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50 Stufen müssen die Reisenden zur Passerelle hinaufsteigen. (Bild: Dres Hubacher)
Wankdorf Spezial

Der Bahnhof boomt und rostet

Die Wankdorf-City wächst und wächst. Am Bahnhof halten neuerdings sogar Intercity-Züge. Doch Pendler*innen kämpfen mit steilen Treppen und defekten Liften. Jetzt soll die Passerelle bereits 2026 saniert werden.

Die überdimensionierte SBB-Uhr auf dem Rosalia-Wenger-Platz zeigt exakt 08:44 Uhr an, als sich der Bahnhof Wankdorf für einen Moment von einer S-Bahn-Station in einen Fernbahnhof verwandelt. Dann fährt der direkte SBB-Intercity-Zug aus Zürich ein, der einzige am Tag. 

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Der Rost frisst sich immer stärker in die Treppen des Bahnhofs Wankdorf. Bald startet die Sanierung. (Bild: Dres Hubacher)

Die Türen der alten, einstöckigen Waggons springen auf: Hunderte Pendler*innen aus Zürich kämpfen sich die 50 Stufen hohe Treppe zur nebelgrauen Passerelle hinauf.

Rost passt nicht zum Büroglitzer

Die Morgensonne strahlt einer SBB-Mitarbeiterin ins Gesicht, die von Zürich-Enge in den Berner «Business District» pendelt. Der Direktzug aus der Limmatstadt ins Wankdorf, der seit Ende 2024 verkehrt, ist beliebt: «Dieser IC ist fast immer voll», sagt sie zum Reporter der «Hauptstadt». Darum geht sie in Zürich schon 20 Minuten vor Abfahrt in den Wagen, um ein «gutes Arbeitsplätzli» zu kriegen.

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Von Zürich direkt ins Wankdorf: Pendler*innen strömen aus dem IC die Passerelle hinauf. (Bild: Dres Hubacher)

Alle Pendler*innen aus dem IC müssen den vergitterten Durchgang hoch über den Perrons passieren. Danach steigen die Reisenden die 50 Stufen wieder hinab. «Mein Fitnessprogramm», witzelt ein Mann.

In den Ecken frisst sich der Rost immer tiefer in die Treppenkonstruktion, es bilden sich bereits Rostblasen – ein Anblick, der so gar nicht zu den modernen Hauptsitzen von SBB, Post & Co. in der aufstrebenden Wankdorf-City passt.

Entwicklungs Schwerpunkt Wankdorf fotografiert am Mittwoch, 4. Maerz 2026 in Bern. (VOLLTOLL / Manuel Lopez)
Die «Hauptstadt» im Wankdorf

Diese Woche ist die «Hauptstadt»-Redaktion wieder unterwegs. Sie arbeitet im Wankdorf und setzt sich mit unterschiedlichen Aspekten des dynamischen Quartiers auseinander. Wir besuchen den jüdischen Friedhof, tauchen in die Arbeitswelten und den Pendler*innen-Alltag ein und schauen uns vor Ort in der urbanen Landi-Filliale um. Wir verbringen zwei Arbeitstage im Büro der Co. Architekten an der Stauffacherstrasse (Bild), ehe wir zu den Kolleg*innen der Redaktion Bern der Nachrichtenagentur Keystone-SDA wechseln, die gleich vis-à-vis der Konzensitze von SBB und Post arbeiten. (jsz) 

Ob aus Biel oder Burgdorf, Thun, Freiburg oder Langnau, aus allen Himmelsrichtungen gelangen die Pendler*innen und Pendler ohne Umsteigen in den Entwicklungsschwerpunkt Wankdorf. Rund 18’000 Passagiere zählte der Bahnhof Wankdorf 2025 an Werktagen, 2014 waren es noch knapp 9000. 400 S-Bahn-Züge halten hier täglich.

Kaputter Lift sorgt für Ärger

An diesem frühen Dienstagmorgen gibt es für die Bahnreisenden ein Problem. Der einzige Lift beim Aufgang zum Rosalia-Wenger-Platz ist kaputt, die Barrierefreiheit ist dahin. Eine Frau muss ihren Kinderwagen die steile Treppe hinuntertragen. Nur Dank tatkräftiger Unterstützung eines Passanten schafft sie dies.

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Susanne Dreyer pendelt aus Zollikofen ins Wankdorf. (Bild: Dres Hubacher)

«In dieser Situation ist man völlig aufgeschmissen und steht blöd da», sagt Susanne Dreyer aus Zollikofen. Sie weiss, wovon sie spricht: Schon vor Jahren brachte sie ihr Kind in die Kita Wankdorf-City. «Die Lifte beim Bahnhof sind immer wieder kaputt, diese Situation mit dem Kinderwagen erlebte ich als junge Mutter mehrfach», erzählt sie.

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Rasch geflickt: Der Lift fährt nach einer Panne wieder. (Bild: Dres Hubacher)

Dies bestätigen die eilends herangerückten Lifttechniker. Meistens verursachten Menschen die Lift-Störungen: «Es kam schon vor, dass Leute an Wochenenden auf die Liftknöpfe urinierten», sagt ein Arbeiter. Ursache für die aktuelle Panne sind eine blockierte Türe und eine kaputte Scheibe.

Aus den BLS-Zügen strömen immer noch zahlreiche Pendler*innen, viele machen sich auf Richtung der Büros von SBB, Post, Losinger Marazzi und den anderen Firmen in der Wankdorf-City. 

