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Mit peruanischem Geld zu Berner Wohlstand

Ein neues Buch erzählt die wechselhafte Aufstiegsgeschichte der Berner Kaufmannsfamilie Kaiser. Und damit die Geschichte des imposanten Kaiserhauses mitten in Bern.

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Die Familie Kaiser legte den Grundstein für ihr Vermögen in Südamerika. Sitzend in dunkler Kleidung die beiden Eltern: Susanna und Wilhelm Kaiser. (Bild: Burgerbibliothek Bern, Historische Sammlung Krebser 26/9)

Es ist ein verlockendes Stellenangebot: 1861 soll der junge Bauernsohn Wilhelm Kaiser aus Leuzigen im Berner Seeland für das Schweizer Handelshaus Sand & Cía. in der peruanischen Hauptstadt Lima arbeiten. Peru hat zu jener Zeit den Ruf eines wirtschaftlichen Eldorados. Wilhelm Kaiser greift zu. Bereits im Jahr darauf verabschiedet er sich von seiner Familie und seiner Verlobten Susanna.

Dass das Paar in Peru den Grundstein für ein grosses Familienunternehmen mit imposantem Kaufhaus mitten in Bern und zwei bedeutenden Firmen legen wird, ist da noch nicht abzusehen. Beim Abschied verspricht Susanna Wilhelm, ihm zehn Jahre bis zu seiner geplanten Rückkehr treu zu bleiben. Dies erzählt der Historiker Pius Betschart in einem neuen Buch über die umtriebige Familie Kaiser.

Über Peru an die Berner Marktgasse

Das Kaiserhaus an der Berner Marktgasse gehört zu den markanten Gebäuden der Berner Altstadt. Aber woher stammt der Name Kaiserhaus? Der Historiker Pius Betschart ist der Geschichte der aus dem Seeland stammenden Familie Kaiser nachgegangen und hat ein Buch geschrieben. Über Peru an die Berner Marktgasse ist am 26. Januar 2026 im Hier-und-Jetzt-Verlag erschienen.

Für junge Männer wie Wilhelm Kaiser bietet Peru zu dieser Zeit gute Karrierechancen. Auch, weil der Handel dank dem Aufkommen der Dampfschiffe ab Mitte des 19. Jahrhunderts sicherer und zuverlässiger geworden ist. Das Land exportiert neben Gold und Silber den Wunderdünger Guano (Seevogelmist) sowie Alpaka-, Lama- und Schafwolle.

Wilhelm kommt 1842 als siebtes von zehn Kindern der Bauernfamilie Kaiser zur Welt. Nach der obligatorischen Schulzeit will er Lehrer werden, ist jedoch zu unmusikalisch, um ins Seminar aufgenommen zu werden. Stattdessen besucht er eine Handelsschule in der Romandie und absolviert eine kaufmännische Lehre bei einem Burgdorfer Lebensmittel-Händler.

Susanna, ledig Luder, kommt 1842 in Büren zum Hof als Tochter eines Landwirts und Ziegeleibesitzers auf die Welt. Ihre Mutter ermöglicht ihr den Besuch des Lehrerinnenseminars in Hindelbank. Die staatlich subventionierte Ausbildung ist damals die einzige Möglichkeit für Mädchen aus einfachen Verhältnissen, eine höhere Schulbildung zu erlangen.

Doch Susanna arbeitet nicht lange als Lehrerin. Wilhelms Geschäfte laufen so gut, dass sie ihrem Verlobten nach vier Jahren nachreist. Wenige Tage nach ihrer Ankunft heiraten die beiden in Lima.

Von Berner Bauernhöfen in Arequipas Oberschicht

Die neue Heimat des Paares wird Arequipa. Hier gründet der 26-jährige Wilhelm Kaiser 1866 mit dem 27-jährigen Zürcher Kaufmann Salomon Sprüngli ein Engros- und Detailgeschäft. Die Firma Sprüngli & Kaiser spezialisiert sich auf den Import von Qualitätsartikeln aus der Schweiz und Europa. Das Sortiment besteht aus Luxusartikeln wie Textilwaren, Toilettenartikeln, Schmuck und Champagner für die Oberschicht.

Rösti steht auch in Südamerika auf dem Speiseplan.

Auch privat sind Kaisers und Sprüngli eng verbunden. Das Ehepaar lebt mit dem ledigen Sprüngli in einem grossen, vornehmen Haus im Stadtzentrum. Die drei verkehren in der Oberschicht Arequipas, integrieren sich aber kaum in die lokale Gesellschaft. Während es Susanna vor Ort sehr gefällt, behält Wilhelm stets die Rückkehr nach Europa im Hinterkopf. Die Rösti auf dem Speiseplan ist dabei nur ein Ausdruck des Wunsches nach Rückkehr.

Über die kolonialen Verstrickungen Kaisers in Peru ist wenig bekannt. Der Historiker Pius Betschart geht auf diesen Aspekt in seinem Buch nur am Rande ein. Demnach seien Susanna und Wilhelm Kaiser «zwar nicht frei von kolonialen Vorurteilen» gewesen, hätten jedoch einen «respektvollen und paternalistisch-fürsorglichen Umgang mit dem eigenen Personal» gepflegt.

