kommen aus einfachen Verhältnissen. Ein solcher Transfer bedeutet für sie sozialen Aufstieg. Unsere afrikanischen Spieler leben hier oft relativ bescheiden und schicken einen Grossteil ihres Verdienstes nach Hause. An ihrem Erfolg hängen manchmal ganze Familien – ja sogar ganze Dörfer.
Was macht es so schwer, nach Abgängen von Schlüsselspielern wieder ein funktionierendes Kollektiv aufzubauen?
Ein Team braucht einen festen Kern, der die Identität und Stabilität der Mannschaft trägt – und daneben einen Teil, der rotiert und weiterzieht. Oft sind jedoch gerade die besten Spieler diejenigen, die auch im sozialen Gefüge besonders wichtig sind. Hinzu kommt die gesellschaftliche Tendenz zur Vereinsamung.
Was meinen Sie damit?
Früher haben die Spieler in der Freizeit, ohne unser Beisein, viel gemeinsam unternommen. Das passiert heute nicht mehr so. Sie kommen ins Training, gehen danach wieder getrennte Wege und verbringen stattdessen viel Zeit alleine, wohl auch online. Das erschwert, dass in vernünftiger Zeit ein Kollektiv zusammenwachsen kann.
Verordnen Sie jetzt Teamevents, um den Zusammenhalt zu fördern?
Es braucht sicherlich Impulse von aussen, aber vor allem auch die richtigen Typen in der Mannschaft. Nicht alle, denen wir diese Leaderrolle zugetraut haben, konnten den Entwicklungsschritt machen.
Wie stellen Sie sich die Impulse von aussen vor?
Der Profisport hat sich unglaublich professionalisiert – wir müssen aufpassen, dass wir aus den Spielern keine Maschinen machen. Vieles wird vorgegeben und kontrolliert: Körper- und Blutwerte, kein Alkohol, strikte Trainingspläne. Besonders krass sind Kontrolle und Abschirmung in grossen Ligen. Wir müssen darauf achten, dass Professionalisierung nicht zu Entsozialisierung und Vereinsamung führt. Es handelt sich immer um Menschen, die hier ihren Traum leben. Am Ende dreht sich alles um soziale Kontakte. Ohne sie kann eine Persönlichkeit nicht reifen. Das kann auch bedeuten, dass wir als Verwaltungsrat einmal für die Mannschaft kochen, einen gemeinsamen Abend verbringen und viel lachen.
«Die Jagd nach jungen Talenten wird immer verrückter.»
Als Christoph Spycher vor zehn Jahren Sportchef wurde, sortierte er als erstes den Mittelbau im Kader aus. Das Team bestand anschliessend aus einem älteren Stamm und jungen Talenten. Heute hat YB im Schnitt den ältesten Kader der Super League. Weshalb ist man von diesem Weg abgekommen?
Wir sind nicht vom Weg abgekommen, sondern am Korrigieren. Mit sportlichen Schwierigkeiten sinkt die Bereitschaft, auf Junge zu setzen. Auch um diese vor dem grossen Druck zu schützen. Einen Olivier Mambwa oder Rhodri Smith müssen wir behutsam aufbauen. Wer stark auf Junge setzt, muss auch ertragen können, wenn es dann eine Zeit lang nicht so läuft.
YB steckt jährlich Millionen in den eigenen Nachwuchs. Weshalb traut man den Jungen nicht mehr zu?
Mit Fabian Rieder, Aurèle Amenda und Zachary Athekame waren die letzten drei grossen YB-Transfers allesamt junge Spieler aus dem eigenen Nachwuchs. Wenn so ein Spieler den Verein verlässt, ist die Erwartung oftmals, dass der nächste schon bereit steht. Dabei geht vergessen, dass so ein Talent vielleicht alle fünf Jahre für YB spielt. Trotzdem wird der eigene Nachwuchs immer wichtiger.
Weshalb?
Die Jagd nach jungen Talenten wird immer verrückter, die Preise steigen stetig. Inzwischen konkurrieren wir auch mit der 2. Bundesliga oder den niederländischen und belgischen Ligen. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis wir die guten Talente nicht mehr bezahlen können.
Dabei verfügt YB über finanzielle Reserven. Was verdient ein junges Talent bei YB?
