Eisenbahn, Super-Recognizer, Innertkirchen
Die wichtigsten News der Woche aus Bern – Kantons-Brief 4/2026
Diese Woche hatte ich eine wunderbare Begegnung. Seit ein paar Tagen weilt Jaroslav Rudiš (53), einer der renommiertesten tschechischen Schriftsteller, in Bern. Er tut dies bis im Sommer, auf Einladung der Friedrich Dürrenmatt Gastprofessur für Weltliteratur der Universität Bern. Rudiš wuchs in Böhmen auf, schreibt deshalb tschechisch und deutsch, polnisch spricht er ebenfalls. Ganz normal für das Dreiländereck, aus dem er kommt.
Am Mittwoch erzählte er in der Burgerbibliothek vor Publikum, was ihn beschäftigt und was er in seinem Seminar mit den Studierenden in Bern vorhat. Uni-Rektorin Virginia Richter, ebenfalls bilingue tschechisch und deutsch, war sichtlich angetan. Es war ein heiterer und geistreicher Abend, der passend zu Rudiš’ Literatur beim Bier in der Lesbar ausklang.
Rudiš beschäftigt sich fast ausschliesslich mit Eisenbahnen und Bier. Es ist das Material, das er liebt, aber mit dem er auch literarisch arbeitet. Bier wie Eisenbahn sieht er als Ausdruck einer Volkskultur, durch die man Mentalität und Geschichte einer Region verstehen kann.
«Zugfahren ist Europa durchs Fenster gesehen», sagte Rudiš, der oft von Berlin, wo er lebt, nach Prag fährt. Wir im Westen ordnen diese einst brutal abgetrennte Gegend pauschal dem Osten zu. Für Rudiš aber ist es Mitteleuropa, ein – nicht nur, was Bahn und Bier angeht – vielfältiger Kulturraum, gebeutelt durch die Geschichte.
Die Eisenbahn taucht in Rudiš’ Büchern als Lebensader auf, die den Anschluss der Peripherie an die Welt herstellt. Er ist überzeugt, dass Regionen mit Bahnverbindung weniger anfällig für Rechtsextremismus sind. Die Eisenbahn ist aber auch ein Sinnbild des Schreckens. Rudiš erinnert daran, dass der Schnellzug von Berlin nach Prag im Zweiten Weltkrieg oft Wagen angehängt hatte, die kurz vor Prag abgekoppelt und ins Konzentrationslager Theresienstadt gefahren wurden.
Mich begeistert die Kreativität von Jaroslav Rudiš. Er schreibt Romane und Theaterstücke, er textet Comics, er spielt in einer Band, die Romane von Franz Kafka vertont. Gut vorstellbar, dass er dereinst aus Kursbüchern eine Oper schreibt.
Rudiš weckte an dem Abend auch die Erinnerung an Friedrich Dürrenmatts Erzählung «Der Tunnel». Auf der alten Strecke von Bern nach Zürich lässt Dürrenmatt den Zug bei Burgdorf in den Tunnel fahren. Aber nie mehr aus ihm heraus. Der mitreisende Student versucht vergeblich, die Zugspassagiere auf die Katastrophe aufmerksam zu machen. Ausser ihm glauben alle, das müsse so sein.
Jaroslav Rudiš hilft, die Augen zu öffnen.
In Ruppoldsried, einem Teil der Gemeinde Rapperswil im Seeland, befindet sich die Heimbasis des traditionsreichen Motorrad-Rennteams Bolliger, das mit seiner Crew an der internationalen Langstrecken-WM teilnimmt. Vor ein paar Tagen ereilte die Töff-Enthusiasten ein Unglück: Der Sattelschlepper, mit dem das Team an die Rennen fährt, kippte, bloss zwei Kilometer von zu Hause, von der Strasse einen Abhang hinunter. Verletzt wurde niemand. Aber das wertvolle Equipment im Transporter nahm erheblichen Schaden.
Die Zukunft des Teams und die bevorstehende Rennsaison waren in Frage gestellt. Dann erfuhr die gebeutelte Bolliger-Crew eine Solidaritätswelle. Per Crowdfunding kamen innert weniger Tage über 100’000 Franken Unterstützung zusammen. Der Saisonstart Mitte April mit dem 24-Stunden-Rennen von Le Mans ist gerettet, das Team Bolliger zeigt sich gerührt über so viel Solidarität.
Das Wichtigste aus dem Kanton:
- Kunstmuseum: Das Sanierungsprojekt für das Berner Kunstmuseum wird definitiv Gegenstand einer kantonalen Volksabstimmung. Sie findet am 14. Juni 2026 statt, wie der Regierungsrat nun mitteilt. Das Kunstmuseum an der Hodlerstrasse soll bis 2033 für fast 150 Millionen Franken saniert werden. Im letzten September beschloss der Grosse Rat dafür einen Projektierungskredit von knapp 16 Millionen Franken. Dagegen ergriffen SVP, EDU sowie zwei Vertreter der Grünliberalen erfolgreich das Referendum.
