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Ein gemeinsames Dach für Islam und Christentum in Wittigkofen?

Von der Kirche zur Moschee – der Verkauf des Treffpunkts Wittigkofen an das Islamische Zentrum Bern polarisiert. IZB-Präsident Ali Osman nimmt Stellung.

Interview Ali Osman (IZB), Treffpunkt Wittigkofen fotografiert am Donnerstag, 11. Dezember 2025 in Bern. (VOLLTOLL / Manuel Lopez)
«Wir wollen aktiv gegen Vorurteile arbeiten» – IZB-Präsident Ali Osman. (Bild: Manuel Lopez)

Es ist Ende November und die reformierte Kirchgemeinde Petrus hat zu einem Infoabend in den Treffpunkt Wittigkofen eingeladen. Doch nicht etwa das Kranzbinden für die anstehende Adventszeit ist traktandiert. An diesem Abend wird Grundsätzliches besprochen: Der Verkauf der Liegenschaft für 1,8 Millionen Franken an die Stiftung Islamisches Zentrum Bern (IZB). Ein Thema, das mobilisiert: Über 300 Menschen haben den Weg in den Saal gefunden. 

Das IZB plant, einen Teil des Gebäudes als Gebetsraum zu nutzen – der andere Gebäudetrakt soll weiterhin der reformierten Kirche im Mietverhältnis zur Verfügung stehen. Die Gesamtkirchgemeinde macht in Person von Rudolf Beyeler gleich zu Beginn der Veranstaltung unmissverständlich deutlich, dass sie hinter dem Verkauf steht. «Es ist eine grosse Chance, Menschen verschiedener Religionen in einem Haus zu vereinen», so Beyeler. 

Und David Leutwyler, Beauftragter für kirchliche und religiöse Angelegenheiten beim Kanton Bern, betont: «Das IZB verbindet eine lange Geschichte mit der Stadt Bern». Das Zentrum habe bereits Ende der 1970er Jahre die erste multinationale Moschee der Stadt Bern eingerichtet. Heute sei das IZB Gründungsmitglied des islamischen Kantonalverbands IKB. «Wir pflegen gute Beziehungen zu ihnen», so Leutwyler.

Doch kaum ist die Begrüssungsrunde abgeschlossen, gehen die Wogen hoch. Hoffnung und Neugier, Verlustangst und Misstrauen erfüllen den Raum, der bislang für Gottesdienste, Konzerte oder Theaterveranstaltungen genutzt wird. Eine ältere Teilnehmerin aus dem Quartier meldet sich zu Wort: «Uns wird etwas weggenommen», findet sie. Eine 20-jährige Bewohnerin, die ein Kopftuch trägt, entgegnet wenig später: «Meine Mutter ist hier aufgewachsen, ich bin hier aufgewachsen. Ich finde es traurig, dass es so eine grosse Abwehrhaltung gegenüber dem Projekt gibt.»

Wittkigkofen ist überall

Neben Vertreter*innen der reformierten Kirche und des Kantons sitzt an diesem Abend auch Ali Osman auf der Bühne. Der 51-jährige Präsident des IZB ist in Bümpliz aufgewachsen und lebt heute in Belp. Sein Geld verdient er als Elektrotechniker. Vor rund 300 Menschen Rede und Antwort zu stehen – noch dazu mit zahlreichen Medienvertreter*innen – ist für ihn nichts Alltägliches. Trotzdem geht er besonnen auf die Fragen ein und signalisiert: «Ich verstehe die Emotionen, die an dem Saal hängen». 

Rund zwei Wochen später trifft die «Hauptstadt» Ali Osman in eben diesem Saal. Der Raum ist menschenleer und man hört das Knarzen der Holzdielen, als Osman über sie läuft. Er ist in Begleitung seiner Tochter, die sich für das Engagement ihres Vaters interessiert.

In Wittigkofen soll das IZB eine neue Heimstätte finden – doch wie geht der Präsident mit dem Gegenwind um und wo steht die Finanzierung des Projekts?

Wie ist Ihnen die Informationsveranstaltung in Erinnerung geblieben?

