Prämien und Kosten machen Kummer
Die hohen Lebenshaltungskosten beschäftigen die Berner Bevölkerung am stärksten, zeigt eine Umfrage. Vier Regierungsratskandididat*innen sagen am «Hauptstadt»-Talk, was sie dagegen tun wollen. Hier gibts den Talk zum Nachhören und Nachlesen.
Ist noch genug Geld auf dem Konto für den Wocheneinkauf? Reicht es Ende Monat für Krankenkasse und Miete? Die Frage der «Affordability» – also der Erschwinglichkeit des Alltags – hat sich nicht nur in den USA zum entscheidenden Thema entwickelt, sondern auch im Kanton Bern.
Mehr als ein Drittel der Berner Stimmbevölkerung (35 Prozent) sieht in den Lebenshaltungskosten aktuell die grösste politische und gesellschaftliche Herausforderung, wie eine Wahlumfrage von Gassmann-Medien und der «Hauptstadt» zeigt.
Die hohen Lebenshaltungskosten belasten die Bevölkerung – quer durch alle politischen Lager. Doch wie reagieren die Menschen darauf, welche im Kanton Bern womöglich bald an den Schalthebeln der Macht sitzen?
SVP-Lanz will «starken Staat» – mit dieser Bedingung
Am Hauptsachen-Talk auf der Kleinen Bühne im Progr wollte Co-Moderatorin Marina Bolzli von den vier aussichtsreichsten Neu-Kandidierenden für den Regierungsrat wissen, was sie gegen die steigenden Lebenshaltungskosten tun würden.
SVP-Kandidat Raphael Lanz (57) gibt zunächst eine für einen Bürgerlichen überraschende Antwort: «Wir brauchen einen starken Staat, der bedürftigen Menschen helfen kann.»
Dann schwenkt der Thuner Stadtpräsident rasch auf bürgerliche Kernanliegen um. Denn dafür brauche es gute Rahmenbedingungen für die Wirtschaft und eine «Dynamisierung» durch tiefere Steuern. «Die Unternehmen brauchen mehr Freiheiten. Die Mittel des Staates muss schliesslich zuerst jemand erwirtschaften.»
Auf dem Podium moniert die grüne Nationalrätin Aline Trede (42), dass sie sich auf nationaler Ebene schon lange für einen Systemwechsel bei den Krankenkassen einsetze. Ein Dorn im Auge ist ihr, dass die Prämien nicht vom Einkommen abhängig sind. «Diese Kopfprämien sind sehr asozial.»
Der SVP-Kandidat Daniel Bichsel (56) sieht die Krankenkassenprämien als «grosse Last». Er würde sich zusätzlichen Prämienverbilligungen «nicht verschliessen», sagt der Gemeindepräsident von Zollikofen, der sich laut der Umfrage mit Lanz und SP-Kandidat Reto Müller einen «Strichkampf» um die Wahl in den Regierungsrat liefert.
Darum will SP-Kandidat Reto Müller die Verwaltung umkrempeln
Für den Langenthaler SP-Stadtpräsidenten Müller (47) hat die Stärkung der Kaufkraft Priorität. Und er möchte an alten Pfründen rütteln.
Im Hauptsachen-Talk bringt er eine kantonale Direktionsreform ins Spiel und stellt die Organisation der Verwaltung infrage. «Als Stapi habe ich immer wieder Fachberichte auf meinem Tisch, die sich total widersprechen.» Da stelle sich durchaus die Frage, ob gewisse Ämter den richtigen Direktionen zugeordnet seien.
Für Daniel Bichsel wie Raphael Lanz ist eine weitere Priorität, Bauverfahren zu beschleunigen, um etwa den Wohnbau anzukurbeln. «Es braucht mehr Ambitionen im Kanton, die richtigen Projekte zu bewilligen. Die Regierung muss diese Mentalität auch in die Verwaltung tragen», sagt Lanz, der als Thuner Stadtpräsident den Hauptsitz des Schweizerischen Fussballverbandes SFV ins Oberland geholt hat.
Das dürfte auch Aline Trede freuen, die im Zentralvorstand des SFV agiert. Laut der Umfrage des Meinungsforschungsinstituts GFS Bern bei 1613 Berner*innen hat sie gute Chancen, den Sitz ihrer Parteikollegin Christine Häsler im Regierungsrat zu übernehmen. Trede vermisst einerseits «Empörung», wenn es um Sparmassnahmen bei Geflüchteten geht. Anderseits wirft sie den Bürgerlichen vor, immer zu nörgeln. «Es ist nicht immer alles schlecht. Bern ist ein Chancenkanton», sagt Trede.
Wie die SVP mit einer 5:2-Dominanz ihren Jura-Sitz sichern will
Die Umfrage zeigt auch: Drei Sitze im Regierungsrat und ein bürgerliches 5:2 gegen Rot-Grün erscheinen derzeit eher unwahrscheinlich.
Co-Moderator Jürg Steiner wollte wissen, was ein solches 5:2 überhaupt bringen würde. SVP-Bichsel antwortet im Militärjargon: «Man muss immer in die nächste Geländekammer schauen und sich fragen, was bei einem Rücktritt passiert.» Damit deutete er an, worum es der SVP geht: bei einem möglichen Rücktritt von SVP-Regierungsrat Pierre Alain Schnegg während der nächsten Legislatur nicht zwingend darauf angewiesen zu sein, als SVP den Jurasitz zu verteidigen.
Ob für die Bürgerlichen oder Rot-Grün: Für beide Lager ist entscheidend, wie sie ihre Wählerschaft für die Wahlen vom 29. März mobilisieren oder «hinter dem Ofenbänkli hervorholen» können, wie es Bichsel ausdrückt.
Die heisse Phase des Berner Wahlkampfs hat begonnen – in einer Zeit, in der der Iran‑Krieg die Lebenshaltungskosten weiter steigen lässt und das Thema «Affordability» noch stärker in den Fokus rückt.
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