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Babysitting und Selbsttherapie

Im Viererfeld hüten ukrainische Mütter gegenseitig ihre kleinen Kinder. Das Projekt setzt dort an, wo der Schweiz die Fachkräfte fehlen.

In der Quartierbaute im Viererfeld betreuen ukrainische Mütter ihre Kinder
Die Quartierbaute im Viererfeld ist klein, aber es ist ein Start: Rund fünf Mütter aus der Ukraine wechseln sich hier täglich mit Kinderhüten ab. (Bild: Simon Boschi)

Lisa umschlingt das Bein ihrer Mutter Svetlana Solovei eng. Sie lässt es auch nicht los, als eine andere Frau ihr mit Pinsel und Farbe schmackhaft machen will, zusammen etwas zu malen. Daneben schubst ein kleiner Junge ein kleines Mädchen zu Boden. Beide weinen. Die Frau mit den Pinseln versucht zu schlichten.

«Ich habe einen Monat lang nur geweint, nachdem ich in die Schweiz kam», sagt Svetlana Solovei und nimmt sich einen Stuhl mit nach draussen, vor den Pavillon des Trägervereins Vorfeld auf dem Viererfeld.

Kaum gegessen und geschlafen habe sie in dieser Zeit. Und auch Lisa sei nicht mehr dieselbe, seit der Krieg in ihrer Heimatstadt Mykolajiw sie aus allem herausgerissen hat, was der Zweijährigen vorher vertraut gewesen war – ausgerechnet, als sie mit hohem Fieber und einer schweren Angina im Bett lag. 

Traumata

«Wenn keine Raketen mehr einschlagen, wenn die Meereswellen das Boot nicht mehr bedrohen, tagelange Fussmärsche vorbei sind und Grenzpolizisten weit weg. Dann, wenn sie sich endlich in Sicherheit wiegen – dann beginnt bei vielen Geflüchteten erst die Hölle im Kopf», schrieb die Republik im Mai, und fragte: Ist die Schweiz bereit für Tausende traumatisierte Ukrainer*innen?

Nicht wirklich, so die Tendenz im Artikel. Mindestens die Hälfte der in die Schweiz geflüchteten Menschen (von allen Herkunftsländern) habe psychische Probleme. Von den Schweizer Behörden sei das jahrelang unterschätzt worden. Generell fehlten hierzulande Tausende von Therapieplätzen, und solche für Kriegstraumatisierte ganz besonders. 

Svetlana Solovei mit Tochter Lisa
Svetlana Solovei tröstet ein Kind. (Bild: Simon Boschi)

Kürzlich, als ein Helikopter vorüberflog, begann Svetlana Solovei zu schwitzen und am ganzen Körper zu zittern, fast wäre sie ohnmächtig geworden. Eine Panikattacke. Vielen aus ihrem Umfeld sei das in letzter Zeit passiert, erzählt sie. 

Und immer, wenn sie Lärm höre, renne Lisa zu ihr und frage: «Mama, müssen wir uns nicht verstecken?»

«Ich kann sie kaum mehr allein lassen», sagt Svetlana Solovei. Vor dem Krieg war das anders: In der Ukraine sind Krippen vom Staat bezahlt. Lisa wurde regelmässig fremdbetreut. Jetzt aber, nach dem verzweifelten Ringen um einen Platz in einem Luftschutzkeller, dem überstürzten Abschied vom Ehemann und Vater, der Fahrt aus der Ukraine via Deutschland in die Schweiz, sei das einst extrovertierte Mädchen in sich gekehrt und ängstlich. Und mit Menschen, die eine fremde Sprache sprechen, sei es umso schwieriger. 

Auf eigene Faust

Svetlana Solovei musste sich etwas überlegen. Wie sonst konnte sie Behördengänge erledigen, Sprachkurse besuchen oder Arbeit finden, wenn ihr Kind sie ständig brauchte?

Ihr wurde bewusst, dass die Betreuungsstrukturen für Kleinkinder hier weniger ausgebaut sind als in der Ukraine. Der Kindergarten beginnt erst ab vier Jahren, Krippenplätze sind teuer.

Eine Kostenübernahme durch die Asylsozialhilfe wurde Solovei bis anhin noch nicht gewährt.

