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Chemikalien aus dem Wasserhahn

Das Trinkwasser in Walliswil bei Wangen ist stark mit PFAS belastet. Nun sucht der Kanton Bern nach der Ursache. Doch das Wasser fliesst weiterhin.

Pfas um Walliswil fotografiert am Freitag, 6. Februar 2026 in Walliswil. (hauptstadt.be / Simon Boschi)
Zu viel PFAS: Aus dem Brunnen an der Schmiedengasse in Walliswil fliesst belastetes Wasser. (Bild: Simon Boschi)

Das Wasser fliesst in Walliswil bei Wangen in Flaschen, Gläser und Münder. Aus dem Hahn in der Waschküche der Gemeindeverwaltung, aus dem Brunnen an der Schmiedegasse und im Schulhaus. Hier fand das Berner Trink- und Badewasserinspektorat im Frühsommer 2024 die höchste PFAS-Konzentration in Trinkwasser auf Kantonsgebiet: über 120 Nanogramm pro Liter der vier bekanntesten PFAS-Stoffe.

«Ich würde dieses Wasser nicht trinken», sagt Philipp Wanner, Schadstoff-Hydrogeologe an der Universität im schwedischen Göteborg und erklärt im Interview mit der «Hauptstadt» weshalb.

Von den 20 gemessenen Stoffen fand das Berner Kantonslabor hauptsächlich Perfuoroctansulfonsäure (PFOS) im Walliswiler Wasser. Martin Scheringer, PFAS-Experte an der ETH Zürich, erklärt: «PFOS reichert sich im Körper an und wird extrem langsam ausgeschieden. Es geht fünf Jahre bis die Hälfte des aufgenommenen Stoffs wieder ausgeschieden ist. Und das auch nur, wenn nichts mehr aufgenommen wird. Und PFOS ist krebserregend.»

Löschübungen und Baustoffe

Walliswil bei Wangen liegt im nordöstlichen Zipfel des Kantons Bern zwischen Langenthal und Solothurn leicht erhöht über der Aare, die hier nur langsam fliesst. Im kleinen Dorf stehen schmucke Bauernhäuser mit Obstgärten. Dorfauswärts Richtung Wangen reihen sich Einfamilienhäuschen aneinander, rundherum Felder, Wiesen und Wald. Unten an der Aare haben die Rettungstruppen der Schweizer Armee ihren Löschübungsplatz. Auf der anderen Aareseite liegt das ebenfalls kleine Walliswil bei Niederbipp mit einem grossen Baustoffwerk. Walliswil bei Wangen betreibt eine eigene Trinkwasserversorgung. Direkt unter dem Dorf gibt es Grundwasser.

Pfas um Walliswil fotografiert am Freitag, 6. Februar 2026 in Walliswil. (hauptstadt.be / Simon Boschi)
Hier wurde 2024 der höchste Wert gemessen: das Walliswiler Schulhaus. (Bild: Simon Boschi)

Hier nahm das Trink- und Badewasserinspektorat des Kantons Bern im Frühsommer 2024 erstmals Wasserproben. Im Grundwasser, in einem Brunnen, im Gemeindehaus und im kleinen Schulhaus gleich nebenan. Die Behörde war zuvor vom Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) informiert worden, dass demnächst ein neuer Höchstwert für PFAS im Trinkwasser eingeführt werden sollte: Der Richtwert von 100 Nanogramm pro Liter für die Summe von 20 Stoffen, der in der EU damals bereits galt.

«Unser Ziel war, ein möglichst umfassendes Bild über die PFAS-Situation im Trinkwasser im Kanton Bern zu erhalten», sagt Rudolf Robbi, Leiter des Trink- und Badewasserinspektorats gegenüber der «Hauptstadt». Robbi war erleichtert, als er sah, dass nur an einem Ort Werte im Bereich des neuen Höchstwerts gemessen wurden. Doch noch gibt es Lücken. Mit der Kampagne habe das Kantonslabor an etablierten Monitoringstandorten 240 von rund 320 öffentlich-rechtlichen Trinkwasserversorgungen im Kanton analysiert. Gemäss Robbi gibt es zudem unzählige weitere private Trinkwasserquellen. Diese könne das Inspektorat aber aus Ressourcengründen nicht alle untersuchen.

