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Hitzewallung auf der Allmend

Die Stadtberner Regierung lädt die Bevölkerung ein, sich zu Ideen für die Nutzung der Allmenden zu äussern. Eine neues grünes Komitee fordert aber: Unterirdische Parkplätze und exklusive YB-Trainingsfelder darf es dort nicht geben.

Medienkonferenz Allmenden
Gemeinderat Matthias Aebischer, Direktor für Tiefbau, Verkehr und Stadtgrün
Noémie Augustin, Projektleiterin Stadtgrün Bern
Daniel Baur, Vorsitzender Beurteilungsgremium Testplanungsprozess, Bryum AG
Nutzungskonflikte, wohin das Auge blickt: Projektleiterin Noémie Augustin von Stadtgrün Bern vor den Ideenskizzen für die Allmenden. (Bild: Danielle Liniger)

Die grosse und die kleine Berner Allmend – getrennt durch die Autobahn – lassen in Bern niemanden kalt. Weil fast alle etwas von den grossen Grünflächen im Norden der Stadt wollen oder mit ihnen verbinden.

Nun tritt die Auseinandersetzung um den öffentlichen Freiraum in eine neue Phase: Die Bevölkerung darf sich einbringen. Die Direktion für Tiefbau, Verkehr und Stadtgrün (TVS) von Gemeinderat Matthias Aebischer (SP) hat in den letzten Monaten drei Planungsteams beauftragt, Ideen für eine Weiterentwicklung der beiden Allmenden auszuarbeiten.

«Wir möchten die Allmenden einladender gestalten, und sie sollen auch ihre Leistung für das Stadtklima besser erfüllen», sagt Noémie Augustin, zuständige Projektleiterin bei Stadtgrün. Eine erste Grundlage dafür ist die Arbeit der drei Teams. Sie haben sieben Skizzen abgeliefert, die unterschiedliche Schwerpunkte setzen, eine Art Auslegeordnung dafür, wohin es mit den Allmenden gehen könnte.

Medienkonferenz Allmenden
Gemeinderat Matthias Aebischer, Direktor für Tiefbau, Verkehr und Stadtgrün
Noémie Augustin, Projektleiterin Stadtgrün Bern
Daniel Baur, Vorsitzender Beurteilungsgremium Testplanungsprozess, Bryum AG
Klima+ oder Sportcluster? Die vielen Optionen für die Berner Allmenden. (Bild: Danielle Liniger)

Ein kurzer Blick zurück: Vor 150 Jahren hatte die Stadt die Allmend der Burgergemeinde abgekauft, weil sie militärisches Übungsgelände brauchte. 1933 entwarf die Stadtregierung den ersten Grünraumplan und belegte die Allmend mit einem Überbauungsverbot. In den letzten Jahrzehnten wurde die öffentliche Freifläche trotzdem sukzessive angeknabbert – auch weil die Allmend zum brummenden Entwicklungsschwerpunkt Wankdorf gehört, einem der wirtschaftlich dynamischsten Orte des ganzen Kantons. Es entstanden etwa Sportinfrastruktur (Eis- und Curlinghalle, Kunstrasenfelder) oder Messegebäude von Bernexpo. Während Grossanlässen dienen Teile der Allmend als Parkplatz.

Immer mehr Ansprüche

Auf den kleiner werdenden grünen Freiraum erheben gleichzeitig immer mehr Gruppen Anspruch – Menschen, die mit Hunden spazieren, die Rugby, Frisbee, American Football spielen oder hornussen, die Gleitschirm fliegen, picknicken oder in die Berner Alpen schauen wollen. Mit einigen von ihnen hat die «Hauptstadt» vor ein paar Monaten gesprochen. Der Tenor lautete: Dieser ohne Konsumationszwang nutzbare Freiraum sollte nicht noch weiter eingeengt werden.

Tatsache ist aber, dass genau das droht. Von mehreren Seiten. Weil die Young Boys  im Wankdorfstadion wieder Naturrasen einbauen wollen, damit dort wieder Spiele der Nati stattfinden können, brauchen sie belastbare Felder zum Trainieren – gerne auf der Allmend. Würde der umstrittene Autobahnanschluss Wankdorf – bekannt als «Spaghettiteller» – doch ausgebaut, müsste für eine neue Zufahrt Richtung Festhalle wohl ein Teil des Wäldchens auf dem Allmendhügel gerodet werden.

Medienkonferenz Allmenden
Gemeinderat Matthias Aebischer, Direktor für Tiefbau, Verkehr und Stadtgrün
Noémie Augustin, Projektleiterin Stadtgrün Bern
Daniel Baur, Vorsitzender Beurteilungsgremium Testplanungsprozess, Bryum AG
Bedrängte Allmend: So könnte es aussehen, wenn der Spaghetti-Autobahnzubringer Wankdorf realisiert würde (Bild: Danielle Liniger)

Gibt es überhaupt konstruktive Auswege aus diesen Konflikten zwischen öffentlichen und kommerziellen Interessen? 