Das sind schwierige Rahmenbedingungen für geflüchtete Mütter mit Kleinkindern – wie auch der Verband Kinderbetreuung Schweiz Kibesuisse gegenüber SRF betont. Besonders für Kinder mit traumatischen Erfahrungen fehle es an Fachpersonal. Das ist nicht erstaunlich, zumal der Fachkräftemangel in Kindertagesstätten und -Krippen generell zu einem immer grösseren Problem heranwächst, wie die Hauptstadt diese Woche für den Kanton Bern aufgezeigt hat.

offener Pavillon mit rennenden Kindern im Gang
Das «Café Ukraine» funktioniert vor allem bei gutem Wetter. (Bild: Simon Boschi)

Zu den Schwierigkeiten, überhaupt einen Betreuungsplatz zu finden, kam Lisas Ängstlichkeit hinzu: Es sei kaum möglich, sie etwa von einer Schweizer Nachbarin hüten zu lassen. «Lisa ist völlig verstört, wenn niemand ihre Sprache spricht.»

Svetlana Solovei merkte schnell, dass sie nicht die einzige war mit diesem Problem. Ihre Idee: Ukrainische Mütter hüten gegenseitig ihre Kleinkinder. Die Kinder haben so wenigstens sprachlich eine vertrautere Umgebung, und die Mütter Zeit für Sprachkurse, Behördengänge, Arbeit. 

Die 24-Jährige schrieb ein Konzept, eröffnete einen Chat, wo sich interessierte Mütter vernetzen können und suchte nach einer Räumlichkeit. Letzteres war nicht ganz einfach. «Wir durften einen ersten Versuch im historischen Museum Bern starten», erzählt sie, «aber dieser Ort ist nicht gerade geeignet für Kleinkinder, die alles anfassen.»

Kind spielt mit Wasserfarben
Ein Mädchen spielt mit Wasserfarben. (Bild: Simon Boschi)

Nun ist das «Café Ukraine» seit kurzem in der Quartierbaute auf dem Viererfeld zu Hause, der Pavillon wird von einem Trägerverein verwaltet.

«Mir war sofort klar, dass wir unsere Infrastruktur zur Verfügung stellen werden», sagt Peter Camenzind vom Trägerverein auf der Veranda des Pavillons. Der Junge, der vorher das Mädchen schubste, rollt jetzt in einer Stoffröhre hin und her. Das Mädchen malt. Und Lisa sitzt auf Svetlana Soloveis Schoss. 

Peter Camenzind half bei der Finanzierung und stellte einen Antrag beim Verein Ukraine Hilfe Bern, der sich unter anderem aus Geldern der Burgergemeinde speist. Dieser nahm Verhandlungen um finanzielle Unterstützung mit dem Kanton auf, und Svetlana Solovei legte los – wenn auch vorerst im kleinen Rahmen. 

Svetlana Solovei und Peter Camenzind
Svetlana Solovei und Peter Camenzind (Bild: Simon Boschi)

Rund fünf Mütter betreuen nun täglich abwechslungsweise ihre Kleinkinder hier, freiwillig und selbstorganisiert. Im Chat sind rund 50 interessierte Frauen. Der Pavillon bietet aber nicht für viel mehr als fünf Kinder Platz, besonders bei schlechtem Wetter. «Dann ist auch das Dach etwas undicht», sagt Svetlana Solovei und deutet auf ihr handgeschriebenes Konzept, das auf welligem Papier und mit verwischten Buchstaben vor ihr liegt.

Wachsen

Dass das Projekt nicht nur praktische, sondern auch psychische Selbsthilfe ist, das merkt Svetlana Solovei erst jetzt. Der Pavillon sei für sie und die anderen Mütter auch ein Ort der Ruhe und des Austausches geworden. «Ich glaube, wir therapieren uns hier gegenseitig», sagt sie. Sie spüre, dass das ein ebenso grosses Bedürfnis sei wie die eigentliche Kinderbetreuung.

Der Verein Ukraine Hilfe Bern ist derweil auf der Suche nach einer grösseren Infrastruktur. Auch spezielle Sprachkurse für Mütter mit Kleinkindern will der Verein ergänzend aufbauen. Denn: Gleich nebenan ist die Containersiedlung Viererfeld, wo seit dieser Woche Geflüchtete Ukrainer*innen untergebracht werden. Auch diese haben höchstwahrscheinlich Kinder im Vorschulalter. Und Betreuungsangebote seien laut der Heilsarmee, die das Camp betreibt, dort bis jetzt nicht vorgesehen.

«Wir probieren das Modell hier aus und können es hoffentlich weitertragen», sagt Svetlana Solovei. Sie steht auf und hebt den Jungen hoch, der schon wieder das Mädchen geschubst hat. Lisa rennt ihr hinterher.

Infoanlass

Das «Café Ukraine» sucht Freiwillige. Der Trägerverein Vorfeld Viererfeld lädt deshalb zu einem Infoanlass ein: Samstag, 16. Juli, 10 Uhr bei der Quartierbaute, Viererfeldweg, 3012 Bern

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