Was sind PFAS?

Per- und polyfluorierte Alkylverbindungen (abgekürzt PFAS) sind eine grosse Gruppe chemikalischer Stoffe. Ihre Entwicklung geht auf die Entdeckung von Teflon Ende der 1930er-Jahre zurück. PFAS können nur künstlich hergestellt werden und werden in der Umwelt nicht abgebaut. Diese «Ewigkeitschemikalien» können sich deshalb in Mensch, Tier und Natur anreichern. So können sie auch toxisch wirken. Einzelne Stoffe sind erwiesenermassen krebserregend.

Der vom BLV angekündigte Höchstwert ist bis heute nicht eingeführt. Nach Schweizer Gesetz sind die Werte in Walliswil deshalb legal. Die EU-Trinkwasserrichtlinie hingegen enthielt schon seit 2020 eine Obergrenze von 100 Nanogramm pro Liter für die Summe von 20 PFAS-Stoffen – ein Wert, der in Walliswil überschritten ist. Kürzlich hat die EU die eigene Wasserrahmenrichtlinie sogar nochmals verschärft. Sie sieht für das Grundwasser nun einen Höchstwert von 4,4 Nanogramm pro Liter der vier bekanntesten PFAS vor.

Diese Werte haben für Walliswil und den Kanton Bern derzeit keine direkte rechtliche Bedeutung – doch dies könnte sich rasch ändern. Die Schweiz hat bis heute keinen Summengrenzwert verankert. Es gibt hierzulande erst seit 2017 und nur für drei der vier Stoffe einzelne Grenzwerte. Alleine für diese drei Stoffe läge eine Summe bei 1100 Nanogramm pro Litern – 250 Mal höher als der aktuelle Grenzwert dafür in Schweden. Für die in Walliswil in besonders hoher Konzentration gemessene PFOS liegt der Schweizer Grenzwert bei 300 Nanogramm pro Liter. Die gemessenen Werte liegen also deutlich darunter.

Grenzwerte sollen sinken

Gemäss BLV sollen die Schweizer Grenzwerte dieses Jahr sinken. Voraussichtlich im Verlauf dieses Jahres werde die Schweiz den europäischen Summen-Höchstwert von 100 Nanogramm pro Liter für 20 ausgewählte PFAS ebenfalls einführen. «Zudem wird derzeit geprüft, ob für vier in dieser Summe enthaltene PFAS ein zusätzlicher, separater Höchstwert eingeführt werden soll», die BLV-Medienstelle auf Anfrage. Mit dem neuen Summen-Höchstwert dürfte mindestens ein Teil des Walliswiler Wassers nicht mehr als Trinkwasser zugelassen werden.

Pfas um Walliswil fotografiert am Freitag, 6. Februar 2026 in Walliswil. (hauptstadt.be / Simon Boschi)
Blick Richtung Aare: Armeeübungsplatz (vorne) und Kieswerk (hinten) (Bild: Simon Boschi)

Dass der Bund immer noch bloss prüft und nicht handelt, liegt auch am Parlament. Dieses unterstützte letztes Jahr gegen den Willen einer links-grünen Minderheit einen Vorstoss der zuständigen Ständeratskommission. Dieser verlangt, dass neben einer Bewertung von Umwelt- und Gesundheitsrisiken «auch andere wesentliche Faktoren einbezogen werden, insbesondere Vollziehbarkeit einer Massnahme sowie gesellschaftliche oder wirtschaftliche Aspekte».

Für Kanton «ergibt sich kein Handlungsspielraum»

Die Gemeinde Walliswil teilte der «Hauptstadt» mit, sie sei vom Kanton über Messwerte auf ihrem Territorium informiert worden, habe diese jedoch nicht einordnen können. Der Kanton habe ihr bloss mitgeteilt, dass sie unter den Schweizer Grenzwerten lägen.