Das darf ich nicht sagen. Klar ist aber, dass YB keine Riesensummen bezahlt. Unsere Spieler haben vergleichsweise tiefe Fixlöhne. Wenn, wie aktuell, der Erfolg und damit die Erfolgsprämien ausbleiben, ist der Lohn entsprechend tiefer. Beim Europapokal-Spiel in Stuttgart haben wir uns mit den Verantwortlichen des VfB ausgetauscht. Die zahlen ein Mehrfaches. Und doch hätten wir sie auf dem Platz eigentlich schlagen müssen.
Im hauseigenen Podcast sagten Sie, dass YB die Nachwuchsausbildung flexibler gestalten müsse. Wie soll das konkret passieren?
Die Talente werden immer jünger, weil die Entwicklung schneller ist – auch bei den Frauen. Manche sind schon mit 16 Jahren auf potenziellem Profi-Level. Aber dann kommen die Eltern und verlangen, dass ihr Kind zunächst die Ausbildung abschliesst. Unsere Vision ist, dass die Talente stattdessen ihre Ausbildung pausieren können. Wenn sie es in den Profifussball schaffen – gut so. Und wenn nicht, garantieren wir der Familie, dass wir uns bis zum Abschluss der Ausbildung um ihren Sohn oder ihre Tochter kümmern.
Wäre das verhältnismässig? Es schaffen es ja nur die Wenigsten in den Profifussball.
Wir übernehmen schon heute Verantwortung für den Nachwuchs, dem es bei uns nicht in den Profibereich reicht. Wir verhelfen ihnen zu Anschlusslösungen in der Challenge oder Promotion League. Sie sollen ihre sportliche Leidenschaft weiter ausleben können. Das Platzen des Profi-Traums ist oftmals schon schlimm genug. Da fallen manche psychisch in ein Loch.
In der NZZ äusserten Sie jüngst, dass YB in den vergangenen Jahren beinahe ins Ausland verkauft wurde. Wie lief das genau ab?
Dazu möchte ich mich nicht mehr äussern. Das Einzige, was ich noch anfügen kann: Es war eine Parabel auf die Anziehungskraft, die der Fussball hat. Ein Berater sah wohl die Chance, via die beiden Söhne des verstorbenen Besitzers Andy Rhis, mit YB als Mitgift ins grosse Fussball-Business einzusteigen.
Was für Lehren ziehen Sie aus dem Streit, von dem öffentlich niemand etwas mitbekommen hat?
Clubs in der Schweiz sind zu wenig geschützt. Deutschland kennt die 50+1-Regel. So etwas fehlt hier. Wir müssen uns selbst helfen, damit das nicht wieder passiert.
Und wie?
Dazu möchte ich mich nicht äussern.
In der NZZ sagten Sie, YB sei unverkäuflich.
Im Moment ist YB in unseren Köpfen unverkäuflich. Unser Ziel ist es, YB auch faktisch unverkäuflich zu machen.
Im YB-Podcast haben Sie erwähnt, dass YB mit dem Verkauf Teil eines Multi-Club-Ownership-Konstrukts geworden wäre. Wie steht YB zu diesen Gebilden?
Unsere Überzeugung ist, dass sich solche Konstrukte nicht durchsetzen werden. Die aktuellen Gebilde sind fast ausnahmslos erfolglos, sportlich wie finanziell. Zudem nimmt man diesen Vereinen die Identität weg. Da bestimmt jemand zentral die Trainingspläne für alle Clubs und gleichzeitig soll jedes Team eine eingeschworene Truppe mit hoher Identifikation werden. Das funktioniert nicht.
«YB wird in Schweizer Händen bleiben.»
Hans-Ueli Rihs ist Anfang Januar 82 Jahre alt geworden. Derzeit hält er knapp 70 Prozent der YB-Aktien, sein Sohn Stefan etwas mehr als 20 Prozent – und der YB-Sportchef Christoph Spycher etwas weniger als 10 Prozent. Wem gehört YB in zehn Jahren?
Jemandem oder einem Gefäss, der oder das YB nicht verkaufen will oder verkaufen kann.
Wird das eine Berner, eine Schweizer Lösung?
YB wird in Schweizer Händen bleiben, mindestens mit einer starken regionalen Verankerung.
Von Fanseiten wird Christoph Spychers Doppelrolle kritisch betrachtet. Er habe kein Interesse an Investments, wenn er gleichzeitig am Verein beteiligt sei. Wie beurteilen Sie das?
