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Der Philosoph von der Fremdenpolizei

Als Kämpfer gegen Menschenhandel ist Alexander Ott zu einem schweizweit gefragten Experten geworden. Nun geht der Leiter der Stadtberner Fremdenpolizei in den Vorruhestand.

Alexander Ott, per Ende Jahr abtretender Chef der Stadtberner Fremdenpolizei fotografiert am Donnerstag, 11. Dezember 2025 in Bern. (VOLLTOLL / Manuel Lopez)
In seinem Garten schaute der griechische Philosoph Epikur zu allen Menschen. An ihm orientiert sich Alexander Ott. (Bild: Manuel Lopez)

Als Alexander Ott im Jahr 1990 vom Grenzwachtkorps zur Stadtverwaltung wechselt, hat Bern eine bürgerliche Mehrheit. Zwei Jahre später beginnt die bis heute andauernde rot-grüne Ära. Während die Stadt immer linker wird, entwickelt sich ausgerechnet der Leiter der Fremdenpolizei, zu der Rot-Grün ein gespaltenes Verhältnis hat, zu einem von Berns prägendsten Aushängeschildern in Migrationsfragen.

Alexander Ott lächelt in seinem Sessel, als er im Sitzungszimmer der Stadtberner Fremdenpolizei darauf angesprochen wird. Seit knapp 36 Jahren arbeitet er für die einzige städtische Behörde, die noch polizeiliche Kompetenzen hat, seit die Gemeindepolizeien im Kanton Bern 2011 in die Kantonspolizei überführt wurden. Er ist Co-Leiter des Polizeiinspektorats und steht dem einen Teil davon vor: der Fremdenpolizei. Mit 63 Jahren erreicht Alexander Ott das ordentliche Pensionsalter der Stadt Bern, deshalb tritt er Ende Jahr in den sogenannten Vorruhestand ab.

Ein bisschen verrückt

«Es wird mir sehr weh tun, die Menschen hier zu verlassen», sagt er. «Ich arbeite jeden Tag mit ihnen zusammen. Sie sind wie eine Familie.» 20 der gut 80 Mitarbeitenden des Amts sind seit über 20 Jahren dabei. Darunter seien ehemalige Praktikant*innen, die heute Sektionschef*innen sind. Dass so viele so lange bleiben wollen, liest er als Zeichen für eine menschenfreundliche Arbeitskultur. «Ich bin ein absoluter Fan davon, Menschen Perspektiven aufzuzeigen, sie weiterzubringen, wenn sie wirklich wollen, und sie mit Weiterbildungen dazu zu befähigen», sagt Ott.

Das gilt auch für den Chef selbst. Ehe er zur Grenzwacht ging, führte Alexander Ott in Bern eine Coop-Filiale. Später absolvierte er an den Universitäten Bern, Luzern und St. Gallen Weiterbildungen in Recht, Konfliktmanagement und Leadership. Das Filetstück: ein fünfjähriges, berufsbegleitendes Masterstudium in Philosophie. «Dafür muss man ein bisschen verrückt sein», gibt Ott heiter zu. Aber er habe viel Arbeit nie als Last empfunden: «Was ich zur Verfügung habe, ist meine Lebenszeit. Es ist an mir, sie mit etwas zu füllen, das für mich Sinn ergibt.»

Die philosophische Praxis sei für ihn allerdings auch im lokalen Arbeitsalltag nützlich: «Ich setze mich hier in Bern mit Migrationsfragen auseinander. Aber diese sind verbunden mit existenziellen, globalen Themen», sagt Ott. Die Philosophie helfe ihm, klarer zu argumentieren und zu kommunizieren.

Alexander Ott, per Ende Jahr abtretender Chef der Stadtberner Fremdenpolizei fotografiert am Donnerstag, 11. Dezember 2025 in Bern. (VOLLTOLL / Manuel Lopez)
Oft, beobachtet Alexander Ott, haben ausgebeutete Menschen gar nicht das Gefühl, ausgebeutet zu werden. (Bild: Manuel Lopez)

Er wurde und werde oft kritisiert, sagt Ott. Dann lade er gerne zum Gespräch in sein Büro. «Ich will in diesen Gesprächen nicht streiten, sondern im Dialog in die Tiefe gehen, ein Thema wirklich auseinandernehmen», sagt er. Sehr oft bekomme er danach Recht.

Vermutlich hätten auch grosse Philosophen Mühe, Alexander Ott in seinen Spezialthemen argumentativ die Stange zu halten.

