Lesestoff – «Hauptstadt»-Brief #226
Dienstag, 2. Okotber 2023 — die Themen: Bücherbergwerk; Wahlen 2023; Film ohne Regie; Verkehrsprojekt Morillon-Sandrain; Klimademos; Gaskessel Biel; Riesenrad auf dem Gurten.
Beim ersten Mal habe ich ihn verpasst. Der Eingang zum Bücherbergwerk ist unauffällig – ohne Schaufenster, einem gewöhnlichen Hauseingang ähnelnd. Dabei befindet sich hier im Stadtberner Monbijou das grösste Buchantiquariat der Schweiz.
Das Bücherbergwerk hat bewegte Monate hinter sich. Vergangenes Jahr stand es kurz vor dem Aus. Das Geld fehlte, weil es zu wenig Arbeitslose gab. Was kurios klingt, hat einen simplen Grund: Im Bücherbergwerk arbeiten Langzeitarbeitslose sowie Junge, die ihre Lehre abgebrochen haben oder keine finden konnten. Und weil diese Menschen fehlten, gab es keine Fördergelder mehr.
Eine Spendenaktion sicherte kurzfristig das Überleben. Nun gibt es erneut erfreuliche Neuigkeiten: Das 1989 gegründete Bücherbergwerk gibt es auch in Zukunft. Ab 2024 übernimmt ein unabhängiger Trägerverein das Antiquariat. Finanziert wird er durch Spenden, Mitgliederbeiträge, Fördergelder sowie Beiträge der Burgergemeinde und der Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn. Das Schweizerische Arbeiterhilfswerk als bisheriger Betreiber bleibt fürs kommende Jahr als Sponsor erhalten.
Das freut Buchliebhaber*innen wie mich. Einerseits, weil es zeigt, was dank viel freiwilligem Engagement erreicht werden kann. Andererseits, weil ich so auch in Zukunft in den gut sortierten Regalen des Bücherbergwerks nach Secondhand-Lesestoff stöbern kann.
Wo der Eingang ist, weiss ich ja zum Glück inzwischen.
Die weiteren Themen des Tages:
- Wahlen 2023: Das Wahlmaterial ist eingetroffen, lange dauert es nicht mehr bis zu den eidgenössischen Wahlen. Dabei gilt: Je höher die Stimmbeteiligung, desto repräsentativer ist das Ergebnis. 2019 lag die Beteiligung bei tiefen 45 Prozent. Dieses Jahr soll es besser werden. Die «Hauptstadt» trägt ihren Teil dazu bei. Mit der Aktion «Wähl mal!», niederschwelligen Artikeln oder dem neuesten Beitrag der Wahl-Staffette. Mein persönliches Highlight ist jedoch das politische Pubquiz. Am 11. Oktober kannst du mit und gegen Politiker*innen antreten. Hier kannst du dich anmelden.
- Film: Das Kollektiv Hotpot will einen Film drehen – ohne Regisseur*in. Dabei ist eigentlich genau diese Funktion die wichtigste. Die Regie kennt die Geschichte am besten und hat klar vor Augen, wie der Film am Ende ausschauen soll. Das Kollektiv hingegen möchte «so frei und kreativ wie möglich arbeiten können». Was damit auch gemeint ist: Beim Besuch der Dreharbeiten im Gurnigel konnte plötzlich sogar der «Hauptstadt»-Fotograf über den Film mitentscheiden. Den Artikel meiner Kollegin Andrea von Däniken kannst du hier lesen.
- Verkehr: Die Tramgleise zwischen Bern und Wabern müssen ersetzt werden. Stadt und Kanton Bern wollen diese Gelegenheit nutzen, um die Verkehrsführung im Bereich Morillon-Sandrain neu zu ordnen. So soll die bisherige Sonderspur für Trams weitgehend aufgehoben werden. Die Trams sollen stattdessen im Mischverkehr mit Autos und Lastwagen unterwegs sein. Auf der gewonnenen Fläche sollen abgesetzte Velowege entstehen. Ab dem 16. Oktober liegt das Projekt öffentlich auf, was beispielsweise Raum für Einsprachen schafft.
- Demo I: Zehntausende Menschen haben am Samstag in Bern für mehr Klimaschutz demonstriert. Der lange Demonstrationszug führte vom Bollwerk zum Bundesplatz. Als die ersten Teilnehmenden nach einer Stunde die rund 1,3 Kilometer lange Strecke zurückgelegt hatten, waren die letzten noch nicht einmal gestartet. Das berichtet die Nachrichtenagentur Keystone-SDA. Auf dem Bundesplatz forderten Redner*innen anschliessend rasche und radikale Massnahmen, um die bereits spürbare Klimakrise zu stoppen.
- Demo II: Aktivist*innen der Gruppe Renovate Switzerland legten gestern Abend den Verkehr um den Berner Bahnhofplatz lahm. Die Polizei liess die Demonstrierenden zunächst gewähren, drängte sie nach etwa einer halben Stunde jedoch zum Abbruch. Renovate Switzerland fordert rasche Gebäudesanierungen und das Ende fossiler Brennstoffe zum Schutz des Klimas.
- «Chessu»: Er ist legendär und allein seiner Lage wegen eine Besonderheit – der «Chessu» in Biel. Mitten im Quartier gelegen, dient der ehemalige Gasspeicher seit über 50 Jahren als Veranstaltungsort für Konzerte und mehr. Nach zwei Jahren Umbau öffnete das autonome Jugendzentrum am Wochenende erstmals wieder seine Tore. Das Innere präsentiert sich aufgefrischt, ohne seine Graffitis oder seinen Charme verloren zu haben. Neu ist ein Beton-Anbau, der für zusätzlichen Raum sorgt. So richtig los geht es am kommenden Wochenende, etwa mit einem Konzert der britischen Rapperin Lady Leshurr.
PS: Besser sichtbar als der Eingang zum Bücherbergwerk – und zwar schon aus weiter Ferne – ist das Riesenrad auf dem Gurten. Insbesondere in der Nacht, wenn es knallbunt leuchtet und auch von der Stadt aus gut zu erkennen ist. Bis zum 25. Oktober hat es noch täglich geöffnet. Erwachsene und Jugendliche zahlen 7 Franken, Kinder unter zwölf Jahren 5 Franken. Wer es exklusiv mag, kann für 750 Franken auch gleich das ganze Riesenrad buchen.