Das ist völliger Blödsinn. Seit Christoph Spychers Einstieg hat er keinen Franken aus seiner Beteiligung am Verein verdient. Er wäre der Letzte, der darauf drängen würde. Das steht auch nicht zur Diskussion, im Gegenteil stehen grosse Investitionen in die Infrastruktur an. Die Beteiligung von Christoph Spycher erfolgte auf Wunsch von Hans-Ueli Rihs. Er wollte die regionale Verankerung stärken und mit Christoph einen der Besten seines Fachs in ganz Europa an den Verein binden.
Sportlich besser als den Männern läuft es den YB-Frauen. Obwohl sich das Team nach dem Titel in einer Umbruchsaison befindet. Wie sieht hier das YB-Konzept aus?
Wir wollen rasch den Schritt zum Halb- und Profitum gehen und dabei etwas aufbauen, ohne uns den Erfolg kaufen zu müssen. Wir haben bei den Frauen die beste Nachwuchsabteilung der Schweiz und sind bisher gut damit gefahren, junge Spielerinnen ins Team zu integrieren. Dabei hilft uns auch der Ligamodus. Den Playoff-Modus kann man kritisch betrachten, uns hilft es aber, wenn Ende Saison mehrere Teams noch die Chance auf den Meistertitel haben.
Aktuell werden die Frauen querfinanziert. Wie sieht der YB-Businessplan für die Frauenabteilung aus?
Das ist eine grosse Herausforderung. Der Sport muss sich kommerziell weiterentwickeln, sonst ist das langfristig nicht tragbar. Auch der Fussballverband ist noch viel zu zurückhaltend. Das momentane Fehlen von Kommerzialisierung ist zwar schön, aber so gibt es keinen Profifussball.
Wie viel Geld steckt YB aktuell jährlich in den Frauenfussball?
Das sagen wir nicht. Aber es ist viel. Und der Betrag steigt jährlich.
Im Podcast sagen Sie, dass einige der Spielerinnen gar nicht ins Profitum möchten. Weshalb?
Sie wollen mit ihrer Zeit noch anderes anfangen. Es zeigt sich hier eine unterschiedliche Sozialisierung der Mädchen und Jungen. Die jungen Männer wissen: Fussballer ist ein Beruf. Bei den Frauen ist das noch nicht so.
Für viele ist ein Leben vom Fussball auch kaum möglich. Die damalige YB-Spielerin Noa Schärz sagte vergangenen Sommer, ihr Lohn betrage rund CHF 2500 pro Monat.
Wir haben seither unser Lohngefüge angehoben. Das soll in den kommenden Jahren auch so weitergehen. Es gibt aber sehr wenige, die komplett auf Fussball setzen wollen. Einige sind noch in der Ausbildung, andere wollen nebenbei arbeiten. Unsere Haltung ist grundsätzlich, dass der Aufwand im Verhältnis zu den kommerziellen Möglichkeiten korrekt entschädigt werden muss. Im Moment ist die Eigenfinanzierung des Bereichs aber noch derart gering, dass wir auch in den nächsten Jahren nicht umhin kommen werden, massiv zu querfinanzieren.
Mit Ramona Bachmann hat YB jüngst eine nationale Koryphäe mit zwei Jahrzehnten Profierfahrung im Ausland verpflichtet. Dementsprechend gut dürfte sie verdienen. Sind solche Lohnscheren innerhalb des Teams ein Thema?
Ramona passt in unser Lohngefüge. Zumal sie mit ihrer Funktion als Trainerin im Nachwuchsbereich ein zusätzliches Standbein hat. Auch in anderem Zusammenhang hätte ich nie etwas von Lohndiskussionen innerhalb der Teams mitbekommen.
Noa Schärz wurde nach dem Interview von Clubseite gerügt. Weshalb dürfen YB-Spielerinnen nicht offen über ihre Arbeitsbedingungen sprechen?
Weil es sich dabei um vertrauliche Informationen handelte und wir nicht vorinformiert wurden. Wir bestreiten nicht, dass sich der Fussball im Frauenbereich entwickelt und Spielerinnen mit ihrem Lohn im Vergleich zum geleisteten Aufwand nicht immer zufrieden sind. Das Leistungsniveau ist teilweise massiv gestiegen. Das haben wir an der Euro gesehen, das waren super Matches. Wichtig ist, dass es seit ein paar Jahren eine stetige Entwicklung in die richtige Richtung gibt. Es sind Professionalisierungsschritte, die Geduld brauchen, das ist in jeder Sportart so.
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