Brasilien, Wahlkampf, Windenergie
Die wichtigsten News der Woche aus Bern – Kantons-Brief #1/2026
Die Brasilianerin Marilisa Boehm ist begeistert von der Aussicht vom Stockhorn, wie sie ihren 29’000 Instagram-Follower*innen zeigt. Die Vize-Gouverneurin des brasilianischen Bundesstaats Santa Catarina weilt diese Woche mit einer Wirtschaftsdelegation in Bern. Eingeladen ist die Gruppe aus Südamerika von der staatlichen Standortförderung des Kantons Bern.
Nach einem Besuch der auf Schleifmaschinen spezialisierten Fritz Studer AG in Steffisburg stand vorgestern der Ausflug aufs Stockhorn an. «Kanton Bern vertieft Zusammenarbeit mit brasilianischem Bundesstaat», meldete die Direktion von Regierungsrat Christoph Ammann (SP, inaktiv auf Instagram) in einer Medienmitteilung zur Visite aus Santa Catarina.
Ich frage mich: Was bedeutet die «vertiefte Zusammenarbeit» mit Brasilien ausser hübscher Insta-Fotos? Ein konkretes Resultat liegt vor. Das Unternehmen Nanovetores aus Santa Catarina, das auf Verkapselungen von Pharma- und Kosmetik-Wirkstoffen spezialisiert ist, eröffnet eine Niederlassung im Kanton Bern. Konkret: auf der Bodenweid in der Stadt Bern. Von dort aus will Nanovetores ihr Europageschäft aufbauen, wie die kantonale Standortförderung auf Anfrage präzisiert. Vorerst schafft die brasilianische Firma, die seit 2022 zu 48 Prozent der Genfer Pharmagruppe Givaudan gehört, in Bern bloss drei Stellen.
Die Berner Standortförderung sei schon vor der Beteiligung von Givaudan mit Nanovetores im Gespräch gewesen. Das zeigt: Der Aufwand der öffentlichen Hand für eine vorderhand bescheidene Beschäftigungswirkung zieht sich über Jahre. Lohnt sich das?
Anruf bei Henrik Schoop, Direktor des Handels- und Industrievereins des Kantons Bern (HIV). Er beurteilt die Arbeit der Berner Standortförderung in diesem Fall positiv. Die Vernetzung mit möglichen Partner*innen und neuen Absatzmärkten sei für die exportorientierte Berner KMU-Wirtschaft sehr wichtig. Für März ist eine Reise einer Berner Wirtschaftsdelegation nach Santa Catarina geplant.
«Aktuell nimmt der Protektionismus weltweit zu», sagt Schoop zur «Hauptstadt». Nicht nur die USA, sondern etwa auch Italien schützen ihre Wirtschaft mit diskriminierenden steuerlichen Förderinstrumenten. Deshalb sei es richtig, wenn der Kanton Bern sich für den Freihandel engagiere und das Netz der Wirtschaftsbeziehungen – wie jetzt mit Brasilien – erweitere. Die Zusammenarbeit mit Brasilien sei auch wegen des geplanten Freihandelsabkommens zwischen der Schweiz und den Mercosur-Staaten von Bedeutung. Wobei das die überragende Stellung der USA und der EU für die Berner Wirtschaft nie kompensieren könne.
Vizegouverneurin Marilisa Boehm hält grosse Stücke auf die Verbindung mit Bern. Schon nur, weil die Stadt Joinville, in der sie lebt, einst von Auswanderer*innen aus der Schweiz mitgegründet wurde. Aber auch, weil Santa Catarina extrem viel in die öffentliche Sicherheit investiere. Er sei nun «der sicherste Staat in Brasilien», sagte Boehm vor den Berner Unternehmer*innen. Was sie sich von ihnen erhofft: Investitionen in Santa Catarina.
Wenn ein Konzept an einem Ort funktioniert, ist es erfreulich, wenn es andernorts übernommen wird. Diese Woche geschehen in Biel. Dort lanciert die Stadt ein Nachbarschaftsprogramm gegen häusliche Gewalt in Mett. Das ist eines der ärmeren Quartiere der Stadt, zudem das grösste und kinderreichste. Das Projekt «Tür an Tür» will das Thema häusliche Gewalt im Quartier verankern. Ein wichtiger Teil davon ist, dass Nachbar*innen zum Hinhören ermuntert werden und häusliche Gewalt nicht mehr als Privatsache betrachten. In Bern wurde das Projekt vor knapp drei Jahren als Pilot in Bümpliz und Bethlehem gestartet und mittlerweile auf weitere Quartiere ausgedehnt.
Das gebe ich dir aus dem Kanton mit:
- Wahlkampf I: Mitte, Grünliberale und FDP lassen sich im Grossratswahlkampf von derselben Werbeagentur betreuen – obschon sie sich inhaltlich konkurrenzieren. Wie geht das, drei unabhängige Wahlkämpfe aus dem gleichen Büro? Die Agentur Rubmedia betont auf Anfrage der «Hauptstadt», dass jede Partei eine eigene Projektleitung habe und Strategien sowie interne Informationen strikt getrennt würden. Geschäftsführer Pascal Rub, selbst FDP-Mitglied, kandidiert aber nicht, um Interessenkonflikte zu vermeiden.
