Kann das Bücherbergwerk noch gerettet werden?
Das Bücherbergwerk im Monbijou ist das grösste Buchantiquariat der Schweiz. Das Geschäft läuft gut, doch nun steht es vor dem Aus – ausgerechnet wegen der tiefen Arbeitslosenzahlen.
Wo liegt das grösste Buchantiquariat der Schweiz? Was nach einer unlösbaren Pubquiz-Frage tönt, hat eine überraschende Antwort: im Monbijou in Bern. Im Keller eines Verwaltungsgebäudes der «SWICA»-Krankenversicherung. Dort befindet sich das Bücherbergwerk.
Um in das Bücherbergwerk zu kommen, muss man zuerst den Eingang finden. Nur ein Buchständer und ein unscheinbares Schild markieren, dass in der Nähe irgendwo tausende von Büchern sein müssen. Dahinter geht es noch einige verwinkelte Treppen hinunter und durch einen engen Gang.
Gebrauchte Bücher als soziales Projekt
Nach dieser kleinen Odyssee ist man im Bücherbergwerk angekommen. Auf zwei Stockwerken reiht sich Regal an Regal und in diesen Regalen wiederum reiht sich Buch an Buch. Über 150’000 Bücher auf 800 Quadratmeter sind es insgesamt.
Betrieben wird das Bücherbergwerk vom Schweizerischen Arbeiterhilfswerk Bern (SAH) als Arbeitsintegrationsprojekt. Das Projekt richtet sich an Jugendliche, die keine Lehrstelle finden konnten oder ihre bestehende Lehre abgebrochen haben, sowie an Langzeitarbeitslose. Das SAH betreibt verschiedene Standorte zur Arbeitsintegration im ganzen Kanton. Dazu gehören zum Beispiel die Velodienste Thun und Interlaken, aber eben auch das Bücherbergwerk im Monbijou.
Die Teilnehmenden der SAH-Projekte können an all diesen Standorten in einem geregelten Tagesablauf einer Arbeit nachgehen. Mithilfe der Begleitung des SAH sollen sie im Idealfall den (Wieder-)Einstieg in den Arbeitsmarkt schaffen. «Uns ist es dabei wichtig, nicht nur ein Beschäftigungsprogramm zu sein, sondern Arbeit anzubieten, welche die Teilnehmenden wirklich erfüllt», erklärt Franziska Bättig, Co-Leiterin des Bücherbergwerks.
Arbeit gibt es viel, denn das Bücherbergwerk versteht sich nicht als normale Bücher-Brockenstube. «In einer Bücher-Brocki stehen die Bücher jeweils relativ unsortiert in den Regalen, bei uns wird alles nach Kategorie und Autor*in sortiert und in einem zentralen System erfasst», führt Roberta Winterberg, die zweite Co-Leiterin des Bücherbergwerks aus.
So gleicht das Bücherbergwerk eher einem Buchladen. Aufgrund des zentralen Systems können interessierte Bücherwürmer, welche auf der Suche nach einem besonderen Exemplar sind, nach diesem im Computer suchen lassen. Wer nur stöbern will, behält dank kategorialer und alphabetischer Ordnung im Bergwerk den Überblick.
Zur Zeit herrscht jedoch an der Monbijoustrasse nicht gerade Goldgräber*innen-Stimmung, denn das Weiterbestehen des Bücherbergwerks ist sehr ungewiss.
Die Arbeitslosenzahlen sind im Moment tief – ein erfreulicher Umstand – doch für das SAH Bern bedeutet das weniger Teilnehmende an den Integrationsprojekten. Weniger Teilnehmende wiederum bedeuten weniger kantonale Förderung. Das SAH Bern muss deswegen auf Ende Jahr zwei seiner vier internen Arbeitsintegrations-Standorte schliessen. Dem Sparhammer zum Opfer fallen ein Standort in Interlaken und eben das Bücherbergwerk.
Ein kleiner Lichtblick bleibt; die Teilnehmenden und die Mitarbeitenden können auf die anderen zwei Standorte verteilt werden. Dennoch, falls sich nichts tut, geht das Bücherbergwerk Ende dieses Jahres zu – der Titel des grössten Buchantiquariats der Schweiz wird an einen anderen Ort wandern und die Stammkund*innen des Bücherbergwerks auch.
Ursina Bernhard, Geschäftsführerin des SAH-Bern, sagt: «Dieser Entscheid liegt nicht an den Leistungen des Bücherbergwerks selbst, sondern an äusseren Umständen.» So sei das SAH Bern primär in der Region Berner Oberland tätig. «Seit wir es übernommen haben, war das Bücherbergwerk ein Herzensprojekt, obwohl es eigentlich nicht in unserem vom Kanton zugewiesenen Perimeter liegt.» So müssen die Teilnehmenden, welche im Bücherbergwerk arbeiten, jeweils vom Berner Oberland nach Bern pendeln.
«Ausserdem laufen die Verträge an den verbleibenden Standorten noch mehrere Jahre weiter», führt Bernhard aus. Anders beim Bücherbergwerk: Da konnte der Vertrag für die Liegenschaft auf Sommer 2023 gekündigt werden.
70’000 Franken fehlen
Das Bücherbergwerk laufe gut, es gebe sogar Stammgäste, die regelmässig aus anderen Kantonen und sogar aus Deutschland nach Bern kommen, erklärt Ursina Bernhard. «Das Projekt liegt uns so am Herzen, dass wir versuchen, es irgendwie am Leben zu erhalten.» Damit dies geschehen könne, brauche es aber einige Ressourcen. «Wir benötigen bis Mitte Dezember 70’000 Franken», formuliert Bernhard das vom SAH Bern erklärte Ziel. Das SAH Bern sammelt dafür Spenden.
Mit diesen Spenden würden im ersten Halbjahr 2023 die Kosten für den Weiterbetrieb des Bücherbergwerks ohne das Arbeitsintegrationsprogramm gesichert. Bis im Sommer 2023 will das SAH Bern dann einen Weg finden, das Bücherbergwerk nachhaltig mit einem neuen Betriebsmodell zu finanzieren oder allenfalls auch an Dritte weiterzugeben. «Wir hoffen insbesondere auf Stiftungen, die uns unterstützen können», sagt Bernhard.
«Doch nun ist die Phase bis Mitte Dezember besonders wichtig, die Zeit drängt», sagt sie. Falls die 70’000 Franken nicht zusammen kommen, werde das Geld an die Spender*innen zurückerstattet. «Wir hoffen von ganzem Herzen, dass es weitergeht und wir auch weiterhin ein soziales, bildungsunterstützendes Projekt anbieten können.»