Es ist erstaunlich, wie viel Spielraum die drei Planungsteams in ihren Skizzen ausgemacht haben. Allein deshalb lohnt es sich, sich die sieben Arbeiten anzuschauen. Sie sind in den Bernexpo-Hallen ausgestellt (Öffnungszeiten: hier) oder hier online zu begutachten.

Bis Ende Februar hat die Bevölkerung Gelegenheit, ihr Feedback abzugeben. «Alle, wirklich alle, sind eingeladen, uns ihre Meinung mitzuteilen», sagt Matthias Aebischer. Die Allmend könne ihre Funktion nur erhalten, wenn die Beteiligung an diesem Prozess möglichst breit sei. Ab März werden die Eingaben ausgewertet, danach erarbeitet die Regierung eine politische Vorlage für die Neuordnung der Allmenden. Frühestens 2027 – vermutlich aber deutlich später – wird das Volk darüber entscheiden.

Inspirierend an den sieben Projektskizzen ist vor allem eines: Sie zeigen so deutlich, wie es wohl noch nie ausgesprochen worden ist, dass die beiden Allmenden nicht alle Ansprüche erfüllen können, die an sie gestellt werden. Die Stadt wird sich zu schwierigen Entscheiden durchringen müssen. 

Medienkonferenz Allmenden
Gemeinderat Matthias Aebischer, Direktor für Tiefbau, Verkehr und Stadtgrün
Noémie Augustin, Projektleiterin Stadtgrün Bern
Daniel Baur, Vorsitzender Beurteilungsgremium Testplanungsprozess, Bryum AG
Hitzeresiliente Allmend: Mehr Bäume, mehr Aufenthaltsfläche, weniger Sportfelder. (Bild: Danielle Liniger)

Zwei Beispiele, auf was es hinauslaufen könnte: Die Allmend könnte etwa zu einem weitherum einzigartigen Outdoor-Breitensport-Zentrum ausgebaut werden. Dafür müssten logischerweise Freiräume für weniger organisierte Tätigkeiten geopfert werden. Stellt man jedoch Klimaresilienz und Aufenthaltsqualität in den Vordergrund, erweisen sich die heutigen grossen baumlosen Flächen als suboptimal. Man müsste die Bepflanzung verstärken und ein spazierfreundlicheres Wegnetz konzipieren – und gleichzeitig auf das eine oder andere Spielfeld verzichten.

Das heikle UBS-Parkhaus

Hitzige Debatten werden die Neuordnung der Allmenden weiter begleiten. Bereits am Montag, zeitgleich mit dem Start der Bevölkerungsmitwirkung, meldete sich ein neu gegründetes Komitee «Allmenden für alle». Es ist zusammengesetzt aus verschiedenen grünen Parteien und Bewegungen – der städtischen Regierungspartei Grünes Bündnis etwa oder dem Verein Spurwechsel Bern, in dem Aktivist*innen von der GLP bis ganz links aussen den «Spaghettiteller» bekämpfen.

Das Komitee begrüsst in einem Manifest die Weiterentwicklung der Allmenden, verwahrt sich aber gegen jegliche Kommerzialisierung: Auf der Allmend sei kein Platz für exklusive YB-Trainingsplätze, kein Platz für den «Spaghettiteller», kein Platz für ein unterirdisches Parkhaus der Grossbank UBS. Diese wäre bereit, eine Parkhalle mit über 1000 Plätzen zu finanzieren. Damit würden die heute bestehenden oberirdischen Allmend-Parkplätze aufgehoben. Paradoxerweise entstünde mit diesem neu gewonnenen Platz erst der Spielraum, die Allmend weiterzuentwickeln.

Das Thema bleibt kompliziert für die rot-grüne Stadtregierung – weil es nicht nur ein Konflikt ist um die Nutzung der Allmend, sondern auch einer, in dem die rot-grünen Politiker*innen und Wähler*innen sich nicht einig sind.

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Diskussion

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Thomas Schneeberger
14. Januar 2026 um 11:02

Modelle beschönigen das Zukunftsbild mit Autobahn

Die Teams haben sicher ehrenhaft gearbeitet. Aber warum muss der Druck auf die Allmenden noch künstlich erhöht werden? In den letzten Jahren wurde schon genug gesündigt. Die abgebildeten Landschaftsmodelle beschönigen insb. das Bild stark, falls der Bund seinen Wahnsinns-Ausbau am Wankdorf durchziehen will. So stimmt auch die Legende unter dem Bild "So könnte es aussehen, wenn der Spaghetti-Autobahnzubringer Wankdorf realisiert würde" üerhaupt nicht: Vom gezeigten Wald wären 2/3 abgeholzt und frühestens in 50 Jahren wieder wald-würdig, und die geplante "Eventstrasse", also die platzraubende Autobahnausfahrt direkt auf die Allmend zum Eisstadion wird nicht mal gezeigt. Wenn dieses Wahnsinnsparkhaus kommt, muss die ganze "Event-Logik" neu geplant werden: Ausfahrt sicher nicht an die Oberfläche, sondern per Tunnel in die heiligen Autohallen und wieder raus auf die Autobahn.