«Die Zahlen helfen nicht bei der Entwicklung»
Der Trend zur KI-Datenanalyse hat auch das Junior*innenhockey erfasst. Der Wissenschaftler und SCB-Goalietrainer Lars Lenze beurteilt den Hype kritisch.
Die Zahlen kommen schnell: Lars Lenze erhält sie nach den Spielen der SCB-Junior*innen direkt auf seinen Laptop. Dann sieht er schwarz auf weiss, wie viele Schüsse die Gegner auf das Tor seiner Schützlinge abgaben, woher sie kamen, wie gefährlich die Software sie einschätzte. Und daraus abgeleitet, ob die SCB-Goalies mehr oder weniger hielten, was von ihnen erwartet werden konnte.
Doch dann weiss er, dass das nicht reicht. Und dass er sich das Spiel selber anschauen muss.
Lenze ist in einem 20-Prozent-Pensum leitender Goalietrainer der SCB-Nachwuchsabteilung «SCB Future». Hauptberuflich ist der 31-Jährige Wissenschaftler. Der promovierte Sportwissenschaftler forscht am Institut für Sozial- und Präventivmedizin an der Uni Bern zu Bewegung und mentaler Gesundheit. Zudem unterrichtet er an der Eidgenössischen Hochschule für Sport in Magglingen.
Die Statistiken erhält Lenze von der Datenanalysefirma «49ing» des ehemaligen SCB-Verteidigers Andreas Hänni. Das Unternehmen aus Erlenbach am Zürichsee arbeitet gemäss eigenen Angaben mit weltweit 500 Teams zusammen – in der Schweiz sind es zwischen 125 und 150.
Die Firma sammelt und analysiert Spieldaten. Von den Klubs fix installierte Kameras in Eishallen zeichnen die Hockeyspiele auf. Darauf wertet eine Videoanalysesoftware aus, was auf dem Eis passiert: Schüsse, Pässe, Paraden, Tore. Gemäss Hänni arbeitet die Bildanalysesoftware automatisiert. «Bei der Kontrolle arbeitet aber noch ein Mensch mit», sagt Hänni gegenüber der «Hauptstadt».
Vor allem dank des Unternehmens des ehemaligen Top-Spielers habe sich das Statistikangebot in den letzten zwei, drei Jahren stark entwickelt, erzählt Lenze. Vor nicht allzu langer Zeit machten Ersatzgoalies während der Spiele auf der Bank noch mit einem Stift Strichlein auf Papier, um die Schüsse zu zählen. Damals war die reine Quote parierter Schüsse das Mass, um Goalies zu beurteilen.
Heute teilt ein Algorithmus jeden Schuss nach seiner Gefährlichkeit ein: Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein bestimmter Schuss aus einer bestimmten Position zu einem Tor führt? In der Schweiz gibt es diese Daten bereits für die Spiele der 13-Jährigen.
Schnelle, oberflächliche Wertungen
Doch der Wissenschaftler Lenze, der früher Eishockeygoalie in der dritthöchsten Schweizer Liga war, blickt durchaus kritisch auf diese Zahlen.
In einer Forschungsarbeit schaute er sich unlängst an, wie eine menschliche Spielanalyse Gegentore im Eishockey präziser erfassen könnte. Denn die Statistiken, so schreibt Lenze, «können gut abbilden, was auf dem Spielfeld passiert, jedoch weniger ursächlich beschreiben, warum etwas so geschehen ist.» Für die Talententwicklung lieferten die Statistiken daher nur limitierte Informationen. Stattdessen schlägt Lenze psychische, physische, taktische und technische Merkmale vor, die sich von einem Coach beobachten lassen. Etwa wie ein Goalie das Spiel liest, wie schnell er sich verschiebt, wie ruhig er wirkt.
Sein kurzes Paper ist ein Zwischenruf in einen Datenhype, der in letzter Zeit viele Sportarten erfasst hat. Dabei wird nicht selten ein wichtiges Paradox ausgeblendet. Überall dort, wo sie auftauchen, gelten Zahlen als objektiv, neutral und verlässlich. Doch tatsächlich funktionieren sie ausdrücklich wertend. Bei Zahlen, wie beispielsweise dem Anteil parierter Schüsse von Eishockeygoalies, handelt es sich immer auch buchstäblich um Werte. Was sie aussagen ergibt sich dabei erst in Vergleichen mit anderen Zahlen. Und diese sind besonders schnell zur Hand, wenn viele Daten existieren.
Lenze sagt deshalb im Gespräch mit der «Hauptstadt»: «Die Zahlen helfen mir nicht, einen jungen Goalie zu entwickeln.» Zudem würden die Zahlen die Gefahr bergen, dass man sich zu schnell auf sie verlasse. «Sie können mir höchstens helfen, einzuschätzen, ob ein Goalie in einem Spiel gut oder schlecht war. Aber deswegen weiss ich noch nicht, was er besser oder anders machen muss.»
Videos wichtiger als Statistiken
Bei der Entwicklungsarbeit hilft ihm das Tool Hännis aber doch. Denn jeder Datenpunkt ist in der Videoaufzeichnung markiert. So kann der Goalietrainer bestimmte Situationen direkt abspielen und auch einzelne Paraden und Gegentore der eigenen Torhüter*innen anschauen. «Das spart mir viel Zeit bei der Videoanalyse», hält Lenze fest.
«49ing»-CEO Andreas Hänni bestätigt: «Wie die Vereine mit unserem Produkt arbeiten, variiert. Auf der Junior*innenstufe steht eher das Videoangebot im Vordergrund. In Nordamerika nutzen das bereits Neunjährige. Sie können sich nach dem Spiel beispielsweise ihre eigenen Szenen anschauen.»
Die Videoaufnahmen bieten Anlass für Gespräche und Erkenntnisse, welche die Zahlen noch nicht liefern können. Und manchmal ist auch das Video nicht präzise genug, vielfach bei abgelenkten Schüssen. «Sobald wir als Trainer auch mit den Goalies über konkrete Spielsituationen diskutieren, wird klar: Was ein Goalie besser getan hätte, ist immer auch eine Frage des Stils und es gibt nicht nur einen richtigen Stil». Lenze fragt deshalb auch: «Wenn sich teilweise nicht einmal die Trainer einig sind, wie soll mir dann die KI eine richtige Antwort liefern können? Sie sagt ja nie, sie sei unsicher. Das kann auch eine Gefahr sein.»
Gerade auf der mental besonders anspruchsvollen Goalieposition, wo Heldentum und Versagen nahe beieinander liegen, zählt für den Sportwissenschaftler Lenze deshalb die Leidenschaft mehr als hohe Fangquoten. «Mich interessiert bei 13-Jährigen besonders, wie gross ihre Begeisterung fürs Goalie-Sein ist und ob sie wirklich besser werden wollen. Das sind für die langfristige Entwicklung die relevanten Faktoren.»
Wie sehr Lenze an den Menschen unter der grossen Schutzausrüstung interessiert ist, zeigt sich auch im Training mit den Kleinsten. An einem Montagnachmittag im Februar kratzen im Bauch der Postfinance-Arena Kufen im Eis im und Pucks knallen laut an die Bande. Lenze erklärt den Kindern geduldig Übungen und gibt Tipps. Er lacht, hilft und muntert auf.
Unter der niedrigen Decke der kühlen Trainingshalle sind erwartete Abwehrquoten ganz weit weg.
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