Der Garten von Epikur

Das Prinzip des «goldenen Mittelwegs» des griechischen Denkers Aristoteles oder die Erkenntnis von Sokrates, dass man beim Gehen besser denken kann, hat Ott direkt in seine Art eingebaut, das Amt zu führen. Mit seinem Team gehe er regelmässig hinunter an die Aare. Nicht, um gross zu reden, sondern um beim Gehen die Gedanken zu lösen. Für seine persönliche Resilienz orientiert sich Alexander Ott unter anderem an Epikur. Dieser hatte das persönliche Wohlbefinden im Fokus. In seinem Garten in Athen waren alle willkommen – Bettler*innen, Prostituierte, Gewerbetreibende, aber auch die Reichen und Regierenden. «Niemand war ausgeschlossen», sagt Ott, «und Epikur schaute zu allen.»

Lange hatte Ott eine kleine Staue von Epikur in seinem Büro. Und vielleicht gibt dessen Weltsicht das Prinzip wieder, nach dem Alexander Ott sein Amt organisiert hat.

Die Berner Fremdenpolizei ist zwar eine polizeiliche Behörde, die den Buchstaben des Gesetzes vollzieht – beispielsweise, wenn sie im Auftrag des Kantons illegal anwesende Ausländer*innen anhält und zur Zwangsausschaffung nach Zürich oder Genf zum Flughafen bringt. Sie versteht sich aber auch als Behörde, die nicht nur konsequente Täter*innenverfolgung bei Menschenhandel betreibt. Sondern, wie Ott es formuliert, auch als Institution, «die Opfer aus ihren Abhängigkeiten herauslöst und individuell den rechtlichen Spielraum ausnutzt, um ihnen neue Perspektiven zu geben».

Mit diesem Selbstverständnis hat sich die Fremdenpolizei als Teil der rot-grün regierten Stadt Bern verankert. Sie ist ein Kompetenzzentrum für urbanes Migrationsmanagement, die sich bei anderen Städten sowie bei kantonalen und nationalen Behörden ihr Ansehen erarbeitet hat. Alexander Ott ist etwa Mitglied der Expertengruppe gegen Menschenhandel des Bundesamts für Polizei und doziert am schweizerischen Polizei-Institut in Neuenburg.

Berner Umgang mit Betteln

Bern wendet die fremdenpolizeiliche Doppelstrategie seit 15 Jahren konkret im Umgang mit ausländischen Bettel-Clans an. Im Unterschied zu anderen Schweizer Städten hat Bern von einem generellen Bettelverbot abgesehen, weil «Betteln eigentlich ein Menschenrecht ist», wie Ott sagt. Gleichzeitig ist Betteln eine Tätigkeit, die oft Menschenhandel beinhaltet.

Die Stadt Bern behandelt Bettler*innen wie Tourist*innen. Wenn sie sich weder ausweisen können noch Bargeld bei sich haben, werden sie ausgewiesen. Aber es gibt auch eine fürsorgliche Komponente: Ausgebeuteten Kindern, die zum Beispiel mit Eltern unterwegs sind, die nicht ihre leiblichen Eltern sind, versucht Bern eine Chance zu geben, indem Beistandschaften eröffnet werden. Dank diesen steigt die Chance, dass sie in ihren Herkunftsländern einen Neustart schaffen. Dutzende von Opfern habe man so unterstützen können, sagt Ott.

Alexander Ott, per Ende Jahr abtretender Chef der Stadtberner Fremdenpolizei fotografiert am Donnerstag, 11. Dezember 2025 in Bern. (VOLLTOLL / Manuel Lopez)
«Wir brauchen die Migration, aber wir müssen sie steuern», sagt der abtretende Leiter der Fremdenpolizei. (Bild: Manuel Lopez)

In den letzten Jahren legte die Fremdenpolizei das Augenmerk vermehrt auf Ausbeutung in der Arbeitswelt – in Restaurants, Shisha-Bars, Nagelstudios, Barber-Shops, auf Baustellen. «Viele dieser Betriebe sind absolut in Ordnung», sagt Alexander Ott, «wir rücken nur aus, wenn wir nach vorgängiger Beobachtung klare Indizien für Illegalität haben.» Zum Beispiel, wenn man nie Kund*innen sehe. Oder wenn Personal im Laden arbeite, das nicht wisse, in welchem Land es sich befinde.

Insel der Glückseligen

Ott erinnert sich an eine Kontrolle in einem Berner Restaurant. Man habe einen Koch vorgefunden, der keine Ahnung hatte, dass er in Bern war. Der in der Küche auf einer billigen Matratze übernachtete, keine Duschgelegenheit hatte und als Lohn ein Sackgeld bekam. «Er hatte nicht das Gefühl, ausgebeutet zu werden», sagt Ott, «weil er es besser hatte als dort, wo er herkam».

