So erleben Büroleute die Wankdorf-City
Über 6000 Menschen arbeiten im Berner «Business District». Doch zwischen Beton und Kränen fehlen Grünflächen und Läden – nun ist Besserung in Sicht.
Ein Hauch von Grossstadt liegt an diesem Frühlingsmittag über der Wankdorf-City – zumindest für SBB-Mitarbeiterin Alice aus Luzern, die früher in London gearbeitet hat.
«Das Quartier erinnert mich an einen Central Business District. Und trotzdem ist man rasch an der Aare. Es gefällt mir hier», sagt sie. In den Firmenzentralen von SBB, Post, KPT und Co. arbeiten weit über 6000 Leute – wenn sie denn nicht im Homeoffice sitzen.
Rosalia-Wenger-Platz: Treffpunkt zwischen Büro und Brunnen
Um die Mittagszeit kommt Leben in die Berner «Büro-Wüste». Herz des Quartiers ist der Rosalia-Wenger-Platz mit den kleinen Bäumen und dem grossen, runden Brunnen. Dort sitzt Lisa mit einer Kollegin auf den roten Stühlen.
«Hier treffe ich immer wieder Leute von anderen Firmen, man kennt fast immer jemanden», erzählt die SBB-Angestellte. Seit zehn Jahren arbeitet sie in der Wankdorf-City. «Das Quartier ist enorm gewachsen und hat noch viel Potenzial.» Doch viele Angestellte finden: Zwischen Beton und Asphalt fehlt es an Grünflächen.
Der Bauboom auf dem früheren Schlachthofareal ist unübersehbar. Rote Kräne machen das Wachstum der Wankdorf-City schon von weitem sichtbar. Der Schweizerische Nationalfonds lässt hier seinen neuen Hauptsitz in die Höhe ziehen.
Eingeklemmt zwischen Autobahn und Bahngleisen entsteht zudem das 500-Millionen-Franken-Projekt Wankdorfcity 3: Bis 2029 sollen in der «gestapelten Stadt» rund 500 Wohnungen, 3000 Arbeitsplätze und Gewerbe Platz finden
Bauboom in Wankdorf: Viel Beton, wenig Grün
Auch die SBB baut mehr: Ein weiteres Bürogebäude aus Holz entsteht – ausgerechnet auf dem einzigen Park zwischen den bestehenden Gebäuden. «Es hat hier zu viel Beton und Asphalt und zu wenig Grünflächen», sagt Ingenieur Rachid Annan. Mit dieser Einschätzung ist er nicht allein: Mehrere von der «Hauptstadt» befragte Personen äussern ähnliche Kritik.
Bei der Stadt Bern gibt es im Moment keine Pläne für zusätzliche Begrünung innerhalb der Wankdorf-City, wie es auf Anfrage der «Hauptstadt» heisst. Fest steht jedoch: Am westlichen Rand der Wankdorf-City soll ab 2030 ein Stadtpark entstehen.
Diese Woche ist die «Hauptstadt»-Redaktion wieder unterwegs. Sie arbeitet im Wankdorf und setzt sich mit unterschiedlichen Aspekten des dynamischen Quartiers auseinander. Wir besuchen den jüdischen Friedhof, tauchen in die Arbeitswelten und den Pendler*innen-Alltag ein und schauen uns vor Ort in der urbanen Landi-Filliale um. Wir verbringen zwei Arbeitstage im Büro der Co. Architekten an der Stauffacherstrasse (Bild), ehe wir zu den Kolleg*innen der Redaktion Bern der Nachrichtenagentur Keystone-SDA wechseln, die gleich vis-à-vis der Konzensitze von SBB und Post arbeiten. (jsz)
Anika Ruppen stören die fehlenden Grünflächen weniger. Mit ihrer Kollegin Carla Mader steht sie neben dem mexikanischen Foodtruck am Rosalia-Wenger-Platz. «Für mich ist die Wankdorf-City primär ein Arbeitsort. Ich komme morgens hierhin, arbeite, esse am Mittag meistens in der Kantine und gehe abends wieder heim», sagt die Walliserin, die in Münsingen wohnt.
Das bestätigt den Eindruck: Das Quartier ist abends fast ausgestorben. Daran ändern auch die mittlerweile zwei Hotels und die «Studentlodge» mit rund 140 Bewohner*innen wenig.
Mini-Coop als Rettungsboot
Die Nähe zur Innenstadt ist zugleich Vorteil und Bremse für die Quartierentwicklung: Denn mit der S-Bahn gelangen die Leute in nur vier Minuten zum Hauptbahnhof. «In der Wankdorf-City finde ich alles, was ich zum Überleben brauche. Für alles andere gehe ich in die Stadt», erklärt Anika Ruppen.
Obschon tausende Menschen in der Wankdorf-City arbeiten, ist das Einkaufsangebot sehr überschaubar. Einen Mini-Coop, einen Kiosk, mehr hat es nicht. «Mir fehlen eine Apotheke und ein Beauty-Salon», sagt Lisa. Andere wünschen sich einen grösseren Supermarkt für den Feierabend-Einkauf. Oder eine weitere Bar.
«Gestapelte Stadt» soll mehr Leben und Einkaufsmöglichkeiten bringen
Solche Angebote entstehen erst mit dem Bau der «gestapelten Stadt» im Spickel zwischen Autobahn und Bahngeleisen. Fix ist bereits, dass Coop dort einen Supermarkt eröffnen wird, heisst es auf Anfrage bei der Bauherrschaft. Daneben sollen weitere Restaurants, Bars, Schulen und Ladenlokale Leben in den neuen Stadtteil bringen.
Alice aus Luzern mag die Atmosphäre auf dem 2023 zusätzlich begrünten Rosalia-Wenger-Platz. Mit ihrem E-Reader sitzt sie an diesem Frühlingstag am Brunnen und liest in der Mittagspause in ihrem Buch. «Ich freue mich schon, im Sommer über den Mittag einen Aareschwumm zu machen.» Der Weg von der Wankdorf-City zur Aare ist nicht weit. Aber steil und schweisstreibend.
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