Ali Osman: Sie war sehr emotional. Wir haben mit Widerstand gerechnet, und diese Erwartung hat sich leider bestätigt. Schon im Vorfeld gab es eine Unterschriftensammlung gegen das Projekt. An der Veranstaltung waren sehr unterschiedliche Menschen anwesend: Befürworter*innen, aber auch klar ablehnende Stimmen. Ob diese Gruppe tatsächlich das ganze Quartier repräsentiert, weiss ich nicht. Mein Eindruck ist, dass es auch viele gibt, die dem Projekt offen oder positiv gegenüberstehen.

Zum Beispiel Menschen muslimischen Glaubens aus dem Quartier?

Ali Osman: Ja, denn viele Menschen muslimischen Glaubens fühlen sich oft als Bürger*innen zweiter Klasse, weil sie seit Jahren keinen angemessenen Gebetsraum haben. Das schmerzt. Gleichzeitig drehten sich Teile der Diskussion stark um den vermeintlichen Verlust von Raum. Der Quartierverein bedauert, dass etwas «weggenommen» werde. Dahinter steckt aus meiner Sicht auch viel Unwissen und leider auch Islamophobie.

Wie versuchen Sie dem zu begegnen?

Ali Osman:  Ein Teil der Liegenschaft soll weiterhin von der reformierten Kirche genutzt werden. Der zentrale Bereich im Foyer zwischen dem kirchlichen Bereich und dem muslimischen Gebetsraum ist als offener Begegnungs- und Treffpunkt vorgesehen, etwa mit Bistro-Charakter. Nachbarschaft und Begegnung sind uns sehr wichtig. Wenn Menschen uns kennenlernen, ändert sich die Perspektive oft. Dass direkt neben der Moschee weiterhin die reformierte Kirche präsent ist, ist etwas sehr Besonderes. Ich habe das so noch nirgends gesehen. Gerade von Seiten der Kirche erlebe ich viel Offenheit.

Wie äussert sich das?

Ali Osman: Sehr berührt hat mich ein Brief einer christlichen Bewohnerin aus dem Quartier. Sie schrieb mir, dass sie sich für den Widerstand schäme. Sie glaube, dass viele der lautesten Gegner*innen selbst nie in der Kirche waren.

Zur Person und zum IZB

Ali Osmans Eltern kamen 1972 über ein UN-Programm aus Uganda in die Schweiz. Sie waren indischer Abstammung und lebten ursrpünglich in Sansibar. In der Schweiz verbrachten die Eltern die erste Zeit in einem Auffanglager in Thun – später siedelte die Familie nach Bümpliz über, wo Ali Osman geboren wurde und aufwuchs. Das Islamische Zentrum Bern (IZB) ist ein seit 1978 registrierter Verein und gilt als eine der ältesten muslimischen Vereinigungen im Kanton Bern. Seit 2005 besteht das IZB offizielll als eingetragene Stiftung und muss als solche einer Stiftungsaufsicht regelmässig Bericht erstatten.

Was bedeutet der Glaube für Sie persönlich?

Ali Osman: Der Glaube ist tief in meinem Alltag und in meiner Biografie verankert. Dazu gehören Festtagsbräuche, etwa das Ende des Ramadan, das wir im Kulturverein feiern. In meiner Familie wurde viel über den Glauben gesprochen. Das Gebet ist wichtig, ebenso der Glaube an einen einzigen Gott und das Fasten.

Sie sind mit dem Glauben aufgewachsen? 

Ali Osman: Meine Eltern haben das vorgelebt. Ich bin mit zwei Schwestern und zwei Brüdern aufgewachsen. Als Kind bin ich oft mit meinem Vater in die Moschee in der Länggasse gegangen. Danach haben wir Kaffee getrunken, es war immer auch ein sozialer Ort. Dieser soziale Aspekt des Glaubens ist mir bis heute sehr wichtig.

Wie sind Sie zum Islamischen Zentrum Bern gekommen?

Ali Osman: Mein Vater ist 2003 gestorben. Bis dahin war ich eher passiv engagiert. Danach fragte der damalige Präsident mich und meine Brüder, ob jemand von uns bereit wäre, Verantwortung zu übernehmen. So begann mein Engagement, das nun seit rund 20 Jahren dauert.

Was sind Ihre Aufgaben?