Ähnliches trifft er auf Baustellen an. Aktuell seien nordmazedonische Gerüstbauer ein Problem. Sie reisten ein, ausgestattet mit echten bulgarischen Pässen, und erhalten, da vermeintlich EU/Efta-Bürger, in der Schweiz eine fünfjährige Arbeitserlaubnis. Dafür stehen sie bei kriminellen Clans in ihrer Heimat, die ihnen die Papiere verschafft haben, in hoher finanzieller Schuld. Das Gefühl, nach schweizerischen Gesetzen illegal ausgebeutet zu werden, hätten sie meist nicht – weil sie einen Job haben und es ihnen besser geht als zuhause.

Menschen, die sich in der Schweiz in einem Gefängnis besser fühlen als frei in ihrer Heimat. Solche Begegnungen «beschäftigen und beelenden mich extrem», sagt Ott: «Unter solchen Umständen würde ich wohl auch in ein anderes Land gehen.»

Für ihn zeigt sich an diesen Beispielen einer der Treiber des Menschenhandels: Die Armut in vielen Ländern der Welt, daneben die Schweiz «als schon fast irreale Insel der Glückseligen». Er glaube nicht daran, dass sich der Migrationsdruck abschwäche, im Gegenteil: Die Klimaerwärmung in den Ländern des globalen Südens werde ihn noch verstärken. Gleichzeitig sei klar, dass der Schweiz in den nächsten Jahrzehnten mehrere Hunderttausend Arbeitskräfte fehlen werden. «Uns bleibt nur eine Option», sagt Ott, «wir brauchen die Migration, aber wir müssen sie steuern.»

Früchte langer Ermittlungen

Aber glaubt Alexander Ott wirklich, dass man in der Schweiz angesichts dieser globalen Kräfte ankommt gegen das organisierte Verbrechen? «Es ist viel gegangen, wir sind mittlerweile gut aufgestellt», findet er. Der kooperative Ansatz von Bern beginne sich durchzusetzen. Behörden und Ämter verschiedener Staatsstufen müssten koordiniert vorgehen. In Bern sei es mittlerweile Standard, das speziell ausgebildete und sensibilisierte Abteilungen von Fremdenpolizei, Kantonspolizei und Staatsanwaltschaft eng zusammenarbeiten, um Täter*innen von Menschenhandel überführen und die Opfer unterstützen zu können.

Vor wenigen Wochen wurde in Bern ein Chinese verurteilt, der Dutzende Wanderarbeiterinnen in die Schweiz gelockt und zur Prostitution gezwungen hatte. Fast gleichzeitig wurde bekannt, dass die Kantonspolizei einen Chinesen in Untersuchungshaft setzte, der Männer in der Schweiz zu Sexarbeit nötigte.

«Dahinter stecken jahrelange Ermittlungen, aber es sind Früchte unserer Arbeit», sagt Ott. Die Fälle, an denen seine Kolleg*innen jetzt arbeiten, werden in einigen Jahren vor Gericht von sich reden machen, sagt Ott.

Seine Nachfolge als Leiter der Fremdenpolizei tritt Hans Bohren an, mit dem Ott seit 25 Jahren zusammenarbeitet. Alexander Ott wird die Stadt weiterhin in eidgenössischen Gremien vertreten. «Ich bin froh, dass ich mich auch zukünftig in meinen Themen Menschenhandel und Ausbeutung engagieren kann», sagt Ott, der gerne und oft öffentlich auftritt. Jüngst, sagt er, arbeite er in Vorträgen gerne einen wunden Punkt heraus: unser Konsumverhalten. «So lange wir darauf abfahren, uns mit Billigkleidern einzudecken, müssen wir uns nicht wundern. Oder glaubt jemand, die Näherinnen der T-Shirts für 99 Rappen verdienen genug, um ein gutes Leben führen zu können?»

Alexander Ott will jetzt etwas mehr Zeit haben, sich im Oberengadin, einem seiner bevorzugten Entspannungsorte, der Philosophie zu widmen. Aber sein Garten von Epikur, den er in Bern vor sich sieht, wird ihm nicht zu viel Ruhe lassen.

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Diskussion

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Marco Zaugg
24. Dezember 2025 um 09:31

Danke an die Hauptstadt

für dieses sehr interessante, anregende und bewegende Interview, das dazu beiträgt, die Fremdenpolize nicht schwarz-weiss, sondern in ihrer Vielschichtigkeit und Komplexität zu sehen.