- Super-Ermittler: Die Kantonspolizei Bern sucht unter ihren Mitarbeiter*innen sogenannte Super-Recognizer. Das sind Personen mit einer aussergewöhnlich hohen Fähigkeit zur Gesichtserkennung. Sie sollen Tatverdächtige auf Fahndungsfotos erkennen, Tatserien analysieren oder gesuchte Personen in grossen Menschenmengen finden. Wie aus der Antwort des Regierungsrates auf einen Vorstoss von Milena Daphinoff (Mitte) hervorgeht, hat die Kantonspolizei Anfang Jahr die Testphase begonnen. Davor konnten sich sämtliche potenziellen Super-Recognizer für ein internes Testverfahren anmelden. Sobald die Testergebnisse vorliegen, will die Kantonspolizei einen Pilotversuch mit den entsprechenden Mitarbeiter*innen beginnen. Das Testverfahren wurde von der Berner Fachhochschule begleitet. Hast du das Gefühl, die Fähigkeit ebenfalls zu besitzen? Hier lässt sich das online (ohne Gewähr) testen.
- Teure Einladung: Der Kanton Bern ist dieses Jahr Ehrengast am Marché-Concours national de chevaux in Saignelégier. Der Regierungsrat hat dafür kürzlich einen Kredit in der Höhe von 600’000 Franken genehmigt, um die Teilnahme zu finanzieren. Dessen Höhe stösst im Grossen Rat einigen sauer auf: So will Maxime Ochsenbein (SVP, Bévilard) vom Regierungsrat in einer Anfrage wissen, ob es Aufgabe des Kantons sei, als Gast einen Galaabend und ein Bankett zu finanzieren. Der Regierungsrat macht in seiner Antwort auf den Vorstoss klar: Mit lediglich 200’000 Franken sei keine «angemessene Präsentation» eines Ehrengastes möglich. Zudem finanziere man nur «die musikalische Umrahmung», sowie das Desserts für rund 800 Ehrengäste am Galaabend und am offiziellen Bankett. Deutlich teurer komme die Präsentation von über 100 Pferden aus dem Kanton.
- Kirchensteuer: Juristische Personen sollen auch in Zukunft Kirchensteuer bezahlen. Dafür spricht sich eine Mehrheit der vorberatenden Kommission des Grossen Rats aus. Sie lehnt den Vorschlag der Regierung ab, dass künftig nur noch juristische Personen mit einem Gewinn von über 700’000 Franken die Steuer entrichten müssen. Heute bezahlen juristische Personen, unter anderen Unternehmen, Kirchensteuern an die drei Landeskirchen, die in ihrer Standortgemeinde bestehen. Im Gegensatz zu natürlichen Personen können Unternehmen nicht aus der Kirche austreten und sich so von der Steuer befreien. Ein Vorstoss im Grossen Rat forderte deshalb, dass die Kirchensteuer für juristische Personen freiwillig werden soll. Das entspricht auch der Haltung des kantonalen Handels- und Industrievereins. Das Kantonsparlament wird das Thema voraussichtlich in der Frühlingssession Anfang März behandeln.
- Ballenberg: Gegenstand einer kontroversen Debatte wird in der Frühlingssession auch das Freilichtmuseum Ballenberg sein. Die vorberatende Bildungskommission ist nicht gleicher Meinung wie die Kantonsregierung, teilt sie mit. Der Regierungsrat möchte für die Neugestaltung des Museums 30 Millionen Franken sprechen, die Kommission findet, 27 Millionen Franken würden reichen.
Im Bergdorf Innertkirchen gehen die Wogen gerade sehr hoch. Innertkirchen, an der Anfahrt zum Grimsel- und Sustenpass im Berner Oberland gelegen, ist Standortgemeinde der Kraftwerke Oberhasli (KWO). Und diese haben gestern Donnerstag eine geharnischte Mitteilung an die Adresse der Gemeinde veröffentlicht. KWO erwägt, Innertkirchen bei der Erschliessung der Baustelle zum geplanten Trift-Speichersee zu umgehen. Der Grund: Der Dialog mit Innertkirchen sei blockiert.
Vor Weihnachten 2025 einigten sich der Kanton Bern, die KWO und mehrere Umweltverbände im «Grimsel-Dialog» auf einen Kompromiss: Die Umweltverbände verzichten künftig darauf, KWO-Ausbauprojekte mit Beschwerden zu blockieren. Im Gegenzug werden im ganzen Kanton ökologische Ausgleichsmassnahmen realisiert. Mehrere Gemeinden begehren gegen diesen Kompromiss auf. Dazu gehört auch Innertkirchen. Hauptgrund: Die Gemeinde stört sich daran, dass der Kanton bis dato herrenloses Land neu als ökologische Ausgleichsfläche definiert. Was bedeute, dass dort touristische Entwicklung verhindert werde.
Nun denkt KWO daran, das widerspenstige Innertkirchen aus dem Spiel zu nehmen. Idealerweise würde die Baustelle für den Trift-Speichersee zwar aus dem Gadmertal, das zum Susten führt, erschlossen. Gadmen gehört aber zu Innertkirchen. Im Gegensatz zum benachbarten Guttannen an der Grimselstrasse, das eine selbständige Gemeinde ist. KWO prüft nun eine Erschliessung der Trift von der Guttanner Seite her. Diese Variante erscheine machbar und erhöhe die Planungssicherheit. Am Donnerstagabend begrüsste Innertkirchen den Alternativvorschlag der KWO als «konstruktiven Schritt». Der Dialog sei nicht blockiert, sondern bloss sistiert, präzisiert die Gemeinde.
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