Hauskauf in bar

1872 wird die Rückkehr konkret. Kaisers, inzwischen Eltern geworden, reisen in die Schweiz, «um die Kinder in Schweizerschulen unterrichten zu lassen und sie ihrer Heimat nicht zu entfremden».

«Es gefiel uns nicht sehr gut in der Schweiz.»

Susanna Kaiser

Für sein Geschäft in Peru findet Wilhelm Kaiser Schweizer Vertreter. Finanziell bleibt er beteiligt. Weil sich das Geschäft schlecht entwickelt, verlässt die Familie Bern aber nach knapp einem Jahr schon wieder. Susanna bemerkt dazu rückblickend: «Es gefiel uns nicht sehr gut in der Schweiz, und als wir am 2. Januar [1873] der Geschäfte wegen, die wir unfähigen Vertretern übergeben hatten, wieder nach Peru verreisen mussten, war ich gar nicht traurig.»

Vor Ort gelingt es Wilhelm Kaiser, das Geschäft wieder in Schwung zu bringen. Als er 1876 Peru endgültig verlässt und die Firma verkauft, hat seine Investition von einst gut das Dreifache an Wert. In der Schweiz lässt sich die Familie zunächst in Solothurn nieder. Die Summe für den Hauskauf bezahlen die nun wohlhabenden Kaisers bar. Kurz darauf kommt das sechste und letzte Kind der Familie zur Welt.

Das Mini-Monopol aufs Berner Zeugnisbüchlein

Kaisers Plan war es zunächst, allein von ihrem Vermögen leben zu können. Bald aber merken sie, dass das Vorhaben nicht aufgeht. 1881 zieht die Familie in die Stadt Bern und Wilhelm übernimmt eine bestehende Papier- und Schulbuchhandlung an der Christoffelgasse. Im Angebot sind Schweizer Ansichtskarten, Geschenkartikel und Fotografien – wie etwa «sehr gelungene […] Momentaufnahmen des Leichenzuges von Bundespräsident Hertenstein».

Den grössten Umsatz generieren jedoch Schulmaterialien. Kaisers publizieren zeitweilig exklusiv ein «Zeugnisbüchlein» sowie ein Lesebuch, das sämtliche Schüler*innen im Kanton besitzen müssen.

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Mit dem Verkauf von Schulmaterialien erwirtschaften Kaisers Geld, das sie später in den Bau des Kaiserhauses steckten. (Bild: Burgerbibliothek Bern, FI Kaiser 55)

Das Mini-Monopol trägt seinen Teil zum weiteren sozialen Aufstieg der Familie bei. 1889 treten die Kaisers der burgerlichen Gesellschaft zu Metzgern bei. Als vermögender, angesehener Papier- und Buchhändler mit Kontakten bis nach Übersee zählt Wilhelm Kaiser zum Bildungsbürgertum und ist in Berns Oberschicht bestens vernetzt.

Gemäss historischem Steuerverzeichnis der Stadt Bern konnten die Kaisers ihr steuerbares Vermögen bis 1902 innerhalb von zehn Jahren vervierfachen. In diesem Jahr versteuert die Familie ein Kapital von 492’550 Franken – heute wären das geschätzt über 20 Millionen Franken.

Aufbau einer Unternehmensdynastie

Ein empfindlicher Rückschlag drängt Kaisers Mitte der 1890er-Jahre zu einer Neuorientierung: Die bernische Erziehungsdirektion gründet den kantonalen Lehrmittel-Verlag. Die lukrativen Schulbücher als Einnahmequelle für Kaisers Geschäft fallen weg.

Das mittlerweile um die Söhne Otto und Bruno erweiterte Familienunternehmen wird dadurch gezwungen, sein bisheriges Geschäftsgebiet zu erweitern. Zusätzlich zur Papeterie bieten Kaisers ab 1896 auch «Lederwaren und feine Quincaillerie» an. Der Entscheid legt den Grundstein für die spätere Gründung der Vereinigten Spezialgeschäfte und zum Bau des Kaiserhauses.

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Das Geschäft stets im Blick: Wilhelm Kaiser mit weissem Bart an der «Kommandobrücke» im neuen Kaiserhaus. (Bild: Burgerbibliothek Bern, FI Kaiser 55)

Dabei bleibt es nicht. Schwiegersohn Albert Benteli verhelfen Kaisers zu einer eigenen Druckerei und dem Kauf des Schlossguts in Bümpliz – zu jener Zeit ein Bauerndorf mit 3’350 Einwohner*innen und einigen Gewerbebetrieben. Hier baut Benteli ein modernes Druckereigebäude, das rasch zu einem der führenden Druckhäuser in Europa wird. 1902 wird die Firma A. Benteli um die Gründung eines Verlags erweitert, der bis heute existiert.