Ali Osman: Ich war lange im Vorstand und seit etwa zehn Jahren bin ich Präsident der Stiftung. Dazu gehören organisatorische Aufgaben, wie zum Beispiel Berichte an die Stiftungsaufsicht zu schreiben. Das Zentrum lebt ausschliesslich von Spenden – zirka 400 Menschen kommen regelmässig zu unseren Gebeten und spenden von Zeit zu Zeit. Wir bieten auch Bildungsangebote für Kinder, darunter den Arabischunterricht und die Koranschule. Arabisch ist die Ursprache des Propheten und deshalb wichtig für das Verständnis der Hadithe und der religiösen Praxis.

Interview Ali Osman (IZB), Treffpunkt Wittigkofen fotografiert am Donnerstag, 11. Dezember 2025 in Bern. (VOLLTOLL / Manuel Lopez)
Osman glaubt an einen Begegnungsort, an dem man mehr über die Eigenheiten des jeweils Anderen erfahren kann. (Bild: Manuel Lopez)

Von rechter Seite wird immer wieder vor einem politischen Islam rund um Moscheen gewarnt. Wie stehen Sie dazu?

Ali Osman: Wir sind bewusst nicht politisch und halten uns aus politischen Debatten heraus. Ein Imam, der bei uns im Einsatz ist, muss das verstehen und fähig sein, sich mit Christ*innen und der Schweizer Gesellschaft auszutauschen. Darauf achten wir sehr bei der Auswahl. Unser aktueller Imam heisst Ahmed Omar, er arbeitet ehrenamtlich, wie alle bei uns. Mein Grundgedanke für mein Engagement beim IZB ist simpel: Ich möchte Musliminnen und Muslimen einen würdigen Ort zum Beten geben.

Warum sucht das IZB überhaupt einen neuen Ort für eine Moschee?

Ali Osman: 43 Jahre waren wir in einer Tiefgarage in der Länggasse präsent. 2020 kam dann die Kündigung für unsere Räumlichkeiten und 2022 mussten wir ausziehen. Danach begann eine sehr schwierige Suche. 

Warum schwierig?

Ali Osman: Wir haben rund 15 Bewerbungen für neue Räumlichkeiten eingereicht. Es gibt viele Hürden: Bewilligungen, Brandschutzauflagen, Zonenvorschriften. Ein Gebetsraum darf zum Beispiel nicht einfach in einem Wohngebiet liegen. Wir wollen niemanden stören.

Wo sind sie zur Zeit?

Ali Osman: Aktuell haben wir eine Übergangslösung in einem Hotel im Wankdorf gefunden. Wir sind dort Mieter und der Gebetsraum befindet sich noch im Umbau. Vieles geschieht freiwillig: Ich habe mich auch schon um die Elektrik gekümmert und Wände verputzt. Der Besitzer des Hotels hat viele arabische Gäste und ist uns wohlgesinnt. Wenn alles gut geht, können wir dort im Januar 2026 eröffnen.

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Wittigkofen hat eine bunt durchmischte Bevölkerung und feierte 2023 das 50-jährige Bestehen. (Bild: Manuel Lopez)

Warum bemühen Sie sich trotzdem um den Kauf in Wittigkofen?

Ali Osman: Die Räumlichkeiten sind sowohl für die reformierte Kirche als auch für uns sehr geeignet, weil sie von Beginn an als Gemeinschaftsraum konzipiert wurden. Für uns ist es ausserdem die vielleicht einmalige Gelegenheit, Eigentum zu erwerben. 

Warum?

Ali Osman: Der Immobilienmarkt ist extrem schnell und man muss das Geld sofort verfügbar haben. Das ist für eine gemeinnützige Stiftung sehr schwierig. Im Wittigkofen haben wir immerhin bis Ende März Zeit, das Geld aufzutreiben. Dann könnten wir an einem Ort Wurzeln schlagen und müssen keine Kündigung mehr fürchten.

Gibt es noch andere Gründe?

Ali Osman: Ja, für viele Musliminnen und Muslime geht es um Würde und Sichtbarkeit: Sie wünschen sich einen angemessenen Ort, an dem sie ihre Religion ausüben können – und zwar nicht in einer Tiefgarage oder in einem abgelegenen Industriegebiet. Es geht nicht darum, uns abzugrenzen, sondern darum, Teil des gesellschaftlichen Lebens zu sein und uns nicht verstecken zu müssen.