- Wahlkampf II: Anfang Woche ist die Meldefrist für Regierungsrat-Kandidaturen abgelaufen. Insgesamt 16 Personen bewerben sich um einen der sieben Sitze. So gut wie gewählt sind: Die Bisherigen Evi Allemann (SP), Philippe Müller (FDP), Astrid Bärtschi (Mitte) und Pierre Alain Schnegg (SVP/Jurasitz). Gute Chancen können sich ausrechnen: Reto Müller (SP), Daniel Bichsel (SVP), Raphael Lanz (SVP) und Aline Trede (Grüne). Wobei mindestens eine dieser Personen nicht gewählt werden wird. Eher Aussenseiterchancen haben Hervé Gullotti (SP/Jurasitz) und Tobias Vögeli (GLP). Ohne Wahlchancen sind Tom Gerber und Barbara Stotzer-Wyss (beide EVP), Jorgo Ananiadis und Melanie Hartmann (beide Piraten), die aus der SVP ausgeschlossene Madeleine Amstutz (parteilos) und Jonas Lauwiner, der in Oberburg sein eigenes Königreich ausgerufen hat. Die «Hauptstadt» wird die aussichtsreichen Kandidat*innen in den nächsten Wochen genauer unter die Lupe nehmen.
- Windenergie: Während Windparks hierzulande auf Widerstand stossen, gibt es bei den südlichen Nachbar*innen weniger Probleme. Eben hat das Berner Energieunternehmen BKW einen neuen Windpark im süditalienischen Cerignola in Betrieb genommen. Damit sollen mit insgesamt 29 Windturbinen rund 140’000 Haushalte mit erneuerbarem Strom versorgt werden. Die Bauzeit betrug insgesamt 12 Monate. Bis 2030 will die BKW zwei Milliarden Franken in Wind-, Solar- und Wasserkraftprojekte in der Schweiz und im europäischen Ausland investieren. In der Schweiz betreibt die BKW momentan nur einen Windpark, Juvent im Berner Jura. Zwei weitere sind seit Jahren geplant, aber aus verschiedenen Gründen blockiert. So wurde etwa letztes Jahr ein von der BKW geplanter Windpark mit sechs Turbinen oberhalb von Tramelan gestoppt, obwohl die BKW schon Bäume dafür gefällt hatte.
- Grimseltunnel: Bundesrat Albert Rösti (SVP) hat diese Woche bekanntgegeben, welche Verkehrs-Infrastrukturprojekte der Bundesrat bis 2055 vorantreiben will. Die Berner Öffentlichkeit aufgewühlt hat vor allem, dass der Ausbau der Grauholz-Autobahn auf acht Spuren auf dem Programm bleibt, obschon ihn das Volk im November 2024 abgelehnt hatte. Fast ebenso erstaunlich ist, dass der Bau des umstrittenen Eisenbahntunnels zwischen Innertkirchen und Oberwald (Wallis) weiterhin prioritär behandelt wird. Er gehört laut dem Departement Rösti zu den Schlüsselprojekten. Auch der Berner Verkehrsdirektor Christoph Neuhaus (SVP) hält gegenüber der Nachrichtenagentur SDA fest, der 800 Millionen Franken teure Tunnel mache «absolut Sinn». Anders klingt es aus Teilen der ÖV-Branche: Da der Grimseltunnel keinen Kapazitätsengpass beseitigt und die Bahnlinie wohl hoch subventioniert werden müsste, wirft das Projekt Fragen auf.
- Gastro-Ausbildung: Die Hotelfachschule Thun schliesst das legendäre Schulhotel Regina in Interlaken im kommenden Herbst, wie sie diese Woche mitgeteilt hat. Sie will die gesamte Aus- und Weiterbildung auf den Standort Thun fokussieren. Damit werde «ein starkes Bildungszentrum im deutschsprachigen Raum geschaffen, das weit über die Region hinaus Strahlkraft» besitze, wie sie schreibt. Im Schulhotel Regina leben die Auszubildenden in einem Internat, was nicht mehr den aktuellen Bedürfnissen entspreche, wie in der BZ (Abo) zu lesen ist. Wie es mit dem ehemaligen Grandhotel Regina weitergeht, ist noch nicht klar.
- Medien: Am 8. März entscheiden die Schweizer Stimmberechtigten über die sogenannte «Halbierungs-Initiative», mit der die Beiträge an die SRG massiv gekürzt werden sollen. Hätte die Annahme der Initiative Auswirkungen auf die Mediensituation im Kanton Bern? Ja, sagt der Berner Anwalt Willi Egloff, Gründungs- und Vorstandsmitglied von Radio Rabe, in einem Meinungsbeitrag im Online-Magazin Journal B. Insgesamt rund sieben Millionen Franken fliessen laut Egloff aus den Serafe-Beiträge jedes Jahr an die fünf Privatradios und zwei privaten TV-Sender im Kanton Bern. Nach 2034 könnten sich diese Beiträge an den Medienplatz Bern laut Egloff empfindlich reduzieren.
Alle 20 Jahre findet in Kallnach die Eichenfuhr statt. Sie darf nur von Junggesell*innen ausgerichtet werden. Ursprünglich präsentierten sich dabei die heiratswilligen Burschen den entsprechenden Frauen. Heute besteht die Tradition aus zwei Teilen: Dem Fällen einer möglichst grossen Eiche und dem Monate später stattfindenden Volksfest, bei dem diese Eiche als Höhepunkt versteigert wird. Der erste Teil fand letzten Samstag statt. Laut Bieler Tagblatt folgten 200 Personen der Prozedur in den Wald, wo der Baum feierlich gefällt wurde. Das Fest, zu dem mehrere tausend Menschen erwartet werden, findet vom 28. bis 31. Mai statt.
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