Bentelis Sohn – ebenfalls mit Vornamen Albert – wiederum gründet Jahre später die Firma Merz & Benteli. Sie wird mit der Herstellung von Klebstoffen bekannt und ist heute in Niederwangen in der Gemeinde Köniz ansässig.

Noch bekannter ist heute allerdings ein anderes Familienunternehmen der Kaisers. 1902 baut Sohn Wilhelm junior mit Familienhilfe in Freiburg eine Schokoladenfabrik, die bis 1966 in Familienbesitz bleibt. Heute gehört die Villars S.A. zu den bekannteren Schokoladenproduzenten der Schweiz.

Ein Konsumtempel für Bern

Ebenfalls ab 1902 baut die Familie in Bern das später nach ihr benannte Kaiserhaus. Dazu kauft sie in den Jahren zuvor unterschiedliche Liegenschaften an der Markt- und Amthausgasse. Der Bau verdrängt traditionelles Gewerbe und einfache Leute, die auf günstige Mieten angewiesen sind – etwa einen Küfer, einen Asphaltleger und einen Tramheizer. Für die bestehenden Gebäude bezahlen Kaisers total 732’000 Franken – heute wären das deutlich über 30 Millionen Franken.

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Die günstigen Wohnungen an der Marktgasse 41 mussten ab 1902 dem Kaiserhaus weichen. (Bild: Burgerbibliothek Bern, FI Kaiser 55)

An ihrer Stelle entsteht ein repräsentatives Belle-Époque-Geschäftshaus inklusive Wohnungen. Beibehalten wird dabei das beliebte Zentralbad, da Mietwohnungen mit Badezimmern erst kurz vor der Jahrhundertwende allmählich aufkommen.

Für den Bau verantwortlich ist mit Eduard Joos ein Architekt, der zuvor das Hauptgebäude der Universität Bern gebaut hat. Auch die Dampfzentrale im Marzili und das Gebäude der Nationalbank gehen auf ihn zurück. Für das Kaiserhaus orientiert er sich am 1899 eröffneten Warenhaus der Gebrüder Loeb – dem ersten grossen Warenhaus in Bern, mit Ladenflächen auf mehreren Stockwerken und grossen Schaufenstern.

Kaisers Warenhaus richtet sich an ein breites Zielpublikum. Weil die Ausstellungen frei und ohne Kaufzwang besichtigt werden können, stöbern bald breite Bevölkerungsschichten durch das Angebot bei Kaiser & Co.

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Die Warenpräsentation im modernen Kaiserhaus orientierte sich am Vorbild amerikanischer Kaufhäuser. (Bild: Burgerbibliothek Bern, FI Kaiser 55)

Die Hauptattraktion – und lange Zeit eine Berner Sehenswürdigkeit – ist aber die erste zentrale pneumatische Kassenanlage auf dem europäischen Kontinent. Sie funktioniert nach dem Rohrpostsystem: «Im Verkaufsraume stehen in Zwischenräumen verteilt Messingröhren von geschmackvollen Formen, in die das bedienende Fräulein eine mit Filzenden versehene Kapsel wirft, welche das Geld und die Rechnung aufnimmt. Mit Windeseile [...] rasen die Kapseln zur Zentralkasse, dort wird sie in Empfang genommen, die Quittung abgestempelt, und flugs ist sie wieder am Verkaufstisch, wo der harrende Kunde sie erhält. Die ganze Prozedur hat kaum eine Minute gedauert.»

Was übrig bleibt

1908 stirbt Wilhelm Kaiser. Die beiden Söhne führen das Kaufhaus weiter und erweitern sein Sortiment laufend. Etwa um eine Sportabteilung, die vom Berner Sportpionier Denis Vaucher aufgebaut wurde. Später machte dieser sich eigenständig. Das Sportgeschäft Vaucher existierte bis 2019, das Geschäft in Niederwangen gehört heute zu Trophy Sport.

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Die Handelsmann-Skulptur prangt noch heute an der Kaiserhaus-Fassade. Die optischen Ähnlichkeiten mit Wilhelm Kaiser sind nicht zufällig. (Bild: Burgerbibliothek Bern, FI Kaiser 55)

Das Warenhaus Kaiser selbst bleibt lange noch in Familienbesitz. 1972 entscheiden sich die Nachkommen von Susanna und Wilhelm Kaiser jedoch zur Schliessung, weil das Geschäft nicht mehr rentiert. 160 Personen verlieren ihre Stelle. Für 38 Millionen Franken kauft die Nationalbank das Gebäude und kernt es komplett aus. Derzeit läuft die neueste Sanierungsrunde: Ab April 2026 eröffnen hier die Brasserie «Kaiser» und verschiedene Läden sowie das Besuchszentrum Moneyverse der Schweizerischen Nationalbank.

An die lebhafte Familiengeschichte hinter dem Gebäude erinnern bis heute dessen Name und der strenge Blick der Handelsmann-Skulptur an der Fassade – sie weist grosse Ähnlichkeiten mit Patron Wilhelm Kaiser auf.

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