Gezielte Fragen der «Hauptstadt», etwa zu möglichen Ursachen der Belastung, benötigter Unterstützung oder der Gesundheitssituation im Ort, wollte die Gemeinde nicht beantworten. Der Gemeinderat sei nach eingehender Abwägung zum Schluss gekommen, im Moment keine Stellungnahme abzugeben. «Diese Entscheidung beruht auf Erwägungen, die es uns derzeit nicht ermöglichen, die gewünschten Informationen öffentlich zu kommentieren oder zu bewerten.»

Das kantonale Laboratorium lässt mitteilen, die aktuellen Schweizer Höchstwerte für PFAS im Trinkwasser im Kanton Bern seien eingehalten. «Die Höchstwerte werden vom Bund festgelegt und sind rechtlich bindend. Somit ergab sich für den Kanton kein Handlungsspielraum. Die PFAS-Resultate wurden den Trinkwasserversorgern jedoch kommuniziert, sodass sie auf die mögliche Absenkung der Höchstwerte reagieren können.»

Obwohl die Kantonsbehörden von der geplanten Einführung eines neuen nationalen PFAS-Grenzwertes wissen, gemäss dem das Walliswiler Trinkwasser so nicht mehr konsumiert werden dürfte, haben sich also weder Kanton noch Gemeinde proaktiv für eine Senkung der Werte an Ewigkeitschemikalien im Walliswiler Trinkwasser eingesetzt. Handeln will man offenbar erst, wenn die nationalen Behörden den neuen Grenzwert festlegen.

Pfas um Walliswil fotografiert am Freitag, 6. Februar 2026 in Walliswil. (hauptstadt.be / Simon Boschi)
Bezahlt für zögerliche Bundesbehörden: Walliswiler Gemeindeverwaltung (Bild: Simon Boschi)

Wie die krebserregende PFOS in so hoher Konzentration ins Walliswiler Wasser kommt, ist nach offiziellen Angaben ungewiss. Die Rettungstruppen der Schweizer Armee übten auf ihrem Gelände jahrelang und gemäss eigenen Angaben bis Herbst 2025 mit PFAS-haltigem Löschschaum. Gegenüber der «Hauptstadt» teilt die Armee mit, die dabei geltenden Vorgaben eingehalten zu haben. «Es wurde darauf geachtet, den anfallenden Löschschaum möglichst zurückzuhalten beziehungsweise aufzufangen und anschliessend fachgerecht zu entsorgen.»

Woher kommen die Stoffe?

Doch ob dies im Wasser gelingt, ist fraglich. So verfügt der Übungsplatz in Walliswil gemäss Angaben der Armee zwar über eine Abwasserreinigungsanlage. «Diese unterliegt aber aufgrund ihrer Grösse keiner Pflicht, Mikroverunreinigungen wie PFAS zu erfassen oder zu entfernen», schreibt die Armee in einer Stellungnahme. Bisher sei der Boden auf dem Gelände in Walliswil auch nicht auf PFAS untersucht worden. Dies sei für die nächsten Jahre geplant.

Dass in Walliswil das Militär das Trinkwasser verschmutzt, hält das Berner Amt für Wasser und Abfall jedoch für unwahrscheinlich. Oliver Steiner, Abteilungsleiter Betriebe und Abfall, sagt: «Dies steht aus hydrogeologischen Gründen nicht im Vordergrund. Der Militärstandort liegt deutlich tiefer.» Für Steiner kommen mehrere mögliche Quellen infrage. Neben einer Deponie etwa auch einzelne Betriebe. «Wir müssen das noch genauer untersuchen.»