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Der Container-KIosk beim Max-Daetwyler-Platz wirkt wie ein Providurium. (Bild: Dres Hubacher)

Auf der anderen Seite des Bahnhofs, beim Max-Daetwyler-Platz, ist es ruhiger. Bei der Endhaltestelle des 9i-Trams steht der einzige Laden des Quartierbahnhofs: Ein Kiosk-Container neben Perron 0. Wie der Bahnhof wirkt auch der Kiosk wie ein Providurium. «Bitte klopfen», steht auf der Scheibe der Verkaufstheke vielsagend.

Die vielen Gesichter des Bahnhofs Wankdorf

Stadionbahnhof, Quartierverbindung; Pendler*innen-Drehscheibe: Der 2004 für rund 30 Millionen Franken erbaute Bahnhof Wankdorf hat verschiedene Gesichter und Funktionen. Ein Reisender bezeichnet ihn als «charakterlose Industrie-Zughaltestelle», eine Frau moniert die mangelnde «Velotauglichkeit». Denn die Passerelle über die Geleise ist die einzige direkte Verbindung von der Wankdorf-City zum Wankdorfstadion mit all seinen Läden und Restaurants. 

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Rachid Annan wünscht sich eine Unterführung beim Bahnhof Wankdorf. (Bild: Dres Hubacher)

Alle der über zwanzig von der «Hauptstadt» befragten Personen sind aber froh, dass es den Bahnhof Wankdorf überhaupt gibt. «Ob mit dem Bus oder Tram: Die Verbindungen von hier sind top. Ich steige hier um, wenn ich ins Stadion oder den Rosengarten gehe», sagt der 82-jährige Peter Cina, der auf dem mit Vogeldreck verschmutzen Perron auf seinen Zug nach Münsingen wartet.

Der bauliche Zustand der Anlagen ist für ihn kein Problem. «Der Bahnhof Wankdorf wird halt auch nicht jünger. Aber beim Unterhalt hapert es», sagt er schulterzuckend. Eine SBB-Mitarbeiterin klagt über die vielen «Glungge», die sich bei Regen auf den unebenen Treppenstufen bildeten. «Die sind echt ein Pain», sagt die junge Frau. 

Reisende wünschen sich Unterführung

Ob punkto Komfort oder Barrierefreiheit: An sich genügt die graue Passerelle den Ansprüchen der SBB nicht. Auch weil das Quartier bald noch mehr wächst: Mit der Überbauung Wankdorf3, der «gestapelten Stadt» mit den über 500 Wohnungen und rund 3000 Arbeitsplätzen nimmt die Wankdorf-City eine neue Dimension an – gleichzeitig entstehen zusätzliche Bürogebäude für den Nationalfonds und die SBB. «Eine grosse Unterführung wäre für die Reisenden viel angenehmer», sagt Rachid Annan aus Rapperswil BE, der bei einer Baufirma arbeitet. 

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Der Zahn der Zeit nagt am 22 Jahre alten Bahnhof Wankdorf. (Bild: Dres Hubacher)

Genau so eine Unterführung mit Geschäften und Velostation wollten die Stadt Bern und die SBB für über 100 Millionen Franken bauen, aus finanziellen Gründen wurde das Projekt im Jahr 2020 sistiert. Stattdessen wollen die SBB die Passerellen teilweise sanieren.

Passerelle soll schon dieses Jahr saniert werden

Und zwar schon bald. Der Bahnhof Wankdorf erhält wohl schon 2026 ein Facelifting. Die Hauptpasserelle über den Geleisen 1–3 wird abgebrochen und neu gebaut, da sie dem geplanten Wankdorftunnel im Weg ist. Dieser gehört zum Projekt «Entflechtung Wankdorf Süd».

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Die Passerelle beim Rosalia-Wenger-Platz wird frühestens 2029 saniert. (Bild: Dres Hubacher)

Für die Pendler*innen gibt es Verbesserungen: Die neue Passerelle kriegt beim Max-Daetwyler-Platz einen zweiten Lift. Dort, wie auf dem Perron 2 und 3 gibt es eine zusätzliche Treppe, ebenso wird ein neuer Zugang Richtung Stauffacherstrasse erstellt. «Dank zusätzlichen Treppen und modernen Liftanlagen wird der Komfort für die Reisenden verbessert», schreiben die SBB auf Anfrage der «Hauptstadt». Das Plangenehmigungsverfahren läuft aktuell beim Bundesamt für Verkehr. Frühester Baubeginn ist Mitte 2026.

Der nördliche Teil der Passerelle beim Rosalia-Wenger-Platz wird in einem separaten Projekt saniert, dies frühestens ab 2029. Somit ist die einst geplante Unterführung beim Bahnhof Wankdorf definitiv vom Tisch. Es gebe keine Überlegungen oder einen Zeithorizont für ein Nachfolgeprojekt der sistierten Unterführung, heisst es seitens SBB. 

Abschied von Zürich-West

Die SBB-Uhr auf dem Rosalia-Wenger-Platz zeigt 16:11 an, als der Intercity nach Zürich auf Gleis 6 einfährt. Post-Mitarbeiter Pietr Jonker steigt in den Zug ein, der ihn in 57 Minuten in den Zürcher Hauptbahnhof bringt und sagt zum Abschied: «Der Bahnhof Wankdorf fühlt sich für mich an wie Zürich-West.»

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Diskussion

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Ratheeshan Gunaratnam
12. März 2026 um 07:52

Spannender Artikel zu meinem Umsteigebahnhof. Schade um die Unterführung, worauf ich mich eigentlich schon gefreut habe.