Wie soll das Projekt finanziert werden?

Ali Osman: Wir setzen auf ein breites Modell. Es gibt ein Crowdfunding und ein Team, das aktiv Spenden sammelt. Wir sprechen muslimische Gemeinschaften und Kulturvereine in Bern, aber auch in der ganzen Schweiz direkt an. Zum Beispiel mit Flyern und persönlichen Kontakten. 

Über das Crowdfunding sind bis Mitte Dezember aber erst rund 76’000 Franken von den angestrebten 1,8 Millionen Franken zusammengekommen. Ist das nicht zu wenig?

Ali Osman: Verschiedene Vereine und Privatpersonen haben bereits Unterstützung zugesagt, die nicht im Crowdfunding berücksichtigt sind. Ich kann nicht mehr dazu sagen, weil noch Verhandlungen laufen.

Der Druck scheint gross zu sein. Wie gehen Sie damit um?

Ali Osman: Der Druck ist tatsächlich gross: Immer wieder fragen mich Musliminnen und Muslime auf der Strasse oder über Whatsapp: «Habt ihr jetzt etwas gefunden?» Ich will für die Gemeinschaft eine Antwort finden. Die Zahl der Muslime wächst, auch die jüngere Generation braucht Räume.

Interview Ali Osman (IZB), Treffpunkt Wittigkofen fotografiert am Donnerstag, 11. Dezember 2025 in Bern. (VOLLTOLL / Manuel Lopez)
Das kirchliche Gemeinschaftszentrum «Treffpunkt Wittigkofen» wurde 1980 eröffnet. Der Bau kostete damals vier Millionen Franken. (Bild: Manuel Lopez)

Was stellen Sie sich konkret vor?

Ali Osman: Wir wollen die Liegenschaft kaufen, aber rund 240 Quadratmeter abgeben. Wir können uns sehr gut vorstellen, dass die Kirche direkt neben uns bleibt. Der mittlere Raum soll neutral genutzt werden, als gemeinsamer Begegnungsort. Den grossen Saal, in dem wir uns gerade befinden, nutzen wir als Gebetsraum. Zum Beispiel für das Freitagsgebet.

Warum wollen Sie einen Teil wieder an die reformierte Kirche vermieten?

Ali Osman: In erster Linie, weil wir an einen interreligiösen Ort glauben. Die Kirche soll im Quartier präsent bleiben und der Ort seinen gemeinschaftlichen Charakter behalten. Unabhängig davon sind wir darauf angewiesen, dass wir für den langfristigen Betrieb der Liegenschaft zusätzliche Räume an Organisationen oder Gruppen vermieten, die mit dem Islamischen Zentrum verbunden sind. So können wir die Unterhalts- und Betriebskosten tragen. Unser Ziel ist kein Profit, sondern ein offener Ort für Gebet, Begegnung und Zusammenhalt.

Kann der Saal hier ohne weiteres für den islamischen Kultus genutzt werden?

Ali Osman: Wir machen uns bereits Gedanken, wie der Gebetsraum eingerichtet werden soll. Dabei spielt zum Beispiel die Gebetsrichtung nach Mekka eine Rolle: Wir müssen das bestehende Podest dafür verändern und wahrscheinlich eine Wand verschieben. 

Wann könnte das IZB die Räumlichkeiten frühestens nutzen?

Ali Osman: Ab Juli 2026 ist frühestens mit dem Abschluss des Kaufprozesses zu rechnen. Erst danach können die konkrete Planung, Einrichtung und die notwendigen Arbeiten beginnen. Wann wir die Räumlichkeiten tatsächlich nutzen können, hängt somit vom Verlauf dieser Schritte ab. Wenn alles parat ist, planen wir einen Tag der offenen Tür und wollen aktiv gegen Vorurteile und Unwissenheit arbeiten. Das Zentrum soll wie gesagt ein Begegnungsort bleiben. Wir können dort mehr von den Eigenheiten des jeweils Anderen erfahren. Gott hat uns unterschiedlich geschaffen, nicht damit wir uns bekriegen, sondern damit wir uns kennenlernen. 

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