Ärzt*innen kritisieren Bund

Dabei drängen insbesondere Ärzt*innen zum Handeln. Wissenschaftliche Studien deuten laufend auf neue mögliche Gesundheitswirkungen der Stoffe hin. Zuletzt sorgte etwa eine Studie aus Schweden für Aufsehen, die PFAS mit Multipler Sklerose in Zusammenhang bringt. Der Walliser Arzt Bernhard Aufdereggen ist Präsident der Ärztinnen und Ärzte für Umweltschutz (Aefu). Für ihn ist unbestritten, dass PFAS eine Gefahr für die menschliche Gesundheit darstellen. Nachgewiesen seien eine verminderte Antikörper-Antwort bei Impfungen, Nieren- und Hodenkrebs, Anstieg des Cholesterin-Spiegels und der Leberwerte, hoher Blutdruck in der Schwangerschaft und Schwangerschaftsvergiftung.

Die Aefu fordern deshalb sofort die Einführung der strengeren EU-Grenzwerte. «Und systematische Messungen im menschlichen Blut sind dringend notwendig», sagt Aufdereggen. Aus ärztlicher Sicht ist es inakzeptabel, dass das Humanbiomonitoring im Rahmen der Schweizer Gesundheitsstudie aus Spargründen gestrichen wurde.»

Pfas um Walliswil fotografiert am Freitag, 6. Februar 2026 in Walliswil. (hauptstadt.be / Simon Boschi)
Bis der PFAS-Aktionsplan des Bundesrates zuverlässig greift, könnte noch viel belastetes Wasser aus Walliswiler Hähnen fliessen. (Bild: Simon Boschi)

Aufdereggen meint ein Pilotprojekt des Bundesamts für Gesundheit (BAG). Dabei wurden fast 800 Personen aus den Kantonen Waadt und Bern auf PFAS im Blut untersucht. Mehr als die Hälfte ihrer Proben wiesen Werte über der Unbedenklichkeitsgrenze auf. Bei etwa vier Prozent waren sie gar besorgniserregend. Die Daten könnten helfen zu zeigen, wie stark die Walliswiler*innen durch das belastete Trinkwasser tatsächlich gefährdet sind. Oder ob Einwohner*innen weiterer Regionen besonders viel PFAS in sich tragen. Das Projekt einer nationalen Gesundheitsstudie wurde aufgrund der angespannten Finanzsituation des Bundes aber sistiert.

Gemäss BAG wurden bei der Erhebung auch Wohnort und Arbeitsort abgefragt. Diese Daten seien aus Datenschutzgründen aber nicht in eine Erhebung eingeflossen. Über die Resultate sei der kantonsärztliche Dienst Bern vom BAG ausführlich informiert worden. Dieser hat daraus bisher aber keine Massnahmen abgeleitet. Auf Anfrage verweist Irene Wittmer, Leiterin der PFAS-Aktionsgruppe in der Berner Kantonsverwaltung, auf laufende Lebensmittelanalysen in der ganzen Schweiz und den kurz vor Weihnachten angekündigten PFAS-Aktionsplan des Bundesrats.

Ein Aktionsplan kommt erst 2028

Doch der Bundesrat hat seinen Plan erst für 2028 in Aussicht gestellt. Dabei soll es in erster Linie um eine bessere Koordination bereits bestehender Anstrengungen innerhalb der Bundesverwaltung und zwischen den Kantonen gehen. Im Kanton Bern ist man derzeit erst daran, sich einen Überblick über das Problem PFAS zu verschaffen. Mehr Ressourcen, etwa für lückenlose Messungen oder schnellere Sanierungen, will der Bundesrat nicht einsetzen, weil der Finanzhaushalt entlastet werden müsse. 

Bis ein allfälliger Plan zuverlässig greift, könnte also noch viel belastetes Wasser aus Walliswiler Hähnen fliessen.

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Diskussion

Unsere Etikette
Benjamin Seewer
12. Februar 2026 um 14:34

Brunnenvergifter

Schon erstaunlich, früher landeten Brunnenvergifter am Galgen und heute trinken wir das vergiftete Wasser mit einem Schulterzucken und machen weiter wie bisher.