Warum willst du Schweizerin werden?

Das Theater Gurten zeigt mit «Da chönnt ja jede cho» eine Realsatire übers Schweizer*in werden mit vielen feinen Beobachtungen und etwas Zeigefinger.

Szenenbilder der Produktion 24 des Theaters Gurten - <<Da chonnt ja jede cho>> von Livia Anne Richard und Christoph Keller (Szenenbilder der Produktion 24 des Theaters Gurten - <<Da chonnt ja jede cho>> von Livia Anne Richard und Christoph Kelle
Im Freilichttheater auf dem Gurten dreht sich alles um den Schweizer Pass. (Bild: Hannes Zaugg-Graf)

Worum es in diesem Stück geht, macht schon das Bühnenbild unmissverständlich klar. Es ist einem riesigen Schweizer Pass nachempfunden, das weisse Kreuz bildet verschiedene Kästchen, sie stehen für Wohneinheiten eines Mehrfamilienhauses (Bühnenbild: Fredi Stettler). Und in diesem wird im Verlauf des Abends gezofft, geflucht, geliebt und gelernt.

Das Theater Gurten beschäftigt sich in diesem Jahr mit dem Thema Einbürgerung, die Realsatire trägt den Titel «Da chönnt ja jede cho». Seit 2002 spielt das Team um Regisseurin und Autorin Livia Anne Richard auf dem Gurten im Zweijahresrhythmus ein Stück. Zum sechsten Mal ist es eine Uraufführung, und Livia Anne Richard hat das Stück erstmals nicht alleine geschrieben und inszeniert, sondern zusammen mit dem künstlerischen Co-Leiter Christoph Keller, der aus der freien Szene stammt.

Die Premiere am Donnerstagabend besucht auch der Leiter der Einbürgerungskommission von Köniz. Er sei gespannt, wie klischiert der Einbürgerungsprozess im Stück dargestellt werde, sagt Gemeinderat Thomas Brönnimann (GLP) vor dem Stück.

Man fühlt sich ertappt

Schauplatz ist ein Mehrfamilienhaus im fiktiven Kaff Hinterschnösligen. Haustyrann Wale Wüthrich (Theo Schmid) macht den anderen Bewohner*innen das Leben schwer. Nachtruhestörungen, verlegte Waschküchenschlüssel und immer wieder eine Fremdenfeindlichkeit, mal direkt geäussert, mal zwischen den Zeilen mitschwingend. Etwa, wenn er mit einer Migrantin in gebrochenem Deutsch spricht, sie ihn aber nicht versteht, weil es ja nicht korrektes Deutsch ist.

Es sind treffende und feine Beobachtungen, die das Autor*innenteam eingearbeitet hat. Und bei denen man sich im Publikum immer wieder ertappt fühlt.

Und natürlich sind die Hausbewohner*innen auch etwas klischiert dargestellt: Das ältere Schweizer Paar, das ständig miteinander chiflet und bei dem die Frau am liebsten beobachtet, was die anderen im Haus falsch machen. Die Jassrunde von Wale Wüthrich, in der rassistisch angehaucht über «die» und «wir» gepoltert wird. Hier das italienischstämmige junge Paar, das breites Berndeutsch spricht und alle Regeln befolgt, daneben der junge Schweizer Beamte, der am liebsten kifft und das Ghüderreglement nicht einhält. Das Publikum lacht an diesem Abend viel.

«Wüu i ir Nacht uf Bärndütsch tröime»

Die Rahmenhandlung bildet die Läuterung von Wale Wüthrich, die er mit Hilfe eines herrlich verwirrten Engels (Irene Müller-Flück) schliesslich schafft. Dazwischen gibt es häufige Szenenwechsel, in denen das Scheinwerferlicht mal auf das eine Wohnkästchen, mal auf das andere gerichtet wird. Und immer wieder auf das Café, das unten auf der Bühne eingerichtet ist und vom italienischstämmigen Paar betrieben wird. Im Verlaufe des Stücks wird klar: Wirtin Maria (Corina Frehner) möchte sich einbürgern lassen, auch ihre Angestellte Anna (Cecilia Ngafor Fri) spielt mit dem Gedanken, und schliesslich ist die Einbürgerung auch das Ziel der deutschen Nachbarin (Beatrix Castelotte-Iselin).

Da werde sie dann gefragt, warum sie Schweizerin werden wolle, erzählt der junge Beamte (Stephan Hugentobler) Anna im Café. Sie wird still, überlegt genau und macht dann bei der Antwort lange Pausen. «Wüu i hie läbe, aui mini Fründe hie ha… u ir Nacht uf Bärndütsch tröime», meint sie dann. Es ist eine leise Szene, eine langsame. Aber eine, die nachwirkt.

Szenenbilder der Produktion 24 des Theaters Gurten - <<Da chonnt ja jede cho>> von Livia Anne Richard und Christoph Keller (Szenenbilder der Produktion 24 des Theaters Gurten - <<Da chonnt ja jede cho>> von Livia Anne Richard und Christoph Kelle
Als Italienerin Maria hält Corina Frehner einen fulminanten Monolog. (Bild: Hannes Zaugg-Graf)

Ebenso die nachgespielte Einbürgerung, bei der die Kommission im Bühnenbild von oben herab Fragen stellt, die von der unten gänzlich im Lichtkegel stehenden Kandidatin korrekt beantwortet werden sollen. Italienerin Maria hält an diesem Punkt die Allüren nicht mehr aus – und setzt zu einem fulminanten Monolog an. Ein Monolog, der deutlich macht, dass «Da chönnt ja jede cho» mehr will als nur unterhalten.

Und diesen Spagat zwischen Unterhaltung und Gesellschaftskritik auch schafft. Das ist eine nicht zu unterschätzende Leistung. Schliesslich ist Freilichttheater ein Risikogeschäft. Ein grosser Teil der Einnahmen kommt aus den Eintritten, es ist zwingend, dass möglichst viele Menschen das Stück schauen wollen, dass es massentauglich ist. Das merkt man daran, dass nichts im Ungefähren bleibt und im Zweifelsfall auch einmal etwas zu viel ausgedeutscht wird. Niemand soll dieses Stück oder Teile davon nicht verstehen.

Als nach fast zwei Stunden der Schlussapplaus erklingt, ist man fast erstaunt, dass schon so viel Zeit vergangen ist. Längen gibt es in dieser Inszenierung keine.

Und was meint nun der Könizer Einbürgerungsexperte Brönnimann? Das Stück sei sehr genau recherchiert, sagt er anerkennend. Seiner Meinung nach seien die dargestellten Einbürgerungsprozesse zu 90 Prozent wirklich so.

So absurd, möchte man beifügen. Die Realsatire ist gelungen.

Theater Gurten, weitere Vorstellungen bis 31. August.

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Diskussion

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Peter Birrer
05. Juli 2024 um 06:55

Schauplatz, Licht, Bühnenbild 1A. Gutes Thema. Inhalte im Rahmen des Erwartbaren. Als würden Klischees durchdekliniert. "Flöört.ch" 2022 überraschte mich mehr.